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Gessner | Idyllen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

Gessner Idyllen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1572-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1572-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Salomon Gessner war ein Schweizer Idyllendichter, Maler und Grafiker. In Anlehnung an die idyllische Schäferdichtung des Altertums schuf er viele Werke, die heute als Klassiker der Idyllenlyrik gelten. Aus dem Inhalt: Die Nacht An den Leser An Daphnen Milon Idas. Mycon Daphnis Mirtil Lycas und Milon Amyntas Damon. Daphne Damon. Phillis Der zerbrochene Krug Daphnis. Chloe Lycas, oder die Erfindung der Gärten Palemon Mirtil. Thyrsis Chloe Menalkas und Äschines, der Jäger Phillis. Chloe Tityrus. Menalkas Die Erfindung des Saitenspiels und des Gesanges Der Faun Der veste Vorsaz Der Frühling Als ich Daphnen auf dem Spaziergang erwartete Der Wunsch Mirtil und Daphne Mylon Die Ybel belohnte Liebe Morgenlied An Chloen An den Wasserfall Daphne. Chloe Der Blumenstraus Daphne. Micon Die Schiffahrt Der Herbstmorgen Die Nelke Das Gelübd Die Zephyre Daphnis. Chloe Erythia Mycon Thyrsis An den Amor Daphnis Thyrsis u[nd] Menalkas Daphne Daphnis und Micon Daphne und Chloe Menalkas und Alexis

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An Chloen


Gestern, als ein Rosen-Blatt durch die Luft schwamm, Chloe, da als ein sysser Geruch uns umduftete, ich will dir sagen, was ich da sah, das du nicht sehen konntest; da ich an deiner Seite mit umschlingendem Arme saß, da als mein entzykter Blik und meine Seufzer beredter waren, als mein stammelnder Mund; da sah ich, (denn uns Dichtern ist vieles zu sehen vergœnnt) da sah ich den kleinen Amor auf dem Rosen-Blatt; er stand da, wie der Gott der Meere auf seiner Muschel steht, und Zephirs, kleiner noch als Bienen, waren vor den leichten Wagen gespannt. Der kleine Gott war reizend, wie einer deiner Blike, und lieblich, wie dein Læcheln. Er lenkte den Wagen gerade nach deinem Busen hin, und hielt auf dem Rand deiner Schnyrbrust still; die Zephirs schlypften da in den Schatten des Blumen-Strauses, der spielende Schatten auf deinen Busen warf. Der kleine Gott stieg aus, und flatterte den athmenden Busen hinauf; recht in der Mitte, ô wie wollystig legt' er sich da hin! – – – Mæchtiger Gott der Liebe! so seufzt' ich leise ihm zu; Mæchtigster der Gœtter! ô hœre mein Flehen! Noch kein Sterblicher hat deine Macht empfunden, wie ich; belohne meine Unruhe, meine Schmerzen; belohne sie dem Dichter, der immer deine Macht verehrte! Laß, ô laß Chloens Liebe, die izt aus ihren Augen so mæchtig zu mir redt, laß sie doch nie in ihrem Herzen erlœschen! Wie leicht, ach! wie leicht muß es der seyn, ungetreu zu werden! schwarzer tœdender Gedanke! der jedes Herz entgegen wallet, wo sie mit unyberwindlichen Reizen erscheint! O hœre, hœre mich, Mæchtigster der Gœtter!

Amor læhnte den einen Arm an deinen Busen hin, oben am Lilien-weissen Hals, und in der Rechten hielt er den siegreichen Bogen empor. – – – Sie haben unsichtbar die Gratien erzogen, (so redt er, mir nur hœrbar,) und jeden ihrer Reize haben die Liebes-Gœtter zur Vollkommenheit gepflegt. Ihr Blik und ihr Læcheln sind siegreich wie ich, ihr muntrer Scherz ist wie die Pfeile meines Kœchers; wer sie hœrt, ist entzykt, und wer sie sieht, muß sie lieben. Sie liebt dich, aus allen Sterblichen hat sie dich gewehlt; sie soll dich lieben, das schwœr ich bey jedem meiner siegreichen Pfeile! Sie, die jeden Lieb-Reiz vereint besizt, die sonst im ganzen Gefolge der Venus zerstreut entzyken, Glyklichster unter den Sterblichen!

So sprach Amor, und flatterte den schœnsten Busen hinunter, stieg in den Rosen-Wagen. – – – Izt eil ich nach Gnidus, so sprach er, Chloens Bild soll in glænzendem Marmor neben dem Bild meiner Mutter stehn; sie soll das Bildniß getreuer Liebe seyn, und wer getreue Flammen in seinem Busen nehrt, soll Blumen- an ihrem Altar ihr opfern.

Izt schwamm das Rosen-Blatt wieder in die Luft empor; du sahst mein stummes Erstaunen, aber mein Entzyken konnt' ich dir nicht sagen, nur an meine Brust dich dryken, an deinen Hals mich schmiegen und seufzen.

An den Wasserfall


Ist das der Ort, wo sonst Entzyken

Im sanften Schatten auf mich kam?

Bist du es, Fels! wo aus den Stræuchen

Die Quelle hoch herunterstyrzt?

Da wo sonst deine klare Quelle

Auf Schaum und Moos herab sich styrzt,

Da blinkt von Eis izt eine Sæule

Vom unterhœlten Fels herab.

Wie œd, wie nakt sind die Gestræuche,

Wo sonst im dunkeln Laub-Gewœlb

Die Zephir mit den Blythen spielten,

Und mit dem sanft-bewegten Laub,

Daß schnell-verschwundne Sonnen-Stralen

Auf Wellen, Schaum und weichem Moos,

Wie Lichter durch den Schatten blizten,

Wie œd, wie nakt hængt ihr herab!

Doch bald, bald kœmmt der Fryhling wieder,

Hængt yber dich ein frisch Gewœlb,

Und œfnet die verschloßne Quelle,

Daß Kyhlung mit den Wellen fließt.

O dann nihm mich in deine Schatten,

Wo keine bange Sorg mich findt,

Du Wasser-Fall und du Gebysche,

Du Lager von dem weichsten Moos!

Dann kœmmt vom Thal und von den Hygeln,

Vom dunkeln Wald und von der Flur,

Mir kœmmt von jeder Fryhlings-Blume

Ein froh Entzyken in die Brust.

Und, kœnnt' ich einen Fyrst beneiden,

Wenn neben mir im kalten Bach

Die Wellen mit der Flasche spielen,

Von altem Wein hoch aufgefyllt,

Und wenn in deinem kyhlen Schatten

Mir oft ein frohes Lied gelingt,

Das noch mit Unschuld-voller Freude

Des spæten Enkels Brust erfyllt?

Neue Idyllen

1772.

Daphne. Chloe


Daphne.

Sieh, schon steigt der Mond hinter dem schwarzen Berg herauf, schon glänzt er durch die obersten Bäume. Hier dünkt es mich so anmuthsvoll, laß uns hier noch verweilen; indeß wird mein Bruder die Heerde wohlbesorgt nach Hause führen.

Chloe.

Lieblich ist diese Gegend, lieblich des Abends Kühlung; laß uns hier verweilen.

Daphne.

Sieh, da an der Seite des Felsen, das ist der Garten des jungen Alexis. Komm, laß uns über den Zaun sehn. Im Land ist dies der lieblichste Garten; keiner so niedlich geordnet; keiner ist so gut gepflegt.

Chloe.

Seys denn, wir wollen.

Daphne.

Kein Hirt weiß die Pflege der Pflanzen wie er. Ists nicht so?

Chloe.

O ja!

Daphne.

Sieh, wie alles mit gesundem Wuchse aufblühet, was an der Erde wächst, und was an Stäben sich emporhält. Dort rieselt Wasser vom Fels; sieh wie es, ein Bächgen, durch die Schatten des Gartens fließt. Sieh, auf dem Felsen, wo die Quelle sich stürzt, hat er von Geißblatt eine Laube gepflanzt; da muß man wol ganz die weite schöne Gegend sehn.

Chloe.

Mädgen, du lobest mit Hitze. Lieblich ist alles. Lieblicher der Garten des braunen Alexis, als alle Gärten des Landes; schöner seine Blumen, als alle Blumen; so angenehm, wie diese, rieselt keine Quelle; kein Wasser ist so kühl; kein Wasser ist so süß.

Daphne.

Aber du lachest Chloe!

Chloe.

Ey nicht doch. Sieh, ich breche diese Rose; sage mir, ist ihr Geruch nicht süsser als aller andern Rosen? Lieblich als hätte Amor selbst sie gepflegt.

Daphne.

A[c]h! Sey nicht schalkhaft.

Chloe.

Nun, aber – – – Verdrücke den Seufzer nicht, der deinen Busen hinaufdringt.

Daphne.

Ach! Du bist boshaft; komm laß uns gehn.

Chloe.

So plötzlich? Mir gefällts hier so wohl, so wohl. Doch horche – – – Ich höre rauschen. Da unter dem Hollundergesträuch sieht man uns nicht. Ha! Sieh, er ist es selbst. Still, sage mir ins Ohr, er ist doch wol auch schöner als jeder andre Hirt?

Daphne.

Ach! Ich gehe.

Chloe.

Ich lasse dich nicht: Sieh, er staunt, er seufzt; gewiß ein Mädchen sizt ihm tief im Busen. Kind, deine Hand zittert. Fürchte dich nicht, es ist ja kein Wolf da.

Daphne.

Laß mich, ach laß mich!

Chloe.

Still! Horche – –

Im Schatten des Hollundergesträuches standen die Mädgen verborgen. Indeß hob Alexis, unbewußt daß er behorcht ist, mit lieblicher Stimme diesen Gesang an:

...



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