Ghadban | Das Netz der Mullahs | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Ghadban Das Netz der Mullahs

Der Iran und der politische Islam der Schiiten
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-451-83938-2
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Iran und der politische Islam der Schiiten

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-451-83938-2
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Netz der Mullahs - Wie der Iran den Westen herausfordert Der renommierte Islam-Experte Ralph Ghadban legt in diesem brisanten Sachbuch offen, wie das Regime in Teheran seine Macht weit über die Landesgrenzen hinaus ausdehnte. Seine Analyse setzt ein beim Kampf um das Erbe des Propheten Muhammad zwischen Sunniten und Schiiten und erklärt, wie sich nach der Absetzung des Schahs während der Islamischen Revolution und dem Aufstieg Ayatollah Khomeinis das Mullah-Regime festigen konnte. Ghadban benennt darüber hinaus die heutigen Strukturen des politischen Islam, die Rolle der Mullahs und die gefährlichen Netzwerke, die Europa herausfordern und den Nahen Osten seit Jahrzehnten destabilisieren. Darin wird klar, dass die wahre Macht im Iran schon lange nicht mehr bei den Mullahs selbst liegt. Die Revolutionsgarden sind die eigentlichen Strippenzieher hinter der Fassade des Gottesstaats. Dieses Buch liefert fundiertes Hintergrundwissen zu den aktuellen Entwicklungen im Iran sowie den dort vorherrschenden Islamismus und Fundamentalismus. Und es zeigt die geopolitischen Strategien des schiitischen Machtzentrums, das nun selbst durch die Massenproteste unter Druck geraten ist. Ghadban erklärt, wie das Regime Terrororganisationen unterstützt, Einfluss auf westliche Gesellschaften nimmt und welche sicherheitspolitischen Risiken daraus entstehen. Für alle, die die aktuellen Konflikte verstehen wollen, bietet »Das Netz der Mullahs« den nötigen Hintergrund.

Ralph Ghadban, Dr. phil. (geb.  21. April 1949 im Libanon) ist ein deutscher Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist. Er arbeitet in der politischen Bildung und hält Vorträge zum Thema Islam und Migration.
Ghadban Das Netz der Mullahs jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel II
Die Religion der Verlierer


Am 18. dhul hidja im Jahr 8 der islamischen Zeitrechnung (10. April 630) fand ein für die Muslime historisches Ereignis statt. Nach seiner letzten Wallfahrt nach Mekka, von der islamischen Tradition Abschiedspilgerfahrt (hidjat al-widâ`)1 genannt, kehrte der Prophet Muhammad mit seiner Gefolgschaft nach Medina zurück. Unterwegs befahl ihm Gott, an einem Ort namens „der Bach von Qomm“ (ghadîr qomm) Halt zu machen. So ließen sich dort etwa 120 000 Menschen nieder. Nach drei Tagen des Wartens erschien der Engel Gabriel dem Propheten, und folgender Koranvers wurde herabgesandt: „O du Gesandter, verkünde, was zu dir von deinem Herrn herabgesandt wurde; und wenn du es nicht tust, so hast du seine Botschaft nicht verkündigt. Und Allah wird dich vor den Menschen schützen.“ (5:67)

Daraufhin befahl Muhammad, mit den Sätteln der Kamele eine Rednerbühne zu errichten. Er stieg darauf, dankte Gott und hielt eine wichtige Rede, in der er fragte: „O Leute! Habe ich nicht mehr Anspruch auf euch als ihr selbst?“ Sie antworteten: „Ja, o Gesandter Gottes.“ Er nahm den Arm von Ali und erhob ihn, sodass seine Achsel sichtbar wurde, und setzte ihn als Kalif der Muslime nach ihm ein. Er sagte: „Wem ich der Schutzherr (waliy) bin, dem ist Ali nun der Schutzherr, und Gott beschützt, wen Ali beschützt, und feindet an, wer ihm feindselig ist. Gott steht denjenigen bei, die Ali unterstützen, und lässt im Stich diejenigen, die ihre Unterstützung verweigern.“

Die Muslime huldigten Ali, gratulierten ihm und erkannten seine Führerschaft an. Manche der wichtigsten Gefährten des Propheten sagten sogar: „Gut gemacht, o Ali! Jetzt bist du unser Schutzherr und der Schutzherr jedes und jeder Gläubigen.“2

Der Kampf um die Erbfolge


Mit diesem Ereignis begründen die Schiiten den Anspruch Alis auf das Kalifat und auf die Führerschaft der Muslime. Er war nicht nur der zweite Mensch, der nach Muhammads erster Frau Khadija den Islam annahm, er war auch Muhammads Cousin und Schwiegersohn. Der Wunsch Gottes und seines Propheten erfüllte sich aber nicht. Nach dem Tod Muhammads wurde Ali übergangen, Abu Bakr wurde Kalif (632–634), so berichtet es die islamische Traditionsliteratur. Teile der Muslime nahmen jedoch Partei für Ali, sie bildeten den Kern der Strömung, die später religiöse Dimensionen erlangte und unter dem Namen Schiiten bekannt wurde.

Zu dieser Zeit war der Schiismus jedoch weit davon entfernt, einen religiösen Charakter zu haben. Der Begriff Schia bedeutet auf Arabisch Anhänger oder Partei, in diesem Fall sind die Anhänger Alis gemeint, weswegen die Bezeichnung Aliden für ihre Kennzeichnung in dieser Zeit eher zutrifft. Die Aliden waren eine der vielen Parteien, die um die Nachfolge Muhammads nach dessen Tod im Jahr 632 kämpften. Auch später, als die Aliden eine schiitische Theologie ausarbeiteten, entwickelten sie kein eigenes Dogma, das sich vom Dogma der Mehrheit der Muslime, die später als Sunniten bekannt wurden, unterscheidet. Allein zum Kalifat entwickelten sie als Gegenpol eine Theorie des Imamats. „Kalif“ bedeutet auf Arabisch der Nachfolger des Propheten, ein Nachfolger, der aber nicht dessen Eigenschaften als Prophet besitzt. Das hinderte die Kalifen trotzdem nicht daran, sich als Vertreter Gottes auf Erden zu betrachten. „Imam“ bedeutet religiöser Anführer, hier der Gemeinschaft der Muslime, und die Schiiten verliehen ihm im Laufe der Geschichte noch mehr Eigenschaften, als sie einem Propheten zukommen.

Der Kompromiss mit der Wahl Abu Bakrs in saqîfat bani Sâ`ida , war, wie Omar sagte, ein Versehen, wurde aber trotzdem als gültig anerkannt. Nachdem Ali drei Tage später Muhammad neben dessen Sterbebett im Schlafzimmer von Aischa beerdigt hatte, stand er vor vollendeten Tatsachen. Er hatte den oben erwähnten Hadîth nicht geltend gemacht und keinen Anspruch auf das Kalifat erhoben. Allerdings billigte er die Wahl Abu Bakrs erst nach acht Tagen, manche sagen auch, erst nach sechs Monaten – freiwillig. Diese Informationen stammen aus sunnitischen Quellen. Die schiitischen Quellen erwähnen hingegen, dass Ali sich doch auf den Hadîth von ghadîr qomm bezog, um die Wahl Abu Bakrs abzulehnen. Jedoch wurde er zur Zustimmung gezwungen, Omar hatte ihm damit angedroht, sein Haus abzubrennen.

Den gennanten Hadîth erzählen die Sunniten anders. Sie stimmen mit den Schiiten darin überein, dass der Prophet in ghadîr qomm eine Rede gehalten hat. Inhaltlich habe er jedoch nicht von der Schutzherrschaft – wilâyat – Alis gesprochen. Vielmehr davon, dass er bald sterben werde und die Muslime sich um zwei Dinge kümmern sollten: den Koran und seine Familie. Dies ist zumindest die Interpretation einiger Sunniten, die meisten allerdings sind eher der Meinung, dass mit diesen zwei Dingen der Koran und die Sunna gemeint waren und nicht die Familie des Propheten. Als Hauptargument gegen die wilâyat von Ali führen die Sunniten den Koran selber an, der von der Macht unter den Muslimen als Ergebnis der Beratung – schûra – spricht. Es heißt im Vers 42:38, dass die Muslime „ihre Angelegenheiten durch Beratung untereinander regeln“. Es gibt im Koran weder eine Vererbung der Macht noch eine Bevorzugung der Familie des Propheten.

Während der zwei Jahre, in denen Abu Bakr die abtrünnigen Stämme unterwarf, blieb Ali dem Kalifen treu, und seine Anhänger traten nicht in Erscheinung. Nach dem Tod Abu Bakrs kam der Kalif Omar friedlich an die Macht (634–644), unter dessen Herrschaft die großen Eroberungen stattfanden. Ein Weltreich entstand, das sich von Tunesien bis Pakistan erstreckte und von Südarabien bis nach Georgien im Kaukasus. Enorme Reichtümer wurden erbeutet, Millionen von Menschen versklavt. Ein Sklave tötete Omar. Auf seinem Sterbebett ernannte er ein Komitee, das den dritten Kalifen Uthman (644–656) wählte – wieder wurde Ali übergangen.

Durch seinen Nepotismus bereitete Uthman die Herrschaft der Umayyaden vor. Die meisten wichtigen Posten besetzte er mit Mitgliedern seines Clans. Die Umayyaden waren die Erzfeinde des Clans der Haschemiten, zu denen Mohammed und Ali gehörten. Der Umayyade Muawiya, ein Verwandter von Uthman, war schon von Omar zum Statthalter von Syrien ernannt worden und behielt seinen Posten. Doch auch die anderen wichtigen Statthalterposten im Irak und in Ägypten ließ Uthman von Umayyaden besetzen. Diese Politik, gekoppelt an eine ungerechte Verteilung der Kriegsbeute – die Eroberungen gingen weiter –, führten zu einer Rebellion der Truppen in Ägypten. Eine zahlenstarke Gesandtschaft kam nach Medina und forderte Uthman auf, zurückzutreten. Er sagte: „Ich weigere mich, ein Hemd auszuziehen, das Gott mir anzog.“ Damit meinte er, dass seine Herrschaft von Gott gegeben sei. Die Rebellen töteten ihn und verboten seine Beerdigung auf dem muslimischen Friedhof. Zwei Tage später begruben Juden seine Leiche auf ihrem Friedhof.

Die Niederlage der Aliden


Endlich kam Ali an die Macht, wenngleich mit knapper Unterstützung (656–661). Viele warfen ihm vor, den Kalifen Uthman nicht beschützt zu haben und damit für dessen Ermordung mitverantwortlich zu sein; der umayyadische Clan Uthmans verlangte Rache. Die alte Feindschaft zwischen den Clans der Umayyaden und Haschimiten verschärfte die Situation nur noch. Der erste Bürgerkrieg (al-fitna al-kubra) brach aus (656–661). Aischa, die Frau des Propheten, führte, unterstützt von einigen angesehenen Gefährten, die Armee gegen Ali. Sie wurde in der sogenannten Kamelschlacht 656 vernichtend geschlagen. Viele der Gefährten starben auf beiden Seiten. Ali nahm Aischa gefangen und stellte sie unter Stadtarrest in Medina. Im Jahr 657 traf Muawiya, der Statthalter von Syrien, der nicht nur das Kalifat Alis nicht anerkannte, sondern sich selbst zum Kalifen erklärte und den Tod seines Verwandten Uthman rächen wollte, mit seinen Soldaten auf die Armee Alis in Siffin in Ostsyrien. Die Schlacht konnte nicht entschieden werden, es kam zu einer Schlichtung, die jedoch ohne Ergebnisse blieb.

Ein Teil der Anhänger Alis war gegen diese Schlichtung, sie glaubten, Ali habe damit den sicheren Sieg verschenkt und dem Willen Gottes widersprochen. Daher kündigten sie ihm die Gefolgschaft auf – das waren die al-khawâridj, die Austretenden. 659 kam es zur Schlacht von Nahrawan, wo Ali die Austretenden vernichtend schlug. Die Überlebenden schworen, alle an der Schlichtung Beteiligten als Apostaten zu töten, weil sie sich nicht an den Willen Gottes gehalten hätten. 661 gelang es ihnen, Ali zu ermorden. Muawiya entkam ihrem Attentat und wurde Kalif. Daraufhin verzichtete im selben Jahr Hassan, der ältere Sohn Alis, auf seinen Anspruch auf das Kalifat, und Hussein, der jüngere Sohn, versprach, stillzuhalten, solange Muawiya keinen Nachfolger ernannte und keine Erbdynastie entstand. Der erste Bürgerkrieg war zu Ende, es herrschte eine relative Ruhe bis 680.

Vor seinem Tod jedoch ernannte Muawiya seinen Sohn Yazid (680–683) zu seinem Nachfolger. Die Ernennung Yazids stieß auf breite Ablehnung und war der Anlass für den Ausbruch des zweiten Bürgerkriegs (680–692). An der Spitze der Unzufriedenen standen die Aliden von Kufa. Sie bedrängten Alis Sohn Hussein, der in Medina lebte, nach Kufa zu kommen und sie bei ihrem Versuch, das Regime zu stürzen, zu führen. Hussein machte sich mit seiner Familie und einer Eskorte von etwa siebzig...


Ghadban, Ralph
Ralph Ghadban, Dr. phil. (geb.  21. April 1949 im Libanon) ist ein deutscher Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist. Er arbeitet in der politischen Bildung und hält Vorträge zum Thema Islam und Migration.

Ralph Ghadban, Dr. phil. (geb.  21. April 1949 im Libanon) ist ein deutscher Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist. Er arbeitet in der politischen Bildung und hält Vorträge zum Thema Islam und Migration.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.