Gibbon | Lied vom Abendrot | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 398 Seiten

Gibbon Lied vom Abendrot


Erste Auflage
ISBN: 978-3-945370-99-5
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 398 Seiten

ISBN: 978-3-945370-99-5
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lewis Grassic Gibbon, der bürgerlich James Leslie Mitchell hieß (1901-1935), hat sich ganz besonders mit der Hauptfigur Chris so tief in die Herzen seiner Leser eingeschrieben, dass sie 'Lied vom Abendrot' bis heute immer wieder zum größten schottischen Roman aller Zeiten wählen. Erzählt wird die Geschichte von Chris Guthrie, die unter ihrem strengen Vater leidet. Sie darf das College besuchen, bis die Mutter stirbt und Chris auf den Hof zurückkehren muss. Nach dem plötzlichen Tod auch des Vaters führt Chris jedoch nicht ihr Studium weiter fort, sondern verschreibt sich ganz dem kleinen elterlichen Anwesen am Fuße der rauen Mearns. Ihr Leben bleibt geprägt vom Konflikt zwischen der 'englischen Chris' der Bildung und der 'Kinraddier Chris' mit ihrer Liebe zur regionalen Sprache und Landschaft. Das belastet auch die junge Ehe mit dem Landarbeiter Ewan, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Leben der ganzen Gemeinschaft unwiderruflich verändert. Was 'Lied vom Abendrot' neben dieser mitreißenden Geschichte zu einem Ereignis macht, sind die Sprachkraft und vor allem Sprachmelodie Gibbons. Wie ein nie versiegendes, vom Lauf der Jahreszeiten in Gang gehaltenes Lied bringt der Ton der Erzählung Menschen, Natur und Landschaft zum Klingen. Die Welt - mit ihren alltäglichen Mühen und ihrer Sprödigkeit - besitzt eine Schönheit, die nur Lewis Grassic Gibbon einzufangen in der Lage ist. Und Esther Kinsky, die eine deutsche Sprache gefunden hat, die 'Lied vom Abendrot' in seinem vielgestaltigen, tiefen Reichtum und seiner Zuneigung zu den Menschen uns deutschen Lesern zugänglich macht.

Lewis Grassic Gibbon (1901-1935) wurde unter seinem bürgerlichen Namen James Leslie Mitchell in der Nähe von Auchterless, Aberdeenshire, in Schottland als Sohn eines Kätners geboren. Schon im Alter von sechzehn Jahren verließ er die höhere Schule und arbeitete als Journalist. Gleichzeitig beteiligte er sich schon damals an der Gründung des Aberdeener Sowjets, der sich in Anlehnung an die Russische Revolution bildete. Nach dem Verlust seiner Arbeitsstelle ging er zuerst nach Glasgow, trat jedoch kurz darauf in die Armee ein. Als kleiner Verwaltungsangestellter bei den Militärbehörden war er im Nahen Osten, Indien und Ägypten stationiert. In dieser Zeit begann er, Kurzgeschichten, Romane und Bücher über Entdeckungen und Entdecker zu schreiben. Nach der Entlassung aus der Armee 1929 ließ er sich als freiberuflicher Autor in Welwyn Garden City, dem zweiten 'Gartenstadtprojekt' Englands, nieder und engagierte sich publizistisch in der politischen Linken. Er veröffentlichte bis zu seinem Tod 1935 zahlreiche Artikel und Bücher. 2016 erschien im Guggolz Verlag 'Szenen aus Schottland', eine Sammlung von Essays und Erzählungen.
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VORSPIEL DAS FELD OHNE FURCHEN


Das Land von Kinraddie hatte ein Normannenbursche errungen, Cospatric de Gondeshil, das war zur Zeit von William the Lyon, als Greife und dergleichen wildes Ungetier noch in der Landschaft Schottlands umherstrichen, damals wachten die Leute nachts in ihren Betten auf vom Kreischen der Kinder vor einem Ungetüm von Wolf, der des Nachts durch das mit Tierhaut verhängte Fenster kam und ihnen an die Kehlen ging. Im Tobel von Kinraddie hatte ein solches Untier seinen Bau, und tagsüber lag es faul im Forst herum, und der grausige Gestank ließ sich allwägens in der Gegend riechen, und im Schemern sah mancher Schäfer das Untier, wie es die großen Flügel halb über dem großen Bauch gefaltet hielt, und sein Kopf war wie der von einem großen Hahn, jedoch mit Ohren wie ein Löwe, und so schob sich der Kopf über einem Fichtenbaum empor und lurte. Und das Untier fraß Schafe und Männer und Frauen und war ein rechtes Grauen, und der König ließ seine Boten eine Belohnung ausrufen für den, der sich aufmachen und dem Übeltun des Untiers ein Ende bereiten würde. So stieg der Normannenbursche Cospatric jung und ohne Besitz und arg tapfer und gut bewaffnet auf sein Pferd in der Stadt Edinburgh und kam nach Norden herauf, aus den fremden südlichen Gegenden kam er herauf durch den Forst von Fife und die Weiden von Forfar und vorbei an Aberlemnos Hünenstein, der errichtet wurde, als die Pikten die Dänen schlugen, und da machte er Halt und betrachtete die Figuren darauf, ganz deutlich damals noch, bis heute kaum verblasst, und die Pferde und das Stürmen und die Flucht von diesem rohen fremden Volk betrachtete er. Und vielleicht sprach er gar ein Gebet bei diesem Stein, und bald ritt er hinauf in die Mearns, und die weitere Geschichte handelt nicht mehr davon, wie er ritt und immer weiter ritt, sondern davon wie er zuletzt nach Kinraddie kam, dem geschlagenen Ort, da sagten sie ihm, wo der Greif schlief, nämlich dort unten im Tobel von Kinraddie.

Doch untertags versteckte sich der Greif im Wald, und nur des Nachts konnte der Bursche zu ihm gelangen, nämlich über einen Pfad zwischen Hainbuchen, der dorthin führte, wo das Untier zwischen Knochenhaufen in seinem Bau hockte. Und Cospatric wartete, dass es Nacht wurde, dann ritt er bis zum Rand vom Tobel von Kinraddie, empfahl seine Seele Gott an und stieg von seinem Pferd, den Wildschweinspeer in der Hand, und ging hinab in den Tobel und tötete den Greif. Und er schickte Kunde davon an William the Lyon, der in der Stadt Edinburgh saß und Wein trank und seine Feinsliebchen beschmuste, und William machte ihn zum Ritter von Kinraddie und gab ihm die ganze Gemeinde zum Besitz, mit dem Recht sich dort eine Burg zu erbauen und ein Greifenhaupt im Wappen zu tragen und allem wilden Getier und butten, widersetzigen Volk den Garaus zu machen, dieses Recht hatten nun er und seine Nachkommenschaft immerdar.

So ließ sich Cospatric dort von den Pikten eine trutzige Burg bauen, die lag im Schutz der Hügel, mit den Grampians düster und schroff dahinter, er ließ den Tobel trockenlegen und heiratete eine Piktendame und machte ihr Kinder und lebte dort bis zu seinem Tod. Und sein Sohn nahm sich Kinraddie als Namen, und eines Tages blickte er hinaus von den Zinnen der Burg, und da sah er den Graf Marschal von Süden hinaufkommen, um mit den Highlandmännern die Schlacht zu schlagen, die dann bei Mondynes stattfand, da, wo heute die Getreidemühle steht, und der holte seine Leute und kämpfte dort, doch auf welcher Seite, das weiß keiner zu sagen, es wird wohl auf der siegreichen Seite gewesen sein, sie waren eh listig und schlau, die Kinraddies. Und der Urenkel von Cospatric, der schloss sich den Englischen an gegen den Highlandkämpfer Wallace, und wie Wallace das nächste Mal von Süden her anmarschierte, da zogen Kinraddie und anderes Volk des damaligen Adels in die Burg von Dunnottar, die hinter Kinneff ins Meer ragt, trutzlich gebaut und stark, wo bei Flut die See an die Felsen klatscht und das Kreischen der Seemöwen gellt, bei Tag und bei Nacht. Viel Speise und Fleisch und Gerät nahmen sie mit und bezogen bewehrte Stellung dort, sie und ihre Mannen, und die ganzen Mearns verwüsteten sie, dass der Highlandkämpfer, der sich erdreistete, sich gegen den edlen englischen König zu erheben, keine Nahrung für die schlimmen Habenichtse in seinem Gefolge finden sollte. Doch Wallace kam ganz fix durch den Howe gezogen, und er hörte von Dunnottar und belagerte die Burg, die wohl ordentlich fest gebaut war, doch mit fest Gebautem hielt er sich nicht lange auf. In tiefer Nacht, während das Donnern der See jedes Geräusch überdröhnte, da erklomm er heimlich die Felsen von Dunnottar, und bald waren sie über der Burgmauer, er und seine streunenden Skoten, und sie nahmen Dunnottar ein und murksten all das adlige Volk ab, das dort versammelt war, und auch all die Engländer, und beuteten ihnen alle Speise und alles Gerät ab und marschierten von dannen. In der Burg von Kinraddie, so hieß es, hatten sie in diesem Jahr nur eine junge Braut, die gerade erst eingetroffen war, und die hatte keine Nachkommen, und die Monate gingen vorüber, da ritt sie schließlich zur Abtei von Aberbrothrock, wo der brave John, ihr Vetter, der Abt war, und sie erzählte ihm von ihrer Not und davon, dass der Zweig der Kinraddie nun wohl am Ende war. Da lag er bei ihr, das war im September, und im nächsten Jahr brachte die junge Braut einen Sohn zur Welt, und von da an mischten sich die Kinraddies in keinerlei Kriege und andere Stänkereien mehr ein und rührten sich nicht weg aus ihrer Burg, die im Schutze der Hügel lag, und da saßen sie mit ihrem Gerät und ihren losen Feinsliebchen und den Lümmeln, die zum Dienst verschnitten waren.

Und so kam die Erste Reformation, und weitere folgten, und manche schrien und manche und manche , bloß die Kinraddies saßen still und fein und friedlich für sich in ihrer Burg und scherten sich keinen Deut um das Gezänk der Leute, denn Kriege, die waren ein glückloses Ding. Doch dann kam der Holländer Willem, gleich war klar, an dem wird sich nicht rütteln lassen, und da waren die Kinraddies fein für den Bund, sie hatten wohl den Bund mit Gott im Sinn, hatte ihnen ja eh am Herzen gelegen, hieß es. Also haben sie eine neue Kirk gebaut, da unten, wo die Kapelle gestanden war, und bauten ein Pfarrhaus dazu, dort im Windschutz der Eibenbäume, wo der Highlandkämpfer Wallace sich versteckt hielt, wie die Englischen ihn zuletzt doch in die Niederlage trieben. Und einer von den Kinraddies, John Kinraddie hieß er, der ging nach Süden und wurde ein großer Name am Gerichtshof von London, und er war ein Busenfreund von den beiden Menschern Johnson und James Boswell, und einmal kamen die beiden, der John Kinraddie und James Boswell, auf einer Vergnügungsreise hinauf in die Mearns und saßen beieinander, und Abend um Abend tranken sie Wein und führten garstige Reden bis tief in die Nacht, und wenn schließlich der alte Herr ihrer überdrüssig wurde, dann stahlen sie sich davon, wie James Boswell in sein Tagebuch schrieb, hinauf auf den Dachboden, wo die Dienstmädchen waren, und eine, ?eff? ?s?f?a? ?atte e??e? ?ette? G?tt ??d ??? ?aß ße? ??p fe?efe?.

Doch dann zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, da brachen schlimme Zeiten an für die schottischen Adligen, denn das Gift der Französischen Revolution kam übers Meer, und die Häusler und anderes gemeines Volk erhoben sich und riefen: , wenn die Auld Kirk von den Kanzeln Gefügigkeit predigte. Bis hinauf nach Kinraddie kam das Gift, und der junge Lord damals, Kenneth hieß er, der nannte sich Jakobiner und schloss sich dem Jakobinerverein von Aberdeen an, und dort in Aberdeen kam er beinah um in dem Aufruhr, mitten beim Kämpfen für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie er es nannte. Als Krüppel trugen sie ihn heim nach Kinraddie, und trotzdem wollte er noch immer, dass alle frei und gleich sein sollten, und machte sich daran, sein Anwesen zu verkaufen und das Geld nach Frankreich zu schicken, denn er hatte ein sehr gutes Herz. Und die Häusler marschierten wie ein Mann zur Burg von Kinraddie und schmissen die Fensterscheiben ein, denn sie meinten, mit der Gleichheit sollte einer doch daheim beginnen.

Mehr als der halbe Besitz war auf diesem Wege verdröppelt, und der Krüppel saß dabei und las seine ollen französischen Bücher, doch davon hatte keiner eine Ahnung, bis dass er starb und seine Witwe, das arme Fraumensch, sah, dass ihr kaum mehr gehörte als das Land zwischen den schroffen Hängen der Grampians und den Höfen, die bei Bridge End am Denburn standen, beiderseits der Straße, die hinaus führte. Zwanzig, dreißig Pachten mögen es gewesen sein, die Häusler mürrisches Volk vom Piktenstamm, ohne Geschichte, gemeines Volk, zerwohnt und krummgeflickt drängten sich die schiefen Höfchen inmitten der langen, ansteigenden Felder. Die Pachten währten ein, zwei Jahre,...



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