Gibson Gut geküsst ist halb gewonnen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-10470-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Die 'Girlfriend'-Reihe
ISBN: 978-3-641-10470-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es knistert nur so vor erotischer Spannung, als sich die Krankenschwester Lucy Rothschild und der Klempner Quinn endlich gegenüber stehen. Denn kennengelernt hatten sie sich in einem Dating-Chat. Doch Lucy ist in Wahrheit gar keine Krankenschwester, sondern Krimiautorin und Quinn kein Klempner, sondern als Polizist undercover auf der Jagd nach einer Serienmörderin, die ihre Opfer über das Internet aussucht. Obwohl Lucy seine Hauptverdächtige ist, fühlt Quinn sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Und auch Lucy lässt Quinn nicht kalt …
Seit sie sechzehn Jahre alt ist, erfindet Rachel Gibson mit Begeisterung Geschichten. Mittlerweile hat sie nicht nur die Herzen zahlloser Leserinnen erobert, sie wurde auch mit dem Golden Heart Award der Romance Writers of America und dem National Readers Choice Award ausgezeichnet. Rachel Gibson hat drei erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Ehemann in Boise, Idaho.
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Lucy Rothschild fuhr mit ihrem BMW in die Parklücke, die am nächsten zum Starbucks-Eingang lag, und stellte den Hebel der automatischen Gangschaltung auf Parken. Regen hämmerte auf die Motorhaube und prallte vom Asphalt ab, als sie den Motor abstellte. Ihr Blick schweifte über das Einkaufszentrum und suchte das grünweiße Starbucks-Schild neben dem grellgoldenen Schein des Blockbuster-Videoladens. Aus dem Coffee Shop strömte Licht auf den nassen Bürgersteig, während die Regentropfen, die an Lucys Windschutzscheibe hinabglitten, kräftige Farben und tintenschwarze Schatten verschmierten wie auf einem abstrakten Gemälde.
Bevor du dich’s versiehst, trägt irgendein Kerl deinen Kopf als Kopfputz. Lucy stellte den Motor ab und stopfte die Autoschlüssel in die Tasche ihres marineblauen Ralph-Lauren-Blazers. Sie hasste es, wenn Maddie sowas sagte. Wenn sie alle anderen mit ihrer Paranoia ansteckte. Maddie interviewte beruflich Psychopathen, aber das hieß noch lange nicht, dass alle Männer Kinderschänder, Vergewaltiger oder Serienmörder waren. Lucy schrieb ebenfalls über Mord, aber sie verfasste Romane und war in der Lage, ihre Schreiberei vom wahren Leben zu trennen. Maddie dagegen schien damit Probleme zu haben.
Lucy schnappte sich den Regenschirm vom Beifahrersitz und öffnete die Wagentür. Schließlich hatte sie nicht vor, ein zweites Treffen mit Hardluvnman zu arrangieren oder gar mit ihm aus Starbucks wegzugehen. Sie hatte nicht einmal vor, dieses Kaffee-Date ernster zu nehmen als die anderen, die sie in den vergangenen Monaten gehabt hatte.
Sie tippte mit dem Daumen auf den Knopf ihres Regenschirms, und der rote Baldachin entfaltete sich, als sie aus dem Auto stieg. Wie die anderen »Dates« auch war das heute Abend rein geschäftlich. In der Jackentasche trug sie ihren kleinen Notizblock und einen Stift bei sich, gleich neben der Minispraydose mit Tränengas. Notizblock und Stift hatte sie dabei, falls sie sich pikante Details über Hardluvnman notieren musste, wenn er weg war. Das Tränengas war für den Fall, dass er ihren Kopf als Kopfputz tragen wollte.
Verfluchte Maddie.
Lucy blieb kurz stehen, um die Wagentür hinter sich zu schließen. Dann lief sie über den Parkplatz und wich dabei den Pfützen aus. Es sei denn, Hardluvnman war anders, würde sie Stift und Papier nicht einmal brauchen. Es sei denn, er war anders als die anderen, würde er sie beim Warten in der Kaffeeschlange von Kopf bis Fuß mustern, als wäre sie ein Airedale Terrier in der Zuchtschau des Westminster-Hundeclubs. Bestand sie die Prüfung, würde er ihr den dreifachen Grande Skinny Latte spendieren (bitte keine Sahne), sie fragen, was sie beruflich machte (obwohl sie sich in ihrem Profil ganz unaufrichtig als Krankenschwester ausgegeben hatte), um dann über sich selbst (was für ein toller Kerl er war) und seine frühere Ehefrau/Freundin (und was für eine blöde Zicke sie doch war) zu reden. Wenn Lucy die Prüfung nicht bestand, musste sie ihren Kaffee selbst zahlen. Was ihr erst einmal passiert war.
Bigdaddy182 war ein richtig ordinäres Arschloch mit Silberzahn und Nackenhaarzopf gewesen. Er hatte einen Blick auf sie geworfen und »Sie sind aber dünn« gesagt, als wäre das eine größere Scheußlichkeit als sein Bierbauch. Sie hatte ihren Kaffee selbst bezahlt und ihm dann eine Stunde lang bei seiner Selbstbeweihräucherung zugehört. Während er von seiner Fahrt zur Motorrad-Rallye in Sturgis und seiner Zicke von Exfrau faselte, hatte Lucy sich die unterschiedlichsten Methoden überlegt, ihn um die Ecke zu bringen. Schlimme, abscheuliche Methoden. Letztlich war sie aber zu dem Schluss gekommen, dass sie den Modus Operandi ihres weiblichen Serienmörders beibehalten musste, auch wenn erotische Strangulation ihr als Todesart für ihn zu angenehm erschienen war.
Nur zwei Schritte vor der Bordkante tappte Lucy doch noch in eine Pfütze. Um ein Haar hätte sie es trockenen Fußes geschafft. Kaltes Wasser schwappte über die Spitze ihrer schwarzen Stiefelette und bespritzte den Saum ihrer schwarzen Jeans.
»Schei-benkleister!«, murmelte sie und betrat den Bürgersteig. Sie öffnete die Tür zu Starbucks und trat ein. Sofort stieg ihr der Duft starken schwarzen Kaffees in die Nase, und das leise, stete Stimmengemurmel vermischte sich mit den Geräuschen von Kaffeemühle und Espressomaschine. In welche Stadt Lucy auch reiste, bei Starbucks waren Geruch und Interieur immer gleich. Ähnlich wie in den Buchläden »Barnes and Noble« oder »Borders«. Irgendwie hatte das etwas Tröstliches.
Lucy schloss ihren Regenschirm und ließ den Blick über die goldenen Wände und die Kunden schweifen, die auf harten Holzstühlen an braunen Tischen saßen. Kein Mann mit roter Baseballmütze. Hardluvnman war spät dran.
Lucy schob ihren Regenschirm in den Ständer an der Tür und ging zur Theke. Als er sie per E-Mail um eine Verabredung bat, hatte er geschrieben, sein richtiger Name sei Quinn. Trotzdem nannte Lucy ihn im Geiste lieber Hardluvnman. Sie wollte weder ihn noch sonst eine dieser Verabredungen als richtige Menschen sehen. So fiel es ihr leichter, sie ins Jenseits zu befördern.
Sie bestellte ihren Latte ohne Sahne und nahm an einem runden Ecktischchen Platz. Dann knöpfte sie ihren Blazer auf und rückte den Rollkragen ihres marineblauen Pullis zurecht.
Es warf ein trauriges Licht auf ihr Liebesleben, dass die einzigen Verabredungen, die sie in letzter Zeit gehabt hatte, nicht einmal echte Verabredungen gewesen waren, überlegte sie. Der einzige Grund, dass sie sich Männern wie Bigdaddy182 aussetzte, war, dass sie für ihren neuen Krimi dead.com recherchieren musste.
Lucy führte ihren Kaffee an die Lippen und trank vorsichtig einen Schluck. Sie brauchte nur noch ein letztes Opfer für ihr Buch. Selbst wenn Hardluvnman sich als anständiger Kerl entpuppte, der nicht zu sterben brauchte, war Lucy fertig mit Internet-Kaffeeverabredungen. Sie hatte genug von Männern, die sich aufführten, als sei es ihre Aufgabe, ihnen nachzulaufen. Als müsste sie sie davon überzeugen, sie um eine zweite Verabredung zu bitten. Wenn dieses letzte Date ein Riesenreinfall wurde, musste sie sich etwas anderes überlegen. Wie sich, zum Beispiel, der gesamten armseligen Charaktereigenschaften all ihrer lügenden, betrügenden Exfreunde zu bedienen und sie zusammenzumixen. Doch das hatte sie schon öfter getan, und sie befürchtete, ihre Leserinnen würden irgendwann spitzkriegen, dass die Opfer in all ihren Büchern immer denselben wiederaufbereiteten Verlierertypen ähnelten.
Nein, es war Zeit für neue Verlierertypen. Es gab diverse faszinierende Gründe, warum sie sich unter den vielen potenziellen Kandidaten ausgerechnet Hardluvnman für ein Treffen ausgesucht hatte. Erstens war sein Foto auf der Dating Site so unscharf, dass man nur schwer sagen konnte, wie er wirklich aussah. Das Bild vermittelte nur den allgemeinen Gesamteindruck einer düsteren, intensiven Ernsthaftigkeit, die sie irgendwie geheimnisvoll fand. Zweitens stand in seinem Profil, dass er Klempner war und sein eigenes Geschäft hatte. Was durchaus eine Lüge sein konnte, wahrscheinlich aber die Wahrheit war, denn wer würde schon anderen vorlügen, Klempner zu sein. Und drittens fiel Hardluvnman nicht in die Kategorie der noch nie verheiratet gewesenen oder geschiedenen Fünfunddreißig- bis Vierzigjährigen, sondern war Witwer. Was durchaus die Wahrheit sein konnte oder bloß ein schäbiger Trick, um Sympathiepunkte zu sammeln und Frauen ins Bett zu kriegen. Wenn Letzteres der Fall war, hatte Lucy ihr letztes Opfer gefunden. Voilà!
Die Ladentür schwang auf, und ein Mann mit schütter werdendem Haar trat ein. Lucy erkannte ihn sofort. Er hieß Mike, alias Klondikemike. Er war ihre erste Kaffee-Verabredung gewesen, und ihr erstes Mordopfer. Er steuerte auf eine Blondine zu, die am Regal mit Kaffeetassen stand, und sie gingen gemeinsam zur Theke. Mike musterte sie von Kopf bis Fuß und zahlte für zwei Kaffee und eine Tüte Kaffeebohnen mit Schoko-Überzug. Als die beiden sich den Weg zu einem Tisch ein paar Meter von Lucy entfernt bahnten, fing Mike Lucys Blick auf und sah schuldbewusst weg. Er hatte ihr nach ihrem Treffen keine E-Mails mehr geschrieben, aber sie hätte ihn beruhigen können. Sie hatte sowieso kein Interesse an einem Typen, der sie erbarmungslos zutextete und dabei Kaffeebohnen einwarf wie Amphetamine, und ihm gleich im ersten Kapitel mit einer Plastiktüte über dem Kopf den Garaus gemacht.
Sie wischte den roten Lippenstift vom Rand ihrer Tasse und sah sich an den anderen Tischen um. Sie war überrascht, dass die kürzlich in Boise geschehenen Morde nicht zu einer Flaute in der Dating-Szene geführt hatten. Überrascht, aber erleichtert, da es ihren eigenen Zwecken diente.
In den vergangenen Monaten waren drei Männer in ihren Wohnungen erstickt worden. Mit einem der Opfer, Lawrence Craig, alias Luvstick, hatte sie sich sogar im Moxie Java auf einen Kaffee getroffen, was sie immer noch ziemlich fertigmachte.
Die Polizei rückte nicht viele Informationen heraus, außer dass alle drei Todesfälle auf Erstickung zurückzuführen waren. Sie gab jedoch nicht an, um welche Art des Erstickens es sich handelte, nur dass der mutmaßliche Täter eine Frau war. In der Zeitung hatte auch nicht gestanden, wie oder wo die Mörderin ihre Opfer traf; Maddie hatte spekuliert, dass die Frau sie wahrscheinlich in Bars aufgabelte. Lucy tendierte dazu, ihr Recht zu geben. Dass Lucy über erotische Asphyxiation schrieb, während in der Stadt Männer erstickt wurden, war ein Riesenzufall, doch es gab die unterschiedlichsten Möglichkeiten, einen Erstickungstod zu erleiden. So viele, wie das menschliche Hirn sich nur ausdenken...




