Giovanni | Adria mortale - Bittersüßer Tod | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 383 Seiten

Reihe: Lübbe

Giovanni Adria mortale - Bittersüßer Tod

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0739-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 383 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-0739-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Türkisblaues Meer. Zartduftende Aprikosenhaine. Sanfte Strände. Doch die Idylle trügt ...

Sommer 1958. Für die deutschen Touristinnen Sonja und Elke ist es das große Abenteuer: Mit ihrem Roller fahren die jungen Frauen nach Italien in den Urlaub. In einem kleinen Dorf an der Adriaküste steigen sie in der Pension von Federica Pellegrini ab. Ein paar Tage später wird der Lehrer des Ortes tot aufgefunden, mit dem Elke zuvor geflirtet hat. Die beiden fürchten, unter Mordverdacht zu geraten. Zum Glück nimmt Federica sich des Falles an und ermittelt auf eigene Faust. Sehr zum Missfallen von Commissario Garibaldi, der anreist, um herauszufinden, wer den Naturliebhaber aus dem Weg räumen wollte. Und Garibaldi ist nicht der Einzige, dem Federica auf die Füße tritt ...



Margherita Giovanni ist ein Pseudonym der Autorin Brigitte Pons. Sie lebt in der Nähe von Frankfurt/Main, schreibt Romane und Kurzgeschichten und ist immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Als Isabella Esteban erzählt sie in einer Krimireihe von ihrer Lieblingsstadt Barcelona, ihre Odenwald-Krimireihe um Ermittler Frank Liebknecht erscheint bei be-THRILLED.
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KAPITEL 2



In aufgeräumter Stimmung fuhr Kilian Rossi am Montagmorgen die kurze Strecke ins Dorf. Die Sommerferien entwickelten sich plötzlich in überraschend angenehmer Weise. Ohne Herrn Schneider wäre er in der Pension sogar alleiniger Hahn im Korb gewesen. Wobei er sich nicht beklagen wollte: Schneider konnte ihm nicht das Wasser reichen. Er war guter Dinge, dass sämtliche Damen im Haus diese Einschätzung teilten. Seiner guten Laune verdankte es Signora Pellegrini, dass er sich spontan angeboten hatte, für sie eine Besorgung zu erledigen. Kleine Gefälligkeiten zahlten sich aus, das war nur eine Frage der Zeit.

Vor dem Dorfladen hob er seine Lambretta auf den Ständer und hängte die gefaltete Sonnenbrille in seinen Ausschnitt. Beim Eintreten schlug ihm eine vielfältige Geruchswolke entgegen, dominiert von Käse – würziger Pecorino marchigiano und Caprino, dem man die Herkunft aus dem Ziegenstall deutlich anmerkte – und dazu das reichlich aufgetragene Rasierwasser von Angelo Iannazzo.

Der Inhaber machte sich hinter dem Tresen zu schaffen und nahm keine Notiz von Kilian Rossi.

Rossi verrenkte sich den Hals. »Was tun Sie da?«

»Vorbereitung für die Gemeindeversammlung am Donnerstag.« Iannazzo drehte ihm ein auf einen Holzrahmen genageltes Plakat zu. »Daraus wird unsere Werbekampagne. Ob’s Ihnen passt oder nicht.«

Iannazzo besaß Talent, wie Rossi anerkennen musste. Nur stellte er es in den Dienst der falschen Sache.

»›Campen in idealster Lage fürs Meer‹«, las er laut. »Das ist sowohl sachlich als auch grammatikalisch verkehrt, mein lieber Iannazzo«, fügte er süffisant hinzu. Für das Meer war es besser, wenn keiner zum Campen kam, und ein gesteigerter Superlativ einfach lächerlich. »Wenn Sie damit Gäste ins Dorf locken wollen, sind Sie zum Scheitern verurteilt. Da hätten Sie Ihren Sohn Giuseppe fragen können. Sogar der hätte gewusst … Ach nein, ich will ehrlich sein, bei manchen ist wirklich alle Mühe vergebens. Der jüngere, Luigi, da sehe ich noch Chancen, vorausgesetzt, er erfährt eine klare Führung. Motivation durch liebevolle Strenge.«

Das Leben verteilte keine Bonbons, es galt, sich beizeiten abzuhärten, um vorbereitet zu sein. Jedes Dorf hatte seinen Trottel, den es durchschleppte, aber einer war genug, und dieser Platz war in Pesaro del Monte piccolo Cattolica schon besetzt. Harte Worte, doch er meinte es gut. Die Evolution kannte keine Gnade mit den Schwachen. Es ging darum, die Zukunft des Dorfes in eine sinnvolle Bahn zu lenken, indem er die Pläne der Gegner torpedierte. Vielleicht auch um seine eigene Zukunft, wenn alles schiefging und er länger dableiben musste. Noch war keine Entscheidung gefallen, und er sah sich bildlich als Zugvogel auf der Durchreise. Die Suche nach einem neuen Nistplatz in den steilen Felsen war nur sein ungeliebter Plan B.

Leider konnten diese einfachen Geister weder begreifen, dass er im Interesse der Kinder handelte, noch welchen Schatz ihnen Mutter Natur mit ihrem kleinen, abgeschiedenen Hügel anvertraut hatte. Der sanfte Hang auf der Landseite, die Klippen am Meer – eine solche Oase für Flora und Fauna war an der Adria eine Seltenheit. Ein schmaler, gerade mal zehn Kilometer langer Küstenstreifen erstreckte sich um den Monte San Bartolo, dem man bislang rücksichtslos mit der Axt zu Leibe gerückt war und dabei uralte Pinienbestände vernichtet hatte. Darin eingebettet lag dieses Dorf der Ahnungslosen. Es galt zu retten, was zu retten war. Doch ein Campingplatz, wie sie ihn zu bauen gedachten, erforderte eine Zufahrt von immenser Breite, schlug eine Schneise in die schöne Landschaft. Um darin einen nicht wiedergutzumachenden Fehler zu erkennen, genügte gesunder Menschenverstand, doch an dem mangelte es hier. Seine Liebe zur Natur ließ ihm keine Wahl, als gegen die Pläne Sturm zu laufen.

Kilian tippte auf die Stelle des Plakats, wo gelbe Ginsterbüsche blühten und Möwen kreisten. »Wie lange noch, wenn ihr Horden von Touristen anlockt?«

Pesaro del Monte piccolo Cattolica war nicht Rimini, und die empfindliche Tier- und Pflanzenwelt der Klippe musste anders behandelt werden als ein öder Sandstrand.

»Was wollen Sie, Signor Rossi? Niemand wird in den Felsen klettern – das tun nur Sie. Und unsere dummen Kinder werden es uns danken, wenn wir für Arbeit sorgen. Denn die Büsche und den Stein, die können wir nicht essen. Nur die Vögel, aber das gefällt Ihnen ja auch nicht. Wenn wir nichts tun, dann gehen die Jungen weg – viele sind schon fort –, und es wird bald niemand mehr hier sein. Auch niemand, den Sie unterrichten können.«

»Ein Dutzend Eier hätte ich gern«, sagte Rossi. Er zählte den Lire-Betrag passend ab, während Iannazzo diese einpackte, und verbiss sich eine Entgegnung. Irgendwo gab es immer eine Schule, die einen Lehrer brauchte, und er setzte alle Hebel in Bewegung, damit die nächste wieder näher an der Heimat liegen würde. Es war der Vorteil des Wanderfalken, frei zu sein und weiterfliegen zu können – genau wie die Touristen.

»Was ihr plant, zerstört sich selbst die Grundlage. Wieso wollt ihr das nicht begreifen?«, platzte es aus Kilian nun doch noch einmal heraus, und er klopfte sich an die Stirn. »Eure Kinder werden fremd sein im eigenen Dorf, ein Fotomotiv, Lakaien und Bettler. Va bene, wenn ihr das so haben wollt? Nur zu, baut neu-neu-neu, weg mit dem Alten. Die Touristen werden alles verändern. Und wenn sie sich satt gesehen haben, ziehen sie weiter, und was bleibt dann? Straßen, auf denen keiner fährt, abgeholzte Bäume, in denen kein Vogel singt – und dumme Kinder.« Alles dem schnellen Geld geopfert. Er richtete den Zeigefinger auf das Plakat. »Donnerstagabend? Ich werde da sein.«

»Nicht nötig«, knurrte Angelo Iannazzo und fluchte dann hinter Rossi her: »Vaffanculo!« Er scherte sich nicht darum, ob der die derbe Beleidigung noch hörte. Dieser Wichtigtuer hatte dem Bürgermeister persönlich damit gedroht, übergeordnete staatliche Behörden einzuschalten. Zum Schutz des Grundwassers, damit der Dorfbrunnen nicht trockenfiele, wenn der Campingplatz und einige neue Gebäude verwirklicht würden. Obendrein hatte er ein Szenario aus Abfallbergen heraufbeschworen. Und einige der Frauen hörten ihm sehr aufmerksam zu. Auch Signora Iannazzo. Weil Rossi studiert hatte. Und weil er die Kinder ins Spiel brachte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Männer vor ihnen kapitulierten.

»Giuseppe?« Vorm Eingang pfiff er zwischen den Zähnen, und der Kopf seines Ältesten hob sich aus dem Knäuel der unter den Platanen hockenden Murmelspieler.

»Fällt dir etwas auf?«, fragte er, als der Junge angerannt kam, und zeigte ihm das Plakat. »Ist da irgendwo ein Fehler?«

Giuseppe zog die sommersprossige Nase kraus, seine Zunge fuhr angestrengt über die Lippen, dann tippte er auf einen Buchstaben, Unsicherheit in den Augen. »Da vielleicht?«

Angelo strubbelte seinem Sohn durch die Haare und klemmte sich das Plakat unter den Arm. »Das ist jetzt dein Laden«, sagte er knapp. »Pass drauf auf. Bin gleich zurück.«

Ein Kind, was wusste schon ein Kind? Er würde den Bürgermeister fragen. Dem würde er glauben. Diesem Rossi war nicht zu trauen.

*

Vorsichtig befühlte sie die kleinen, runden Früchte, die auf Tüchern ausgebreitet in der Sonne lagen. Wie immer dauerte ihr die Trocknungszeit zu lange, ließ sich mit den einfachen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, aber nicht weiter beschleunigen. Ihr Vater hatte auf dem flachen Dach des Hauses ein Gestell gebaut, mit zwei Gittern übereinander, durch das die Luft ungehindert hindurchströmen konnte.

»Du kannst die Aprikosen nicht trocken gucken, Carmela«, neckte er sie oft. »Auch wenn du ihnen dreimal am Tag sagst, sie sollen sich beeilen, werden sie es nicht tun.«

Dabei war Cesare Collina kein bisschen anders als seine Tochter: Wenn es um ihre Aprikosen ging, entschied immer nur das Herz, und der Verstand machte Pause.

Jede neue Ernte war ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wie hoch war der Ertrag, wie die Qualität? Was sie durch den Anbau einnahmen, reichte für ein kleines Zubrot, nicht zum Leben, und das würde sich auch niemals ändern. Doch die Bäume ihrer Familie waren etwas ganz Besonderes. Ein Schatz, den sie hüteten. Ein Geschenk der Natur, dem Carmela sich würdig erweisen wollte. Ein Geschenk verschwendete man nicht. Sie würde alles verwerten und alle Möglichkeiten ausprobieren. Marmelade, Likör, Gebäck. Zu experimentieren machte ihr Freude. In der Mischung lag das Geheimnis, wie bei so vielen Dingen.

Carmela rückte einen Schemel an den Holztisch in der geschützten Nische und setzte ihre unterbrochene Arbeit fort. Mit einem scharfen Messer schlitzte sie jene Früchte auf, die die erste Phase schon durchlaufen hatten, löste die Steine heraus, warf das Fleisch in separate Schüsseln. Der warme, mediterrane Wind und die Spur von Salz darin verliehen den süßen Früchten ein ganz eigenes Aroma. Und wie durch ein Wunder wurden immer gerade so viele Früchte gleichzeitig erntereif, dass sie die Menge bewältigen konnte.

Leise summte sie ein altes Kinderlied.

Morgen würde sie ihrer Tante einen Topf frisch gekochter Marmelade und einige der ersten fertig gedörrten Früchte in die Backstube mitbringen. Dann gesellten sich zu den wunderbaren lockeren Mandorlini und Amaretti morbi noch knusprige Cantuccini der besonderen Art. Und vielleicht – vielleicht – ein Blech mit Occhi di angeli. Das ganze Dorf war verrückt nach Süßigkeiten. Vor allem nach...



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