Giovanni | Adria mortale - Tod im Ginster | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 382 Seiten

Reihe: Lübbe

Giovanni Adria mortale - Tod im Ginster

Kriminalroman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2083-0
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 382 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-2083-0
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein lauer Frühsommerabend im Jahr 1959 in der Provinzhauptstadt Pesaro, eine Seitenstraße am Palazzo Mosca, auf dem Pflaster hingestreckt liegt eine tote Frau, ein unbeleuchteter Wagen braust davon ...

Als Federica Pellegrini in der Zeitung davon liest, ahnt sie, dass dahinter mehr als ein Unfall mit Fahrerflucht steckt, und beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Als Commissario Lorenzo Garibaldi den Fall auf seinen Schreibtisch bekommt, weiß er bereits, dass er es nicht mit einem Unfall zu tun hat. Die Spuren führen sowohl Federica als auch Garibaldi zu einer Kunstausstellung und zu einem jungen Mann aus Federicas Dorf. Wieder einmal machen die beiden gemeinsam Jagd auf einen Mörder.



Margherita Giovanni ist ein Pseudonym der Autorin Brigitte Pons. Sie lebt in der Nähe von Frankfurt/Main, schreibt Romane und Kurzgeschichten und ist immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Als Isabella Esteban erzählt sie in einer Krimireihe von ihrer Lieblingsstadt Barcelona, ihre Odenwald-Krimireihe um Ermittler Frank Liebknecht erscheint im digitalen Programm von Bastei Lübbe.
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Autoren/Hrsg.


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KAPITEL 1


DREI MONATE SPÄTER


Das Firmengelände der traditionsreichen Keramikmanufaktur Maioliche Finello befand sich außerhalb der Stadt Pesaro, nahe der Bahnlinie. Angeschmiegt an die Biegung des Flusses Foglia und umgeben von wildem Brachland, das darauf wartete, erschlossen und gezähmt zu werden. Wie viel davon den Finellos gehörte, wusste niemand ganz genau. Mit den Schuhen in der Hand huschte Teresa die Treppe hinauf und über den stillen Flur. Sie hasste das Klappern ihrer Absätze auf den Fliesen und Holzdielen, wenn sich sonst niemand mehr im Gebäude befand – den Klang der Leere, der ihr immer ein wenig Angst einjagte –, und hoffte doch inständig, jetzt allein zu sein. Das hohe Fenster mit dem Rundbogen gab die Sicht auf das Werksgelände frei. Wer dort jetzt noch herumlief, brauchte sie nicht zu kümmern, von den Arbeitern kam keiner freiwillig ins Verwaltungsgebäude. Für eine Sekunde blieb sie stehen und schaute hinunter. Es war ihr, als könne sie sich selbst dort sehen, mit umgekehrter Blickrichtung, in einem grauen Kittel, den Pinsel in der Hand. Teresa schüttelte sich kurz. Sie würde nie vergessen, wie es sich anfühlte, am Maltisch zu sitzen, um auf Tellern und Tassen traditionelle Majolika-Muster aufzutragen. Dort, wo das durch die Bogenfenster einfallende Licht so anders wirkte. Wo man den Lauf des Tages am Wandern der kreuzförmigen Schatten verfolgen konnte. Es war sehr viel besser, wie es jetzt war, wenn auch noch nicht perfekt. Erdgeschoss oder erster Stock, das machte doch einen erheblichen Unterschied. Sogar der Geruch war ein anderer.

An den Türrahmen zum Vorzimmer gelehnt, schlüpfte sie wieder in die Pumps, strich – für alle Fälle – den schmalen Rock zurecht, prüfte den Sitz der kurzen Kostümjacke, deren angesetztes Schößchen sowohl Taille als auch Hüften betonte, dann klopfte sie. Nicht zu forsch, nicht zu zaghaft – wie es sich für eine Schreibkraft aus der Buchhaltung ziemte, die um Einlass ins Revier der Chefsekretärin ersuchte. Teresa presste die Lippen aufeinander. Jetzt bloß nicht kichern! Sie bewunderte die Ältere aufrichtig und gab sich Mühe, wirklich alles von ihr zu lernen. Dazu gehörte selbstverständlich auch, ganz genau Bescheid zu wissen, wer welche Gewohnheiten pflegte. Darin war sie gut.

Drinnen klingelte das Telefon. Teresa wiederholte das Klopfen, dann trat sie ein. Niemand da, wie erwartet.

Sie seufzte. Was für ein schönes Büro! Ein Fenster nach hinten raus, eins nach vorn zum Parkplatz, den eine Blumenrabatte säumte und elegante Zypressen, die sie an zu Hause erinnerten.

Eines Tages – und wenn es nach ihr ging, dann kam dieser Tag bald – würde sie hier jeden Morgen den caffè für Vittorio Finello aufbrühen, seine Post öffnen und seine Termine überwachen. Sie flüsterte die Floskeln vor sich hin, die sie sich längst angeeignet hatte, und drehte sich dabei um sich selbst. Auch wenn ihm die Keramikmanufaktur gehörte, war er doch nichts ohne seine Sekretärin. Eine Tradition, die Teresa fortzuführen gedachte. Wie vieles andere auch, was sich bei Signorina Ragonese bewährt hatte. Weder unter Zeitdruck noch während der Inventur hatte Teresa bei ihr je die kleinste Unordnung auf dem Schreibtisch feststellen können. Eine Frage der inneren Einstellung, genau wie ihre oberste Maxime, jederzeit Haltung zu bewahren. Beides verkörperte sie mit einer Souveränität, die sie unantastbar machte. Allerdings war ihre strenge Art auch ermüdend, und ihr nachzueifern verlangte äußerste Disziplin.

Der schwere, schwarze Telefonapparat schepperte weiter. Teresa schaute sich eilig um. Im Büro des Firmeninhabers rührte sich nichts. An der schmucklosen Uhr über der Verbindungstür sprang der Minutenzeiger auf zwanzig nach sieben. Spät genug, um mutig zu sein. Signorina Ragonese befand sich auf dem Nachhauseweg und würde garantiert nicht nochmal umkehren.

Mit einem Lächeln schwang Teresa sich auf die Schreibtischplatte und angelte nach dem Hörer. Es fühlte sich wunderbar verboten an.

»Pronto?« Draußen senkte sich die Dämmerung herab. Doch da Signorina Ragonese Zugluft verabscheute und die einander gegenüberliegenden Fenster meist geschlossen hielt, war es warm. Wärmer als angenehm.

»Bist du das, Teresa?«

»Ciao Emilia! Ja, ich bin’s. Wie geht es dir?« Es war keine echte Überraschung, ihre beste Freundin am Apparat zu haben, war diese doch mit Vittorio Finello verheiratet. Nach der Hochzeit war Emilia schweren Herzens dem Wunsch ihres Mannes nachgekommen, die Arbeit in der Keramikmanufaktur aufzugeben. Wie hätte das auch ausgesehen: die Gattin des Inhabers zwischen gewöhnlichen Arbeiterinnen? Teresa streifte die Jacke ab und öffnete einen Blusenknopf. »Du ahnst nicht, was ich gerade mache: Ich sitze mitten auf dem Schreibtisch der heiligen Simonetta.« Sie schlug die langen Beine übereinander, die mit den glänzenden Nylons und den Pumps noch länger wirkten, und räkelte sich. »Himmel, ihr würde das Herz stehen bleiben, sollte sie mich dabei erwischen! Aber sag, was wolltest du von ihr und kann ich etwas für dich tun?«

»Ist er noch da?« Emilias Stimme schwankte und Teresa zögerte mit ihrer Antwort. Dann seufzte sie nachdrücklich, aber auch ein wenig entnervt. »Er tut es also schon wieder – er versetzt dich?«

»Ach, ich weiß nicht. Vielleicht habe ich auch etwas durcheinandergebracht …«

Selbst durch das Telefon konnte Teresa in der Atmung ihrer Freundin die aufsteigenden Tränen hören. Dabei hätte Emilia längst wissen müssen, dass auf Vittorios Versprechungen kein Verlass war. Doch warum sollte er sich ändern, wenn sie sich nicht wehrte? Üblicherweise versuchte er seine Versäumnisse mit Geschenken auszugleichen: Parfum, Süßigkeiten, Schmuck. Verächtlich schürzte Teresa die Lippen. Sie würde das keinem Mann auf Dauer durchgehen lassen.

»Weißt du, wann er gegangen ist, hat er gesagt, wohin?«

»Wieso sollte er denn ausgerechnet mir etwas sagen? Er bemerkt mich ja nicht einmal, wie du weißt.« Teresa konnte es nicht leiden, ignoriert zu werden. Weder von ihm noch von jemand anderem. Doch Signor Finello legte Wert auf Distanz, wenn andere Leute dabei waren, und Signorina Ragonese war sicher, er tat gut daran. Denn andernfalls hätte es im Betrieb schnell Gerede gegeben, dass sie als Freundin der Ehefrau bevorzugt behandelt würde. Teresa zog beim Gedanken daran eine kleine Grimasse. Leider hatte die Signorina damit recht. Es war ohnehin schwer genug, sich zu behaupten, also schluckte Teresa die Schmach und das Getuschel, das dennoch nie ganz verstummte.

»Ich kann es nicht beschwören, aber ich nehme an, Vittorio ist weg. Jedenfalls ist er nicht in seinem Büro. Sonst würde ich wohl kaum hier auf dem Schreibtisch sitzen, Liebes. Ich bin ja nicht verrückt. Es muss etwa eine halbe Stunde her sein, eher etwas länger, da meine ich ihn draußen mit Hut und Mantel gesehen zu haben. Signorina Ragonese ist auch fort. Du weißt, sie geht nie vor ihm.«

»Dann könnte er ja doch gleich zu Hause sein.«

Eine unsinnige Hoffnung, die nur eine weitere Enttäuschung nach sich ziehen würde. Aber Teresa sparte es sich, zu widersprechen. »Wenn er geschäftlich unterwegs ist, weiß Signorina Ragonese Bescheid, dann ist es in ihrem schlauen Büchlein notiert – und eigentlich hätte sie dich dann doch angerufen, um ihn bei dir zu entschuldigen. Warte, ich schau mal nach.« Sie rutschte vom Tisch, rüttelte prüfend an den Schubladen und zog dann eine Haarnadel aus der Frisur. »Eine Sekunde, ich lege dich kurz zur Seite.«

»Nein, lass das bitte. Teresa? Mach keinen Unsinn!«

Undeutlich und ein wenig blechern hörte sie Emilias Einwand, während sie im Schloss herumstocherte, bis es aufsprang. Zielsicher blätterte sie durch das in Leder gebundene Buch zu den Eintragungen des Tages.

»Da steht nichts für heute Abend. Keine geschäftliche Verabredung«, sagte sie laut. Etwas hatte da gestanden und war ausradiert worden, statt durchgestrichen. Sehr gründlich entfernt, bis auf einen hauchfeinen Schatten. Teresa legte das Buch zurück, nahm dann ihren Platz auf der Tischplatte wieder ein und den Hörer ans Ohr. »Du weißt, was es heißt, wenn er nicht in der nächsten Viertelstunde bei dir ist. Vittorio hat dich nicht verdient«, ergänzte sie. »Und du verdienst ihn auch nicht. Ein Mann, der mehr Zeit mit einer Geliebten verbringt als mit dir. Der jede Gelegenheit nutzt, um dir auszuweichen und –«

Emilia schluchzte auf.

»Wie dumm von mir, verzeih!« Ihr wehzutun war so leicht, dass Teresa allmählich die Geduld verlor. »Nimm es dir nicht so sehr zu Herzen. Erzähl lieber, wie es mit deinem eigenen Geheimnis vorangeht. Hast du es wieder getan?«

Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Moment lang still. Emilia trocknete vermutlich ihre Tränen, und in ihr gehauchtes Ja schlich sich hörbar ein Lächeln. »Ja, und es war wunderbar.«

»Siehst du, das ist die richtige Reaktion. Zahl es ihm heim.« Teresa kurbelte an der Telefonschnur. »Allerdings … Madonna! Ich bin ganz zwiegespalten. So sehr ich es dir gönne: Sei bloß vorsichtig. Wenn Vittorio es herausfindet, kann man nie vorhersehen, wie er reagiert. Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber ich habe ein ungutes Gefühl. Ein wirklich schlechtes. Männer sind nachtragend und jähzornig.«

Auf dem Flur näherten sich Schritte.

»Ich muss Schluss machen, Emilia! Da ist irgendwer«, wisperte sie. »Also bitte: Sei klug. Warte nicht darauf, dass er sich ändert, und pass gut auf dich auf. Hörst...



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