E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Giraudoux Eglantine
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944621-92-0
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-944621-92-0
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das schöne Geschöpf Eglantine und die Männer in einem modernen Paris. Jugend, Alter und Liebe ist Thema in diesem Roman. Die märchenhafte Eglantine zieht ältere und junge Männer in ihren Bann, so den alternden Aristokraten Fontrange, aber Eglantine fühlt sich zu einem anderen alternden Mann hingezogen, wird sich entscheiden müssen. Und wie verhalten sich die Männer? Jean Giraudoux (*1882, ?1944), war einer der bedeutendsten modernen Dramatiker Frankreichs und Europas.
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ERSTES KAPITEL
Fontranges fuhr aus dem Schlaf auf.
Eine Weile glaubte er noch nicht wach zu sein; der gesunde Schlaf der Fontranges war sprichwörtlich. Ihr Schloß blieb wohl die einzige Wohnstatt in Frankreich, wo der schlafende Herr ebenso pünktlich bedient wurde, wie nachdem er erwacht war. In den Häusern der Nachbarschaft, wenn sie dort zu Gast waren, gaben sie dem Dunkel sein Herrschaftsbereich und sein Gewicht, ja sogar seine Akustik wieder; in ihrer Anwesenheit waren die Geräusche des Abends und die der Morgenfrühe wieder zu vernehmen, und die Dienerschaft brauchte die leisen Verrichtungen, das Rupfen der Hühner, das Stutzen des Rasens oder jenes Glätten des Sandes im Hofe, das beim Erwachen die Erde und auch das Gemüt so sanft streichelt, nicht auf den Nachmittag zu verlegen. Wenn sie von ihren Gastfreunden schieden, hatten sie die Nacht wieder schwarz gemalt; sogar der Vater Fontranges’, der allgemein als hart und selbstsüchtig galt, ließ ausgeruhte Köpfe, gerötete Backen, alle Wohltaten des Schlafes zurück. Schlaflosigkeit hätte sie ebenso tief beunruhigt wie ein Ohnmachtsanfall am Tage. Hatten sie in der Nacht einmal die Augen geöffnet, so konnten sie sie nicht mehr von selbst schließen, eine fremde Hand hätte denn ihre Lider wie die eines Toten zudrücken müssen. Im Verlauf von vier schlaflosen Nächten war es auch, daß der Vater Fontranges’, ein bis zum letzten Augenblick ganz robuster Mann, die Hilferufe seiner am Tage ruhigen und unempfindlichen Leber vernahm, an der er eines übrigens Schlummer ähnlichen Todes sterben sollte. Es schien, daß die Fontranges infolge dieses gierigen Schlafes eben vor allem an ihrer der Nacht zugekehrten Seite dem Verfall ausgesetzt waren. So geschah es auch, daß Talent, Phantasie und Überlegung ihren schwerfälligen Geist bei Nacht überfielen, wenn sie eines minder körperlichen Todes, an einer Leidenschaft, an einer Neurasthenie sterben sollten. Aus dem Schlaf auffahrend, vom Traum angestoßen, wie unsereiner sich nicht einmal an der Marmorkante des Kamins stößt, fand sich Fontranges im Dunkel der Nacht plötzlich im Kampf mit irgendeiner Wahrheit, die einem Schulknaben nicht neu gewesen wäre, die ihn aber mit der Gewalt einer Offenbarung anfiel: daß hinieden das Unglück das Glück überwiege; daß keine unserer Handlungen frei sei und jede Ursache ihre Wirkung hervorbringe; daß wir in Wahrheit nicht den Jagdhund oder das Pferd kaufen, das wir wollen, sondern eins, das ein fremder Wille vor tausend Jahren bereits gewählt hat; daß wir Sklaven sind. Er brauchte einen ganzen Tag, um wieder Vergnügen an einer Meute, an einem Stall zu finden, welche die Wünsche Unbekannter, irgendwelcher Männer der Vorzeit vielleicht hier um ihn versammelt hatten. Geringe Freude wahrlich, den Hund des Sokrates, das Vollblut Bruinmels bei sich zu haben! ... In dieser Nacht nun hatte das Verhängnis alle seine Schlagzeilen auf den schlafen den alten Mann geschleudert; was ihn ergriffen und aus dem Schlaf gerissen hatte, war das für ihn neue und doch unwiderlegliche Axiom, daß die Männer an Wert über den Frauen stehen.
Er rührte sich nicht. Er hatte bei Gelegenheit ähnlicher Anfälle die Erfahrung bereits gemacht, daß es am besten sei, sich nicht zu rühren. Bei der letzten Schlaflosigkeit, als der Gedanke der Unendlichkeit ihn plötzlich überfiel, hatte er sich auf die gleiche Weise tot gestellt und dessen schrecklichem Schnauben widerstanden. Das Unendliche ließ bei diesem Anblick von der Leiche ab. Welche Bedeutung konnte es übrigens für ihn haben, der in sechs Monaten sechzig, der sich hinfort nur noch mit Vierfüßlern und Vögeln befassen würde, zu wissen, daß die Frauen von minderer oder sogar anderer Rasse seien? Er fühlte in sich nicht genug Liebe mehr für die Erde, um Freude an einer neuen Spezies zu haben, die auf ihr erschiene. Was hatte man doch vor drei Jahren für Enttäuschungen mit den zwei Bibern, dem Geschenk eines kanadischen Freundes, erlebt, die alle Bäche im Park verstopften! Die Quellen des Lebens strömten in Fontranges nicht mehr reichlich genug, um dem Kampf mit einer Frau von neuem Herzen und neuer Leiblichkeit entgegenzugehen ... Er versuchte wieder einzuschlafen, drehte sich auf die Seite, doch es nützte nichts: in dem Bett, in welchem er seit so langer Zeit ohne Genossin schlief, wurde eine wer weiß wie köstliche Gestalt neben ihm durch eine wertlose vertauscht. Die Frauenphantome Fontranges’ waren plötzlich gesunken. Aus Angst vor einer Schändung wagte er nicht, um sich zu retten, an die Jungfrau von Orléans oder an die Herzogin von Angouleme zu denken. Auf den klarsten Gesichtern unter den irdischen Lebewesen war die Ehre, war die Tugend ausgelöscht. Fontranges, der bei sich selbst Trauer von Reue nie unterscheiden konnte, empfand unendliche Gewissensbisse, daß er diese Wesen so tief herabsetzte, die zwar weder die Dampfmaschine erfunden noch Amerika entdeckt, dafür aber ihre mit dem Manne gemeinsame Aufgabe auf eine so hohe Stufe gebracht haben, und das wie schon oft und mit welcher selbstbewußten und sieghaften innersten Vertrautheit. Die Frauen standen tiefer als die Männer. Keine einzige von ihnen, die nicht unter einem Fontranges stünde! Ein Zuwachs an Rang, an Tugend fiel als ihre unerwartete und unverdiente Erbschaft diesem alten Manne zu, der nichts mit ihr anzufangen wußte. Er erhob sich und ging mit der gleichen unwillkürlichen Bewegung, die seine Vorfahren bei einem Überfall an die Schießscharten trieb, ans Fenster, öffnete es, war eine Weile beruhigt, nicht mehr dem Angreifer von früher gegenüberzustehn, sondern dem Angriff des Blütentreibens im Park, eines glanzlosen Kanals, einer undurchdringlichen Stille, des nächtlichen Dunkels ausgesetzt zu sein. Leider mußte er feststellen, daß der Rand des Horizonts sich plötzlich orangen färbte! Jene Wahrheit über die Frauen war nicht wie die übrigen eine nächtliche Wahrheit, sondern eine des Sonnenaufgangs. Er ließ die Vorhänge herab, legte sich wieder, wollte diesen Einfall in Nacht versenken ... Doch die Sonne, die ihre erste Lanze bereits in den Zenit geschleudert hatte, durchdrang mit der zweiten den Damast Fontranges’. Die Finken sangen. Zum erstenmal war er nach dem Warnungsruf eines Übels nicht wieder eingeschlafen ... Plötzlich erbebte er ... Eine junge Frau, die an Stelle der kranken Köchin das Frühstück brachte, trat ein.
Zum erstenmal trat sie in das Zimmer, das sie auswendig kannte, ganz behutsam und neugierig ein. Es war Eglantine, die um fünf Jahre jüngere Milchschwester Bellas und Bellitas, die vor einigen Tagen aus ihrem Pensionat in Charlieu zurückgekehrt war. Unbekümmert, weil sie Fontranges schlafend glaubte, stellte sie das Frühstück auf den Tisch, zögerte, die Vorhänge hochzuziehen, und ging umher. Fontranges hörte, wie sie jene Gegenstände auf der Kommode berührte, die Netzen zum Einfangen von Bildern am meisten glichen. Am Klirren gegen den Marmor erriet er, ob es der goldene oder der silberne Rahmen, ob es Bella oder Jacques war. Wen von beiden mochte sie auf diese Weise liebkosen? Dann berührte Eglantine, ohne daß er das leiseste Geräusch eines Schrittes gehört hätte, und als wäre sie von einem Möbel zum andern gehüpft, auf der Konsole das Lorgnon des Herzogs von Angouleme, setzte es an die Augen, versuchte durchzusehen, im Dunkeln. Dann näherte sie sich und legte auf dem Sessel Rock und Weste zurecht, mit jenen kosenden Strichen und Fingerschnellen wie eine Gattin, wenn sie den Gatten zum Ausgehen entläßt. Sie trieb das Spiel noch weiter. Sie probierte den Mechanismus des Kragenknopfes, der Kettenknöpfchen. Es war Psyche, die sich über Krawatten und Halsbinden beugt. Alle Geräusche, welche in diesem Zimmer von der Jugend hervorgerufen, entfesselt werden konnten, hörte Fontranges in einer reizenden Abstufung der Genitive: das Klirren des arabischen Dolches beim Zurückschieben in die Scheide, den Regen der Perlen des Lampenschirms, den Laut des Stöpsels der Flasche des Orangenblütenwassers. Spiel, Windhauch und Naschhaftigkeit waren im Zimmer in ihrer unwiderstehlichsten und doch geschmeidigsten Gestalt losgelassen. Fontranges hörte seine vertrauten Gegenstände um dieses junge Wesen sich regen. Er dachte an den blinden Prinzen Zagha Khan, einen Freund seines Großvaters, der seine nackten Tänzerinnen in Goldketten und mit seinen Familienjuwelen geschmückt vor sich tanzen ließ, um das Klingen seiner Schätze zu hören. Das war seine Art, sich seine Vorfahren wiederzubringen. Darauf eine Stille, und Fontranges erriet, daß das junge Mädchen vor dem Spiegel stand. Sie holte Atem, ja sie keuchte ein wenig: sie war gebannt. Von ihrem eigenen Bild mehr noch als von den Photographien verlockt, konnte sie sich nichts Fesselnderes vorstellen und war gebannt. Das Schweigen des schönen Mädchens angesichts ihres Spiegelbildes war das gleiche, wie es um den in sich versunkenen Philosophen, um den Heiligen in seiner Meditation waltet. Fontranges empfand es als von göttlicher Art. Es war übrigens kaum glaubhaft, das Eglantine so lange unbeweglich vor dem Spiegel blieb. Sicherlich spielte sie dabei das einzige Spiel, das man geräuschlos spielen kann, das Spiel mit dem Gesicht. Sie verdrehte die Augen, die so viel geschmeidiger sind als Kragenknöpfe, versuchte die Ohren zu bewegen, dem Blick einen noch lebhafteren Ausdruck zu geben. Der Duft der auskühlenden Schokolade drang zu Fontranges schwer wie eine wohlriechende Droge, wie ein Parfüm. Immer noch vor dem Spiegel, versuchte Eglantine vergeblich, ihr Gesicht in ein fremdes zu wandeln, fragte sich, welche geheime Verbindung trotz allem zwischen ihr selbst und dem Spiegelbild bestünde, trat etwas zurück, um die Länge dieses Fadens zu ermessen, stieß eine Vase um und fing sie noch auf. Fontranges...




