E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Giraudoux Eglantine
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-7217-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klassiker des französischen Liebesromans
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-80-268-7217-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Eglantine' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Es war Sommer, zu Beginn der Erntezeit. Die Schnitter sprachen von Vipern, die in diesem Jahre zahlreich waren. Ein Schnitter aus der Umgebung, der eine Schwade gegen die Brust gedrückt trug, war ins Herz getroffen worden und starb eine Stunde darauf.' Jean Giraudoux (1882-1944) war ein französischer Berufsdiplomat, Drehbuchautor und Schriftsteller. Als solcher war er vor allem für die Entwicklung des französischen Theaters der Zwischenkriegszeit sehr bedeutsam.
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Zweites Kapitel
Es war Oktober geworden. Ein Zug von Kranichen, die sich so selten in Paris sehen lassen, flog über der Stadt und wurde zur Belustigung der jungen Mädchen laut mit Namen begrüßt. Nach einem Stundenplan, den weder der Krieg noch die Gicht abgeändert hatten und der so fest und unerbittlich war wie die schnurgerade asphaltierte Promenade, in welche die Städte des Orients auslaufen, verließ Moïse um sechs Uhr sein Büro und begab sich durch die Rue de la Paix, den großen Boulevard, den Faubourg St. Honoré nach seinem in der Avenue Gabriel gelegenen Hause. Er kannte jeden Gegenstand, jede Verkäuferin auf der Seite seines Trottoirs, aber keinen Laden gegenüber, bevorzugte die ersteren mit der Vorliebe, wie man sie in Kriegszeiten für die heimischen Gewerbe hat, bezog einzig von ihnen seine Seife, seine Strümpfe, seine Gemälde, und das alles nur, weil das Spiel von Sonne und Schatten ihn bei seinem Ausgang zu dieser Stunde an dieses Gestade fesselte. Weit mehr als das Land, das er gar nicht liebte, gaben ihm die Schaufenster ein Bewußtsein von der Jahreszeit, und zur Tag- und Nachtgleiche, wenn die Krawatten und Hosenträger braun und malvenfarben zu Hunderten in den Auslagen herabregneten, dann erst ließ er – da es ihm an eigenem Antrieb dazu fehlte – seine Garderobe erneuern. Die Sachen, die es auf seiner Straßenseite nicht gab, besorgte sein Kammerdiener, so daß alle übrigen eine persönliche Note hatten und auch dadurch eine gewisse Weihe erhielten, daß in diesem Stadtteil die Nahrungsmittel und Tabakläden von Juwelieren und Antiquitätenhändlern umgeben sind. Was er für die Passanten dieses Trottoirs, Wesen von der gleichen Temperatur, mit denen er verkehren konnte, und fast lauter Stammpublikum übrigens, empfand, war das Bedürfnis, sie jeden Abend wieder zu finden, wieder zu sehen, eine Art Heimweh nach diesen ungekannten und doch täglich nahen Gesichtern, nach dieser vertrauten Fremdheit. Es war so etwas wie Liebe, und er konnte jeden Abend mit größerer Genauigkeit als das statistische Amt den Prozentsatz der Fremden unter ihnen, der in Paris neuangekommenen Fremden angeben, der Leute, die soeben aus Indianopolis oder aus Karachi eingetroffen waren und für welche sein Herz nicht schlug. Er hätte um nichts in der Welt auf diesen Spaziergang verzichtet, der ihm – von dem Gebäude an, wo er selbst mit Gold handelte, an einer Reihe blühender Geschäfte vorbei, die Apotheke eingeschlossen, bis zu ihrer aristokratischen Formel, durch einen richtigen Basar für Götter, auf dem einzigen Steig der Welt, auf dem alle Maharadschahs, alle Könige von Hedjas, alle Nachkommen Bernadottes in ihrem Leben unvorhergesehene Schleichwege einschlugen, ihre königlichen Spuren verwischten, jeder von ihnen bemüht, irgendeinen wütenden, sie persönlich verfolgenden Drachen zu täuschen, auf der ganzen Strecke nur ein einziger Bettler, welcher der reichste Arme von Paris war – der ihm durch den Abstand der Frauenröcke vom Boden, durch die Qualität des Rouge auf Frauenlippen die genaue Temperatur des Luxus und des Vermögens vermittelte. Doch heute abend stieg er verstimmt die Treppen seiner Bank hinab. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er sich über die Bewegung der Drachme getäuscht; er war darüber verdrossen. Das war so, als könnte Moïse, der die geringste Regung des prophetischen Venizelos stets erraten hatte, den Gedanken des Pangalos nicht erraten. Seine Auskünfte über Rußland waren sogar in ihm selbst widerspruchsvoll. Zu guter Letzt riet ihm sein Arzt, auf seine Milz achtzugeben. Nachdem er ihm zwanzig Jahre lang beigebracht hatte, sich mit der Leber in acht zu nehmen, wodurch seine ganze Empfindlichkeit nach rechts gewiesen, der Weltatlas nach dem System von Karlsbad und Vichy eingerichtet wurde, sollte jetzt plötzlich alles nach links umgeladen werden und die Bahnhöfe in den Ferien gar ihre Namen wechseln. Am schlimmsten, daß er links noch keine Schmerzen spürte, dafür dumpfer Druck und Ziehen die angeblich so gesunde rechte Seite fortgesetzt zu beunruhigen nicht aufhörten. Kurz, die letzten Nachrichten des jungen Jahrhunderts und sein alter Organismus stimmten heute mittelmäßig oder gar nicht überein ... Er hatte es übrigens vorher gewußt, daß es ein übler Tag werden würde. Sobald am Morgen der Abdruck der öligen Hand des Garageburschen auf der Rückwand des Autos, das er hinausbringen half, wie die Hand Fatmes zu sehen war, ging alles schief ... Doch grade an der Tür der Bank, als hätte die Vorsehung ihm beim Hinaustreten auf die Straße Verstärkung geschickt, ging mit jenem leichten Schritt, durch welchen uns die Trainer einnehmen, eine junge Frau an Moïse vorüber. Sie ging im selben Schritt wie Moïse, mit der gleichen Geschwindigkeit. Keine Möglichkeit, den Vorsprung von fünf Metern, die sie bereits voraus hatte, jemals einzuholen. Doch Moïse machte sich nichts daraus, er empfand in diesem Augenblick weniger den Wunsch, zu folgen, als überholt zu werden ... Der Anblick einer Antilope entlastet einen zuweilen glücklicherweise davon, als Mensch geschaffen zu sein. Das Wesen, das vor Moïse herschritt, war von den drei Sorgen, von denen er besessen wurde, dermaßen frei, daß es ihn fast erleichterte. Ebenso wie an ihr kein Schmuck zu sehen war, schien diese junge Frau durch nichts an Aktuelles gefesselt zu sein, durch keine griechische Politik, durch keine Milz. Es war angenehm, zu denken, daß in diesem reizenden Körper, an dem jeder Teil so fabelhaft symmetrisch war, allein das Herz eine ungewöhnliche, besondere Rolle hatte. Der Gedanke, diese Frau nicht mit dem zu versuchen, was ihr allenfalls Freude und Vergnügen machen sollte, etwa mit einem leckeren Mahl oder mit Sinnenlust, sondern mit etwas, das sie aus dem Gleichgewicht brächte, mit dem Herzen, um es kurz zu sagen: mit Liebe, mit Zuneigung, hätte sich jedem andern etwas mehr mit sich zufriedenen Manne, als es Moïse war, bestimmt aufgedrängt. Er aber begnügte sich damit, sie zu bewundern, denn sie zeigte auf diesem Weg, den sie vielleicht zum erstenmal zu dieser Stunde ging, Feinheiten, die zu erlangen Moïse Jahre gebraucht haben würde. Zeit und Blick, die sie jedem Laden widmete, waren so abgestuft, daß man meinen konnte, sie kenne genau das innerste Wesen seines Besitzers. Vor einem betrügerischen Antiquar beschleunigte sie den Schritt, verlangsamte ihn vor dem einzigen Parfümeriegeschäft, dessen Inhaber kein Chemiker war, und rächte Moïse allein durch den Rhythmus ihres Ganges für schlechtgewebte Krawatten und ein wenig übermalte Rubensbilder. Dank ihr gab sich Moïse heute auf seinem Spaziergang moralische Rechenschaft, wie zum letztenmal an einem Morgen, wenn man Selbstmord begeht, oder vor einem Erdbeben, das den Stadtteil zerstört; die Art seiner Beziehung zu den Juwelieren wurde ihm endlich ganz klar. Er glaubte jetzt genau unterscheiden zu können, für welchen unter ihnen er mehr als bloß ein Käufer war, ein Stammkunde, ein Freund, für welchen ein Bruder. Die gleiche Gemütsbewegung, die wir als Begleiter unserer ersten Geliebten für jene Denkmäler, mit denen sie in Berührung gekommen ist, für die Fontäne von St.-Sulpice oder den Eiffelturm empfanden, fühlte Moïse jetzt für die großen Geschäftsführer, für die Verkäuferinnen auf seiner täglichen Strecke, für die verschiedenen Zeitungsfrauen in den Kiosken, dank diesem Weib-Herold, der ihm, wer weiß, zu welcher ihm selbst noch geheimen Ankündigung oder Versteigerung voranschritt. Sie wurde übrigens von den Vorübergehenden viel angesehen, und die Distanz zwischen ihr und ihm war nicht groß genug, damit die Aufmerksamkeit, die sie erregte, durch Moïse nochmals in Bewegung geriete. Freunde sahen ihn nicht, der Türsteher vom Westminster grüßte ihn nicht. Man hätte sich kein lieblicheres Mittel vorstellen können, um unsichtbar zu bleiben. Im übrigen machte diese Frau keinen Augenblick den Eindruck, als sei sie allein; ihr linker Arm war freier, gelöster als der rechte, das Übergewicht lag mehr nach der Ladenseite als nach der Straße; kein Augenblick, daß sie nicht unwillkürlich, aus Gewohnheit vielleicht, den Platz zu ihrer Rechten für einen Gefährten freigehalten hätte. Moïse hielt sich nur mit Mühe auf der Straßenseite des Trottoirs, ein frauenleerer Raum bildete sich zu seiner Linken, und er fragte sich: Warum? Denn schon längere Zeit hatte ihn keine Gestalt dieses Geschlechtes angestoßen. Das Band, das ihn mit dieser jungen Frau verknüpfte, war derart unsichtbar, daß ein Mann ihr folgte, dann auf gleicher Höhe mit ihr blieb, indem er jenen unsichtbaren Hohlraum besetzte; was Moïse fluchen machte, weil er aus ihm ausgeschlossen war. Dem andern bereitete es offenbar ein Vergnügen, neben ihr herzugehen, mit ihr ein Paar zu bilden, das er nicht ohne Stolz den Vorübergehenden zeigte; doch übrigens bald von dem gleichmäßigen und langsamen Schritt viel mehr ermüdet und zurückgeworfen als durch einen Wettlauf, blieb er von ihr aus den gleichen metaphysischen und logischen Gründen getrennt, welche einst den im schnellsten Lauf dahinrasenden Achilles verhinderten, ein im Schritt gehendes junges Mädchen zu erreichen. Dann kam ein anderer, ebenso mittelmäßiger Läufer. Sie setzte ihren Weg, ohne von diesen falschen Ehen auch nur Notiz zu nehmen, in einer vorbildlichen Weise fort, an welcher man unter den Maschinen für die Fortbewegung, die in ihre Nähe kamen, Autos, Autobusse, Fahrräder, jene unterscheiden konnte, die wahrhaft menschlich waren; in einer vorbildlichen Haltung, die den Maßstab dafür bot, welche Denkmäler und Häuser auf menschlicher Höhe waren. Sie ging, ohne abzuweichen, auf Moïses Fährte voran, den diese göttliche Schleppfahrt mitzog, erreichte sogar durch die gleiche Furt wie er den Platz Beauvau, ging die Mauer des Elysée-Palastes...




