Gladstone | Drei Viertel tot - Ein Roman der Kunstwirker-Chronik | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Die Kunstwirker-Chronik

Gladstone Drei Viertel tot - Ein Roman der Kunstwirker-Chronik


Neuauflage 2021
ISBN: 978-3-7367-9852-6
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Die Kunstwirker-Chronik

ISBN: 978-3-7367-9852-6
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Götterkriege sind vorüber - und das ist, was uns bleibt. Ein Gott ist gestorben, und nun muss ihn Tara, frischgebackene Mitarbeiterin der Kunstwirkerfirma Kelethres, Albrecht und Ao, wieder zum Leben erwecken, bevor seine Stadt untergeht. Ihr Klient ist kein geringerer als Kos persönlich, der kürzlich verstorbene Feuergott der Stadt Alt Coulumb. Ohne ihn würden die Dampfgeneratoren der Metropole ausfallen, die Züge nicht mehr fahren und die vier Millionen Bürger beginnen zu randalieren. Taras muss Kos wieder auferstehen lassen, bevor das Chaos ausbricht. Ihre einzige Hilfe ist Abelard, ein kettenrauchender Priester des toten Gottes, der verständlicherweise gerade mitten in einer Glaubenskrise steckt. Als Tara und Abelard entdecken, dass Kos ermordet wurde, begeben sie sich auf eine brandgefährliche Suche nach der Wahrheit, die alles und jeden in tödliche Gefahr bringt. Cyberpunk-Fantasy im allerbesten Sinne!

Max Gladstone: Ich habe mit der Kunstwirker-Chronik eine Saga erschaffen, die in einer postindustriellen (und Nachkriegs-) Fantasywelt spielt, wo schwarze Magie ein Riesengeschäft ist, Zauberer Nadelstreifenanzüge tragen, nekromantische Prozeduren an toten Göttern durchgeführt werden und der alltägliche Handel darauf beruht, dass Menschen Teile ihrer Seelen für Waren und Dienstleistungen eintauschen. Die Kunstwirker-Chronik-Romane sind sowohl juristische Thriller über den Glauben als auch religiöse Thriller über Justiz und Finanzen. Außerdem gibt es Polizeikräfte mit verbundenem Bewusstsein, dichtende Wasserspeier, gehirnwaschende Golems, Alptraumtelegrafen, überraschend sympathische Dämonen, weltzerstörende Magie, Umweltzerstörung und das tiefste und dunkelste Übel von allen: BAFÖG. Also, im Grunde alles wie im richtigen Leben!
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2

Schiefer erlangte bald nach Sonnenaufgang seine Sinne wieder und entdeckte zu seiner Bestürzung, dass er blutüberströmt durch eine Hintergasse flüchtete. Die klebrige rote Flüssigkeit war überall – sie durchtränkte seine Kleidung und trocknete in seinem Haar. Sie tropfte von seiner Stirn und rollte seine Wange hinunter in seinen Mund. Am schlimmsten war, dass sie gut schmeckte.

Das Blut war nicht sein unmittelbarstes Problem. Als er einen Blick über seine Schulter warf, sah er, dass er von vier schwarzen Schatten verfolgt wurde, deren menschliche Gestalt die groben Umrisse einer Höhlenmalerei besaßen.

Schwarzanzüge. Agenten der Justiz. Die perfekte Polizei: Bürger wie du und ich geben ihre Autonomie für eine Schicht pro Tag gegen ein Gehalt auf. Man zieht einen Anzug an, und schon ist der Geist in das komplexe Netz der Justiz eingeschweißt, die überall nach Kriminellen und Feinden der Stadt sucht. Die Justiz patrouilliert auf den Straßen und bewacht die Bevölkerung. Die Justiz ist blind, aber sie sieht alles.

Die Justiz verfolgte ihn, unerbittlich und unermüdlich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er ins Straucheln geriet.

Göttin im Himmel, er war blutüberströmt. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war, wie er an der Fassade eines hohen Gebäudes an unbeweglichen geprägten Bildern von Gargoyles vorbei in Richtung eines Dachgartens kletterte, um sich mit Richter Cabot, dem großen dicken Mann, zu treffen.

Eine weitere Erinnerung dämmerte in dem durch Wut getönten Nebel: Cabots Gesicht, vor Schmerz verzerrt, schreiend. Blutend. Feuer rollte heran und verschlang Schiefer, das Bewusstsein verließ ihn – und hier hatte er seine Augen geöffnet.

Wenn die Schwarzanzüge hinter ihm her waren – die allwissende Justiz fragte sich zweifellos, wie dieser scheinbar normale Mensch ihren Agenten entrinnen konnte, indem er sich in vollem Lauf in Seitengassen duckte und sich zwischen Hindernissen hindurchschlängelte, dort über einen Mülleimer sprang und hier einen Maschendrahtzaun mit zwei gewaltigen Klimmzügen überwand –, wenn die Schwarzanzüge hinter ihm her waren … War es möglich, dass er den Verstand verloren hatte? Sicher. Möglich. Falls man ihn hintergangen hatte.

Hatte er Cabot getötet?

Sein Verstand schreckte vor dieser Aussicht zurück, aber er konnte nicht leugnen, dass ein winziger Teil von ihm beim Gedanken an seinen Tod in Aufregung geriet. Ein winziger, verzweifelter, hungriger Teil.

Scheiße!

Seine Leute, sein Schwarm, wüsste, was zu tun wäre, aber sie waren versteckt, und wenn er sie suchte, würden die Schwarzanzüge ihm folgen.

Er brauchte einen Zufluchtsort, den letzten Ort, an dem sie suchen würden.

Zunächst musste er sich der Verfolgung entziehen. Da die Sterne untergingen und der Mond in der Hölle verborgen war, war eine Verwandlung schwer, aber er hatte keine andere Möglichkeit. Sein Herz schlug schneller, seine Nasenlöcher weiteten sich. Er taumelte vorwärts, stolperte, stürzte fast mit dem Gesicht auf das Kopfsteinpflaster. Gerüche und Geräusche strömten auf ihn ein und überwältigten ihn: Jauche und Gassenschmutz und der würzige Geruch von frisch gebackenem Teig von einem Frühstücksstand am Straßenrand, das Klappern der Kutschenräder und das Klirren des Geschirrs und das Stampfen der Füße der Schwarzanzüge. Süße, übersinnliche Kraft zerdrückte seinen Geist und ließ seine Muskeln zu Brei werden.

Und verwandelte diesen Brei in lebendigen Felsen.

Die Knochen seiner Schultern brachen, verzogen sich und wurden wieder ganz. Flügel aus Stein brachen aus seinem glatten Granitrücken hervor und fächerten auf, um die Luft zu schmecken. Sein Kieferknochen schwoll an, um scharfe, gebogene Zähne zu verankern. Zerbrechliche, fleischige menschliche Hände und Füße spalteten und öffneten sich wie Baumknospen im Frühling und seine großen Krallen blühten von innen hervor.

Die Welt verlangsamte sich.

Er bewegte sich mit großen Sätzen schneller vorwärts, als die Schwarzanzüge folgen konnten – mal auf zwei Beinen, mal auf vier, und sprang von Wand zu Wand, wobei die Krallen tiefe Rillen im Stein hinterließen. Er hatte nicht mehr viel Kraft, aber süße Mutter, er konnte rennen. Er konnte fliegen.

Er war erneut unterwegs zum Penthouse von Al Cabot.

Hinter ihm blieben die vier Schwarzanzüge stehen, ihre unheimlich fließenden Bewegungen verwandelten sich im Nu in die tote Reglosigkeit von Statuen. Sie wandten sich mit glatten, augenlosen Gesichtern einander zu, und wenn sie sich auf eine Weise verständigten, die Menschen nicht hören konnten, war das von außen nicht zu erkennen.

*

»Chefin«, fragte Tara, als sie aufwachte und unter sich ein wogendes Gebiet aus Blau und Grün sah, »warum sind wir über dem Meer?«

Miss Kevarian saß im Schneidersitz mitten in der Luft, ihre Handrücken ruhten auf den Oberschenkeln wie ein meditierender Mönch im Nadelstreifenanzug. Eine Korona aus Sternenfeuer haftete ihrer Haut an und wurde von ihrem Willen in die Plattform gewoben, die sie beide in der Höhe hielt. Die Blitze und stürmischen Winde, mit deren Hilfe sie sie über einen Kontinent hinweg geweht hatte, waren verschwunden. Die Luft war klar und frisch, der Himmel im hellen Violett der nahenden Morgendämmerung gefärbt. Wolken zogen am Horizont auf.

»Was meinen Sie, was der Grund dafür ist?«, antwortete Miss Kevarian.

Tara öffnete ihren Mund, um zu antworten, schloss ihn wieder und sagte dann: »Das ist ein Test.«

»Natürlich ist es ein Test. Vernünftige Leute beantworten Fragen nicht mit weiteren Fragen. Ich weiß anhand Ihrer Leistungen in den Verborgenen Schulen, dass ich mit Ihnen zusammenarbeiten möchte, aber ich habe Ihre logischen Fähigkeiten nicht aus erster Hand gesehen. Ich weiß nicht, ob ich Sie als Assistentin oder als Geschäftspartnerin behandeln soll. Zeigen Sie es mir.«

Eine Möwe flog unter ihnen hindurch, während Tara nachdachte. Der Vogel sah hoch, krächzte erstaunt und ging in einen Sturzflug in Richtung Wasser über.

»Es gibt nur eine Antwort, die einen Sinn ergibt«, sagte Tara schließlich, »aber eine Tatsache passt nicht dazu.«

Miss Kevarian nickte. »Fahren Sie fort.«

»Wir fliegen nicht zu einem anderen Kontinent. Oder auf eine Insel. Den Büchern nach zu urteilen, die ich mir von Ihnen ausleihen durfte, wurden wir für einen umfangreicheren Fall herangezogen, als Sie ihn in irgendeinem Zufluchtsort der Götter im Skeld-Archipel erhalten würden. Definitiv auf unserer Seite des Ozeans – die Neue Welt, befreites Territorium. Erst reisten wir nach Osten, und jetzt fliegen wir nach Westen, das heißt, wir konnten nicht einfach an unserem Ziel landen. Wir mussten vorbeifliegen und dann wenden. Wir müssen an einen Ort unterwegs sein, an dem das Fliegen eingeschränkt ist. Mit anderen Worten, eine Stadt, die immer noch von Göttern regiert wird. Aber …«

»Ja?«

»Wenn wir nach Alt Coulumb fliegen, warum kann ich es nicht von hier aus spüren?«

Miss Kevarian wartete und beobachtete den westlichen Horizont ungerührt mit schwarzen Augen. Unten, inmitten der Dünung und Brandung, sah Tara riesige Schiffe, die aus dieser Höhe wie winziges Spielzeug wirkten. Bei einigen blähten sich die Segel im Wind, andere spuckten dicke Rauchschwaden aus. Rot-schwarze Rümpfe aus Eisenholz schimmerten von den Schutzzaubern, die fleißige Kunstwirkende angefertigt hatten. Dies waren keine verwahrlosten Handelsschiffe, die mit Billigware beladen waren. An dieser Küste der Neuen Welt konnte nur Alt Coulumb eine solche Flotte anlocken. Zwei Drittel aller Frachten, die aus der Alten Welt über den Östlichen Ozean verschifft wurden, liefen durch den mächtigen Hafen dieser Stadt, von Iskar und Camlaan und dem Glutofen Gleb, aus dem reglementierten Reich von König Uhrwerk und der eisigen Einöde, die sich vor Koschei dem Grauenvollen verneigte. Tausende von Karawanen und Händlern kauften der Reihe nach die Schiffswaren en gros und trugen sie nach Westen, flussaufwärts und über die Straße bis in die freien Städte von Nordkath.

»Alles andere leuchtet ein.« Tara betrachtete mit zusammengekniffenen Augen den Streifen Land, der jenseits des Ozeans unter den hohen, bedrohlichen Wolken sichtbar war, konnte aber aus dieser Entfernung keine Details erkennen. Nur ein paar scharfe Spitzen, die zu Wolkenkratzern gehören mochten, das war alles. »Die Verteidigungsanlagen im Westen, Süden und Norden von Alt Coulumb sind stark genug, um uns fernzuhalten. Sie sind jedoch eine Handels- und Schifffahrtsmacht, deshalb müssen ihre Häfen offen sein. Aber wenn das die Heimat von Kos dem Ewigbrennenden ist, die letzte göttliche Stadt in der Neuen Welt, sollte ich etwas spüren können, aber ich ziehe eine Niete. Kein Seelenstoff, kein Sternenglanz, kein Glaube, keine Aura. Als ob der ganze Ort tot wäre.«

Miss Kevarian nickte. Tara hielt den Atem an. War das Nicken ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? »Vielleicht brauchen Sie einen anderen Fokus, Miss Abernathy. Schließen Sie Ihre Augen und warten Sie.«

Das tat sie. Die Welt war schwarz und ihre unendliche Weite wurde nur durch Elayne Kevarians Silhouette unterbrochen, die ein funkelndes Muster aus Blitzen war, dessen Facetten alle ihr Ganzes widerspiegelten. So etwas hatte Tara erwartet. Mit geschlossenen Augen konnte eine Kunstwirkerin hinter und unter die Welt der groben Materie sehen. Miss Kevarians Muster war jedoch verwischt, als ob Leere über seine Ränder hereinbrach.

Dann bewegte sich die Leere, und Tara erkannte, dass sie überhaupt nicht leer war,...



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