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Gladstone | Vier Wege kreuzen - Ein Roman der Kunstwirker-Chronik | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 524 Seiten

Reihe: Die Kunstwirker-Chronik

Gladstone Vier Wege kreuzen - Ein Roman der Kunstwirker-Chronik


Neuauflage 2023
ISBN: 978-3-7569-9982-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 524 Seiten

Reihe: Die Kunstwirker-Chronik

ISBN: 978-3-7569-9982-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Teil 5 des ungewöhnlichen Genremixes von Ausnahmeautor Max Gladstone. Die so ungewöhnliche wie großartige Stadt Alt Coulumb steckt in einer echten Glaubenskrise. Die längst für tot gehaltene Mondgöttin Seril ist zurück - und die Menschen in Alt Coulumb sind nicht besonders glücklich über diese göttliche Wiederkehr.

Max Gladstone: Ich habe mit der Kunstwirker-Chronik eine Saga erschaffen, die in einer postindustriellen (und Nachkriegs-) Fantasywelt spielt, wo schwarze Magie ein Riesengeschäft ist, Zauberer Nadelstreifenanzüge tragen, nekromantische Prozeduren an toten Göttern durchgeführt werden und der alltägliche Handel darauf beruht, dass Menschen Teile ihrer Seelen für Waren und Dienstleistungen eintauschen. Die Kunstwirker-Chronik-Romane sind sowohl juristische Thriller über den Glauben als auch religiöse Thriller über Justiz und Finanzen. Außerdem gibt es Polizeikräfte mit verbundenem Bewusstsein, dichtende Wasserspeier, gehirnwaschende Golems, Alptraumtelegrafen, überraschend sympathische Dämonen, weltzerstörende Magie, Umweltzerstörung und das tiefste und dunkelste Übel von allen: BAFÖG. Also, im Grunde alles wie im richtigen Leben!
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1

Tara Abernathys erste Aufgabe als Syndikusanwältin der Kirche von Kos war es, eine Leiche zu verstecken.

Ein Schwarzanzug führte sie eine Wendeltreppe hinunter in einen fensterlosen Steinraum, der bis auf einen stabilen Tisch, einen Tresen, ein Waschbecken und die Leiche von Alexander Denovo leer war.

Ihr alter Lehrer und Peiniger sah so aus, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte – zumindest körperlich. Selbst im Tod behielten seine Lippen ihr selbstgefälliges Grinsen bei. Die Augen hatten jedoch ihren triumphalen Glanz verloren. Der Glanz des Eroberers, der immer hinter den Augen des tölpelhaften Professors hervorgelugt hatte. Er trug etwas, das an seine übliche Garderobe angelehnt war: Tweedjacke mit Ellbogenaufnähern, rote Hosenträger, braune Schuhe. Natürlich hatte man ihm im Gefängnis nicht erlaubt, seine eigene Kleidung zu behalten. Immerhin konnte die Jacke eines Kunstwirkers alles verbergen.

Er war tot.

»Haben Sie ihn getötet?«, fragte sie den Schwarzanzug. »War es die Justiz?«

Die polierte Silberstatue antwortete: Nein. Die vertrauten Stimmen der Schwarzanzüge, die nicht durch die Luft drangen, sondern sich im Kopf manifestierten und sich aus Schreien, verzerrten Cellotönen und zerbrechendem Glas zusammensetzten, sorgten weder für Verachtung noch für Wohlbefinden ihnen gegenüber. Er starb in seiner Zelle an einem Herzinfarkt.

Schwarzanzüge logen nicht, zumindest nicht in ihrer offiziellen Eigenschaft als Vertreter der Justiz. Sie mordeten auch nicht. Sie zogen es vor, zu exekutieren.

Tara ging langsam im Kreis um die Leiche herum. Die Zeichen waren stimmig. Das war logisch, unabhängig von Denovos wahrer Todesursache. Niemand, der sich die Mühe gemacht hatte, in die Zelle einzubrechen, in der die Schwarzanzüge den Mann gefangen hielten, ihn zu töten und unerkannt zu entkommen, würde Anzeichen dafür hinterlassen, dass er an etwas anderem als einem natürlichen Tod gestorben war.

»Er ist ein Kunstwirker«, sagte Tara, um sowohl sich selbst als auch den Schwarzanzug daran zu erinnern. »Er hat Götter ermordet. Er hat den Willen von Hunderten in seinen Dienst gestellt und diese Stadt beinahe zerstört. Zur Hölle, er wäre fast selbst ein Gott geworden. So würde er nicht sterben.«

Nichtsdestotrotz.

»Ich werde ihn nicht für euch zurückbringen«, sagte sie.

Das haben wir auch nicht erwartet. Das Gegenteil ist der Fall.

»Sie wollen, dass ich dafür sorge, dass er tot bleibt.«

Der Schwarzanzug nickte.

Tara ließ erst ihren Hals und dann ihre Fingerknöchel knacken. »In Ordnung. Dann fangen wir mal an.«

Das Problem war simpel, zumindest soweit es die nekromantische Logik der Kunstwirkerei betraf. Hundertfünfzig Jahre zuvor, als die ersten Todlosen Könige eine Gesellschaft ohne göttliche Einmischung – und übrigens auch ohne Sterblichkeit – gründeten, standen sie vor einem praktischen Problem: Wie kann man antisoziales Verhalten unter ehemals menschlichen Wesen verhindern, für die lebenslange Haft eine kurze Unannehmlichkeit, wenn nicht gar eine unbestimmte Zeitspanne bedeutet, und die Todesstrafe lediglich einen Klaps auf die Hand? Wie hält man eine Nekromantin, die durch Tausende von Schulden an die Welt gebunden ist, davon ab, wieder aus ihrem Grab zu steigen?

Die Antworten reichten von grotesk bis einfach unmenschlich, aber alle hatten eine gemeinsame theoretische Grundlage: Man lässt die Toten nicht davonkommen.

Tara legte ihre Handtasche auf den Tresen und holte eine Retorte, ein Stück Silberkreide, drei Gasbrenner, mehrere große Gläser und zwei Silberarmbänder daraus hervor. Sie schüttelte ihre Jacke ab, krempelte die Ärmel hoch, legte die Armbänder an und schlug sie gegeneinander. Sie sprühten Funken. Glitschiges schwarzes Öl rann von ihnen hinunter und bedeckte ihre Hände. Die Glyphen, die in ihre Unterarme eingearbeitet waren, leuchteten silbern auf ihrer dunklen Haut. Sie zog ihr Arbeitsmesser aus der Glyphe über ihrem Herzen, und seine Klinge aus Mondlicht warf ein seltsames Leuchten in die Ecken des steinernen Raums.

Denovo lag vor ihr.

Sie holte tiefer Luft, als sie zugeben wollte, und berührte die kalte, trockene Haut seiner Schläfe.

»Hallo«, sagte die Leiche.

Miss Abernathy?

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Tara zu dem Schwarzanzug. Sie zwang ihr Herz wieder zu einem langsamen und angemessenen Rhythmus. »Er ist tot, aber seinem Körper wohnt immer noch Kraft inne. Diese Kraft kann«, sie suchte nach Begriffen, die der Schwarzanzug verstehen würde, »auf meine Erinnerungen an ihn einwirken. Die Handschuhe halten das meiste davon ab, aber er war stark. Ich komme schon zurecht.« Sie schärfte ihr Messer, griff nach seinem Kragen und schnitt ihm die Kleidung vom Leib.

»Zurechtkommen«, sagte der Leichnam ironisch. »Sie werden zurechtkommen, Tara, wirklich? Zurechtkommen in dieser gottverlassenen Stadt, wo Sie für eine verrückte Göttin und einen zweideutigen Gott schuften, der einem Kunstwirker nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen kann?«

Auf den Spott eines Phantoms zu antworten war schlechter Stil, aber sie wurde hier nicht benotet. »Kos der Ewigbrennende ist ein guter Gott. Er hat sich aus den Kriegen herausgehalten. Er brauchte schon lange eine eigene Kunstwirkerin. Und Seril ist nicht mehr zornig.«

Miss Abernathy?

»Sie können draußen warten«, sagte sie zu dem Schwarzanzug, »wenn Ihnen das lieber ist. Das hier wird eine Weile dauern, und Sie machen mich nervös, wenn Sie nur da rumstehen.«

Die Statue floss aus der Tür, schloss sie und ließ Tara mit der Leiche allein.

Sie zog ihm die Schuhe aus, einen nach dem anderen, und schnitt ihm die Hose ab. Er lag nackt auf der Platte, korpulent und blass.

»Was für ein Service«, sagte der Leichnam. »Ich sollte öfter hierherkommen.«

»Sie sind ein Arschloch«, sagte sie ohne Groll. Welcher Groll könnte in einer Tatsachenfeststellung stecken? Sie setzte sich eine chirurgische Maske auf und kehrte mit einem Glasgefäß, einem Gummischlauch und einer silbernen Nadel zum Tisch zurück. Die Nadel schob sie in seinen Arm, und das Glasgefäß saugte ihm Blut ab – drei Liter. Glücklicherweise war das Glas, genau wie ihre Handtasche, größer, als es von außen aussah. »Das waren Sie schon immer.«

»Ich habe Ihnen geholfen, Tara, wie ich allen meinen Schülern geholfen habe. Ich habe Sie zu einem Teil von etwas Größerem gemacht: einer Gemeinschaft, die sich dem Streben nach Wissen, der Förderung der Kunstwirkerei, der Rettung und Erhöhung der Rasse verschrieben hat.«

»Sie haben Gedankengut gestohlen. Sie haben versucht, mich zu brechen, und als ich mich wehrte, wollten Sie meine Karriere zerstören.« Das Ausblutungsgefäß wirkte schnell; seine Haut straffte sich, als seine Venen kollabierten. »Als das nicht funktionierte, sind Sie mir nach Alt Coulumb gefolgt, und jetzt sind Sie tot und ich nicht.« Sie zog die Haut unter dem V seines Schlüsselbeins straff, schnitt eine gerade Linie zu seiner Leiste hinunter und schälte seine Brust zurück. Muskel- und Fettpakete glitzerten, und sie schnitt in diese hinein, bis sie den Knochen freilegte. »Damit ist wohl die Frage geklärt, wessen Methoden besser funktionieren.«

Ein gespenstisch vertrautes Lachen antwortete ihr. »Ich bitte Sie. Sie hatten zwei Götter, Elayne Kevarian und ein Heer von Gargoyles und Schwarzanzügen auf Ihrer Seite. Ihr habt mich nicht besiegt, sondern wart einfach nur in der Überzahl. Aber bei dem, was kommt, können Sie nicht in der Überzahl sein.«

Sie presste ihre Lippen aufeinander und zerlegte seine Beine. Silberne Glyphenlinien funkelten um Schien- und Oberschenkelknochen; seine Kniescheibe trug einen Stern mit sechs, nein, sieben, nein, sechs Zacken. Während sie seine Knochen säuberte, schnitzte sie sich durch Kunstwirkersiegel, versteckte Mechanismen und Maschinen. In seinem linken Oberschenkel fand sie eine mit Narbengewebe umwachsene Kugel.

»Ich wollte den Gott von Alt Coulumb töten und seinen Platz einnehmen«, sagte er. »Es war ein Schuss ins Blaue, aber stellen Sie sich nur die Vorzüge vor, wenn ich gewonnen hätte.«

»Das möchte ich lieber nicht.« Leichenfleisch schmatzte unter ihren behandschuhten Händen. Das Blut klebte nicht an ihren Schattenhandschuhen.

»Aber jetzt – haben Sie eine Ahnung, wie schwach Ihre Position ist? Ihre Mondgöttin Seril ist zurückgekehrt, natürlich im Geheimen, denn die halbe Stadt hasst sie immer noch. Sie hassen sie seit Jahrzehnten, seit sie sie im Stich gelassen hat, um in den Kriegen zu kämpfen und zu sterben. Dass sie zurück ist und sich versteckt, ändert nichts daran. Kos wird sie bis in den Tod verteidigen – sie ist also eine Schwachstelle, ein reines Druckmittel, das Ihre Feinde ausnutzen können. Hunderte von Kunstwirkenden empfinden die bloße Existenz einer göttlichen Stadt in der Neuen Welt als Affront. Sie haben eine Schwachstelle für sie geschaffen. Wenn sie erfahren, dass Seril wieder da ist, werden sie Sie holen kommen. Sie sind nicht so schlau wie ich und auch nicht halb so ehrgeizig. Sie werden nicht hinterm Berg halten, wie ich es getan habe. Sie werden Ihre Götter töten, und Ihre Freunde. Sie werden sie in Stücke reißen. Sie werden diese Stadt besetzen und sie wieder in eine glänzende Zitadelle der Kunstwirkerei und des Handels verwandeln. Keine Ausrufer mehr – stattdessen Zeitungen an jeder Ecke und Zombies auf dem Markt. Sie werden weinen, wenn Sie das erleben. Sie werden sich wünschen, Sie hätten sich...



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