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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 33, 256 Seiten

Reihe: Köln-Krimi

Glaser Eisbombe


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-320-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 33, 256 Seiten

Reihe: Köln-Krimi

ISBN: 978-3-86358-320-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Arîn Kalay, Katharinas kurdische Auszubildende, gerät unter Mordverdacht, als es bei einer Kochprüfung in der Berufsschule einen Toten gibt. Im Altenheim gegenüber von Katharinas Restaurant 'Weiße Lilie' wird eine in Beton gegossene Leiche entdeckt. - Zwei Mordfälle, die weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick etwas miteinander zu tun haben, bringen den Alltag in der 'Weißen Lilie' gründlich durcheinander, und Katharina sieht sich gezwungen, ihre feine Kochnase erneut als Spürnase einzusetzen. Als sie endlich herausfindet, was die beiden Morde miteinander verbindet, weiß sie nicht, ob es für Arîn nicht schon zu spät ist. Ein neuer Fall für Spitzenköchin Katharina Schweitzer: würzige Krimikost, kulinarisch angereichert und sinnlich garniert.

Brigitte Glaser, geboren 1955 in Offenburg, wuchs im Badischen auf. Sie studierte in Freiburg Pädagogik und wechselte danach nach Köln, wo sie heute lebt. Sie arbeitet schwerpunktmäßig im Medienbereich. Seit 2001 erscheint ihre Krimiserie 'Tatort Veedel' im Kölner Stadt-Anzeiger.
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EINS

Es ist nicht das Chaos in der Welt, es sind die kleinen Irritationen des Alltags, die uns aus dem Gleichgewicht bringen. Das nächtliche Telefonklingeln, der verlegte Bleistift, die Taubenkacke auf dem Jackenärmel, die unpünktliche Bahn, die angebrannten Zwiebeln. Mich warf an diesem Frühlingsmorgen ein türkisches Kopftuch aus der Bahn.

Nicht dass ein türkisches Kopftuch in dieser Gegend eine Seltenheit wäre! Kopftuchtragende Frauen prägen die Keupstraße seit Jahren genauso wie Orient-Pop und der Duft von Döner und Lahmacun. Teresa an meiner Seite, die diese Straße zum ersten Mal sah, zählte auf, dass es hier fünf Bäckereien, drei Elektrogeschäfte, fünf Juweliere, drei Reisebüros, zwei Patisserien, zwei große Restaurants, fünf Döner-Buden und sechs kleine Cafés, aber kein einziges Blumengeschäft gab.

»Merkwürdig, findest du nicht?«, fragte sie. »Ob die keine Osterglocken auf den Wohnzimmertisch stellen? Oder mögen die Leut im heißen Orient Blumen aus Plastik eher als frische?«

Während Teresa laut über die Beziehung zwischen Türken und Schnittblumen nachdachte, versuchte ich, so gemächlich wie bisher weiterzuschlendern. Auf der anderen Straßenseite verabschiedete sich das Mädchen mit dem Kopftuch von Cengiz Özal, indem sie seine Hand nahm und diese kurz an Mund und Stirn führte, so wie es Türken tun, die ihrem Gegenüber Ehre erweisen. Dann lief sie schnell in Richtung Holweider Straße. Sie hatte mich nicht gesehen. Auch Cengiz Özal, der noch vor seinem Schlüsseldienst stehen blieb, bemerkte mich nicht. Er grüßte zwei ältere, Gebetsketten schaukelnde Männer mit einem freundlichen »Merherba« und winkte lachend Helmut Haller zu, dem Leiter des Altenheims, der mit seinem Rennrad durch die Keupstraße zur Arbeit sauste.

Am Clevischen Ring bremste quietschend die Linie vier. Ein Schwarm Schüler flog aus der Bahn, verteilte sich schubsend und lärmend in alle Richtungen. Die Nachhut bildeten zwei völlig verschleierte Frauen, die in der Gegend häufiger zu sehen sind als anderswo in Köln. Umgeben von hupenden Autofahrern überquerten Teresa und ich die verstopfte Kreuzung.

»Ich hab in meinem Blumenladen keinen einzigen türkischen Kunden«, fuhr Teresa fort. »Gut, ‘s gibt halt bei uns im Schwarzwald nicht so viele Türken wie hier, eher Russen und Albaner. Aber im Supermarkt oder im Elektrogeschäft trifft man schon welche, nur Blumen kauft halt keiner …«

Die Äste der Lindenbäume auf dem Spielplatz waren prall gefüllt mit zartgrünen Blatttrieben, noch eine Woche mildes Frühlingswetter, und sie würden im frischen Blätterkleid dastehen. Drei kleine Fußballer, die gern auf dem Platz vor dem Altenheim kickten, überholten uns lachend und fingen schon an, nach dem Ball zu treten, obwohl auf diesem Stück Straße noch reger Verkehr herrschte.

Woher kannte das Mädchen mit dem Kopftuch Cengiz Özal? Musste sie ihrer Familie einen Gefallen tun? Die Kalays waren Kurden, im türkisch-syrischen Grenzgebiet beheimatet, und wenn ich die Andeutungen des Mädchens richtig verstanden hatte, waren mehrere Familienangehörige Mitglieder der PKK und etliche von ihnen immer wieder in Auseinandersetzungen mit türkischen Militärs und in Schmuggelgeschäfte verstrickt.

»Hier ist es also!«, unterbrach Teresa meine Gedanken und betrachtete wohlwollend die frisch geweißte Fassade der Weißen Lilie. »Du solltest eine Klematis an der Seite hochziehen und sie an dem schmiedeeisernen Balkon herunterranken lassen. Auf den Fensterbänken Rosmarinbüsche in Zinkkästen, und im Sommer könntest du Kapuzinerkresse pflanzen! – Oh, und das Haus nebenan ist bestimmt noch mal hundert Jahre älter! Hier müssen wohlhabende Leute wohnen!«

Ich nickte. Arbeitsame Protestanten hatten Mülheim einst groß und reich gemacht, Protestanten, die man im erzkatholischen Köln auf der linken Rheinseite nicht haben wollte, erzählte mir mein Nachbar, Herr Maus, immer wieder, wenn ich ihn zufällig auf der Straße traf. Jedes Mal musste ich mir eine neue Ausrede einfallen lassen, um nicht einem stundenlangen Vortrag über die Mülheimer Geschichte zuhören zu müssen.

»Was hältst du von einem Kaffee?«, fragte ich.

Teresa nickte, und ich schloss die Tür auf. Kalter Tabakgestank lag in der Luft, und ich öffnete die Fenster, während Teresa mit ihren schrundigen Gärtnerinnen-Händen über meinen alten lackierten Eichentisch fuhr. Wieder fing sie an zu zählen, diesmal die Stühle. Genau sechsunddreißig passten um die Tafel, bei mir mussten alle Gäste an einem einzigen Tisch miteinander essen. Anfangs schien mein Konzept mit dem gemeinsamen Mahl nicht aufzugehen, und mich plagten große finanzielle Probleme. Aber eine unverhoffte Geldspritze und eine positive Kritik im Gault Millau pushten mich aus der Talsohle.

Meine Freundin aus Kindertagen lugte durch die breite Glasfront in die Küche, und ich warf die Kaffeemaschine hinter dem kleinen Tresen rechts davon an. Während Teresas Blick über die blank gewienerten Töpfe und die Batterie von Schöpfkellen, Schneebesen und Sieben glitt, sah ich auf die Uhr. In dreißig Minuten würde Arîn kommen, nicht mehr viel Zeit, um mit Teresa zu reden.

»Kaffee ist fertig«, sagte ich und balancierte zwei große Tassen Milchkaffee zu einer Ecke des Tisches.

Teresa kühlte durch ruhiges, kreisendes Rühren die heiße Flüssigkeit. Sie trug immer noch diesen kessen Kurzhaarschnitt, der die Mädchenhaftigkeit ihres Gesichts unterstrich, aber der Tod ihres Mannes hatte zwei tiefe Falten in ihre Wangen gemeißelt. Drei Jahre war das jetzt her …

»Zum Vierzigsten wünsch ich mir ein großes Fest«, sagte sie. »Lange hab ich überhaupt keine Leut ertragen können, aber jetzt ist es so weit. Ich hoff natürlich, dass du kommen kannst!«

»Ist noch ein bisschen Zeit, oder?«

Wir wurden tatsächlich schon vierzig! Teresa im August und ich in zwei Wochen, am 23.April. Bisher hatte ich alle Gedanken an diesen runden Geburtstag weggewischt. Am liebsten wäre mir, ich könnte am 24.April aufwachen und feststellen, dass ich meinen Geburtstag vergessen hatte. Vierzig! Die Hälfte des Lebens. Rückblick und Ausblick. Das pure Grauen. Keinen Mann an meiner Seite, dafür mit alltäglichen Sorgen verheiratet.

Teresa rührte weiter in ihrem Kaffee und fragte plötzlich, ohne den Kopf zu heben: »Warum hast du mir damals nicht erzählt, dass Konrad eine Affäre hatte?«

Deshalb also war sie nach Köln gekommen! Sie wollte weiter in der Vergangenheit wühlen. – Ich zog scharf die Luft ein und spulte in meinem Kopf die Möglichkeiten durch, wie sie es erfahren hatte. »Konrad war tot«, sagte ich.

Als sie den Kopf hob, sah ich ein zorniges Blitzen in ihren Augen.

»Wer hat es dir erzählt?«, fragte ich.

Ihre Augen wanderten zu der antiken Anrichte, auf der die Aperitifs und Digestifs standen. Die bunten Schnapsflaschen von Anna Galli wirkten zwischen den anderen schlichten eleganten Flaschen wie bunte Paradiesvögel. Anna selbst also, dachte ich. Anna hatte Teresa von ihrer Affäre mit Konrad erzählt! Warum? Plagte sie im Nachhinein das schlechte Gewissen?

»Was hätte es dir gebracht, wenn du es gewusst hättest?«, fragte ich.

»Ja, was wohl?«, Teresas Stimme war immer noch voller Zorn. »Ich habe dir doch erzählt, wie fremd er mir im letzten Jahr geworden ist. Glaubst du nicht, es hätte mir geholfen, wenn ich’s gewusst hätte? – Bestimmt wär ich schneller über seinen Tod hinweggekommen!«

Ich sah sie vor mir, wie sie sich in ihrem Schmerz verbarrikadiert hatte, wie sie nicht aus dem Haus ging, keinen mehr an sich heranließ. »Du warst völlig fertig«, sagte ich.

»Als meine Freundin hättest du mir die Wahrheit sagen müssen!«

Ich verfluchte Anna Galli und ihr schlechtes Gewissen! Die Wahrheit über Konrads Gefühle würde Teresa niemals mehr herausfinden! Ob es für ihn das Strohfeuer einer erotischen Leidenschaft oder der Beginn einer neuen Liebe gewesen war, machte schließlich einen gewaltigen Unterschied in der Beurteilung einer solchen Affäre aus. Die Antwort auf diese Frage hatte er mit ins Grab genommen.

»Es gibt Dinge, die bleiben besser ungesagt«, sagte ich. »Weil sie gesagt mehr Unheil anrichten, als wenn sie verschwiegen werden.«

»Es ist Verrat, Katharina! Du hast unsere Freundschaft verraten!«

Der furchtbare Satz stand im Raum, als Arîn die Tür aufriss und in den Gastraum stürmte. Ihre schwarzen Koboldaugen unter dem glatten Pony blinkten nervös.

Die kleine Kurdin ging seit zwei Jahren bei mir in die Lehre und musste heute ihre praktische Kochprüfung ablegen. Ich hatte versprochen, sie zu begleiten. Wieder musste ich an das Mädchen mit dem Kopftuch denken.

»Hast du alles?«, fragte ich mit einem Blick auf die frisch gebügelten Kochklamotten, die sie über dem Arm trug. »Messer, Probierlöffel, ›Maria-hilf‹?«

»Bisschen gekörnte Brühe noch«, sagte sie und stürzte in die Küche.

»Sie ist noch sehr jung«, stellte Teresa fest.

»Sie wird siebzehn nächsten Monat.«

Der Vorwurf des Verrats, der stumm zwischen uns hing, ließ sich durch das Reden über Banales nicht wegwischen. Hätte ich ihr wirklich von Konrads Affäre erzählen sollen? Damals hatte ich es nicht mal in Erwägung gezogen, so fragil war Teresa nach seinem Tod gewesen. Was dachte sich Anna eigentlich, jetzt nach drei Jahren damit herauszurücken?

»Und? Bist du zufrieden mit ihr?«, fragte Teresa weiter.

»Ein echter Glücksfall!«, bestätigte ich und berichtete ihr, dass ich überhaupt keinen Lehrling hatte ausbilden wollen. Aber Arîn hatte mir so überzeugend erzählt, dass sie...


Brigitte Glaser, geboren 1955 in Offenburg, wuchs im Badischen auf. Sie studierte in Freiburg Pädagogik und wechselte danach nach Köln, wo sie heute lebt. Sie arbeitet schwerpunktmäßig im Medienbereich. Seit 2001 erscheint ihre Krimiserie "Tatort Veedel" im Kölner Stadt-Anzeiger.



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