Glaspell | Brook Evans | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 338 Seiten

Glaspell Brook Evans

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-910227-01-9
Verlag: Stifter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 338 Seiten

ISBN: 978-3-910227-01-9
Verlag: Stifter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Liebe, Tod, Emanzipation und Schicksal sind die großen Themen dieses mehrere Generationen begleitenden Romans. Am Anfang steht die erste Liebe der jungen Naomi Kellogg. Nach dem Verlust ihres Geliebten Joe Copeland heiratet sie Caleb Evans und folgt ihm nach Colorado, doch sie lebt allein für ihre Tochter Narzissa. Irgendwann steht die Tochter vor der Entscheidung des pflichtbewussten, frommen Lebens, dass Caleb repräsentiert, und dem der Mutter, die ihr ein freies, selbstbestimmtes Leben wünscht.

Susan Glaspell wurde 1876 in Davenport, Iowa, geboren. Sie studierte, arbeitete als Reporterin und wurde zu einer bekannten Romanautorin und Dramatikerin. Für das Theaterstück Allisons House 1931 erhielt sie den Pulitzer Preis für Theater. Sie starb 1948 in Provincetown, Massachusetts.

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Erster Teil I Ihre Mutter kam in die Küche, betrachtete die wenigen glänzenden grünen Erbsen, die kaum noch den Boden des Napfes bedeckten, blickte dann auf den Haufen geschlossener Schoten im Korb und rief mit nachsichtigem Lächeln: »Naomi!« Wenn sie einen so schonungsvollen Tadel aussprach, wurde das ›O‹ in dem Namen ihrer Tochter ganz besonders klingend und gedehnt. »Ja, Mädel, woran denkst du bloß?« Während Naomi eine neue Schote aufdrückte und fünf Erbsen in den Napf rollen ließ, lachte sie halblaut vor sich hin. Wenn sie nun ihrer Mutter wirklich sagen würde, woran sie dachte? Ihr Lächeln wurde sehnsüchtig, ihr Blick folgte dem Lauf des Baches, dessen Windungen durch die Bäume schimmerten, und in ihren Gedanken erstand jene einsame Uferstelle, über der ein so betäubender Duft von Narzissen lag … Die Mutter betrachtete sie, wie sie träumerisch über die grünen Schoten gebeugt dasaß, und sagte bloß hilflos und schwach: »Ach Gott«. Sie hatte eine ganz eigene Art, ihren Kummer in diese zwei Worte zu legen, wenn ihr ein Kuchen nicht gelingen wollte, oder wenn sie sich anderen wichtigen Lebensfragen gegenüber sah, die sie nicht zu meistern vermochte. Nachdem sie sich aber durch einen Blick nach dem Herd überzeugt hatte, dass ihr Kuchen diesmal nichts zu wünschen übrig ließ, fuhr sie heiterer fort: »Nun, Rosie wäre mit den Erbsen schon längst fertig.« Naomi lachte.
Natürlich wäre ihre kleine Schwester Rosie schon längst fertig. Wovon hätte auch Rosie mit ihren zwölf Jahren träumen sollen! Aber jetzt begannen Naomis Finger fieberhaft zu arbeiten. Die Erbsen trommelten geradezu in den Napf, und Schote fiel auf Schote. Sie wollte ja vor dem Abendbrot noch ein Bad nehmen und ihr neues blaues Kleid herrichten, das sie heute noch anziehen musste – ohne dass jemand darum wissen sollte. Als wollte sie ihre Mutter dafür entschädigen, dass sie ein Geheimnis vor ihr verbarg, begann sie ein lebhaftes Gespräch mit ihr. Wo nur ihr siebenjähriger Bruder Willi so lange blieb, der mit dem kleinen Seares fortgegangen war, um ›Landstreicher‹ zu spielen. Dieses Spiel bestand darin, dass sie von Haus zu Haus zogen und sich als Bettler ausgaben. »Mein Gott!«, rief Mutter Kellogg. »Sie werden doch hoffentlich nicht auch bei Frau Copeland betteln!« »Oh,« entfuhr es Naomi und es klang ganz entsetzt, »so etwas werden sie doch nicht tun!« »Ich hoffe,« setzte Annie Kellogg verdrießlich hinzu, »dass ihnen das nicht einfallen wird.« Naomi blickte zur Mutter auf. Nein, kein Mensch ging je mit einer Bitte zu Maria Copeland, nicht einmal im Spiel. Und bestimmt niemand, der den Namen Kellogg trug. Sie wollte Frau Copeland gewiss nie um etwas bitten, sie würde das auch nicht notwendig haben. »Was ist denn eigentlich mit dieser Frau Copeland los?«, fragte sie tastend. »Na, sie ist eben eigentümlich«, antwortete ihre Mutter. »Sie hat keine Freunde, keinen Verkehr, sie will mit niemandem etwas zu tun haben. Sie war schon immer so. Sie dünkt sich besser als alle anderen Menschen.« »So«, sagte Naomi vor sich hin, als wäre ihr dies alles neu. »Aber warum ist sie so?« »Warum? Ja, woher soll ich das wissen?« Da fiel plötzlich der Schatten einer menschlichen Gestalt über den Küchenboden. Ein Mann trat vom Feld herein, Caleb Evans stand in der Türe. – Um Gottes willen, jetzt wird ihn Mutter zum Abendessen einladen! – »Ja, Caleb,« begrüßte ihn die Mutter, während sie seine Hand schüttelte, »so sind Sie also zurückgekommen!« »Ja, ich bin zurückgekommen«, bestätigte er mit jener Fistelstimme, die es den Andächtigen in der Kirche oft so schwer machte, ernst zu bleiben, wenn er vorbetete. Er reichte Naomi seine schlaffe Hand. »Nun, Naomi« – die letzte Silbe ihres Namens verlor sich im Falsett – »Ihre Mutter versteht es aber, Sie einzuspannen!« »Ja, ja«, gab sie zurück und sah geflissentlich auf ihre Erbsen nieder, denn sie wollte dem liebevollen Blick ausweichen, der ihr aus seinen kleinen Augen, zu denen er so wenig zu passen schien, immer entgegenstrahlte. »Also machen Sie sich’s nur gemütlich, Caleb. Mein Mann wird gleich vom Feld nach Hause kommen. Ich will schnell noch einen Pfannkuchen fürs Abendessen bereiten; vielleicht haben Sie derlei in Colorado nicht bekommen. Auch von der Torte ist noch etwas da, die Naomi gestern gebacken hat.« »Da kann ich mich ja geradezu einen Glückspilz nennen!«, sagte Caleb, und die arme Naomi musste tun, als hätte er eine überaus witzige Bemerkung gemacht. Frau Kellogg erzählte ihm, während sie am Herd hantierte, wie sehr ihn alle in der Kirche vermisst hätten. Bruder Baldwin hätte erst letzten Sonntag, nach dem Gottesdienst gesagt, er hoffe, Bruder Caleb Evans bald wieder in der Gemeinde begrüßen zu können. »Ja …«, begann Caleb zögernd. »Sie tragen sich doch nicht mit der Absicht, ganz von uns zu gehen?«, rief Naomis Mutter. »Frau Kellogg,« sprach er, während er die Beine kreuzte und vor lauter Feierlichkeit noch unsicherer wurde, »ich bin allerdings nur zurückgekommen, um meine Angelegenheiten hier zu ordnen.« Dabei blickte er bedeutungsvoll nach Naomi. Die wurde nun freundlicher zu ihm. Sie erkundigte sich, was er dort drüben beginnen wolle. Er erzählte von dem Land, das er erworben hatte und das in einem Gebirgstal lag. »Was man dortzulande eben Tal nennt«, meinte er lachend. Meilen und Meilen sei es lang, so ungefähr hundert, und ebenso breit. Eigentlich hätte es die Form einer ganz großen Speiseplatte. Und erst die Berge! Die wären so hoch, wie die Kelloggs sie nicht einmal noch auf Bildern gesehen hätten, und das ganze Jahr läge Schnee auf ihnen. »Mein Gott,« rief Frau Kellogg, »wie kann man in einer solchen Gegend leben?« »Oh, es ist ein herrlicher Flecken Erde«, entgegnete Caleb, und er erzählte des Langen und Breiten von den neuen Berieselungsanlagen, die es dort gäbe, und von den Kartoffeln, die dort so groß wie Rüben würden. Naomis Vater kam vom Felde, und Caleb begann mit ihm ein ausführliches Gespräch über die Landwirtschaft in Colorado. »Auch schön ist’s dort,« sagte er mit einem Blick auf Naomi, »Blumen wachsen dort wild wie das Gras. Und der Sonnenuntergang! Wenn die Sonne im Westen versinkt, glühen die Berge im Osten rot, als wären sie in Blut getaucht.« »Ist das möglich!«, hänselte ihn Frau Kellogg in freundschaftlichem Ton. Caleb schwärmte von seinem neuen Besitz. Während er sich so in Eifer redete, konnte man fast seine sonstige Unbeholfenheit und Schüchternheit vergessen. Sogar Naomi richtete während des Abendessens manche Frage an ihn. »Noch nie habe ich Caleb so viel sprechen gehört«, meinte Frau Kellogg, nachdem Caleb den Hausherrn in die Scheune begleitet hatte, während sie mit Naomi den Tisch abräumte. »Ja,« gab Naomi zu, »er war ganz unterhaltend.« Aber jetzt hätte sie gern gesehen, wenn er schon gegangen wäre! Sie hatte ja noch ihr blaues Kleid mit dem weißen Unterkleid anzuziehen! Würde es ihr überhaupt gelingen, um halb neun fortzukommen? Sie konnte Joe nicht warten lassen, und ihn heute nicht mehr zu sehen – das würde sie nicht überleben! Sehnsüchtig sah sie zum Bache hin, während sie hinter dem Hause das Tischtuch ausschüttelte. Ihr Vater und Caleb prüften die neue Mähmaschine; Caleb betrieb in der Stadt eine Eisenwarenhandlung und deshalb setzte man voraus, dass er auch von Maschinen etwas verstehen müsse. Aber wann endlich würde er nach Hause gehen? »Ich habe heute Abend noch zu arbeiten«, kündigte sie ihrer Mutter in entschiedenem Tone an. Naomi besuchte das Seminar. »Vorher musst du dich aber ein wenig Caleb widmen.« »Vater widmet sich ihm ja.« Und es war wirklich eine ungelöste Frage, ob Calebs Besuche Naomi oder den Eltern galten. Wenn man nur sein Alter in Betracht zog, passte er allerdings besser zu Naomi, aber als einer der führenden Männer der Kirchengemeinde stand er wieder der älteren Generation näher. »Vater wird bald zu Bett gehen wollen. Sei nett zu Caleb, Naomi! Er ist doch den ersten Abend in der Heimat und ist ein so guter Mensch.« Die letzten Worte sprach die Mutter mit ihrer ›frommen Stimme‹, und wenn sie diesen Ton anschlug, so schien es Naomi immer, als wäre ein wenig Unaufrichtigkeit dabei, obwohl sie sich nie ganz klar darüber war. »Mein Gott, wie wird er in der Kirche fehlen!« ›Nett‹ zu sein war natürlich alles, was man in diesem Falle Naomi zumuten konnte. Und selbst ihre Mutter dachte nicht daran, etwas anderes von...



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