Glass | Nichts wird je vergessen sein | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 335 Seiten

Glass Nichts wird je vergessen sein

Meine Pflegetochter und die Schatten ihrer Vergangenheit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-8926-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Meine Pflegetochter und die Schatten ihrer Vergangenheit

E-Book, Deutsch, 335 Seiten

ISBN: 978-3-7325-8926-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ihr neues Pflegekind gibt Cathy Glass Rätsel auf: Die dreizehnjährige Dawn ist ihr gegenüber stets liebenswert und um Harmonie bemüht, doch kaum ist sie außer Sichtweite, schwänzt sie die Schule, treibt sich in Bars herum - und sie verletzt sich selbst. Vergeblich versucht Cathy herauszufinden, warum sich das Mädchen so weh tut. Weder das überforderte Jugendamt noch Dawns gleichgültige Mutter unterstützen sie dabei. So bleibt Cathy nichts anderes übrig, als dem Mädchen auf eigene Faust zu helfen, indem sie Dawns Vertrauen durch Zuneigung und Geduld gewinnt.



Cathy Glass ist das Pseudonym einer britischen Autorin und Pflegemutter, die seit über 25 Jahren besonders herausfordernde Kinder beherbergt. Seit einigen Jahren schreibt Cathy über ihre Erfahrungen - mit großem Erfolg. Sie erfreut sich einer riesigen Fangemeinschaft, viele ihrer Bücher sind Bestseller.
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2


Falsche Sicherheiten


Jack war erst drei Monate bei uns, als es mit der Übelkeit losging. Keine, die mit einem verdorbenen Magen zusammenhing, sondern eine Art ständiger Brechreiz, der frühmorgens am schlimmsten war. Da ich es kaum zu hoffen wagte, kaufte ich mir, ohne John einzuweihen, einen Schwangerschaftstest und erzählte es meinem Mann erst, als ich das Ergebnis hatte.

»Ist ja irre! Wahnsinn! Juhu!«, rief John. Normalerweise drückte er sich gewählter aus, besitzt sogar einen Uniabschluss. »Lass uns feiern! Heute Abend! Hol Jack, und wir gehen essen. Nein, wenn ich es mir recht überlege: Mach es dir gemütlich und leg die Beine hoch, und ich hole Jack.«

Ich lachte, als John die Treppe hinaufstürmte, um Jack von seiner ihn gänzlich vereinnahmenden Rapmusik loszueisen, die lief, sobald er in seinem Zimmer war. Eine Stunde später saßen wir zu dritt an einem Ecktisch unseres Lieblingsitalieners, und John brachte einen Toast aus: »Auf Cathy: Bravo, Glückwunsch. Und auf Jack, weil er so gut in der Schule war.«

Während wir unsere Sektgläser erhoben, warf ich Jack ein Lächeln zu. Sein Glas war nur zu einem Viertel gefüllt, was uns für sein Alter angemessen erschien – ein paar Schlucke würden ihn nicht umbringen, und es war wichtig, dass er sich einbezogen fühlte.

»Ich erwarte ein Baby«, sagte ich leise zu Jack, der nicht ahnen konnte, warum John an seine Zimmertür gehämmert und ihm – unfähig, seine Begeisterung zu zügeln – befohlen hatte, sich in sein bestes Outfit zu werfen, da wir ausgehen und feiern wollten.

Jack lächelte etwas verlegen und nahm einen Schluck. »Woraus wird Sekt eigentlich gemacht?«, fragte er, das Gesicht verziehend.

»Aus Trauben, genau wie Wein«, erwiderte John. »Aber es ist eine besondere Rebsorte, und der Gärungsprozess ist ein anderer.«

»Haut mich nicht vom Hocker«, meinte Jack. »Kann ich ein Bier haben?«

»Nein«, riefen John und ich im Chor. »Dazu bist du zu jung«, fügte ich hinzu. »Du kannst eine Cola haben, wenn dir der Sekt nicht schmeckt.«

Sich um Jack zu kümmern hieß vor allem, Zugeständnisse zu machen, und John und ich mussten Entscheidungen treffen, was Jack gemäß gesundem Menschenverstand tun durfte oder auch nicht. Da wir keine Übung im Umgang mit Teenagern hatten und uns die Erfahrung mit eigenen halbwüchsigen Kindern fehlte, verließen wir uns auf das, was wir für einen fünfzehnjährigen Burschen für angemessen hielten. Wollte Jack daher abends mit seinen Kumpels ausgehen, musste er an Schultagen um neun, am Wochenende um zehn zu Hause sein. Jack war es gewohnt, recht viel mit seinen Freunden abzuhängen, was John auf zweimal die Woche reduzierte, da am Schuljahresende wichtige Prüfungen anstanden. Wir wollten wissen, wohin er ging, und verlangten, dass er uns, wenn er einen Freund besuchte, eine Telefonnummer hinterließ. Jack hatte sich unseren »Regeln« nie widersetzt, ja schien sogar positiv auf die von uns gezogenen Grenzen zu reagieren; er begriff, dass sie seinem Wohl dienten.

Susans Versicherung, Jack werde uns keinen Ärger machen, hatte sich bestätigt. Sah man einmal davon ab, dass wir ihn zum täglichen Duschen – statt nur einmal die Woche, wie er es gewohnt war – überreden mussten, setzte er uns kaum Widerstand entgegen. Da Jack fünfzehn war, behandelten John und ich ihn in vieler Hinsicht als Erwachsenen, nicht als Kind, das noch eine Mummy und einen Daddy braucht; und angesichts der positiven Resultate war unser Selbstvertrauen gewachsen. Jack hatte sich mühelos in unseren Haushalt integriert, seine Schulnoten hatten sich dramatisch verbessert. Wir trafen seinen Sozialarbeiter nur ein einziges Mal (nämlich als er Jack brachte); und auch danach hatte er nur einmal angerufen und sich erkundigt, ob alles in Ordnung sei. Jack sollte zu seinem Vater Sam ziehen, sobald der etwas Passendes gefunden hatte. Jack hatte seine Mutter und deren neuen Lebensgefährten nach ausufernden Streitereien verlassen, die darin gipfelten, dass der »Stiefvater« ihn schlug und Jack am darauffolgenden Tag mit gebrochener Nase in der Schule erschien. Sam waren wir nur ein einziges Mal begegnet, als er kurz nach Jacks Einzug bei uns vorbeigeschaut hatte. Sam, der von Beruf Zimmermann war, hielt offenkundig große Stücke auf seinen Sohn und hatte John anvertraut, er wünschte, er hätte Jack damals, als er dessen Mutter verließ, zu sich genommen. Inzwischen lebte er in einem möblierten Zimmer und freute sich darauf, seinem Sohn möglichst bald (sobald er eine Dreizimmerwohnung mit bezahlbarer Miete gefunden hatte) ein Heim zu bieten.

»Ich glaube, meine Mum könnte auch schwanger sein«, meinte Jack gegen Ende unserer festlichen Mahlzeit. »Als ich sie das letzte Mal gesehen hab, war sie fett.«

Ich schaute ihn an. »Ah ja? Und wie findest du es, dass deine Mum noch mal ein Kind kriegt?«

Jack zuckte die Achseln. »Ist mir egal. Ich werde sie wohl mal besuchen, wenn ich bei meinem Dad bin.« Verständlicherweise verletzte es Jack, dass seine Mutter einen Partner gewählt hatte, der ihn, Jack, misshandelte, und verübelte ihr, dass sie nicht eingegriffen und ihn beschützt hatte. Seit seinem Auszug hatte er sie nur zweimal gesehen.

»Wahrscheinlich kommt ihr alle viel besser miteinander klar, wenn du erst mal bei deinem Dad wohnst und deine Mum nur besuchst«, sagte ich.

»Kann sein«, meinte er. »Ist ihr Bier. Sie ist die Erwachsene. Sie muss den ersten Schritt machen.«

John und ich tauschten einen verständnisinnigen Blick. Jack war ein intelligenter und empfindsamer Junge, und es war sehr bedauerlich, dass sich seine Mutter, als der Sohn noch bei ihr war, so wenig Gedanken um seine Gefühle gemacht hatte.

»Auch Erwachsene machen Fehler«, sagte ich und lächelte Jack an. »Und manchmal kann es eine ganze Weile dauern, bevor sie es merken.«

Fünf Monate später – inzwischen war ich siebeneinhalb Monate schwanger – zog Jack zu seinem Dad. Wir trafen Jacks Sozialarbeiter zum zweiten Mal, als er ihn abholte. Zwar hatten wir uns anerboten, Jack zu seinem Vater zu bringen, doch offensichtlich fiel dies in den Aufgabenbereich des Sozialarbeiters. Beim Abschied wünschten wir Jack viel Glück, sagten ihm, wie toll es mit ihm gewesen sei und dass er in Sachen Schule am Ball bleiben solle.

»Danke für alles«, meinte Jack und deutete ein Winken an: »Ihr seid schon echt cool als Eltern« – was wir als Kompliment nahmen. Es hatte Spaß gemacht, sich um Jack zu kümmern, und die Erfahrung hatte unser Selbstvertrauen als Pflegeeltern gestärkt.

Das Haus plötzlich wieder für uns allein zu haben war seltsam, doch wenn ich ehrlich bin, auch eine Erleichterung. Gegen Ende der Schwangerschaft fühlte ich mich ganz schön erledigt, und Jack nicht mehr dazuhaben hieß, dass ich abends und an den Wochenenden eher entspannen konnte. Ebenso wie ich unter der Woche nicht mehr um sieben in der Früh auf sein musste, um Jack in die Schule zu schicken. Wir meldeten dem Jugendamt, dass wir erst nach dem Baby wieder jemanden aufnehmen würden, konzentrierten uns auf uns und versuchten, uns auf den großen Tag vorzubereiten. Nach neun Monaten und fünf Tagen Schwangerschaft setzten die Wehen ein, und ich gebar einen kleinen Jungen, der 3714 Gramm wog: Adrian.

Natürlich veränderte die Ankunft des Babys unser Leben, wenn auch nicht so dramatisch wie bei Paaren, bei denen die Frau erst kurz vorher ihren Job aufgegeben hat und sich nicht nur an die Versorgung des Babys, sondern auch ans Daheimsein gewöhnen muss. Ich aber hatte meinen Beruf schon fast ein Jahr früher an den Nagel gehängt und mich um Jack gekümmert. Und obwohl sich die Bedürfnisse eines Babys gewaltig von denen eines Fünfzehnjährigen unterscheiden, befand ich mich bereits in der sorgenden Mutterrolle. Kurzum: John und ich waren als Eltern sofort in unserem Element. Alles lief ziemlich reibungslos, und selbstgefällig vermerkten wir, wie leicht wir uns taten. Zu selbstgefällig womöglich, denn hätten wir mit unserer neuen Rolle gerungen, hätten wir es wohl nicht so eilig gehabt, ein weiteres Kind in Pflege zu nehmen.

Adrian war erst vier Monate alt, als ich eines Morgens einen Anruf von einer Sozialarbeiterin namens Ruth erhielt.

»Stimmt es, dass Sie Platz für einen Teenager haben?«, fragte sie. Ich saß auf dem Wohnzimmersofa, stillte Adrian und drückte ihn mit einer Hand an mich und mit der anderen das Telefon ans Ohr.

»Äh, ja, na ja, nein, eigentlich nicht«, erwiderte ich völlig überrumpelt. »Ich meine, wir nehmen schon Kinder in Pflege, aber momentan legen wir eine Pause ein, weil ich vor Kurzem selbst ein Kind bekommen habe.«

»Aber Pflegekinder haben Sie zurzeit keine?«, fragte Ruth.

»Äh, nein.«

»Gut, dann könnten Sie Dawn also nehmen. Sie ist dreizehn und lebt in einer Jugendwohngruppe. Ich muss sie ganz schnell verlegen. Sie ist zu jung für die Gruppe, und sie hat einige Probleme.« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. »Kann ich sie heut Abend vorbeibringen?«, fragte Ruth.

Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte. »Ich muss das erst mit meinem Mann besprechen. Das war nicht geplant …«

»Könnten Sie ihn sofort anrufen, und ich melde mich in einer halben Stunde wieder? Es ist wichtig, dass ich das schnell vorantreibe.«

Ich spürte die Dringlichkeit in ihrer Stimme und erklärte mich trotz Ruths abruptem Verlangen bereit, John anzurufen – denn einen Teil von mir hatte sie mit ihrer Dringlichkeit schon angesteckt.

John war im Büro und verblüfft, von mir zu hören. Und erst recht baff, als ich ihm von Ruths...



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