E-Book, Deutsch, 334 Seiten
Reihe: Lübbe
Glass Was mit Jodie geschah
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-6156-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die tragische Geschichte meines Pflegekindes
E-Book, Deutsch, 334 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-6156-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als die erfahrene Pflegemutter Cathy die kleine Jodie bei sich aufnimmt, stößt sie schnell an ihre Grenzen. Die Achtjährige ist aggressiv und provokativ, verletzt sowohl Cathy als auch deren leibliche Kinder. Nachts quälen sie schreckliche Albträume und schnell wird klar, dass ihr Furchtbares widerfahren ist. Behutsam tastet sich Cathy an ihr Pflegekind heran und schafft es, in Jodie ein nie dagewesenes Gefühl zu erwecken: Vertrauen. Stück für Stück kommt so eine grausame Wahrheit ans Licht ...
Cathy Glass ist das Pseudonym einer britischen Autorin und Pflegemutter, die seit über 25 Jahren besonders herausfordernde Kinder beherbergt. Nun schreibt Cathy über ihre Erfahrungen - mit großem Erfolg. Sie erfreut sich einer großen Fangemeinschaft, viele ihrer Bücher sind Bestseller.
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1
Emotionale Erpressung
Das Telefon klingelte. Jill war dran, meine Verbindungsfrau von der Vermittlungsstelle für Pflegekinder.
»Cathy, es sind nicht zwei Pflegestellen, es sind fünf«, sagte sie. »Fünf, seit sie vor vier Monaten in die Pflege vermittelt wurde.«
»Um Gottes willen.« Ich war erstaunt. »Und sie ist gerade mal acht? Da muss ja einiges passiert sein? Was hat sie denn gemacht?«
»Ich bin mir noch nicht sicher. Aber das Sozialamt besteht auf einem Treffen, bevor das Kind zugeteilt wird, um sicherzustellen, dass sie nicht noch einmal umziehen muss. Bist du trotzdem interessiert?«
»Ich weiß nicht genug, um es nicht zu sein. Wann?«
»Morgen um zehn.«
»Okay, ich seh dich dann dort. Wie heißt sie?«
»Jodie. Danke, Cathy. Wenn du es nicht schaffst, dann schafft es niemand.«
Ich war durchaus zugänglich für Schmeicheleien; es fühlte sich gut an nach all den Jahren, endlich Anerkennung zu erfahren. Jill und ich arbeiteten nun seit vier Jahren zusammen und hatten eine gute Beziehung zueinander aufgebaut. Als Verbindungsbeauftragte für die Homefinders Fostering Agency nahm Jill die Brückenposition ein zwischen den Pflegeeltern und den Sozialarbeitern, die sich eines bestimmten Falls angenommen hatten. Sie koordinierte die Anforderungen des Sozialamtes mit denen der Pflegeeltern und bot Unterstützung und Hilfe an, wenn sie nötig waren. Eine unerfahrene Pflegemutter braucht von ihrer Verbindungsperson oft einiges an Rückenstärkung und Erklärungen zum System. Da Jill und ich schon seit längerer Zeit zusammenarbeiteten und ich eine erfahrene Pflegemutter war, hatten wir uns aneinander gewöhnt und kamen gut miteinander aus. Wenn Jill der Ansicht war, dass ich einer Herausforderung gewachsen war, so war das gewiss ernst gemeint.
Aber eine Vorbesprechung vor der Platzierung? Das konnte nichts Gutes bedeuten. Normalerweise kamen die Kinder einfach nur nach einer kurzen Vorstellung an, wenn sie von anderen Pflegeeltern kamen, oder einfach in den Kleidern, die sie gerade trugen, wenn sie ihr Zuhause verließen. Ich hatte einiges an Erfahrung mit beiden Szenarios, aber eine Situation, bei der man eine Vorbesprechung für nötig hielt, war mir noch nicht begegnet. Normalerweise gab es eine Besprechung zwischen allen involvierten Parteien, sobald ein Kind bei Pflegeeltern platziert worden war, aber mehr eben auch nicht.
Dies war der erste Hinweis darauf, wie ungewöhnlich dieser Fall war.
Am nächsten Morgen starteten wir in den Tag wie gewöhnlich: die ruhige Routine, dass alle aufstanden, sich anzogen, frühstückten und die Kinder sich auf den Weg zur Schule machten. Ich hatte zwei Kinder: Adrian war siebzehn und Paula dreizehn. Lucy, die zwei Jahre zuvor als Pflegekind zu uns gekommen war, war fünfzehn und nun ein permanentes Familienmitglied, wie eine Tochter für mich und eine Schwester für Adrian und Paula. Sie war ein Erfolgserlebnis: Sie kam verletzt und wütend zu mir und hatte mit der Zeit gelernt, wieder Vertrauen zu fassen, und sich schließlich in einen normalen Alltag eingelebt, in dem sie sich nur mit den gewöhnlichen Ängsten eines Teenagers befassen musste, nicht mehr mit dem inneren Aufruhr, den sie als Kind erlebt hatte. Ich war stolz auf sie; sie war der Beweis für meine Überzeugung, dass Liebe, Güte, Zuneigung und feste Grenzen die Basis für das sind, was jedes Kind braucht, um sich entfalten zu können.
Nachdem ich die Kinder an diesem Morgen in die Schule geschickt hatte, war mir ein klein wenig mulmig zumute. Das Kind, über das ich heute informiert werden sollte, würde sicherlich all diese Dinge in Fülle benötigen, und wenn ich Jodie annehmen würde, würde ich mich sicherlich für eine Weile von meiner relativ friedlichen, etablierten Routine verabschieden müssen. Zumindest, bis sie gelernt hatte, mir zu vertrauen und sich eingelebt hatte, genauso wie Lucy. Doch gerade das war ja der Sinn und Zweck, wenn man ein Pflegekind in die Familie aufnahm. Es war bestimmt nicht leicht, aber die Belohnung war immens. Außerdem hatte ich nun seit über zwanzig Jahren fast kontinuierlich Kinder in Pflege genommen und konnte mich kaum mehr daran erinnern, wie das Leben davor gewesen war.
Sobald meine Kinder weg waren, ging ich nach oben und zog mich um, wechselte aus meinen Jogginghosen in ein paar elegante dunkelblaue Hosen und einen Pullover und machte mich auf den Weg zum Sozialamt. Ich fuhr nun schon so lange regelmäßig dorthin, dass mir die Anfahrt vertraut war wie zu meinem eigenen Haus. Ich kannte auch den trostlosen grauen Anstrich, die Leuchtstoffröhren und die Atmosphäre der Geschäftigkeit und des gerade eben bewältigten Chaos sehr gut.
»Cathy, hallo!«
Als ich die Rezeption erreichte, kam Jill auf mich zu, um mich zu begrüßen. Sie hatte schon auf meine Ankunft gewartet und trat mit einem freundlichen Lächeln zu mir.
»Grüß dich, Jill. Wie geht’s?«
»Gut, danke. Du siehst blendend aus.«
»Ja – das Leben meint es gut mit mir im Moment. Den Kindern geht es prima, sie sind völlig mit sich selbst beschäftigt und mit der Schule. Es ist Zeit, eine weitere Herausforderung anzugehen, denke ich.« Ich erwiderte das Lächeln.
»Wir sollten uns gleich auf den Weg zu der Besprechung machen. Ich glaube, sie sind schon so weit.« Jill führte mich den Gang entlang in das Konferenzzimmer. Als wir den Raum betraten, war mir sofort klar, dass es sich um einen schwierigen Fall handelte: Ungefähr ein Dutzend Leute saßen um einen großen Mahagonitisch. Was hatte das nur zu bedeuten? Nach dem, was Jill mir erzählt hatte, konnte ich erahnen, dass es sich nicht um einen Nullachtfünfzehn-Pflegefall handelte – nicht viele Kinder arbeiten sich in vier Monaten durch fünf Pflegefamilien. Allerdings war kein Kind nullachtfünfzehn. Sie waren Individuen, und ihre Probleme waren immer spezifisch die ihren. Ein Kind von seinen Eltern zu trennen ist kein gewöhnlicher, alltäglicher Vorgang, es ist immer traumatisch, emotional und schwierig.
Dennoch war da etwas, was mir sagte, dass dieser Fall sehr viel komplexer war als alles, was mir je zuvor untergekommen war. Ich fühlte einen weiteren Stich der Furcht, genau wie vor ein paar Tagen, als Jill mir erstmals von der Situation berichtet hatte. Aber ich war auch interessiert. Wie konnte das Kind, das so viel Hingabe von so vielen Leuten verlangte, wohl sein?
Jill und ich nahmen die zwei leeren Stühle am Ende des Tisches ein, und ich fühlte alle Augen auf mich gerichtet, als müssten sie erst mal meine Fähigkeiten abschätzen.
Den Vorsitz hatte Dave Mumby, der Leiter des Sozialarbeiterteams, und er machte auch den Anfang in der Runde mit der Vorstellung. Links von ihm saß Sally, die »Prozesspflegerin«; sie war vom Gericht beauftragt worden, die Interessen von Jodie zu vertreten. Die Frau neben ihr stellte sich als Nicola vor, Jodies Hauslehrerin.
Hauslehrerin? Warum ging das Kind denn nicht in die Schule? Noch eine Überraschung.
Daneben saß Gary, Jodies derzeitiger Sozialarbeiter. Er erklärte, dass er im Begriff war, den Fall abzugeben und Jodie an Eileen weiterzuleiten, die neben ihm saß. Ich sah mir Eileen genau an – wenn ich Jodie annehmen würde, dann würden Eileen und ich eng zusammenarbeiten. Der erste Eindruck sagte mir, dass sie unauffällig war: eine Frau Mitte vierzig mit einem gelassenen und ruhigen Äußeren. So weit, so gut.
Es wunderte mich nicht, dass ich jetzt schon den Wechsel des Sozialarbeiters erlebte. So etwas passierte ständig – der Job brachte es mit sich, dass Leute etwas hinter sich ließen –, aber es war schlecht für die betroffenen Kinder und Familien, da sie sich immer wieder auf neue Gesichter einstellen mussten. Dass sie Vertrauen und Beziehungen zu ständig wechselnden Fremden aufbauen mussten. Obwohl ich wusste, dass man daran nichts ändern konnte und dass dies eben Teil des Systems mit all seinen Fehlern war, hatte ich doch Mitleid mit Jodie. Den Ansprechpartner zu wechseln würde nur noch mehr Chaos für sie bedeuten, und ich fragte mich, wie viele Sozialarbeiter sie schon durchhatte.
Als Nächste stellte sich Deirdre vor. Sie war die Verbindungsbeauftragte von Jodies derzeitigen Pflegeeltern. Dann war ich an der Reihe, und alle Augen am Tisch richteten sich wieder auf mich.
Ich schaute in die Runde, um den Blicken zu begegnen. »Ich bin Cathy Glass«, sagte ich, so klar und selbstbewusst ich konnte. »Ich bin eine der Pflegemütter der Homefinders Fostering Agency.« Es gab nicht sehr viel mehr, was ich in diesem Moment, da ich so wenig wusste, hätte sagen können, und so gab ich das Wort an Jill weiter.
Nach Jill kam jemand vom Finanzbüro, gefolgt von einem Mitglied des Teams der Lokalbehörde für Platzierungen. Als sie sprachen, schaute ich hinüber zu Gary, Jodies derzeitigem Sozialarbeiter. Er war jung, so etwa Mitte zwanzig. Wie erfolgreich war er darin gewesen, eine Beziehung zu Jodie aufzubauen? Das fragte ich mich. Vielleicht würde es Eileen als Frau besser gelingen, Empathie für ein kleines Mädchen aufzubringen; der Wechsel des Sozialarbeiters mochte in diesem Fall von Vorteil sein. Ich hoffte sehr, dass dem so war.
Sobald sich alle vorgestellt hatten, dankte Dave uns, dass wir gekommen waren, und gab einen kurzen Abriss über das, was bisher passiert war oder, um die korrekte Terminologie zu benutzen, die bisherige Fallgeschichte. Ich erwärmte mich sofort für Dave. Er sprach behutsam, aber offen und sah mich dabei direkt an. Ich machte eine mentale Notiz von den wichtigsten Punkten: Jodie war von Geburt an auf der Risikoliste geführt worden, was bedeutete, dass die...




