Glattauer | Vier Stern Stunden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

Glattauer Vier Stern Stunden

Eine Komödie
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-552-06390-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Komödie

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

ISBN: 978-3-552-06390-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Vier-Sterne-Hotel, das schon bessere Tage gesehen hat, und ein berühmter Schriftsteller, dessen Stern allerdings auch schon einmal heller leuchtete, sind die Zutaten für Daniel Glattauers neue Komödie: beste Unterhaltung garantiert! Wie in seinem Erfolgsstück 'Die Wunderübung', das mittlerweile auch das Kinopublikum begeistert, gelingt es Daniel Glattauer in 'Vier Stern Stunden', mit wenigen Strichen ein Szenario zu entwerfen, das unterhält, verblüfft und berührt.

Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, Bücher (u. a.): Die Ameisenzählung (2001), Darum (2003), Der Weihnachtshund (Neuausgabe 2004), Theo (2010), Mama, jetzt nicht! (2011), Ewig Dein (2012), Geschenkt (2014). Mit seinen Romanen Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009) schrieb er Bestseller, die auf der ganzen Welt gelesen werden. Die Komödie Die Wunderübung (2014) ist als Buch, am Theater und als Film sehr erfolgreich. Auf der Bühne sind auch die Komödien Vier Stern Stunden und Die Liebe Geld zu sehen. Und 2019 kam die Verfilmung von Gut gegen Nordwind ins Kino. Zuletzt erschien der Roman Die spürst du nicht (2023).
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SZENE DREI


Das Licht der Hotelbühne geht wieder an. Reichenshoffer junior, der sich mäßig wohl in seiner Haut zu fühlen scheint, beugt sich zum Mikrofon. Seine Leidenschaft wirkt übertrieben, sein Enthusiasmus aufgesetzt.

JUNIORCHEF (verkrampft) So, aber nun ist es so weit. Ich darf Sie nochmals ganz herzlich zu unseren diesjährigen Sternstunden im Kulturhotel Reichenshoffer … auf das allerherzlichste … begrüßen. Wie Sie vielleicht wissen: Seit Jahrzehnten scheuen wir weder Mühen noch … Kosten … und haben uns den Ruf erworben, die Prominentesten, die Erfolgreichsten, die ganz großen Namen der Kulturszene zu uns ins Haus zu holen. Was uns dieses Jahr gelungen ist, da würde sich wohl jeder internationale Großveranstalter alle zehn Pferde … Hände … alle zehn Finger jeder Hand … abschlecken. Ich möchte Ihnen jetzt nur einen kleinen Vorgeschmack  … 

Der Juniorchef wird abermals durch Worte oder Gesten neben der Bühne abgelenkt, unterbricht seinen Vortrag.

JUNIORCHEF (halblaut, zur Seite gedreht) Was, hier im Publikum?

Er wendet sich wieder den Hotelbesuchern zu.

JUNIORCHEF Entschuldigen Sie bitte die kleine Unterbrechung. Aber ich habe erfahren, dass sich hier im Saal eine … eine schwarz vermummte weibliche Person angeblich … befinden soll. Bitte, das ist leider nicht möglich. Bei uns. Sondern im Gegenteil — das ist strengstens verboten. Auch im Fasching. Ich bitte diese Person, sich ihrer Vermummung … entweder … zu entziehen … also zu entledigen. Oder sie ersuchen, den öffentlichen Raum aus … Sicherheitsgründen bitte umgehend zu verlassen.

Raunen im Saal. Es entsteht eine kurze Pause. Der Juniorchef nimmt eine Reaktion von der Seite entgegen und nickt beruhigt.

JUNIORCHEF So, dankeschön!

Zurück zu unserem Stammgast … Stargast. Ich will gar nicht lange … ich sage vielleicht nur so viel (liest holprig von einem Blatt Papier, das er hervorgekramt hat): kolportierte achtzig Millionen verkaufte Bücher in aller Welt. Fünfzehn Erfolgsromane, monatelang Platz eins der internationalen Bestsellercharts. Zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher, Literaturverfilmungen weltweit über den Globus verteilt, von China über Israel bis nach … Peking. Von der Preisliste will ich gar nicht reden, ich meine, wie viele renommierte Preise dieser Mann schon eingeheimst hat. Eigentlich fehlt ihm ja nur noch der Literaturnobelpreis … aber dafür ist er vielleicht doch noch ein bisschen zu jung. (Lacht laut auf.) Ich sage, Bühne frei für  … 

Gerade noch bremst er seine Ankündigung und reagiert auf einen Zuruf oder Wink der Hotelregie.

JUNIORCHEF Ach, fast hätte ich auf jene Person vergessen, die uns schon durch so viele Sternstunden geführt hat. Sie ist quasi das kulturelle Urgestein im Hause Reichenshoffer, gehört beinahe schon zum Inventar, wenn ich das so salopp formulieren darf. Sie wird dem Künstler alle für Sie interessanten Fragen stellen. Ich begrüße mit einem kräftigen Applaus unsere Moderatorin — Frau Doktor Brem.

Matter Applaus. Auch der Juniorchef klatscht lustlos. Mariella Brem betritt die Bühne und wirft ihm einen verächtlichen Blick zu. Die beiden reichen einander förmlich die Hand, als würden sie nichts miteinander anzufangen wissen.

BREM (mit ernstem, nur kurz angehobenem Blick zum Publikum) Guten Abend.

JUNIORCHEF So, und jetzt will ich Sie nicht länger auf die Folter spannen. Er ist natürlich … nicht zuletzt ein Liebling der Damenwelt. Also, werte Männer, halten Sie Ihre Ehefrauen fest. (Er lacht. Mariella Brem schüttelt den Kopf.) Bühne frei für den Megastar des Abends. Bühne frei für Professor Frederic Trömerbusch.

Applaus. Trömerbusch, ein charismatischer Mann um die sechzig, tritt auf. Er weiß sich zu inszenieren und versteht es, gleich ein Bündel von Tugenden mit auf die Bühne zu bringen: Souveränität und Gelassenheit, Altersmilde und letzte Anflüge jugendlicher Verwegenheit, Stolz und Melancholie. Man muss ihn schon genau beobachten, um zu erkennen, wie viel Unlust und Unbehagen ihm sein Auftritt auf der Hotelbühne bereitet. Das kann er gut kaschieren, er verbeugt sich in tapfer gespielter Dankbarkeit vor dem Publikum, schüttelt dem nervösen Juniorchef väterlich mitleidig die Hand, nickt der Moderatorin kurz zu, ohne sie dabei anzusehen.

Es braucht eine Weile, bis allen klar wird, dass er nicht daran denkt, hier einleitende Worte zu sprechen oder gar eine Eröffnungsrede zu halten.

JUNIORCHEF Dann darf ich also bitten, Frau Brem.

Der Juniorchef entfernt sich. Mariella Brem stellt sich neben Trömerbusch, sieht ihn bewundernd von der Seite an. Er dreht sich allerdings nicht zu ihr, scheint sie physisch gar nicht wahrzunehmen, sondern wartet auf die erste Frage, was sie wiederum irritiert.

BREM Sehr geehrter Herr Professor  … 

TRÖMERBUSCH Um Himmels Willen, lassen wir den Professor weg. Bis ins reife Alter hab ich es ohne Titel geschafft, und dann überfällt man mich am helllichten Tage, schleppt mich in ein Rathaus und hängt mir den Professor um. Und das waren noch dazu hochrangige Politiker, ich habe sie erkannt.

BREM Herr … Trömerbusch, Sie haben schon in sehr jungen Jahren zur Literatur gefunden, haben als Fünfzehnjähriger bereits Thomas Mann rezitiert, erinnert sich ihr Deutschlehrer. Ich hab’s in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen. Zauberberg, Tristan, Doktor Faustus, wo andere noch in den Büchern von Karl May geblättert haben  … 

TRÖMERBUSCH (süffisant) Karl May hab ich mir für später aufgehoben. Wissen Sie, zuerst die Pflicht, dann das Vergnügen.

BREM (unbeirrt) Ja, hm, witzig, aber … Haben Sie damals schon gespürt, dass Sie selbst auserwählt sind, in der Literatur  … 

TRÖMERBUSCH (unwirsch) Auserwählt? Ach kommen Sie! Wir sind auserwählt zu leben. Und wir sind auserwählt zu sterben. Der Weg dorthin ergibt sich wie von allein — Zufall und Schicksal, Versuch und Irrtum, Glück und Pech, Gelingen und Scheitern. Dazwischen vertreiben wir uns die lausige Zeit mit Arbeit. Manche machen Tische, manche machen Schuhe. Bei mir sind es eben Bücher geworden, so einfach ist das.

BREM (verkrampft lächelnd) Ja, aber was für Bücher! Großartige Bücher! In ihrem … atemberaubenden dritten Roman »Gestern war ein Tag zu spät« lassen Sie Ihre Hauptfigur Antonius auf Seite 177 zu seiner Tochter sagen: »Mit der Liebe ist es wie mit einer Brille. Wenn man sie einmal verlegt hat, fehlt sie einem bitterlich bei der Suche nach ihr.« — Das ist  … 

TRÖMERBUSCH (vor sich hin, mit dem Publikum lächelnd kokettierend) Das ist von mir? Das habe ich geschrieben? Muss wohl wirklich schon eine Weile her sein.

BREM (unbeirrt) Das ist eine Ihrer wunderschönen Metaphern, in denen so viel Weisheit steckt. Herr Trömerbusch, wie kommt man in der Literatur zu Bildern, die einem selbst über die Liebe, über die schon alles gesagt zu sein scheint, noch in dieser Weise, fern aller gängigen Klischees  … 

TRÖMERBUSCH (höhnisch, zynisch) Verzeihung, gnädige Frau … Kollegin, wenn ich Sie hier unterbreche. Der Kern Ihrer Frage soll also offenbar lauten, wie man in der Literatur zu Bildern kommt, nicht wahr? Also bitte. — Der Maler sieht Bilder, indem er sie zeichnet. Der Musiker hört Bilder, indem er sie spielt. Der Literat liest Bilder, indem er sie schreibt. So kommt man zu Bildern. Und lässt man die Bilder nicht aus sich heraus, dann behält man sie eben im Kopf. Dort sind sie im Übrigen gar nicht so schlecht aufgehoben. Und der Nachwelt bleiben sie erspart. Ich hoffe, Ihre … Frage ist hiermit beantwortet.

Mariella Brem fühlt sich zunehmend in die Enge getrieben und wirkt verkrampft und verunsichert. Ihre Faszination für den lakonisch auftretenden und gereizten Autor Trömerbusch bröckelt langsam ab. Noch hält sie starr an ihrem schriftlichen Fragekonzept fest.

BREM Ein häufig wiederkehrendes Thema in Ihren Romanen ist die Suche Ihrer Protagonisten nach der verlorenen Kindheit. Schon in Ihrem Frühwerk, dem 1978 erschienenen ersten Teil Ihrer Trilogie »Scheingestalten«  … 

TRÖMERBUSCH Wann war das? Im Jahr 1978?

BREM Ja. 1978.

TRÖMERBUSCH Aber wann? In welchem Monat? Helfen Sie mir. Es müsste irgendwann im Frühjahr gewesen sein.

BREM Richtig. Es war im...


Glattauer, Daniel
Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, Bücher (u. a.): Die Ameisenzählung (2001), Darum (2003), Der Weihnachtshund (Neuausgabe 2004), Theo (2010), Mama, jetzt nicht! (2011), Ewig Dein (2012), Geschenkt (2014). Mit seinen Romanen Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009) schrieb er Bestseller, die auf der ganzen Welt gelesen werden. Die Komödie Die Wunderübung (2014) ist als Buch, am Theater und als Film sehr erfolgreich. Auf der Bühne sind auch die Komödien Vier Stern Stunden und Die Liebe Geld zu sehen. Und 2019 kam die Verfilmung von Gut gegen Nordwind ins Kino. Zuletzt erschien der Roman Die spürst du nicht (2023).



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