E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: hanserblau
Gmuer Karizma
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28495-1
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: hanserblau
ISBN: 978-3-446-28495-1
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Victoria trifft Said. Beide wissen sofort: Es ist die große Liebe. Doch dann verschwindet der Rapper nach einem Gig in Südfrankreich im Meer. Victoria, mit Anfang zwanzig bereits Ex-Model mit großer Wohnung und großer Leere im Leben, ist wieder allein. Was bleibt, sind Erinnerungen und Saids Plattensammlung. Sie sucht ihn in seinen Texten und seiner Musik, und tatsächlich findet sie ihn wieder - aber anders als vermutet.
Sara Gmuers rasantes Romandebüt erzählt in lässig-coolem Sound, was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren - und in der Musik wiederzufinden.
SARA GMUER wurde 1980 in Locarno geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in der italienischen Schweiz, ihre Jugend in Luzern. Nach ihrem Abschluss an der Filmschauspielschule Zürich zog sie nach Deutschland. Sie stand für Dominik Graf und Die Ärzte vor der Kamera und als Rapperin auf der Bühne. Sie schrieb Songs, textete für Agenturen und fand dabei ihre ganz eigene Stimme. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Berlin.
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ICH rauchte und wartete. Rauchte auf dem Fensterbrett, am Tisch und im Bett, ich rauchte da, wo andere reden, essen und Sex haben. Essen sollte ich nicht, zum Reden hatte ich niemanden und für Sex auch nicht. Den Kummer hätte ich vielleicht wegsaufen können, die Kopfschmerzen nicht. Was solls, da wo ich herkomm, kannte man eh keine Probleme, und wenn es doch mal welche gab, dann wandte man sich an Gott, und wenn der nicht half, ging man zu Bernardo Provenzano. Mir half keiner von beiden.
Bis dahin dachte ich immer, die Hoffnung stirbt zuletzt, Bullshit, die Hoffnung verlässt dich wie eine Nutte, sobald es ernst wird, das, was wirklich bis zum bitteren Ende bleibt, ist die Wut. Und von der blieb eine ganze Menge.
Ich wär vor Hass am liebsten gestorben. Eigentlich wollte ich mehr als nur tot sein, denn tot sein hieße gelebt zu haben. Ich wollte nie da gewesen sein, weder hier noch sonst irgendwo und schon gar nicht in dieser trostlosen Stadt Immergrau, wo es jeden Tag regnete, als weinte auch der Himmel, dass ich hier war.
Ich rauchte und wartete. Mir hätten Zigaretten, italienisches Fernsehen und paar Aufträge gereicht, doch keiner buchte mich mehr, die Pariser Schauen fanden ohne mich statt, und auch die Mailänder riefen zur Modewoche nicht an.
Was blieb, waren Rai Due und die Kippen, und das ist ja nicht gerade gesund, weder für den Geist noch für den Körper. Sonst machte ich nicht viel, weder für den Geist noch für den Körper. Raus ging ich selten, wenn, dann nur um von der Telefonzelle aus meine Nummer zu wählen. Ich musste es ab und zu einfach klingeln hören, bloß um sicherzugehen, dass es an meiner Drecksagentur und nicht an meinem Handy lag, dass keiner mehr anrief.
Um die Kabine standen meistens paar Jungs, war dort so was wie die Telefonzentrale kleiner Dealer. Sie sagten, sie fänden mich geil, ich sagte Hallo und Tschüss und hatte so an den Tagen wenigstens ein bisschen was geredet. Das wars, dann schnell wieder rauf in den zweiten Stock. Die Wohnung war riesig, aber egal, ich gab noch nie was drauf, wie reich jemand ist, denn Reichtum kann auch von Geiz kommen, und dann ist er scheiße.
Über Geld redete man bei uns sowieso nicht. Ich wusste nicht, wie viel Geld mein Vater hatte, das letzte Mal, als ich ihn fragte, kaufte er mir zweihundert Quadratmeter Einsamkeit, Parkett und Marmor, in bester Lage, mitten in Berlin. Wahrscheinlich verstand er die Frage als Beleidigung oder so, und das war dann wohl seine Art zu sagen, dass die Geschäfte gut liefen.
Er selbst lebte noch in Sizilien, in einem Haus mit viel zu vielen Zimmern. Als Kind war es perfekt, manchmal versteckte ich mich einen ganzen Tag in einem davon, bis es mir langweilig wurde und ich wieder rauskroch, weil mich eh niemand fand, weil die Kindermädchen lieber auf dem Vorplatz rauchten oder mit den Feldarbeitern flirteten, anstatt mich zu suchen. Ab und zu schrien sie meinen Namen durch die Gänge, damit ich weiterhin mucksmäuschenstill im dunklen Nussbaumschrank eingepfercht blieb.
Vielleicht hätte ich dort drinbleiben sollen, vielleicht hätte ich dann nicht mitgekriegt, was draußen so abging.
Meine Mama starb. Sie starb, als ich zwölf war, bei einem Autounfall. Als ich zwölf war, starb meine Mama bei einem Autounfall. Bei einem Autounfall starb meine Mama. Ich kann den Satz drehen und wenden, wie ich will, er wird nicht schöner.
Es war der siebte Unfall in der Woche, es passierte immer abwechselnd, mal im Norden der Insel, mal im Süden. Das ging hin und her, Auge um Auge, Auto um Auto. Mal lag es an der Bremsleitung, mal an einer Sprengladung.
Um mich aus der Scheiße rauszuhalten, brachte mich mein Vater nach Deutschland zu einer Schwester meiner Mutter, die aber so hässlich war, dass sie nicht wirklich ihre Schwester sein konnte. Egal, sie war nett, also war ich es auch, nannte sie Zia und versteckte meine Trauer tief in meinem Herzen. Ich hatte fürchterliches Heimweh, doch mein Vater holte mich nicht zurück.
Er sagte, er würde einen weiteren Autounfall nicht überleben, dabei hatte er gar nicht mit im Wagen gesessen, als der 600er gegen den Pfeiler krachte, der meine Mama aus dem Leben schleuderte. Ich checkte erst später, was er meinte, er hatte Angst, mich auch noch zu verlieren. Deshalb musste ich fort.
Keine Ahnung, ob das egoistisch von ihm war oder das Gegenteil davon, aber für mich war es schlimm, denn in seiner Nähe fühlte ich mich sicher, und doch musste ich weg von ihm, weil ich in seiner Nähe nicht mehr sicher war.
Mit fünfzehn beschloss ich, Deutschland zu verlassen. Doch mit fünfzehn ist man niemand, mit fünfzehn kommt man nur so weit, wie der Bus fährt.
Ich hatte keinen Bock, rumzusitzen, mit Fünfzehnjährigen rumzuhängen und mir zu überlegen, was ich später mal werden möchte, also ließ ich meine Tante Fotos von mir machen und schickte sie allen möglichen Modelagenturen. Von den meisten Agenturen kriegte ich eine Absage, vom Rest nicht mal eine Antwort. Und so fühlte ich mich hässlich wie nie zuvor, bis ein Fotograf meine Bilder sah und mich zu einem Probeshooting einlud. Aus dem Probeshooting wurden Shootings und aus Shootings irgendwann Kampagnen.
Ich war auf einmal frei. Mein Plan ging auf, das Modeln holte mich raus, nahm mich an die Hand und zeigte mir die schönsten Plätze dieser Erde. Ich reiste um die halbe Welt und machte dabei auch noch Kohle, meine eigene Kohle, doch mein Dad schickte mir weiterhin Geld, als wäre sein Geld mehr wert als meins. Das machte mich so sauer, dass ich mein Konto auflöste. Ich brauchte sein Geld nicht mehr, ich war von niemandem mehr abhängig.
Das Modeln war so was wie mein neues Zuhause, ein strenges mit vielen Regeln. Nicht alles essen, nicht alles machen, nicht alles sagen. Aber kommt halt drauf an, was man isst, wie man was macht und wem man was sagt, dann kommt man eigentlich überall klar. Die Castings waren immer gleich. Hallo, ich heiße Victoria und bin sechzehn Jahre alt, genau so, sechs Jahre lang, bis es mir keiner mehr glaubte. Die Modelaufträge wurden weniger, mein Typ war nicht mehr gefragt, ich lag den ganzen Tag nur noch im Bett rum und fühlte mich mit jedem Tag älter, hässlicher und dicker.
Ich hatte Angst, meine besten Jahre zu verschwenden, und aus Angst vor der Angst packte ich gar nichts mehr, bis mich ausgerechnet ein beschissener Schlafzimmereinrichtungskatalog aus dem Bett holte. Hurra, ich kriegte nach Monaten endlich wieder einen Job, leider aber einen, für den ich vor Kurzem nicht mal aufgestanden wäre. Aber Job ist Job, und so stand ich fünf Tage später in einem hellen Studio und lächelte in die Kamera.
Die Leute waren begeistert, sie waren hin und weg von mir. Ich dachte nur, hin und weg von hier. Sie fanden sogar süß, dass ich ständig sagte, bis ich ihnen erklärte, dass wörtlich übersetzt Schwanz bedeutet. Was solls, ich gab ihnen, was sie wollten, Fotos und ein bisschen Glamour für ihre todlangweilige Welt. Schätze, dass der ein oder andere von denen heute noch von dem Shoot erzählt, vielleicht, dass ich nichts vom Catering aß, dafür Alkohol trank, irgend so was halt.
Auf jeden Fall machte ich den für einen Profi unterbezahlten Job wie ein Profi und ging. Draußen regnete es in Strömen. Ich hatte nie einen Schirm dabei, und so machte der Regen meine Haare dunkler, als sie waren, und streichelte mein Gesicht. Ich genoss jeden Tropfen. Fuck, muss ich einsam gewesen sein.
Ich hatte keinen Bock, nach Hause zu gehen, wollte unbedingt noch was erleben, nicht schon wieder alleine sein. Also ging ich in den erstbesten Imbiss und bestellte mir ein Päckchen rote Marlboro, eine rote Cola und die Nr. 13, hinter der stand.
Ich wartete noch auf meine Nudeln, als auf einmal ein klatschnasser Riese aufkreuzte. Ein Kerl so groß wie unser bester Basketballspieler, Dino Meneghin, nur um einiges dicker. Er kam rein, als würde er da wohnen, schaute mal zur Frau an der Theke, mal zu mir und zählte dabei paar Nummern auf. Ich konnte es mir nicht verkneifen und sagte: »Versuchst du mir grad deine Telefonnummer zu geben oder was?«
Wir mussten beide lachen, aber gesagt hat keiner mehr was. Wir standen einfach da und warteten geduldig aufs Essen. Als meins kam, schien in mir wieder ein wenig die Sonne, da konnte draußen das Gewitter noch so heftig toben.
Ich öffnete die Box und hatte noch nicht mal die Gabel im Mund, da stand schon die Frau vor mir, die grad eben noch hinter dem Tresen war. Sie lächelte, aber ihre Worte sagten was anderes. »Draußen essen!«
Draußen essen? Bei dem Regen, der runterfiel, hätte ich mir gleich eine...




