E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Gnos Zuletzt weiß es das Lied
4. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-8261-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
ISBN: 978-3-7568-8261-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leonor Gnos, geboren 1938 in Amsteg-Silenen, Kanton Uri. Kaufmännische Berufsausbildung. Lernt verschiedene europäische Sprachen mit längerem Aufenthalt in England, Italien, Spanien und Griechenland. Lehrdiplome. Von 1988 bis 2009 unterrichtet sie in Paris Deutsch als Fremdsprache. Lebt seit 2010 in Marseille. Sie veröffentlicht Gedichte, Erzählungen und Novellen. Letzte Publikationen: »Mohn am Schuh« (Gedichte, 2006), »Singende Städte«, (Gedichte, 2009), »Nelly N.« (Erzählungen, 2011), »Hier ist Süden« (Gedichte, 2012), Sammlung der Schweizer Poesie »Die Schrift der Sonne ist vertikal« (2013). Co-Autorin »Mäd Book 3« (Lyrik und Prosa, 2014), »Jenseits von Blau« (Gedichte, 2014), »Lichtfalten« (Gedichte, 2017), »Horizont 13« (Gedichte, 2020.
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TEIL EINS
Schnee, Schnee fiel auf die Stadt, als Judith zurückkam. Schnee wirbelte der Straße entlang ins Geäst der Bäume und bildete launische, vom Wind getriebene Formen. Erst legte der Schnee eine Schicht auf die Dächer, eine auf die Straßen und zuletzt eine weiße Decke über die andere. In der Luft hallten die Schläge der Kirchenuhr. Es war Mittag. Das Schild auf der andern Straßenseite neben dem Portal der »Städtischen Kinderkrippe Seemöwe« hinterließ keine Erinnerung in ihr. Sie war kaum drei Jahre alt gewesen, als ihre Eltern sie für einen Tag den Betreuerinnen anvertrauten, bevor sie mit ihr vor dem Eingang der Krippe »Englein flieg« spielten, sie hin und her wiegten, in die Luft schaukelten; flieg und nochmals flieg, hoch und höher bis in den Himmel, soll sie ganz verzückt gerufen haben, unersättlich im Schwingen und Singen, im Flattern und Fliegen. Daran glaubte sie sich zu erinnern. Dass ihr Vater und ihre Mutter sie zuletzt auf den Boden stellten, bevor sie sich umarmten, daran erinnerte sie sich nicht. Schon gar nicht an ihr Versprechen, sie am Abend nach der Tagesreise in den französischen Jura abzuholen. Später vernahm sie, dass ihre Eltern tödlich verunfallt waren. Die Suche nach Familienangehörigen blieb erfolglos. Den Namen Ital fand man bis auf einige wenige Personen in der Schweiz und in Frankreich nirgends. Kein echter Beweis für Judiths Vorhandensein. Sie war davongekommen. Der Eintrag im Register der Kinderkrippe lautete undeutlich auf Jude Ital. Ohne viel zu überlegen, nannten sie die Kinderbetreuerinnen Judith. Innert ein paar Monaten bekam sie Adoptiveltern. Von da an hieß sie Judith Roos.
Sie war nicht zurückgekommen, um die Spuren ihrer Kindheit zu suchen. Ein wehmütiges Gefühl für das Haus, in dem sie ein paar Jahre mit ihren Adoptiveltern verbracht hatte, fehlte ihr. Der rieselnde Schnee brachte ihr das Lied einer Internatsfreundin ins Gedächtnis zurück: Sie ging schneller, sie wollte die Umgebung überfliegen, eher ganz auslassen. Aber die Örtlichkeiten zwangen sich ihrem Blick auf. Der Spielplatz, auf dem Kinder einander Schneebälle zuwarfen, sich stritten, Mütter auf dem Sprung waren, ihre Kleinen von den andern Kindern zu trennen, die Knaben mit Spielgewehren dazwischentraten. Die Väter waren abwesend. Das Haus ihrer Adoptiveltern hatte sie größer in Erinnerung, das Gärtchen davor kleiner, aber der Schneeteppich gab ihm Größe. Sie trat an die Klingelschilder heran. Berta Roos, 2. Stock. Fröstelnd band sie den Schal, den ihr Susan, eine andere Internatsfreundin, geschenkt hatte, enger um den Hals. Weiß passt zu Dir und zum Schnee, hatte sie erklärt. Von Weiß sagt man, dass es alle Farben in sich birgt und ihr Geheimnis bewahrt.
Judith trat zwei Schritte zurück, blickte hoch bis zu den Fenstern des zweiten Stockwerks. Eines war dasjenige ihres Kinderzimmers. Sie erinnerte sich, dass sie nachts oft von einer Gestalt geträumt hatte, die sie wiegte. Sie atmete mit diesem Schaukeln und der Stimme, die eine wiederkehrende Strophe sang: Sie hörte dem Lied zu, ihre Lippen bewegten sich klanglos mit den Silben , die Töne trafen nah auf ihr Ohr, , zwischen Wiegen und Lauschen bis in ihren Hals, wo sich das Lied überschlug. Schwindlig versuchte sie, die Stimme zu halten, doch diese zog sich zurück, flaute ab und verstummte ganz. Mama, schrie sie, obwohl sie kein Recht hatte zu schreien. Sie erwachte schweißgebadet. Rings um sie stand die Finsternis.
Manchmal verscheuchte der Tag die Aufregung der Nacht. Sobald es dämmerte und die Wände blau wurden, schwand die Bestürzung. Aber der Tag war lang, wenn sie nicht Mama und Kind spielte. Mama war eine Schachfigur, die weiße Königin, und sie selbst eine mit Sägemehl gefüllte Stoffpuppe. Sie lag am Boden, krümmte sich. Komm, meine Kleine, was hast du denn?, fragte Mama mit singender Stimme. Sie breitete den Königsmantel aus und hob mit den Armen ihr Kind hoch. Das Licht, das durch das Fenster drang, schien auf ihre Hände. Das war der Moment, der die Zeit aufhob, der Moment, in dem Mama das Kind zu sich emporhob, es ihren Bauch spürte, die Brüste, die Schultern und neben ihrem Gesicht verweilte, direkt unter der Schachkrone. Mama kuschelte das Kind an ihrer Schulter zurecht. Wenn es dich nicht gäbe, flüsterte sie. Ganz nah an ihrem Ohr murmelte das Kind: Es gibt mich ja.
Judith schauderte. Gebannt schaute sie zum Fenster hoch. Nun war sie doch da, die Kindheit. Sie hörte ihre Adoptiveltern sagen, dass ihr Name vielleicht jüdisch sei. Sie wusste nicht, was damit gemeint war. Sie sah es nur in den Gesichtern, in den Augen, die auf ihre Füße starrten, als wäre sie ein Ratespiel, nicht ganz dies, nicht ganz das. Manchmal kamen sie auf sie zu und bestraften sie mit den gleichen Händen, mit denen sie die Kleider am Körper glatt strichen, das Brot brachen, einander zuwinkten. An den Anlass der Übergriffe erinnerte sich Judith nicht. Sie musste etwas nicht richtig gemacht, etwas Falsches gesagt oder nichts gesagt haben, etwas getan oder nicht getan haben. Die Zeit vor den Schuljahren war in ihrem Gedächtnis fast ausgelöscht. Dass sie im Gärtchen vor dem Haus Steine zu Schneckenlinien aufreihte, kam ihr in den Sinn, weil ihre Adoptivmutter gesagt hatte: Es ist Sonntag, geh unten spielen, und ihr Adoptivvater nachrief, am Sonntag haben auch die Vögel frei, sie fliegen leichter. Dass sie in die Luft guckte und den Schwalben nachschaute, die zwitschernd Kreise, Schleifen und Spiralen in den Himmel zeichneten. Dass sie sich heiter wieder ihrem Spiel mit den Steinen hingab.
Deutlich im Gedächtnis haften blieb ihr ein Schultag der zweiten oder dritten Klasse. Sie war nicht sicher, ob sie froh oder traurig sein sollte, dass die Adoptiveltern noch nicht von der Arbeit zurück waren, als sie nach Hause kam. Ganz benommen ging sie gleich in ihr Zimmer, um Mama und Kind zu spielen. Und jetzt, Mama, erzähle ich dir, wie es heute in der Klasse war. Da kommt unsere Judith, rief der Lehrer von weitem. Er machte ein freundliches Gesicht, und sein Blick wechselte nicht von einem Augenblick zum andern die Richtung. Die Kinder liefen mir entgegen. Alle wollten mit mir spielen. Ich spürte ihre Hände, klein wie meine. Wir drehten uns im Kreis, bis große Vögel mit bunten Federn niederschwebten, uns auf ihre Flügel nahmen und in die Luft trugen. Judith, riefen die Kinder, wir folgen dir mit den Vögeln bis zu den Wolken. Judith, klang es aus den Schnäbeln der Vögel, was für ein schöner Name, mit Judith fliegen wir um die Welt.
Dann erzählte sie Mama, dass sie über den Dächern der Stadt segelte, dass die Straßen und Plätze glänzten, die Waldhügel kahl wären und der See einem Teich glich. Dass beim Anblick der in den Krippen und Schulanstalten verbliebenen Kinder die Vögel ungewöhnlich schnell weiterflogen.
Du bist sicher hungrig von der langen Reise, sagte Mama, du musst ein großes Stück Apfelkuchen essen. Das Kind rutschte bis zum Saum des Königsmantels hinunter. Es begann zu dämmern, als Mama den Kuchen auftrug und gleich die Kerzen am Leuchter anzündete. So hell wie die Flammen war auch der Schein über der Stadt, sagte das Kind. Morgen holen uns die Vögel wieder. Ja, sagte Mama, ein Flug gibt den andern, die Vögel haben ein Gedächtnis im Lied, oder sagte sie, die Vögel haben ein Vermächtnis im Sieg? Das Kind wusste es nicht genau, denn mit einem Schlag ging die Türe auf. Der Luftzug löschte die Flammen, vertrieb auf der Stelle die Bilder.
Judith, rief ihre Adoptivmutter, wann hörst du auf, mit dieser schlampigen Stoffpuppe zu spielen, und was sagst du, hier bist du und nicht in der Luft, das wäre noch schöner. Hier dein Abendbrot, dann gehst du zu Bett, da werden dir die Träumereien vergehen. Sie nahm ihr die Stoffpuppe aus der Hand und warf sie zur Tür hinaus in den Abfalleimer.
Von außen drückte die Dämmerung gegen das Fenster. Judith aß schnell das Brot und legte sich ins Bett. Zwischen ihren zusammengepressten Fingern zuckte die weiße Königin. Sie hatte die Schachfigur retten können. Ihr kleiner Finger ersetzte das Kind. Aber das Spiel versiegte. In ihrem Hals steckte ein Kloß. Einen Schrei unterdrückend, steckte sie die Finger in den Mund. Die Kö-nigin war ihr aus der Hand in die Kuhle der Brust gefallen.
Judith zitterte. Der Gedanke an den vergangenen Schultag schüttelte sie. Sie sah den Weg, an dem beidseitig die Knaben standen, als machten sie ihr Platz, um sie vorbei zu lassen. Sie sah die lauernden Gesichter, die bis zum Schlitz verengten Augen, die angespannten Oberkörper, das unverschämt wippende Schuhwerk. Sie trugen den Schulranzen auf dem Rücken, ihre Hände waren frei. Sie ging im Taumel hindurch. Sie fühlte sich nackt, als wäre sie doppelt sichtbar. Die Knaben rückten vor, pufften sie, zogen sie an den Händen. Sie stürzte, umgeben von Hosenbeinen, die sich in...




