E-Book, Deutsch, 465 Seiten
Goddard Das Geheimnis von Trennor Manor
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96655-098-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 465 Seiten
ISBN: 978-3-96655-098-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Robert William Goddard, geboren 1954 in Fareham, ist ein vielfach preisgekrönter britischer Schriftsteller. Nach einem Geschichtsstudium in Cambridge begann Goddard zunächst als Journalist zu arbeiten, bevor er sich ausschließlich dem Schreiben von Spannungsromanen widmete. Robert Goddard wurde 2019 für sein Lebenswerk mit dem renommierten Preis der Crime Writer's Association geehrt. Er lebt mit seiner Frau in Cornwall. Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks auch die folgenden Kriminalromane: »Im Netz der Lügen« »Der Preis des Verrats« »Eine tödliche Sünde« »Ein dunkler Schatten« »Denn ewig währt die Schuld« »Das Geheimnis von Trennor Manor« »Das Geheimnis der Lady Paxton« »Das Haus der dunklen Erinnerung« »Das Geheimnis von Malborough Downs« »Dunkles Blut - Harry Barnett ermittelt: Der erste Fall« »Dunkle Sonne - Harry Barnett ermittelt: Der zweite Fall« »Dunkle Erinnerung - Harry Barnett ermittelt: Der dritte Fall« Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks weiterhin die historischen Kriminalromane: »Die Sünden unserer Väter« »Die Schatten der Toten« »Jäger und Gejagte« »Die Klage der Toten« »Der Kartograf von London«
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Dass er sein Kommen zugesagt hatte, bedauerte er nicht. Schon längst hatte er gelernt, die Folgen jeder seiner Entscheidungen mit einem gewissen Gleichmut hinzunehmen. Bedauern war also nicht der richtige Ausdruck. Und die Folgen zeigten sich oft erst nach langer Zeit und waren nicht immer angenehm. Und die lange Fahrt westwärts erinnerte ihn von Meile zu Meile nachdrücklicher daran. Seine Vergangenheit war Feindesland, seine Gegenwart eine friedliche Ebene. Wenn er jetzt heimfuhr, gab er nicht nur eine Zuflucht preis, sondern erklärte auch, dass er keine mehr brauchte – was natürlich, wie er sofort gesagt hätte, absolut stimmte. Aber etwas zu sagen und tatsächlich daran zu glauben, sind grundverschiedene Dinge, nicht minder gegensätzlich als Lärm und Stille. Und was er im Augenblick am lautesten durch das Mattglas und die stoßfeste Karosserie seines eleganten grauen Firmenwagens hörte, war ... Stille.
Die Fahrt nach Hause in den Westen von England war auch in geschichtlicher Hinsicht ein Widerspruch in sich. Egal, wie gut er seine Rolle als Engländer und nüchterner, effizienter leitender Angestellter spielte – sofern die genealogischen Nachforschungen seines Großvaters wirklich zutrafen, war Nicholas Paleologus etwas weit Exotischeres: ein Nachfahre des letzten Kaisers von Byzanz. Für seine quasi-legendären, östlichen Wurzeln empfand und zeigte er allerdings seit jeher eine tiefe Verachtung. Die Aufmerksamkeit, die sie auf ihn lenkten, war ihm im besten Fall unwillkommen und im schlimmsten ... Doch er legte keinen Wert darauf, bei den schlimmsten Erinnerungen zu verweilen. Seit er sich von seiner Familie zurückgezogen hatte, war er durchaus bereit, sich zu seiner griechischen Herkunft zu bekennen, zu mehr aber auch nicht.
Einen Zusammenhang mit der Kaiserdynastie stritt er jedenfalls stets ab, wenn ihn jemand von den erbärmlich wenigen, denen der Name ein Begriff war, darauf ansprach. Er hatte es satt, sich an Fachsimpeleien darüber zu beteiligen, warum er nicht Palaiologos hieß wie seine angeblichen Vorfahren, und überhaupt schien es höchst unwahrscheinlich, dass es den letzten Vertreter der Palaiologen nach England verschlagen haben sollte. Und doch musste wohl laut ihrer lückenhaften Geschichte genau das geschehen sein. Die Palaiologos-Dynastie hatte in den letzten zwei Jahrhunderten, den unrühmlichsten seiner Geschichte, über Byzanz geherrscht, bis schließlich Kaiser Konstantin XI. bei der vergeblichen Verteidigung der Mauern von Konstantinopel gegen die türkischen Belagerer 1453 fiel. Nach dieser Katastrophe wurden diejenigen Familienmitglieder, die die Unterwerfung überlebten, über das gesamte Mittelmeergebiet verstreut und mischten sich nach und nach mit Angehörigen niederer Stände. Schließlich floh Konstantins Ur-ur-ur-urgroßneffe Theodore vor einer Anklage wegen versuchten Mordes aus Italien und setzte den Fuß auf englischen Boden – den er nie wieder verlassen sollte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er als Gast der Familie Lower auf deren Landsitz in Clifton am kornischen Ufer des Flusses Tamar gegenüber der Stadt Plymouth, wo er 1636 als Mitglied der Gemeinde Landulph starb.
Es war Theodore Paleologus' Gedenktafel in der Kirche von Landulph, die Nicks Großvater, Godfrey Paleologus, dazu anregte, sich dort niederzulassen und zahllose Mußestunden, die er einer beträchtlichen Erbschaft verdankte, dem Beweis seiner kaiserlichen Herkunft zu widmen. Um in der Nähe bleiben zu können, erwarb er ein auf halbem Weg zwischen der Kirche und dem Dorf Cargreen gelegenes, verfallenes Gutshaus mit dem Namen Trennor und baute es mit der Zeit zu einem reizenden Familiensitz aus. Zwar gelang es dem gebürtigen Bürger von Plymouth nie, seine Blutsverwandtschaft mit dem schon so lange toten Theodore zu beweisen, doch ein Wunsch von ihm ging immerhin in Erfüllung: Nach seinem Tod wurde er, wenn schon nicht in der Gruft der Paleologus aus dem 7. Jahrhundert, so doch im Friedhof von Landulph beigesetzt.
Sein Sohn Michael studierte in Oxford Archäologie, wo er später unterrichtete und seine fünf Kinder, einschließlich Nick, großzog. Nach dem Tod seiner Eltern benutzte er Trennor, das er behalten hatte, als Ferienhaus, und im Alter lebte er dort. Seit seine Frau gestorben war, wohnte er hier allein. Vier seiner fünf Kinder lebten in seiner unmittelbaren Nähe, teils aus freien Stücken, teils gezwungenermaßen. Nick hatte als Einziger das Elternhaus verlassen. Und jetzt kehrte er ebenfalls zurück, wenn auch nicht für lange und, wie er vermutete, auch nicht aus edlen Motiven.
Es war Freitagnachmittag. Unterwegs hatte ihn eine nasskalte Winternacht eingeholt. Vielleicht war es ganz gut so, dachte er, als er auf einem Schild am Straßenrand las, wie viele Meilen es noch zu seinem Ziel waren, vielleicht brauchte er den Schutz der Dunkelheit, Schutz in der einen oder anderen Form. Das war schon immer so gewesen.
Am Sonntag war der fünfzigste Geburtstag seines ältesten Bruders. Andrew hatte im Heidegebiet von Bodmin Moor eine Schaffarm, auf der er – laut ihrer Schwester Irene – dank Scheidung, Entfremdung von seinem einzigen Sohn und dem Niedergang der britischen Landwirtschaft eine von Jahr zu Jahr traurigere Gestalt abgab. Eine Geburtstagsfeier auf Trennor – ein Familientreffen – würde ihnen allen gut tun. Insbesondere natürlich Andrew
Das war eine Aufforderung, die Nick nur schlecht ignorieren konnte. Aber bei ihrem Bemühen, ihn zu ködern, hatte Irene auch zugegeben, dass noch mehr dahinter steckte. »Wir müssen über die Zukunft sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dad noch sehr viel länger allein auf Trennor zurechtkommt. Es hat sich eine neue Möglichkeit ergeben, und wir würden gern deine Meinung dazu hören.« Zu den Einzelheiten hatte sie sich am Telefon nicht näher äußern wollen. Nick nahm an, dass es ihr nur darum ging, seine Neugierde zu wecken und auch an sein Gewissen zu appellieren. Was ihr gelungen war, wenn auch nicht so vollständig, wie sie es vermutlich erhofft hatte. Nick hatte letztlich nur deshalb zugestimmt, weil ihm keine glaubhafte Ausrede für sein Nichterscheinen einfiel.
Der Stoßverkehr ließ gerade etwas nach, als Nick Plymouth erreichte. Er folgte der A38 quer durch die Innenstadt zur Tamar Bridge, wo Baumaßnahmen zur Fahrbahnverbreiterung nur noch ein Kriechtempo über den dunklen Fluss zuließen. Links überquerte gerade ein Zug die Eisenbahnbrücke in die Richtung, aus der Nick gekommen war. Unwillkürlich wünschte Nick, er säße jetzt in diesem Zug, und gab für einen Moment seinen gut geübten Gleichmut preis.
Doch nur für einen Moment. Dann hatte er seine Selbstbeherrschung wiedererlangt.
Am anderen Ufer angekommen, bog er zur Ortsmitte von Saltash ab und fuhr durch den ältesten Teil der Stadt einen steilen Berg wieder hinunter zum Fluss, wo Straße und Gleise über ihm aufragten. Nach einer Rechtskurve tauchten vor ihm am Flussufer die erleuchteten Fenster des Gasthofs Old Ferry Inn auf, den Irene Viner, geborene Paleologus, seit zwölf Jahren führte. Die Idee, ein Pub zu eröffnen, ging eigentlich auf ihren Mann zurück, der damals gerade seinen Arbeitsplatz bei der Reederei von Davenport verloren hatte. Und schon bald darauf hatte er angefangen, die Einnahmen zu vertrinken – ein Problem, das Irene nur mit Hilfe eines Scheidungsanwalts hatte lösen können. Sie gab bereitwillig zu, dass es nie ihr Lebenstraum gewesen war, eine Kneipe zu betreiben, hatte es aber in ihrem neuen Metier schnell zu sehr viel mehr Erfolg gebracht, als Nick ihr je zugetraut hätte.
Nick fuhr in den kleinen Hof hinter dem Pub und bugsierte den Wagen in eine schmale Lücke zwischen Irenes Opel und einer großen Tonne für Plastikflaschen. Erst als er ausstieg und sich die Lunge mit kalter, feuchter Flussluft voll sog, begriff er, dass er wirklich zu Hause angekommen war. Fast senkrecht über ihm wölbte sich der alte Bogen der Eisenbahnbrücke, der jetzt umso dunkler und ruhiger wirkte, nachdem gerade der ostwärts fahrende Zug vorbeigerauscht war. Weiter vorne erhob sich die neue Autobrücke. Die an Seilen gesicherten Sitzvorrichtungen für die Arbeiter und das vom Ufer herüberscheinende, grelle Natriumdampflicht ließen sie merkwürdig verzerrt erscheinen. Seine Schwester hatte sich schon ein eigenartiges Zuhause ausgesucht, eines, das im Schatten von verkehrstechnisch notwendigen Bauwerken stand und seinen Namen zu Ehren eines alten Transportmittels trug, das man in diesem Ort nicht mehr vorfand. Egal, aus welcher Perspektive man es betrachtete, das Old Ferry war eine Sackgasse.
So jedenfalls kam es Nick vor. Aber was war schon dabei? Er war schließlich nur für ein Wochenende hier. Ja, er war hergekommen, aber bald, sehr bald, würde er wieder abfahren.
Er nahm seine Reisetasche aus dem Kofferraum und ging hinüber zum Haupteingang an der Vorderseite des Pubs. Zögerlich spähte er hinein. Es war eines von den Gebäuden, wo der Kneipenbereich und die Lounge räumlich getrennt waren. Irene und ihre Gäste sprachen allerdings immer vom vorderen und vom hinteren Teil, die beide von einem einzigen Tresen aus bedient wurden. Die Decken waren niedrig, die Böden uneben und die Wände so dick wie in einem Verlies. Ihre ungefähr fünfhundert Jahre waren der Gaststätte durchaus anzumerken, was sie aber nicht zu einem Museum machte. Zwei Saftpressen und junge Leute aus dem Ort sorgten dafür, dass ein Neuankömmling von einer nicht allzu muffigen Atmosphäre begrüßt wurde.
Rauch hing allerdings reichlich in der Luft. Nick, ein eingefleischter Nichtraucher, musste auf dem Weg zur Theke unwillkürlich husten, womit er sich schiefe Blicke von einigen Jugendlichen einfing, die die Saftpresse umlagerten. Der Anblick eines gepflegten Fremden in elegantem Anzug schien ihnen nicht gerade zu...




