Gödde | Ziegenverbiss | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Gödde Ziegenverbiss

Versuch, einen Krimi zu schreiben
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-5558-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Versuch, einen Krimi zu schreiben

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-7481-5558-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Autor will über einen aktuellen Mordfall schreiben. Zur Unterstützung erfindet er den Detektiv Heinrich Hiesken. Der existiert nur auf der Festplatte seines Laptops. Trotzdem mischt er auch in der Realität mit - nicht immer zur Freude des Autors. Beide sammeln Material für den Krimi, in dessen Handlung es um Ziegen, Zicken und alte Böcke geht. Das Gebiss einer Ziege und das Gift einer amerikanischen Pflanze, die auch in einer Kleingartenanlage der Sauerländer Kleinstadt Erloh als Zierpflanze wächst, scheinen zu beweisen: Der Gärtner ist immer ... 'Eine Super-Story!', behauptet Heinrich. Der Autor ist sich aber nie ganz sicher, ob er seinem Geschöpf immer glauben kann.

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2


M. ist nicht begeistert, als ich am Frühstückstisch Platz nehme. „Du hättest mir wenigstens einen Zettel hinlegen können! Dein Handy hattest du auch nicht mit!“ – Abreibung angekommen! Ich entschuldige mich und berichte kurz. Die Kinder schlafen noch. – Damit ist die Information über meine Familie abgeschlossen. In Krimis werden meine Angehörigen grundsätzlich nicht hineingezogen!

Detektive sind da anders zu behandeln. Zur gepflegten Unterhaltung gehört es nun mal, dass Privatermittler (oder auch Kommissare im Tatort) reichlich private Probleme haben und damit zeigen, dass sie Menschen sind wie du und ich. Heinrich möchte ich aber keine Scheidung, ein uneheliches Kind, eine schwule Oma oder sonstige Gebrechen andichten. Wegen meiner nicht so weit entwickelten kriminellen Fantasie muss er ja genug eigene aufbieten, damit ich meine Fälle geregelt bekomme.

Ich setze mich an den Schreibtisch, räume die Klassenarbeitshefte für eine Woche beiseite und versuche, die Erlebnisse des frühen Morgens aufzuschreiben.

Es geht sehr mühsam. Ich bin müde, denke an die Vorbereitung der Unterrichtsstunden für die nächste Woche, mit der ich spätestens um 16 Uhr anfangen müsste. Wie ich so halbwegs munter vor mich hin schreibe, weiß ich plötzlich nicht mehr, ob das Absperrband am Tatort wirklich rot-weiß war. Es irritiert mich, dass ich (soviel Familie darf doch sein) am Samstagabend einen Tatort-Krimi aus Sachsen gesehen haben, bei dem der Tatort mit blau-weißem Band abgesperrt wurde. Für einen Fall im Sauerland sollte doch geklärt werden, ob „rot-weiß“, „blauweiß“ oder „schwarz-gelb“ korrekt wäre.

Morgen will ich im TV-Krimi vom WDR erkunden, wie das Flatterband der Polizei jetzt im Normalfall aussieht. Sollte es in NRW auch blau sein, hoffe ich auf rot-weiße Restbestände von Polizei und Feuerwehr in Erloh.

Wie ich so auf meinen Text sehe, ist da doch der Borusse mit mir durchgegangen, denn „schwarz-gelb“ ist nichts für Bullen. Aber es gibt schon Verwirrung genug, wenn Polizisten ihre grüne Uniform aufgeben müssen, damit Bürger und Gangster die Möglichkeit erhalten, Polizeibeamte wegen der Kleidung mit unterbezahlten Sicherheitsdienstleistern oder Security-Schlägern bei Großveranstaltungen verwechseln zu können.

Damit mir keiner vorwirft, ich hätte Vorurteile gegen Sicherheitsdienste: Ich habe Erfahrung damit. Vor ein paar Jahren zum Beispiel gab eine in meinen Augen etwas überschätzte Gesangsformation ein Konzert in einem Zirkuszelt in Erloh. Beim Anblick ihrer Idole fielen halbwüchsige Mädchen reihenweise kreischend zu Boden. Ich hatte die Ehre, diese von anderen Sanitätern auf Tragen zum Ausgang geschleppten Fans zur Behandlung in ein nahe gelegenes Sanitätszelt zu fahren. Dort ereigneten sich zeitnahe Wunderheilungen. Die Mädchen standen bald auf und wandelten zum Zelt zurück.

Die einzigen ernsthaften Verletzungen gab es allerdings, als einem Reporter – trotz Vorzeigen seines Presseausweises - seine Kamera vom Sicherheitsdienst zertrümmert wurde. Später brach noch einer der Möchtegern-Sheriffs einer Minderjährigen den Arm, als sie versuchte, auf die Bühne zu gelangen. Mir stand zum Schluss noch eine andere Prüfung bevor: Ein mit verklärtem Blick vor sich hin starrendes Mädchen (höchstens 14 Jahre) fragte mich: „Fährst du mich nach Dortmund?“ Die Bearbeitung dieses Falles überließ ich großzügig der Polizei.

Aber ich schweife weit ab!

Kaum habe ich mit zwei, drei Sätzen meine erste vage Theorie zum Tathergang zu Papier gebracht – falsch – nicht zu Papier sondern mittels meines über der Tastatur kreisenden Zeigefingers der rechten Hand auf den Bildschirm (linken Zeigefinger nicht vergessen für Groß- und Kleinschreibung!), da schellt es.

Vor der Tür stehen drei kleine, blasse, missmutig blickende, orientalisch verkleidete Jungen und am Gartentor dezent im Hintergrund ihr erwachsener Aufpasser. „Guten Morgen!“, eröffne ich das Gespräch. Ein Moment Stille, dann sagt eine der traurigen Gestalten fast schon mutig: „Wir sind die heiligen drei Könige!“ Wieder stehen sie eine Weile stumm vor mir, bis ich sie so freundlich wie möglich auffordere: „Dann legt mal los!“ Der Sprecher stottert etwas halblaut in meine Richtung, das ich großzügig als einen Segensspruch anerkenne. Ich weiß nicht, ob er es auswendig versucht oder sich bemüht, den Text von der Rückseite seines Sterns abzulesen. Dann zucke ich zusammen, als alle drei die letzten Worte laut gemeinsam sprechen. Danach stehen sie wieder starr und stumm vor mir. Ich glaube mich zu erinnern, dass in längst vergangenen Zeiten zu dieser Jahreszeit „Sternsinger“ von Haus zu Haus gingen und entsprechend mehr geboten haben als so ein jämmerliches Kurzprogramm, bevor sie mit Kreide ein paar Buchstaben und die Jahreszahl an die Tür geschrieben haben. „Moment“, sage ich und hole mein Portemonnaie. Den kleinsten Schein, den ich finden kann, rolle ich zusammen und schiebe ihn in die dargebotene Sammelbüchse. Auch das kann die Stimmung der Hoheiten nicht verbessern. Offensichtlich hatten sie auf Süßigkeiten spekuliert. Aber die habe ich nie griffbereit.

Jetzt tritt der Anführer vor, ein gut genährter Endsechziger, und fragt vorsichtig, ob ich vielleicht auch den Spruch an der Tür wünsche. Als ich erstaunt erkläre, dass das doch wohl dazu gehört und ich seit Jahren darauf warte, dass mal wieder die Könige zu mir kommen, entschuldigt er sich mit akutem Personalmangel. Glaube ich sofort, wenn ich das hoch motivierte Team vor mir betrachte.

Heutzutage lassen sich junge Leute nicht so leicht für lau zu ehrenamtlichen Tätigkeiten drängen, die wenig Spaß machen. Ohne Gewinnbeteiligung machen sie das wohl nur auf Drängen der Eltern.

Ich lenke ein und tröste ihn. In den letzten Jahren bin ich – behaupte ich wider besseres Wissen - im Januar oft unterwegs gewesen und habe im aktuellen Fall nicht auf den Hinweis in der Zeitung reagiert, man solle einen gewünschten Besuch der Heiligen bitte anmelden. Ja, sie sind nur gekommen, weil das auf dem Weg zwischen zwei Kunden lag. Und jetzt holt er ein DIN A4-Blatt aus seiner Kollegmappe, zieht davon einen schwarzen Aufkleber ab mit der gedruckten weißen Aufschrift in Kreide- und Handschriftimitat und klebt ihn an meine Haustür. Lesen oder Rezitieren war schon nicht gut, dass aber nicht einmal ein handschriftlicher Originalsegen drin ist, überrascht mich schon. Irritiert verabschiede ich das fromme Kollektiv und schließe die Tür. Wenn ich es richtig bedenke, hat der Typ zu Recht höflich und vorsichtig gefragt, ob dieses Haus mit Schrift an der Tür gesegnet werden darf. In unseren Zeiten könnte ein unbefugt auf die Tür aufgebrachter Segensspruch auch als Sachbeschädigung ausgelegt werden, zumal nicht mehr alle Rechtsanwälte der kirchlichen Obrigkeit ergeben sind.

In meiner Kindheit gab es alle diese Probleme nicht. Unser Dorf war fest in protestantischer Hand, die wenigen Katholiken integriert, sofern sie - hart an der Grenze zum kurkölnischen Sauerland - loyal blieben. Da gab es kein Dreikönige. In der Neujahrsnacht durften nur die Junggesellen - älter als 15 Jahre - mit riesigen Schnaps-Vorräten von Haus zu Haus ziehen, ein Lied singen und böllern. Am nächsten Morgen gab es die gleiche Runde, bei der die Gebühr von einer DM oder einer Mettwurst für das abendliche Sauerkraut-Essen eingezogen und mit jedem Haushaltsvorstand ein Schnaps getrunken wurde. Danach war Ruhe im Ort bis zum Schützenfest.

Das Erlebnis an der Tür hat mich etwas aus dem Konzept gebracht, und ich lasse erst mal den Krimi ruhen. Ich mache dies und ordne das, und nach dem Mittagessen schlafe ich eine halbes Stündchen.

Der Kaffee danach bringt mich etwas auf die Beine. Kaum habe ich aber den Computer wieder hoch gefahren, sehe ich aus dem Fenster auffällige Gestalten. Zwei ältere Frauen mit einem Outfit, als hätten sie sich gerade in der Kleiderkammer eines sozialen Dienstes eingekleidet – besonders bemerkenswert ihre hässlichen Mützen - kommen vom Nachbarhaus, bleiben kurz stehen, notieren etwas und biegen zu unserer Haustür ein. Natürlich schellt es kurz darauf.

Leute, es ist Sonntag, will denn niemand Rücksicht darauf nehmen? Unwillig trabe ich zur Tür, zumal ich ahne, was die wollen. „Guten Tag, denken Sie nicht auch, dass die in unserer Zeit zunehmenden Naturkatastrophen eine Strafe Gottes sind?“

Zu dem Quatsch fällt mir keine höfliche Antwort ein, und ich schließe wortlos die Tür.

Kurz danach schellt es wieder. Die beiden alten Damen stehen immer noch davor und fragen: „Ist bei Familie Stairs oben niemand da?“ – „Nein, bedaure, Herr Ulrich Peter Stairs macht sonntags immer einen Ausflug“, gebe ich Auskunft und ziehe mich zurück. In Wirklichkeit steht die besagte Wohnung nach dem Tod der Mieterin zur Zeit leer, wird renoviert.

Innerhalb weniger Tage schellten immer wieder mehr oder weniger...



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