Gößling OPUS - Das verbotene Buch
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8387-0671-9
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 507 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-0671-9
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Deutschland, 1499, Zeit der Hexenverbennungen. Als dem 15-jährige Amos Das Buch der Geister anvertraut wird, ahnt er nicht, dass ich sein Leben für immer verändern wird. Denn wer dieses Buch gelesen hat, in dem werden magische Fähigkeiten geweckt. Amos' Auftrag ist, das Buch zu seinem ausersehenden Empfänger zu bringen - doch wer ist das? Eine atemlose Jagd beginnt, als die Zensur auf das Buch aufmerksam geworden und die Häscher der Inquisition sind Amos dicht auf den Fersen ...
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BEREITS VOR SONNENAUFGANG war auf Burg Hohenstein alles auf den Beinen. Amos sowieso, denn es war wieder ein Montag, und er wollte mit dem ersten Taglicht drüben beim Mühlhof sein. Aber auch Ritter Heribert stapfte bereits im Burgsaal umher, gestiefelt und in voller Rüstung, und spornte seine Männer an, Schüsseln und Krüge rasch zu leeren. »Auf geht’s, ihr Faulpelze und Vielfraße – jetzt zeigen wir den Böhmischen, wie fränkisches Eisen schmeckt!«
Zwischen dem Fürstentum Brandenburg-Bayreuth, zu dem das Kirchenlamitzer Land gehörte, und dem nahen Königreich Böhmen herrschte zwar seit vielen Jahren wieder offiziell Friede. Aber seit die Böhmen vor bald drei Jahrzehnten im bayerischen Fürstenkrieg gegen die Franken gefochten und 1462 sogar Wunsiedel belagert hatten, waren die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarvölkern vergiftet. An der Grenze kam es immer wieder zu Übergriffen und Scharmützeln, und nicht selten steckten Heribert von Hohenstein und seinesgleichen dahinter, die als Kriegsherren auf eigene Rechnung Dörfer und Gehöfte auf der böhmischen Seite überfielen.
Als Amos nach dem Tod seiner Eltern notgedrungen zu Onkel Heribert ziehen musste, hatte er anfangs geglaubt, dass er auf Burg Hohenstein unmöglich leben könnte. Mit Hauptmann Höttsche und drei Dutzend rauer Kriegsgesellen führte der Onkel ein Glücks- und Raubritterleben, bei dem sich alles um Kriegszüge und Saufgelage drehte. So ähnlich sich Heribert und Amos’ Vater Ferdinand rein äußerlich auch waren – in ihrem Temperament und ihren Vorlieben konnten zwei Brüder kaum unterschiedlicher sein. Ferdinand von Hohenstein hatte den Krieg verabscheut und auch an der Jagd wenig Freude gefunden. Sein ganzer Stolz war die Landwirtschaft gewesen, und auf dem Markt in Wunsiedel hatte Amos oftmals sagen gehört, dass Gutsherr von Hohenstein als Ackerbauer genauso wie als Viehzüchter gesegnete Hände habe. Korn und Hafer wuchsen auf seinen Äckern üppiger als in den Nachbargehöften und auf seinen Wiesen weideten mehr Rinder als irgendwo sonst im Fichtelgebirge. Auch bei seinen Knechten und Mägden war Ferdinand von Hohenstein beliebt gewesen – er galt als gerechter Herr, der für seine Leute sorgte und bei der Arbeit auch sich selbst nicht schonte. In seinen Mußestunden musizierte er zusammen mit seiner Frau Mathilda, oder er las im Kreis der Familie aus alten Sagenbüchern vor, in denen Riesen und Zwerge, Ritter und Räuber den wackeren Bauern in der Gegend das Leben schwermachten.
Über das ruchlose Treiben seines Bruders hatte Amos’ Vater mehr als einmal geschimpft – auch wenn er stets hinzufügte, dass Heribert durch blanke Not zum Raub- und Glücksritter geworden sei. Denn die Untertanen der Edlen von Hohenstein, die noch ein Menschenalter vorher auf den Äckern und in den Erzminen des Ritterguts gerackert hatten, waren mittlerweile fast samt und sonders in die Städte abgewandert. Als Zinngießer in Wunsiedel oder gar als Handwerker in einer angesehenen Nürnberger Werkstätte konnte man in einem Monat mehr verdienen als durch Plackerei auf dem Acker in einem ganzen Jahr. Auch Amos’ und Odas Eltern hatten oftmals voller Sorge davon gesprochen, dass es immer schwieriger wurde, zuverlässige Leute für Feld und Stall, Mühle und Meierhof zu finden.
Doch selbst wenn ihm noch seine allerletzten Knechte und Mägde davongelaufen wären, ihr Vater hätte sich niemals auf Raub- und Glücksrittertum verlegt – da war sich Amos ganz sicher. Notfalls hätte er eben den Acker mit eigener Hand bestellt, um für seine Familie zu sorgen – aber ganz bestimmt hätte Ferdinand von Hohenstein sich niemals dazu hergegeben, arglose Reisende auf den Landstraßen zu überfallen oder gar wohlhabende Geiseln zu verschleppen, wie es der Onkel schon ein paar Mal gemacht hatte.
So hatte es jedenfalls Hauptmann Höttsche erzählt, der Amos sogar das Verlies unter dem alten Wehrturm gezeigt hatte, wo der Ritter seine Gefangenen angeblich einzukerkern pflegte. Ein nicht mehr ganz junger Freiherr musste einmal einen ganzen bitterkalten Winter lang in dem lichtlosen Gewölbe ausharren, bis seine Anverwandten das geforderte Lösegeld bezahlten. Als sich die Kerkertür endlich wieder für ihn öffnete, hatte sich der furchtbar hustende Freiherr nur noch mühsam aus seinem Loch heraus- und den Berg hinabschleppen können, wo die Abgesandten seiner Sippe mit einer Kutsche auf ihn warteten.
Womöglich hatte sich Höttsche diese Geschichte auch nur ausgedacht, um Amos an der Nase herumzuführen. Zuzutrauen war das dem Hauptmann durchaus, so wie Amos es allerdings auch seinem Onkel zutraute, unschuldige Geiseln in Kellerlöchern einzusperren. Natürlich hätte er Heribert einfach fragen können, aber das wollte er nicht. Er ging dem Onkel möglichst aus dem Weg und redete nur dann mit ihm, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
Aber vielleicht würde er ja heute endlich einmal den Mut aufbringen, Kronus zu fragen, ob er zu ihm in den Mühlhof ziehen dürfe. Mindestens ein Dutzend Male hatte Amos in den letzten Wochen diese Bitte schon auf der Zunge gelegen – und immer hatte er sie wieder heruntergeschluckt. Wie kam er schließlich dazu, dem gelehrten Mann mit seinen Sorgen lästig zu fallen? Und doch, sagte sich Amos an diesem Montag Anfang August – heute würde er sich überwinden und Kronus um diesen großen Gefallen bitten. Er würde vorschlagen, dass er sich ja im Stall einrichten könnte, um den weisen Mann so wenig wie möglich zu stören. Denn sämtliche Stuben und Kammern des einstigen Mühlhauses waren über und über mit Kronus’ Büchern und Papieren angefüllt – für einen weiteren Bewohner gab es dort eigentlich keinen Platz.
Während Ritter Heribert Befehl erteilte, das große Tor an der Westseite der Burg zu öffnen, ging Amos auf den schmalen Durchlass im östlichen Burgwall zu. Durch diesen Zugang konnte man sich nur zu Fuß hindurchzwängen – schon für ein Pferd war die Bresche in der Mauer zu eng. Und ohnehin war der Pfad, der dahinter den Burghügel hinabführte, so halsbrecherisch steil, dass nur geübte Kletterer ihn bewältigen konnten.
Eben als er an der Wachstube vorbeikam, flog die Tür auf und Hauptmann Höttsche trat hinaus. Auch er war bereits in voller Rüstung, das Schwert umgegürtet, nur den Helm hielt er noch in der Hand. Blutrot leuchtete das Narben-X auf seiner Stirn.
»Nun, junger Herr, Ihr fragt Euch sicherlich, wo ich mir diese Verletzung zugezogen habe.« Mit breitem Grinsen tippte sich Höttsche gegen die Stirn. »Damit Ihr nicht länger rätseln müsst, will ich Euch anvertrauen, was damals wirklich passiert ist.«
Gegen seinen Willen musste Amos lachen. »Also raus mit der Wahrheit, Hauptmann.«
Höttsche schaute einen Moment lang sinnend an ihm vorbei. »Da war dieser furchtbare Rote Ritter«, sagte er dann, »ein Hüne von sieben Nürnberger Werkschuh Scheitelhöhe, der unglücklicherweise auf der Seite der Osmanen focht – damals in der Schlacht bei Warna.«
Amos war sich ziemlich sicher, dass Höttsche noch nicht einmal das Licht dieser Welt erblickt haben konnte, als die Kreuzfahrer bei Warna gegen die Türken untergegangen waren. Doch er hütete sich, den Hauptmann zu unterbrechen.
»Der Rote Ritter«, fuhr Höttsche fort, »war ein berüchtigter Säbelkämpfer, aber gegen mein Schwert kam er nicht an. Eine gute Weile hatten wir schon gefochten, als er seinen Säbel plötzlich sinken ließ. ›Lass uns wie Männer kämpfen, Ungläubiger‹, schlug er vor, ›ohne Schwert oder Säbel, nur mit unseren Händen und Herzen.‹ Der Vorschlag gefiel mir und so ließen wir uns von unseren Knappen aus den Rüstungen schälen. Und während um uns herum weiterhin Schwerter auf Säbel, Speere auf Schilde prallten, gingen der Rote und ich mit den Fäusten aufeinander los.«
Auf der anderen Burgseite wurde bereits rasselnd das Burgtor heruntergelassen. »Höttsche, wo bleibst du?«, brüllte der Onkel, und der Hauptmann verfiel in erzählerischen Galopp.
»Also kurz und gut«, sagte er so schnell, dass ihm die Wörter fast aneinanderstießen, »im Faust- und Ringkampf war mir der Rote über. Das hätte ich mir auch vorher denken können, denn hätte er sonst vorgeschlagen, die Waffen zu wechseln? Nicht lange jedenfalls und ich lag wie ein Maikäfer am Boden. Der Rote stand neben mir, und ich rief ihm japsend zu: ›Halt ein, ich ergeb mich.‹ Doch da hob er ungerührt seinen Stiefel, an dem er unter der Sohle angeschmiedet ein stählernes Kreuz trug – und drückte mir das Eisen in die Stirn.« Höttsches Grinsen wurde noch breiter. »Hier, seht nur, junger Herr – dieses Narben-X hat mir damals der Rote Ritter zugefügt.«
Mit der flachen Hand schlug sich Höttsche gegen die Stirn, dann stülpte er sich den Helm über seinen gewaltigen Schädel. »Und seitdem hoffe ich jedes Mal, wenn ich mit deinem Herrn Onkel in den Kampf ziehe, dass mir der Rote Ritter noch einmal über den Weg läuft.« Er hieb Amos mit dem eisernen Handschuh auf die Schulter und schepperte quer über den Burghof davon.
Amos sah ihm hinterher und rieb sich geistesabwesend die Schulter. Das Dumme war, dass er Höttsche genauso wie den Onkel trotz allem ein wenig mochte. Beide waren skrupellose Ungeheuer, aber der Onkel sah nun einmal wie eine zerfledderte Ausgabe von Amos’ Vater aus, und Höttsche … Wie könnte man jemanden hassen, der ein so leidenschaftlicher und fantasievoller Erzähler war?
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ALS AMOS...




