Goeßmann / Scheidler | Der Kampf um globale Gerechtigkeit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Goeßmann / Scheidler Der Kampf um globale Gerechtigkeit


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-85371-874-2
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-85371-874-2
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gespräche mit Noam Chomsky, Vandana Shiva, Immanuel Wallerstein, Amy Goodman, Yanis Varoufakis, Aminata Traoré, Harald Schumann, Maude Barlow, Jeremy Scahill, Wangui Mbatia, Alyn Ware, Sre?ko Horvat, Alberto Acosta, Kevin Anderson, Rob Hopkins u.a. 2009 gründeten die beiden Journalisten David Goeßmann und Fabian Scheidler den unabhängigen Internet-TV-Sender Kontext TV. Seitdem haben sie in ihren Sendungen Hintergründe zu drängenden Gegenwarts- und Zukunftsthemen wie Klimawandel, Krieg und Frieden, Finanzkrise, soziale Gerechtigkeit und Migration ausgeleuchtet. Es gelang ihnen, viele prominente kritische AktivistInnen und DenkerInnen vor die Kamera zu bekommen und mit ihnen über die sich zuspitzenden globalen Krisen zu sprechen - und über mögliche Auswege für eine Welt, die immer näher an den Abgrund gerückt wird. Im Buch 'Der Kampf um globale Gerechtigkeit' sind nun erstmals die wichtigsten Gespräche aus zehn Jahren engagiertem Journalismus nachzulesen. Goeßmann und Scheidler unterhalten sich etwa mit dem weltweit wohl bekanntesten linken Intellektuellen Noam Chomsky über die (Kriegs-)Politik des Westens. Mit Immanuel Wallerstein, dem Doyen der Weltsystemtheorie, erörtern sie die Grundlagen der kapitalistischen Krise. Amy Goodman, Produzentin der renommierten Nachrichtensendung 'Democracy Now', äußert sich zur Verantwortung der Medien und Yanis Varoufakis sowie Sre?ko Horvat zur Zukunft der EU. Die Liste der GesprächspartnerInnen von Goeßmann und Scheidler umfasst ExpertInnen zu einer Vielzahl von gegenwärtigen Krisenfeldern.

Fabian Scheidler, geboren 1968 in Bochum, arbeitet als freischaffender Autor. Sein Buch 'Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation' erschien 2015 bei Promedia (10. Auflage 2018). 2017 veröffentlichte er 'Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen' (3. Auflage 2018). David Goeßmann, geboren 1969, ist Autor, freier Journalist und Produzent. Er arbeitete unter anderem für den Deutschlandfunk, die Deutsche Fernsehnachrichten Agentur (DFA) und für Nachrichtensender wie N-TV, CNN-Deutschland und N-24.
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Stefan Rahmstorf
Der unterschätzte Klimawandel


Klimamodelle hätten einige wichtige Aspekte des Klimawandels bisher unterschätzt, so der weltweit renommierte Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Arktis und Antarktis schmelzen deutlich schneller als bisher angenommen. Bereits bei einem Meeresspiegelanstieg von 50 Zentimetern bis einem Meter seien Küstenstädte wie New York durch eine Zunahme von Sturmfluten existentiell bedroht. Die Veränderung von Luftströmungen wie dem Jetstream führe zu vermehrten Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Kälteeinbrüchen und Starkregen. Das Abschmelzen der Gletscher gefährde außerdem die Wasserversorgung und Ernährung in großen Teilen Süd- und Ostasiens sowie der Andenregion.

Stefan Rahmstorf

Das Interview führte Kontext TV im Mai 2018 in Berlin.

Fabian Scheidler: Der April 2018 war in Deutschland der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, mit teilweise hochsommerartigen Temperaturen. Während es hier im Februar arktisch kalt war, lagen die Temperaturen in der Arktis rund um den Nordpol teilweise 20 Grad über dem Durchschnitt. Wie kommt es zu diesen extremen Wetterkapriolen und was haben sie mit dem Klimawandel zu tun?

Stefan Rahmstorf: Dazu sind zwei Dinge zu sagen: Zum einen gibt es natürlich den allgemeinen Erwärmungstrend durch die steigenden Treibhausgasmengen in unserer Atmosphäre, und diese allgemeine Erwärmung führt auch zu einer deutlichen Zunahme von Rekordwärme. Gerade wenn man sich Monatsrekorde anschaut wie »wärmster April seit Beginn der Aufzeichnungen«, dann stellen wir nach unseren Analysen der weltweiten Daten fest, dass diese Rekorde heute fünfmal öfter vorkommen als ohne globale Erwärmung, also als in einem stationären Klima. Auch in einem unveränderlichen Klima kommt es natürlich manchmal zu neuen Rekorden. Aber unter den Bedingungen des Klimawandels ist von fünf derartigen Hitzerekorden einer durch Zufall passiert, vier sind aufgrund der globalen Erwärmung hinzugekommen.

Zweitens gibt es zusätzlich zu der allgemeinen Erwärmung auch Veränderungen in der atmosphärischen Zirkulation, also in den Luftdruckverteilungen und Winden. Wir erforschen diese auch in meiner Abteilung und haben in den letzten Jahrzehnten festgestellt, dass der sogenannte Jetstream in der Atmosphäre – das ist ein Windband auf der Nordhalbkugel, das um den ganzen Globus herumgeht – instabiler wird. Das bedeutet, er schwingt stärker von Nord nach Süd, er schlägt große Wellen und das führt dann manchmal dazu, dass man an einem Ort extrem kalte Bedingungen hat und ein paar tausend Kilometer weiter extrem warme Bedingungen. Damit hängt auch zusammen, dass die polare Kaltluft, die normalerweise über dem Nordpol eingeschlossen ist, manchmal aus dieser Region entkommt und dann zu uns nach Europa oder nach Nordamerika hineinrutscht. In diesen Situationen gibt es in Polargebieten ganz extreme Wärmeanomalien und gleichzeitig Kälteanomalien über den Kontinenten, wie wir sie in Deutschland und Europa im März 2018 erlebt haben. Dieser März war bei uns ja erstaunlicherweise kälter als der Januar und das hing genau mit diesem Phänomen zusammen.

Fabian Scheidler: Wie funktioniert der Jetstream genau und warum verändert er sich durch die globale Erwärmung?

Stefan Rahmstorf: Der Jetstream wird durch den Temperaturkontrast zwischen den Subtropen und den polaren Breiten angetrieben, denn ein solches Temperaturgefälle führt auch zu einem Druckgefälle in der Atmosphäre, und das wird ausgeglichen durch einen solchen Wind. Dieser Temperaturkontrast wird aber immer kleiner, und dadurch wird der Jetstream schwächer und weniger stabil. Warum wird der Temperaturkontrast kleiner? Weil die Polargebiete sich rascher erwärmen als der Rest des Globus. Und das wiederum liegt vor allem daran, dass dort die Eisbedeckung schwindet, die normalerweise einen großen Teil der ankommenden Sonnenstrahlen ins Weltall zurück spiegelt. Wenn diese Schnee- und Eisbedeckung geringer wird, erhalten wir eine zusätzliche Erwärmung in den Polargebieten. Die Arktis hat sich in den letzten Jahrzehnten zwei- bis dreimal so schnell erwärmt wie der Rest des Globus.

Fabian Scheidler: Es gibt immer wieder neue Voraussagen dafür, wann die Arktis in der warmen Jahreszeit eisfrei sein wird. Was sind die aktuellen Prognosen und was würde es bedeuten, wenn die Arktis tatsächlich im Sommer eisfrei wird?

Stefan Rahmstorf: Wir haben in den letzten Jahrzehnten fast die Hälfte der sommerlichen Eisdecke auf dem arktischen Ozean verloren. Und beim Eisvolumen, also der Masse, haben wir schon drei Viertel verloren. Es hat sich gezeigt, dass die Klimamodelle diese Entwicklung in der Vergangenheit unterschätzt haben. Die Modelle sagten bisher, dass das Eis etwa um 2070 komplett weg sein wird. Aber die meisten Wissenschaftler, die ich kenne, gehen davon aus, dass es wahrscheinlich schon in wenigen Jahrzehnten der Fall sein wird.

Fabian Scheidler: In den letzten Jahren sind einige Studien erschienen, die sagen, dass auch das Eis in Teilen der Antarktis schneller schmilzt als bisher angenommen. Dies würde einen massiven Meeresspiegelanstieg bedeuten. Was ist der Stand der Forschung dazu? Was sind die Ursachen für diese Eisschmelze und was sind die Folgen?

Stefan Rahmstorf: Die gesamte Eismasse der Antarktis würde ausreichen, um den weltweiten Meeresspiegel um 60 Meter anzuheben, die Eismasse Grönlands reicht nochmals für etwa sieben Meter. In diesen Eismassen haben wir also eine Art Zeitbombe liegen. Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein paar Prozent von diesem Eis zu verlieren, ohne dass dies verheerende Auswirkungen auf unsere Küsten hätte. Beide Eismassen verlieren aufgrund der globalen Erwärmung an Masse, das zeigen die Satellitenmessungen, und tragen damit einen erheblichen und wachsenden Anteil zum Meeresspiegelanstieg bei.

Fabian Scheidler: Der letzte Bericht des UN-Klimarates (IPCC) von 2013 hat im Worst-Case-Szenario knapp einen Meter Anstieg bis 2100 vorhergesagt. Müssen aufgrund der jüngeren Studien diese Prognosen korrigiert werden? Eine NASA-Studie etwa ist vor einigen Jahren zu dem Schluss gekommen, dass das westantarktische Eisschild unwiderruflich abbricht.

Stefan Rahmstorf: Zumindest besteht die Gefahr, dass der Anstieg deutlich höher ausfallen könnte als in diesem IPCC-Bericht. Die Fließbewegungen des Eises waren dort noch nicht vollständig erfasst. Je mehr wir über diese Eismassen lernen, desto instabiler erscheinen sie. Wenn wir Pech haben, könnte die Vorhersage des IPCC durch dynamische Prozesse noch erheblich übertroffen werden.

Fabian Scheidler: Ein Großteil der Menschheit lebt in Küstenregionen. Was würde ein Meeresspiegelanstieg schon von 50 Zentimetern, einem Meter oder gar mehr für große Küstenstädte wie New York, Mumbai, Kalkutta, Lagos, Jakarta und viele andere bedeuten?

Stefan Rahmstorf: Wir können einmal damit anfangen, was der bisherige Meeresspiegelanstieg von 20 Zentimetern seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert bereits bedeutet. Das klingt erst einmal wenig, wenn man am Strand steht und denkt: »Was wäre jetzt hier los, wenn der Meeresspiegel 20 Zentimeter höher wäre?« An den meisten Orten nicht viel, aber den Unterschied bemerkt man, wenn eine Sturmflut kommt. Wenn man von einem 20 Zentimeter höheren Meeresspiegel startet, läuft die Sturmflut nicht nur 20 Zentimeter höher auf, sondern es gibt verschiedene sogenannte nicht-lineare Effekte, die dazu führen, dass es auch noch deutlich mehr sein kann. Man denke zum Beispiel an Hurrikan Sandy, der New York 2012 getroffen hat und dabei Tunnel der U-Bahn unter Wasser setzte. Je weiter der Meeresspiegel ansteigt, desto häufiger werden solche Sturmflutereignisse, und man hat ausgerechnet, dass bei einem typischen Meeresspiegelanstieg das, was im 20. Jahrhundert noch eine Jahrhundertflut in New York war, also statistisch gesehen einmal in hundert Jahren passieren würde, gegen Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts im Mittel alle drei Jahre passieren würde. Von einer Jahrhundertflut kann man sich wieder erholen. Hurrikan Sandy hat zwar Milliardenschäden verursacht, aber man kann die Sachen wieder aufbauen, die U-Bahn-Tunnel wieder in Betrieb nehmen und so weiter. Aber wenn so etwas alle paar Jahre passiert, wird man eine solche Stadt wahrscheinlich eher aufgeben, wenn man sie nicht durch massive Deichbaumaßnahmen schützen kann. Das ist an manchen Orten möglich, an vielen Orten aber so gut wie unmöglich. Die Stadt New York etwa hat rund 1000 Kilometer Küstenlinie, die nur sehr schwer zu verteidigen sein werden. Und das gilt auch für viele andere Städte. Selbst mit einem Meeresspiegelanstieg von »nur« einem halben oder einem Meter werden tief liegende Küstenstädte massive Probleme bekommen – auch tief liegende Flussdeltagebiete wie Bangladesch zum Beispiel, ganz zu schweigen von manchen kleinen Inselatollen....


Fabian Scheidler, geboren 1968 in Bochum, arbeitet als freischaffender Autor. Sein Buch "Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation" erschien 2015 bei Promedia (10. Auflage 2018). 2017 veröffentlichte er "Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen" (3. Auflage 2018).
David Goeßmann, geboren 1969, ist Autor, freier Journalist und Produzent. Er arbeitete unter anderem für den Deutschlandfunk, die Deutsche Fernsehnachrichten Agentur (DFA) und für Nachrichtensender wie N-TV, CNN-Deutschland und N-24.



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