Gogoll Tödliche Liebesspiele
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95609-051-6
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Renni-und-Monika-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 2, 262 Seiten
Reihe: Renni-und-Monika-Krimis
ISBN: 978-3-95609-051-6
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kommissarin Renni hat wieder einen neuen Fall zu lösen: Wer ist die tote Frau auf dem Parkplatz? Die Ermittlungen erweisen sich als schwieriger als zunächst angenommen, und darüber hinaus geht es auch in ihrem Privatleben drunter und drüber: Obwohl immer noch verliebt in Nora, beginnt sie eine Affäre mit der Pathologin, mit der zusammen sie an der Aufklärung des Mordes arbeitet. Probleme über Probleme für Renni - schafft sie es diesmal, alle zu meistern?
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Wohin sollte das führen?
Noras Lippen kamen immer näher, und ich konnte ihr in meiner Erstarrung nicht ausweichen. Jahrelang hatte ich darauf gewartet, seit meiner Kindheit – oder spätestens seit der Pubertät – hatte ich mir gewünscht, dass sie mich endlich als Frau, als mögliche Geliebte wahrnehmen würde.
Es war immer ein unerfüllbarer Wunsch gewesen. Etwas, wovon man träumt, das aber nie passiert. Und nun auf einmal geschah es. Eben noch hatten wir uns über ihre Ex-Geliebte Ellen unterhalten, und ich war nur die Seelentrösterin gewesen. Vielleicht war ich das immer noch – nur. Aber die Art des Trostes, die Nora von mir verlangte, hatte sich in den letzten Minuten extrem gewandelt und in eine Richtung entwickelt, mit der ich einfach nicht gerechnet hatte, mit der ich nicht rechnen konnte.
Was sollte ich nur tun? Ich wusste, dass ich mir etwas erträumte, was nie in Erfüllung gehen würde. Ich hatte es über Jahre gelernt. Seit meinem zwölften Lebensjahr hatte ich diese Überzeugung genährt. Bislang hatte Nora sich auch nie bemüht, etwas daran zu ändern. Sie hatte mich kaum wahrgenommen – jedenfalls nicht so, wie ich es mir wünschte. Ich war eine von mehreren Freundinnen, mit denen sie etwas unternahm, sich ab und zu traf oder etwas trinken ging. So war es gewesen, fast mein ganzes Leben lang, und so sollte es auch bleiben, verlangte das Gewohnheitsrecht in mir. Wo kommen wir denn da hin, wenn sich plötzlich alles ändert? Wenn sich das, worunter wir leiden, plötzlich in Freude verwandelt? Nein, so ging das nicht!
Ich hob meine Hände und hielt Nora auf. »Nicht«, sagte ich leise.
Nora sah mich fragend an. »Warum nicht? Was ist los? Habe ich mich geirrt?«
Sie hatte gerade erst geglaubt, in meinen Augen zu entdecken, was ihr jahrzehntelang verborgen geblieben war: meine Liebe zu ihr. Es würde leicht sein, sie jetzt davon zu überzeugen, dass sie sich geirrt hatte. Wollte ich das?
Ein Teil von mir wollte es sicher. Ein Teil von mir wollte, dass alles so blieb, wie es war. Aber ein anderer Teil hatte sich schon zu sehr darauf gefreut, nun endlich der Erfüllung nah zu sein. Der Erfüllung aller Träume und Sehnsüchte der letzten Jahre. Dieser Teil in mir würde sich nicht so leicht enttäuschen lassen wollen. Er würde kämpfen. Und da ich eine geübte Kämpferin war, würde es ein harter Kampf mit mir selbst werden. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht nötig.
»Nein, du hast dich nicht geirrt. Ich liebe dich – schon ewig. Schon seit wir zusammen zur Schule gegangen sind.« Ich suchte Noras Blick und wartete auf ihre Reaktion.
»So lange schon?«, fragte sie ungläubig. »Und ich habe es nie bemerkt.«
»Ja, hast du nicht. Du warst mit anderen Frauen beschäftigt. Wie solltest du es da merken? Ich war ja einfach immer nur so da.« Ich hatte mich ihretwegen sogar in eine andere Stadt versetzen lassen, in die Stadt, in der sie wohnte. Das hatte sie natürlich für Zufall gehalten.
»Meine Güte!« Nora schüttelte erstaunt den Kopf. »Warum hast du nie etwas gesagt? So viele Jahre –« Sie konnte es sich anscheinend überhaupt nicht vorstellen.
»Ja.« Ich drehte mich um und ging zum Tisch, um mich zu setzen. »Und ich hätte es dir auch jetzt nicht gesagt, wenn du es nicht selbst bemerkt hättest.«
Nora kam auf mich zu und blieb vor mir stehen. Ich sah von dem Küchenstuhl hoch, auf dem ich saß. »Nora, ich glaube, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Und glaub mir, es gibt niemand, die das mehr bedauert als ich. Aber du trauerst immer noch um Ellen. Es ist schließlich erst ein paar Tage her, seit sie weg ist. Und der Schock, dass sie eine Mörderin ist, dass sie dir diesen Mord sogar gestanden hat, sitzt immer noch tief in dir drin. Das verläuft sich nicht in ein paar Tagen. Bitte lass dir Zeit, bevor du etwas Neues anfängst. Ich habe so lange gewartet, ich kann auch noch länger warten. Und wenn du dann in ein paar Wochen oder Monaten feststellst, dass es nur deine momentane Verfassung war, die dich dazu gebracht hat, mich küssen zu wollen, dann ist eben wieder alles wie vorher. Es wird sich nichts ändern zwischen uns.« Das war eine lange Rede für meine Verhältnisse. Sie entstand wahrscheinlich aus dem Gefühl heraus, dass ich nicht wusste, wovor ich mehr Angst hatte: dass Nora feststellen würde, dass sie sich geirrt hatte, oder dass sie feststellen würde, dass sie sich nicht geirrt hatte.
»Es hat sich schon alles geändert zwischen uns, Renni. Es wird nie mehr so sein wie vorher. Das weißt du genauso gut wie ich.« Sie stand vor mir und sah immer noch wie eine verhinderte Boxerin aus: Ihr Gesicht war verschwollen von tagelangem Heulen, seit Ellen sich verflüchtigt hatte. Aber der Ausdruck ihrer Augen war nicht mehr der eines verwundeten Rehs, wie noch vor wenigen Minuten. Sie hatte sich gefangen und konzentrierte sich jetzt mehr auf mich als auf ihre tiefsitzende Enttäuschung und den Schock, den Ellen ihr durch ihr Mordgeständnis verpasst hatte. Gut oder schlecht für mich? Das würde sich weisen.
»Das weiß ich. Davor hatte ich Angst. Jetzt, wo du Bescheid weißt, wirst du mich vielleicht bald nicht mehr sehen wollen. Wir werden vielleicht nicht mehr unverkrampft zusammen sein können.« Das hoffte und fürchtete ich. Wenn sie meine Zuneigung zurückweisen würde, wäre eine Freundschaft wie bisher sicher nicht mehr möglich. Jede von uns würde wissen, dass die andere es wusste. Wenn aber nicht? Wenn sie meine Zuneigung annahm – was sollte ich dann machen? Das war ja fast noch schlimmer! Dann musste ich zu meinen Gefühlen stehen, die ich so lange versteckt hatte. Ich wusste nicht, ob ich das konnte.
Nora strich mit ihrer Hand über mein Gesicht. »Ich fühle mich eigentlich gar nicht verkrampft. Du etwa?« Sie grinste ein wenig. Ihre Berührung ließ meinen ganzen Körper erschaudern, obwohl sie nichts weiter als meine Wangen gestreichelt hatte. »Aber wenn du so viele Einwände hast . . .« Sie drehte sich um und setzte sich mir gegenüber an den Küchentisch.
Einwände? Ja, ich hatte Einwände, aber immerhin war es Nora gewesen, die es fertiggebracht hatte, mehr als ihr halbes Leben lang über die Liebe einer Frau hinwegzusehen, die fast immer in ihrer Nähe war. Sollte das jetzt alles auf einmal nicht mehr wahr sein? War meine Liebe stark genug für uns beide, und Nora brauchte sich um ihre gar keine Gedanken mehr zu machen? Das erschien mir dann doch zu einfach.
»Nora, ich möchte die Sache einfach nicht so übers Knie brechen. Lass uns noch ein bisschen warten, ja? Du bist jetzt verwirrt, du hast einen Schock erlitten, du bist müde und erschöpft. In einem solchen Zustand kann man die Dinge manchmal nicht richtig beurteilen.«
»Zu Befehl, Frau Kommissarin«, erwiderte Nora lächelnd. »Du hast ja recht. Aber Renni –« Sie brach ab und sah mich eine Minute lang nachdenklich an. Eine Minute kann schrecklich lang sein! »Ich kenne dich schon fast mein ganzes Leben, und trotzdem kenne ich dich anscheinend überhaupt nicht. Als Ellen –« Sie stockte. Die Erinnerung an Ellen würde ihr noch eine geraume Weile furchtbar wehtun, doch Nora gab sich einen Ruck und sprach weiter. »Als Ellen in Köln des Mordes verdächtigt wurde, fiel mir nur ein Name ein: deiner. Ich war sofort überzeugt, dass du helfen könntest. Nicht nur, weil du Polizistin bist, sondern auch, weil ich wohl tief in meinem Innern gespürt habe, dass du mich nie im Stich lassen würdest, dass ich mich auf dich verlassen kann. Ich habe deine Liebe zwar vielleicht nicht bewusst wahrgenommen, aber unbewusst wusste ich genau: Wenn ich ein Problem habe, kann ich immer Renni fragen.« Sie lachte ein wenig. »Das war übrigens schon in unserer Schulzeit so.« Sie sah mich lächelnd an. »Und da hast du etwas nicht mitbekommen. Ich hatte oft das Bedürfnis, dich etwas zu fragen, dich häufiger zu sehen, aber ich habe mich nicht getraut, dich deshalb anzusprechen. Nachdem du die Jungs verprügelt und mich rausgehauen hattest –«
»Du hast dich selbst rausgehauen«, widersprach ich. Für einen Moment erinnerte ich mich an die Situation damals. Wir waren beide nicht älter als zwölf gewesen, Nora und ich, gingen in dieselbe Klasse und kannten uns trotzdem kaum. Aber eines Tages war sie von mehreren Jungs auf dem Schulweg überfallen worden, und als ich das sah, hatte ich mich auf die Übeltäter gestürzt, und wir hatten sie gemeinsam vertrieben. Erst danach waren wir in gewisser Weise Freundinnen geworden.
Nora schüttelte den Kopf. »Ohne dich hätte ich das nie geschafft. Die waren zu dritt, und ich war allein. Obwohl ich sehr wütend war. Ich habe dir nie erzählt, was in dem Schuhkarton war, oder?«
Die Jungs hatten Nora einen Schuhkarton vor die Nase gehalten, bevor die Keilerei losgegangen war. Ich hatte später dann nie mehr daran gedacht zu fragen. Deshalb schüttelte ich nun den Kopf.
»In dem Schuhkarton war ein junger Vogel. Und als sie ihn mir gezeigt hatten und ich ihn streicheln wollte, hat ihn der Anführer einfach herausgenommen und ihm den Hals umgedreht. Vor meinen Augen. Da habe ich rot gesehen und zugeschlagen. Aber ich hatte keine Chance gegen die drei. Wenn du nicht gekommen wärst, hätte das übel ausgehen können.« Sie sah mich dankbar an. »Danach jedenfalls habe ich dich sehr bewundert, weil du so stark warst. Ich wäre gern genauso gewesen, aber ich war es nicht. Und gerade weil du so stark warst, habe ich immer gedacht, dir würde nichts an einer näheren Bekanntschaft mit mir liegen. Ich gehörte ja immer zu den schwachen, albernen Mädchen, die du nicht mochtest.«
»Du warst nicht wie sie – und sie mochten mich...




