E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Gold Der Gesang des Todes
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7245-2308-6
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-7245-2308-6
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Gold ist das Pseudonym von zwei Basler Autoren
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Von Weitem drangen Stimmen ans Ohr von Kommissär Francesco Ferrari. War das nicht der Schrei einer Frau? Doch ganz bestimmt. Eine tiefe Männerstimme schmetterte ihr entgegen. Sie wird bedrängt, sie ist in Not! Ich muss ihr helfen.
«Wach sofort auf!», Monika schlug ihrem Lebenspartner den Ellbogen in die Rippen. «Du bist so was von peinlich. Fehlt nur noch, dass du schnarchst.»
«Au! Was … wie? Ich … ich habe gar nicht geschlafen.»
Die Zuschauer applaudierten, Ferrari klatschte höflich mit. Warum schleppt sie mich auch immer wieder an irgendwelche langweiligen Anlässe? Und erst noch zu einer Wagner-Marathonaufführung, das ist eine reine Qual. Puh! Ja, Olivia Vischer, die Erbin des milliardenschweren Pharmakonzerns, hat die Elite von Basel eingeladen. Aber jetzt mal ehrlich, die Leute kommen einzig und allein an diese Benefizveranstaltungen, um mit Olivia gesehen und fotografiert zu werden und mit etwas Glück an ihrer Seite in den sozialen Medien zu erscheinen. Ah, was sehe ich da?! Mein verehrter Schulfreund Yvo Liechti, seines Zeichens Stararchitekt und Lover meiner Kollegin Nadine Kupfer, versucht das Gähnen zu unterdrücken. Er ist bestimmt auch eingeschlafen. Die Zuschauer erhoben sich zu Standing Ovations. Auch das noch.
«Na, was ist, Schlafmütze? Aufstehen! Diese Inszenierung war wirklich sensationell.»
Mürrisch erhob sich der Kommissär und versuchte, in den Klatschrhythmus der frenetisch applaudierenden Zuschauer einzustimmen.
«Bravo! Bravo!»
So, das reicht jetzt langsam. Draussen im Foyer gibts bestimmt Champagner, vielleicht sogar noch einige Häppchen. Ferrari schaute sich ungeduldig um, doch das Publikum war nicht mehr zu bremsen. Die Zuschauer trampelten wild mit den Füssen auf den Boden. Jetzt übertreiben sie es aber endgültig, meine sind eingeschlafen und mein Hinterteil auch.
«Wag es nicht, dich hinzusetzen!», zischte Monika.
«Schon gut. Ich klatsche ja wie verrückt.»
Ferrari schielte zu Yvo, der vor Begeisterung raste.
«Heuchler!», flüsterte er ihm zu.
Yvo Liechti lächelte verschmitzt, konnte aber nur mit Mühe das Gähnen unterdrücken. Langsam brachen die Bravo-Rufe ab und die ersten Zuschauer drängten nach draussen. Geschafft! Endlich ist der Mist vorbei. Ferrari streckte sich ausgiebig, was ihm diesmal einen Handkantenschlag von Nadine eintrug.
«Spinnst du?!»
Nicht genug, dass ich mir dieses Gekrächze anhören muss, jetzt werde ich auch noch von allen Seiten malträtiert. Hoffentlich ist wenigstens der Champagner gut. He, was ist denn das? Keine Häppchen? Kein Champagner?
«Hier!», Monika drückte ihm die Garderobennummer in die Hand. «Wenn du mich schon während der Oper zur Lachnummer machst, dann spiel wenigstens jetzt den Kavalier und hol mir meinen Mantel, Schatz!»
«Lass das. Ich mag es nicht, wenn du mich ins Ohr kneifst.»
«Und ich hasse es, wenn du mich im Theater vor allen blossstellst», fauchte sie.
Schon gut. Es wird wohl besser sein, wenn ich mich in die Reihe mit all diesen aufgeblasenen Typen stelle, die hochtrabend über die Aufführung diskutierten. Sensationell. Grossartig. Einmalig. Ein Meilenstein in der Operngeschichte. Eine sehr moderne Wagner-Inszenierung. Klassik und Moderne miteinander vereint. Und erst die Hauptdarsteller, diese Stimmen. Sie gehen einem durch Mark und Bein. Dass ich nicht lache. Mürrisch nahm Ferrari den Mantel in Empfang.
«Und, wie hat es dir gefallen, Francesco?», erkundigte sich Olivia beim Verlassen des Theaters.
«Na ja, es war etwas lang.»
«Das sind Wagner-Opern immer.»
«Viel hast du ja nicht mitbekommen.»
«Ich muss schon bitten, Nadine. Wenn jemand für eine Sekunde die Augen schliesst, heisst es noch lange nicht, dass er eingeschlafen ist. Was gibts denn da zu lachen, Yvo? Du siehst auch etwas müde aus.»
«Nice try, aber es gelingt dir nicht, Yvo den Schwarzen Peter zuzuschieben. DU warst kurz davor, vom Stuhl zu rasseln.»
«Nun hört aber auf. Lasst Francesco in Ruhe. Mir war es ehrlich gesagt auch zu lang, Wagner hin oder her. Diese Maria Racco hat wirklich eine sensationelle Stimme.»
«Nur brauchte sie drei Stunden, um endlich mit einem Schrei in die ewigen Jagdgründe einzugehen. Dieser Lohengrin hätte das verkürzen und schon nach eineinhalb Stunden auf seinem Schwan davonreiten können. Elsa tot, aus das Drama», kommentierte der Kommissär und wunderte sich, dass ihn die drei Damen wie den Leibhaftigen in Person anschauten. «Was ist denn jetzt schon wieder?»
«Da bietet uns Olivia ein einmaliges Schauspiel …»
«Ha! Einmalig ist die richtige Bezeichnung, denn ein zweites Mal kriegt ihr mich nicht dazu.»
«… und zum Dank ziehst du alles ins Lächerliche.»
«Moment mal! Yvo hat auch …»
«Steh wenigstens dazu, du Kulturbanause, und schieb ja nichts auf Yvo.»
«Also bitte, Monika. Ich bin doch hier nicht der Depp vom Dienst. Ich hocke mir auf diesen verdammt unbequemen Stühlen meinen Allerwertesten platt – sicher irgendwelche Designerstücke von einem ach so weltbekannten Idioten, der sich jedes Mal vor Freude in die Hose macht, wenn er sich daran erinnert, dass er uns für eine oder zwei Millionen diese Stühle angedreht hat – höre mir stundenlang das Gejaule einer Operndiva an, die drei Stunden braucht, um zu sterben, allein dafür müsste man sie abmurksen, bin mit Yvo einer Meinung und über wen prasselt der ganze Frust runter?»
«Frust?»
«Schaut euch doch an. Ihr seht nicht mehr taufrisch aus, meine Damen! Die drei, nein mit euren heuchlerischen Bravo-Rufen und dem peinlichen Gestampfe dreieinhalb Stunden haben euch den Rest gegeben.»
«So, so!», kam es einstimmig vom Emanzenchor zurück.
«Ja, genau. Und am Ende springt ihr hoch und schreit ‹Da capo›. Wahrscheinlich auch nur, weil ihr es auf den Sitzen nicht mehr ausgehalten habt, und jetzt gibt es nicht einmal Champagner.»
Olivia Vischer hängte sich schmunzelnd bei Ferrari ein.
«Ein treffendes Schlusswort. Bevor die nicht mehr taufrischen Teufelinnen dich massakrieren, eine Frage: Möchtest du ein Glas Moët & Chandon, Schätzchen?»
Der Kommissär versuchte sich loszueisen.
«Oh, wir sind eingeschnappt … Du solltest den Abend geniessen. Maria Racco ist für diese einmalige Vorstellung extra von Mailand nach Basel geflogen.»
«Ich weiss», brummte Ferrari. «Eine deiner beliebten Benefizveranstaltungen. Wäre sie doch in Mailand geblieben. Oh, mein Rücken schmerzt.»
«Und alles, was Rang und Namen hat, ist gekommen.»
«Das mussten die ja wohl oder übel, wenn du einlädst.»
«Wir sind heute aber besonders charmant. Kultur ohne Champagner und Häppchen. Oje, oje, das geht gar nicht.»
«Schon gut. Provoziert mich nur. Und du, hör gefälligst mit deinem blöden Grinsen auf, Yvo. Sonst vergess ich mich.»
«Jetzt werden wir auch noch aggressiv. Wunderbar. Ich sehe morgen schon die Schlagzeilen ‹Nach der Wagneroper, einer fantastischen Aufführung mit Maria Racco, schlug der stadtbekannte Kommissär Francesco Ferrari den Stararchitekten Yvo Liechti im Foyer des Stadttheaters bewusstlos›. Das wird meinen Freundinnen endlich die Augen öffnen.»
«Hm!»
«Gut. Zusammenfassend kann man sagen, deine Beine sind eingeschlafen, dein Rücken schmerzt und auch dein …», Olivia klatsche auf seinen Hintern.
«Lass das!»
«… Knackarsch leidet. Würde es dir besser gehen, wenn wir jetzt in die Kunsthalle dislozieren und dort bei Champagner und feinem Essen den Abend ausklingen liessen?»
«In der Kunsthalle?»
«Bei Moët & Chandon, Wolfsbarsch, Crème catalan oder was auch immer dein Herz begehrt, Schätzchen.»
Ferrari schnappte sich Olivia, drückte sie durch die Drehtür und sass im Nu im hinteren, für die geschlossene Gesellschaft reservierten Teil der Kunsthalle. Na also, hier kann man den Abend ganz nach meinem Geschmack ausklingen lassen. Vergessen war der lange Leidensweg.
Nach dem ersten Glas Champagner war die üble Laune des Kommissärs wie weggewischt.
«Wo sind eigentlich deine Schwestern, Olivia?»
«In, sagen wir zehn Minuten, werden sie uns Gesellschaft leisten. Wagner ist nicht ihr Ding, Champagner und Wolfsbarsch schon eher. Nicht zu vergessen das Dessertbuffet.»
«Das kann ich ihnen gut nachfühlen. Super, dieser Moët & Chandon. Da nehme ich doch gleich noch ein weiteres Gläschen.»
«Aber danach ist Schluss»,...




