Gombrowicz / de Roux | Eine Art Testament | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Kampa Salon

Gombrowicz / de Roux Eine Art Testament

Gespräche mit Dominique de Roux
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-311-70415-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gespräche mit Dominique de Roux

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Kampa Salon

ISBN: 978-3-311-70415-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Gespräche, die Witold Gombrowicz im Jahr 1968, ein Jahr vor seinem Tod, mit dem französischen Schriftsteller Dominique de Roux führte, wurden als »Eine Art Testament« berühmt. Auf der Höhe seines späten Ruhmes gibt Gombrowicz Auskunft über seinen Weg als Schriftsteller, der ihn aus der snobistischen Welt polnischer Landadliger und Warschauer Caféhäuser in elende Hotels von Buenos Aires und bittere Anonymität geführt hat. Erst 1963 kam er wieder nach Europa, aber nie mehr in seine polnische Heimat. Über zwanzig Jahre hatte er in Argentinien als Autor ohne Publikum gelebt - und die Romane und Theaterstücke geschrieben, die ihm Weltruhm einbrachten. Mit Dominique de Roux spricht Gombrowicz über die Entstehung und Interpretation seines Lebenswerks und bezieht Stellung zu literarischen, philosophischen und politischen Fragen.

Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines Landadeligen in Ma?oszyce in Polen geboren. 1915 übersiedelte die Familie nach Warschau, wo Gombrowicz nach Abschluss der Schule Jura studierte. Von 1928 bis 1934 arbeitete er an einem Warschauer Gericht, widmete sich jedoch bald ausschließlich der Literatur. 1933 veröffentlichte er den Erzählungsband Memoiren aus der Epoche des Reifens. 1938 erschien Ferdydurke und löste eine heftige literarische Debatte aus. Im Sommer 1939 wurde Gombrowicz auf einer Reise in Buenos Aires vom Ausbruch des Krieges überrascht. Er blieb 24 Jahre lang in Argentinien, das für ihn zur zweiten Heimat wurde. In dieser Zeit entstanden fast alle seine Werke, die ab 1950 auf Polnisch in Paris und später auch in Warschau veröffentlicht wurden. 1963 kehrte Gombrowicz nach Europa zurück. 1964 ließ er sich, mit Unterbrechung durch einen einjährigen Aufenthalt in Berlin, im französischen Vence nieder, wo er 1969 starb.
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Herkunft


Können Sie mir Ihr Leben erzählen in Verbindung mit Ihrem Werk?

Ich kenne weder mein Leben noch mein Werk. Ich schleppe die Vergangenheit hinter mir her wie einen nebelhaften Kometenschweif, und was das Werk anbelangt, so weiß ich auch nicht viel, sehr wenig nur.

Finsternis und Magie.

Sehen Sie, ich muss mich von vornherein entschuldigen, dass ich in diesen übrigens recht beiläufigen Bekenntnissen solche starken Worte nicht werde vermeiden können wie zum Beispiel Magie. Oder Finsternis. Ich habe irgendeinmal die Erinnerungen eines Alpinisten gelesen von einer Klettertour auf einen schwierigen und hohen Berg. Nun, diese Beschreibung war vollkommen verfälscht, denn der Autor, der sich zu sportlicher Bescheidenheit verpflichtet fühlte, schrieb: »Der linke Fuß war mir abgerutscht, und ich hing zehn Sekunden lang über dem Abgrund, bis ich mit dem rechten Fuß ein vorstehendes Stück Felsen ertastet hatte.« Sportliche Bescheidenheit erlaubte ihm nicht, diesen Satz zu ergänzen mit der Riesenhaftigkeit des Abgrunds, der Riesenhaftigkeit der Anstrengung und der Riesenhaftigkeit des Schreckens.

Zum Trost füge ich hinzu, dass in meinem Leben und Werk das Drama und das Antidrama sich unzertrennlich verflechten, dass also die großen Worte durch kleine Worte ausgewogen werden.

Zuerst über meine Familie, das hat seine Bedeutung. Ich stamme aus einer adligen Familie, die vier Jahrhunderte hindurch Besitzungen in Samogitien hatte, unweit von Wilna und Kowno. Diese meine Familie war etwas besser hinsichtlich des Besitzstandes, der Ämter, Verschwägerungen als der durchschnittliche polnische Adel, doch gehörte sie nicht zur Aristokratie. Ohne ein Graf zu sein, hatte ich eine gewisse Anzahl von gräflichen Tanten, doch die Gräfinnen waren auch nicht von der besten Sorte, sie waren so lala.

Im Jahr 1863 konfiszierte der russische Zar die Güter Lenogiry, Mingaylów und Wysoki Dwór meines Großvaters Onufry Gombrowicz wegen dessen angeblicher Teilnahme am polnischen Aufstand. Der Großvater zog in das Gebiet von Sandomierz (200 Kilometer südlich von Warschau), wo er mit dem Rest des Geldes ein kleines Landgut kaufte. Sein Sohn Jan, mein Vater, heiratete die mit einer reichen Mitgift bedachte Tochter des Ignac Kotkowski, des Besitzers der Güter Bodzechów, und kaufte das Gut Maloszyce, wo ich geboren wurde.

Mein Vater war nicht nur Gutsbesitzer, er arbeitete auch in der Industrie. Er begann diese Arbeit als Direktor der Papierfabrik in Bodzechów, die meinem Großvater Kotkowski gehörte, und später hatte er verschiedene Posten in der Verwaltung großer Industrieunternehmungen inne.

So also waren wir in jener proustischen Epoche, am Beginn des Jahrhunderts, eine entwurzelte Familie in einer nicht sehr klaren gesellschaftlichen Situation zwischen Litauen und Kongresspolen, zwischen Dorf und Industrie, zwischen der sogenannten besseren und der mittleren Schicht. Dies ist nur das erste von diesen »Zwischen«, die sich im weiteren Verlauf rings um mich vermehren werden bis zu dem Grade, dass sie beinah zu meinem Wohnort werden, zu meiner eigentlichen Heimat.

Mein Vater? Ein prächtiger Mann, von Rasse, stattlich und auch vorbildlich, pünktlich, pflichtgetreu, systematisch, von nicht allzu weiten Horizonten, mäßiger Sensibilität in Dingen der Kunst, ein Katholik, doch ohne Übertreibung. Und meine Mutter war lebhaft, empfindlich, von großer Einbildungskraft, faul, ungeschickt, nervös (und das sehr), voller Verletzlichkeiten, Phobien, Illusionen. (In der Familie Kotkowski gab es viele Geisteskrankheiten; wenn ich zu meiner Großmutter aufs Land fuhr, fürchtete ich mich schrecklich: ein großes Parterrehaus, das in zwei Teile geteilt war, in dem einen wohnte meine Großmutter, in dem anderen ihr Sohn, der Bruder meiner Mutter, ein unheilbarer Irrer, der nächtens durch die leeren Zimmer ging und seine Furcht mit wunderlichen Gesprächen zu betäuben suchte, die in sonderbares Krähen übergingen und mit einem unmenschlichen Geschrei endeten; die ganze Nacht dauerte das; ich atmete Wahnsinn ein.) Ich bin ein Künstler von mütterlicher Seite her, und von der väterlichen her bin ich nüchtern, ruhig, beherrscht. Doch meine Mutter hatte ein noch höchst irritierendes Merkmal, sie gehörte nämlich zu den Personen, die sich nicht so zu sehen vermögen, wie sie sind. Mehr noch: Sie sah sich genau umgekehrt – und das hatte schon Anzeichen von Provokation.

Von Natur aus war sie, wie gesagt, faul und ungeschickt, und da es in jenen proustischen Zeiten viel Gesinde gab, so nahm sich der Kinder eine französische Gouvernante an, während die Rolle der Mutter darin bestand, dem Koch, dem Stubenmädchen oder dem Gärtner Aufträge zu erteilen. Das hinderte sie nicht, zu sagen, dass sie »alles am Halse« habe, dass »Arbeit adelt«, dass »der Garten in Maloszyce ihr Werk« sei, dass sie »glücklicherweise ziemlich praktisch« sei. »Ich liebe es, in freien Momenten Spencer oder Fichte zu lesen«, sagte sie vollkommen aufrichtig, obgleich die Werke dieser Philosophen in den unteren Fächern der Bibliothek mit unaufgeschnittenen Seiten glänzten.

Sehen Sie, Monsieur Dominique, sie

impulsiv, naiv

beherrscht, kritisch

grillenhaft

diszipliniert

von eher salonhafter Kultur

eine Intellektuelle

anarchisch

eine Organisatorin

ängstlich

mutig

naschhaft

nicht naschhaft

Bequemlichkeit liebend

asketisch, unbeugsam.

Ihr imponierte das, was sie nicht war. Sie bewunderte hervorragende Ärzte, Professoren, große Denker und überhaupt »gewichtige Leute«. Ihr Ideal war der Typ einer Matrone von unverbrüchlichen Idealen und Prinzipien (katholischen), die sich der Pflicht hingab, sich der Familie opferte. Und mit welch einer heiligen Naivität identifizierte sie sich mit dem, was sie bewunderte!

Sie war es, die mich ins Absurdum stieß, das später zu einem der wichtigsten Elemente meiner Kunst wurde.

Wir, die Buben (wir waren drei, zwei ältere Brüder und ich, der jüngste) entdeckten frühzeitig diese ideale Gelegenheit, einander zu necken und zu reizen. Das bestand im Widersprechen, absolut allem zu widersprechen, was sie auch sagen mochte, und, natürlich, besonders mein Bruder Jerzy und ich gelangten darin zu einem außergewöhnlichen Zusammenspiel. Es genügte, dass meine Mutter sagte: »Die Sonne scheint«, und wir erwiderten mit größter Verwunderung: »Wieso, es regnet doch!«

»Welch eine Manie, Dummheiten zu sagen!« entrüstete sie sich, doch Jerzy sagte begütigend: »Sagen wir, dass es nicht regnet, aber es könnte regnen«, und ich fügte nach einigem Nachdenken hinzu: »Nehmen wir an, dass es nicht regnet, aber wenn es anfinge zu regnen, so würde es dennoch regnen.«

Der Sport, meine Mutter in absurde Diskussionen zu ziehen, war eine der ersten meiner künstlerischen (und dialektischen) Initiationen. Sie, meine Mutter, von tiefen und leidenschaftlichen Empfindungen, Hüterin der »Heiligkeit« sowie der »Familie, dieser Zelle der Gesellschaft«, missbilligte streng die Scheidungen, die sich wie zum Trotz in unserem Milieu häuften. Also natürlich: »Eine neue Scheidung in der Familie!« verkündigte mit Stentorstimme Jerzy, noch im Vorzimmer den Mantel ablegend. Sie antwortete nicht, einen Hinterhalt witternd. Ich ließ mich aus einem anderen Zimmer vernehmen: »Was sagst du?! Eine neue Scheidung in der Familie?! Unmöglich!« – »Aber ja, eben bin ich Tante Rosa begegnet, die mir unter strengster Diskretion gestand, dass die Henryks sich scheiden lassen werden, weil sie sich in ihren Friseur verliebt hat.« – Ich: »Na, das ist ja eine schöne Hetz!« und so weiter. Schließlich zeigte sich meine Mutter zermürbt: »Wenn die Henryksche derart zynisch ist, so wird man sie nicht mehr empfangen können!«

»Aber warum denn?«, erwiderten wir. »Tante Elsa ist ja schon zweimal geschieden und spielt mit ihren drei Männern Bridge, sie sagt, sie bildeten eine ausgezeichnete Partie. Scheidungen haben dennoch viele gute Seiten, sie sagt, sie hätten ihren Kindern die doppelte Anzahl von Eltern gesichert …«

Eine Diskussion über Scheidungen war mehrjährig, unaufhörlich, sie wuchs ins Riesenhafte. O göttliches Absurdum! In dieser Schule lernte ich heroische Selbstvergessenheit im Nonsens, feierliche Verbissenheit in den Unsinn, fromme Zelebrierung des Blödsinns … o Form! Die göttlichen Idiotismen meiner Kunst, die nie aufhören werden, mich zu entzücken, diese ihre Fähigkeit, Unsinnigkeiten zu einer Kette unerbittlicher Logik zu verflechten, von dorther nehmen sie in großem Maße ihren Impuls.

Doch sie wusste nicht, welch eine ausgezeichnete Pädagogin sie war. Nichts Gesünderes, Belehrenderes, den Charakter und den Verstand Bildenderes als ihre schrecklichen Fehler. Sie war mir eine Schule der Werte. Bis zum Wahnsinn getrieben durch ihren Selbstbetrug, schärfte ich in mir das Empfinden von der Qualität, was das Fundament jeglicher künstlerischer Arbeit ist. Die Kunst ist eben dieses: ein Auswählen der besseren Qualität, ein Wegwerfen dessen, was schlechter ist – sie stützt sich auf die strengste Hierarchie der Werte, auf...


Gombrowicz, Witold
Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines Landadeligen in Maloszyce in Polen geboren. 1915 übersiedelte die Familie nach Warschau, wo Gombrowicz nach Abschluss der Schule Jura studierte. Von 1928 bis 1934 arbeitete er an einem Warschauer Gericht, widmete sich jedoch bald ausschließlich der Literatur. 1933 veröffentlichte er den Erzählungsband Memoiren aus der Epoche des Reifens. 1938 erschien Ferdydurke und löste eine heftige literarische Debatte aus. Im Sommer 1939 wurde Gombrowicz auf einer Reise in Buenos Aires vom Ausbruch des Krieges überrascht. Er blieb 24 Jahre lang in Argentinien, das für ihn zur zweiten Heimat wurde. In dieser Zeit entstanden fast alle seine Werke, die ab 1950 auf Polnisch in Paris und später auch in Warschau veröffentlicht wurden. 1963 kehrte Gombrowicz nach Europa zurück. 1964 ließ er sich, mit Unterbrechung durch einen einjährigen Aufenthalt in Berlin, im französischen Vence nieder, wo er 1969 starb.

de Roux, Dominique
Dominique de Roux (1935–1988) war ein französischer Schriftsteller und Verleger. 1960 gründete er gemeinsam mit Freunden einen unabhängigen Verlag, in dem ab 1963 die Zeitschrift Cahiers de L’Herne in ihrer heute berühmten Form erschien: Jede Ausgabe ist dem Werk einer/eines bedeutenden Künstler*in, Schriftsteller*in oder Philosoph*in gewidmet. Die Ausgabe zu Gombrowicz erschien 1971. Nach der Übernahme seines Verlags betätigte sich de Roux in Lissabon und Genf als Korrespondent.



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