Gombrowicz | Tagebuch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 1072 Seiten

Gombrowicz Tagebuch


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70334-1
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 1072 Seiten

ISBN: 978-3-311-70334-1
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ich muss mein eigener Kommentator, besser noch mein eigener Regisseur werden. Ich muss einen Gombrowicz-Denker schmieden, zusammen mit einem Gombrowicz-Genie, einem Gombrowicz-Kulturdemagogen und vielen anderen unverzichtbaren Gombrowiczen«, beschreibt der polnische Schriftsteller sein Tagebuch-Projekt, das er seit 1952 als eigenständiges literarisches Werk konzipierte und das zu einem seinem Hauptwerk heranwuchs. Darin setzt sich Gombrowicz mit »einem Maximum an Frechheit« mit der Welt auseinander, äußert sich zu philosophischen, historischen, kulturellen, religiösen, gesellschaftlichen Themen, aber auch zu seinem Emigrantenschicksal und seiner Homosexualität.Die über 1000 Seiten sind ein Thesaurus aus Reflexionen, Analysen, Paradoxien und Provokationen, aus Erlebtem und Erfundenem, die den Leser zu Gelächter, Zustimmung und Widerspruch reizen und damit zum Nachdenken provozieren. Das Tagebuch von Witold Gombrowicz ist Autobiographie, Essay und Kunstwerk in einem. Vor allem aber ein Pamphlet gegen jedwede Unterdrückung und ideologischen Dogmatismus und das Manifest einer gnadenlosen Individualität. Maßlos und über- bordend, ein Buch ohne Ende, ein einzigartiges literarisches Monument des 20. Jahrhunderts.

Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines Landadeligen in Ma?oszyce in Polen geboren. 1915 übersiedelte die Familie nach Warschau, wo Gombrowicz nach Abschluss der Schule Jura studierte. Von 1928 bis 1934 arbeitete er an einem Warschauer Gericht, widmete sich jedoch bald ausschließlich der Literatur. 1933 veröffentlichte er den Erzählungsband Memoiren aus der Epoche des Reifens. 1938 erschien Ferdydurke und löste eine heftige literarische Debatte aus. Im Sommer 1939 wurde Gombrowicz auf einer Reise in Buenos Aires vom Ausbruch des Krieges überrascht. Er blieb 24 Jahre lang in Argentinien, das für ihn zur zweiten Heimat wurde. In dieser Zeit entstanden fast alle seine Werke, die ab 1950 auf Polnisch in Paris und später auch in Warschau veröffentlicht wurden. 1963 kehrte Gombrowicz nach Europa zurück. 1964 ließ er sich, mit Unterbrechung durch einen einjährigen Aufenthalt in Berlin, im französischen Vence nieder, wo er 1969 starb.
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Zweites Buch 19571961


1957


I

Nicht in allem hat man mich verstanden (ich spreche von den Artikeln, die in Polen über geschrieben werden), bzw. man sucht sich das bei mir heraus, was »aktuell« ist und der gegenwärtigen Geschichte, der gegenwärtigen Situation entspricht. Ich mache mir da keine Hoffnungen: So eine fragmentarische – egoistische, würde ich sagen – Lesart, immer unter dem Gesichtspunkt des aktuellen Bedarfs, ist unvermeidlich. Vor dem Krieg galt als das Gestammel eines Irren, weil es in einer Zeit des frohen Schaffens und großmächtigen Aufbruchs allzu sehr die Schau verdarb. Heute, da das Volk Fresse und Popo empfindlich zu spüren bekommen hat, wird zur Satire und zum unverblümt kritischen Werk erhoben, zu einer Art Voltaire! Jetzt heißt es, das sei ein verständiges (ja sogar klares und präzises!) Buch, das Werk eines nüchternen Rationalisten, der mit Vorbedacht urteilt und straft, ein geradezu klassisches und aufs Feinste abgewogenes Werk!

Vom Irren zum Rationalisten – ist das keine Künstlerkarriere? Aber dieser -Rationalismus lässt die Kritiker immer mal wieder im Stich, und die Artikel enden gewöhnlich mit der verlegenen Feststellung, Gombrowicz »habe seine Ideen wohl nicht ganz durchdacht«, denn das Werk passt ihnen nicht restlos in die »Konzeption«, die sie sich fleißig deduziert haben. Aber vielleicht passt es nur deshalb nicht hinein, weil die Konzeption zu eng ist? Ich will versuchen, meine ärgsten Missverständnisse aufzuzeigen.

ist deshalb schwer zu deuten, weil es eine ganz besondere Sicht des Menschen beinhaltet. Wie sehen sie diesen meinen Menschen? Und wie sehe ich ihn?

Sie sagen – ganz richtig –, dass in der Mensch von den Menschen geschaffen werde. Aber sie verstehen das vor allem als die Abhängigkeit des Menschen von der gesellschaftlichen Gruppe, die ihm Sitte, Gewohnheiten, Stil aufzwingt … Und bei diesem Punkt entschlüpft ihnen wohl auch einmal die Bemerkung, das sei eine recht banale Wahrheit, ein Gemeinplatz, mit dem offene Türen eingerannt werden.

Sie übersehen aber eines. Nämlich, dass dieser Bearbeitungsprozess des Menschen durch die Menschen in unendlich viel weiter gefasst ist. Ich leugne nicht, dass es eine Abhängigkeit des Einzelnen vom Milieu gibt – aber viel wichtiger, künstlerisch viel fruchtbarer, psychologisch viel abgründiger, philosophisch viel beunruhigender ist für mich, dass der Mensch auch vom einzelnen Menschen, von der anderen Person geschaffen wird. Bei der zufälligen Begegnung. In jedem Augenblick. Kraft dessen, dass ich immer »für den anderen« bin, auf den Blick des anderen ausgelegt, und nur für den anderen und durch den anderen auf eine bestimmte Weise existieren kann, als Form durch den anderen bin. Es geht mir also nicht darum, dass mir das Milieu die Konvention auferlegt, oder, mit Marx zu sprechen, dass der Mensch das Produkt seiner sozialen Klasse ist, sondern darum, das Zusammentreffen von Mensch und Mensch in all seiner Zufälligkeit, Unmittelbarkeit und Wildheit anschaulich zu machen und zu zeigen, wie aus diesen zufälligen Verbindungen FORM entsteht – und oft eine ganz unvorhergesehene, absurde. Denn ich für mich brauche keine Form, sie ist mir nur vonnöten, damit dieser andere mich sehen, empfinden, erfahren kann. Seht ihr denn nicht, dass so eine FORM etwas viel Mächtigeres ist als gewöhnliche soziale Konvention? Eine elementare Gewalt, die nicht zu beherrschen ist? Solange ihr als Kampf mit der Konvention versteht, wird sie in aller Ruhe die ausgetretenen Pfade traben; aber wenn ihr einmal begreift, dass hier der Mensch sich mit dem anderen Menschen im Sinne wildester Zügellosigkeit erschafft, wird sie aufwiehern, einen Satz machen, als hätte sie die Sporen bekommen, und euch ins Reich des UNBERECHENBAREN tragen. ist viel mehr Form im Sinne einer elementaren Gewalt als Form im Sinne sozialer Konvention.

Sie sagen weiter, dass ich in (und in anderen Werken) das Falsche und Verlogene bekämpfe … Sicher. Aber ist das nicht wieder eine Vereinfachung meines Menschen und meiner Intention?

Mein Mensch wird doch von außen geschaffen, er ist also dem Wesen nach nicht authentisch – er ist nie er selbst, denn er ist definiert durch die Form, die zwischen den Menschen entsteht. Sein »Ich« ist ihm daher in dieser »Zwischenmenschlichkeit« bestimmt. Der ewige Schauspieler, aber Schauspieler von Natur, denn das Künstliche ist ihm angeboren, es kennzeichnet sein Menschentum – Menschsein heißt Schauspieler sein – Menschsein heißt den Menschen spielen – Menschsein heißt, sich wie ein Mensch »benehmen«, ohne es in tiefster Tiefe zu sein – Menschsein heißt Menschentum rezitieren. Wie also soll man unter diesen Umständen den Kampf gegen die Fresse, die Miene in verstehen? Doch wohl nicht so, als sollte der Mensch seine Maske ablegen – denn er hat ja darunter kein Gesicht –, man kann nur verlangen, dass er sich seine Künstlichkeit bewusst mache und sie eingestehe. Wenn ich zur Unaufrichtigkeit verdammt bin, besteht die einzige mir zugängliche Aufrichtigkeit darin, zuzugeben, dass mir die Aufrichtigkeit unzugänglich ist. Wenn ich niemals ganz ich selbst sein kann, bleibt mir, um meine Persönlichkeit vor der Vernichtung zu bewahren, nur dieser Wille zur Authentizität, dieses allem trotzende, hartnäckige »Ich will ich selbst sein«, das nichts weiter ist als eine tragische und hoffnungslose Auflehnung gegen die Deformation. Ich kann nicht ich selbst sein und will doch, muss doch ich selbst sein – das ist eine jener Antinomien, die sich nicht bereinigen lassen … und erwartet von mir keine Heilmittel für unheilbare Krankheiten. diagnostiziert allein diese innere Zerrissenheit des Menschen – nicht mehr.

Und die Degradierung?

Weshalb haben sie die Degradierung, die in meinen Werken so stark ist, die dieser meiner Form erst ihr besonderes Aroma verleiht, fast völlig übergangen?

Sie konzentrierten sich auf dieses Problem der Deformation und vergaßen, dass auch ein Buch über die Unreife ist … Der Mensch kann sich nicht nur deshalb nicht nach außen zeigen, weil die anderen ihn entstellen – er kann sich vor allem deshalb nicht ausdrücken, weil sich nur aussprechen lässt, was zuvor geordnet, gereift ist, während der ganze Rest, also gerade unsere Unreife – Schweigen ist. Deshalb wird die Form immer kompromittierend für uns sein – die Form erniedrigt uns. Und man erkennt leicht, wie zum Beispiel unser ganzes kulturelles Erbe, das dank dieser Verhehlung der Unreife entstanden ist, als ein Werk von Menschen, die noch nicht auf der Höhe sind, die nur nach außen so weise, ernsthaft, tief, verantwortungsvoll sind (und die Kehrseite der Medaille verschweigen, sie nicht zeigen können) – wie all diese unsere Künste, Philosophien und Ethiken uns kompromittieren, weil wir ihnen nicht gewachsen sind und sie uns, die wir unreifer sind, in eine Art zweite Kindischheit stoßen. Wir werden unserer Kultur im Innern nicht gerecht – das ist eine Tatsache, die bisher nicht gebührend berücksichtigt wurde und die den Ton unseres »Kulturlebens« bestimmt. Im Innern sind wir ewige Rotznasen.

Doch geschieht die Degradierung des Menschen durch die Form auch auf anderen Wegen.

Wenn meine Form mit anderen erarbeitet wird, so können dies Menschen sein, die höher oder tiefer als ich sind. Wenn ich sie mit Menschenwesen mache, die auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe stehen, erziele ich eine Form, die niedriger und unreifer ist, als mir eigentlich gebührte. Ich empfehle der Aufmerksamkeit der Herren Kritiker alle Stellen meiner Kunst, wo der Niedere, Jüngere den Höheren nach seiner Art erschafft, denn dort steckt die intensivste Poesie, zu der ich imstande bin.

Doch vergessen wir nicht, dass der Mensch die Reife nicht mag – seine Jugend ist ihm lieber. Deshalb enthält auch meine diese beiden Bestrebungen – sie zeigt, wie ich in diesem Tagebuch schon betont habe, »wie jemand, der in seine Unreife verliebt ist, um die eigene Reife kämpft«. Hier wirkt demnach die Form erneut herabsetzend.

Und schließlich – wird ein Mensch, der ständig unterhalb seines Wertes, ewig kompromittiert ist (so weit, dass Menschsein heißt »schlechter« sein, schlechter als das, was er produziert), nicht nach einer ihm gemäßen Sphäre suchen, um seine Psyche auszuleben – d.h. in der Sphäre des Kitsches? Das hat Bruno Schulz in seiner Studie über die im Vorkriegs-Skamander gedruckt wurde, deutlich gesehen. Er nennt dies eine »Zone subkultureller, unausgeformter und rudimentärer Inhalte«. »Unsere Unreife«, schreibt er weiter, »(und vielleicht im Grunde unsere Lebenskraft) ist durch tausend Knoten, tausend Atavismen mit jener zweiten Garnitur der Form, mit jener Kultur zweiter Klasse verknüpft. Während wir unter der Hülle erwachsener und offizieller Formen höheren, verfeinerten Werken huldigen, findet unser tatsächliches Leben heimlich und ohne höhere Sanktionen in dieser schmutzigen Sphäre statt, und die in ihr gespeicherten emotionalen Energien sind hundertfach mächtiger als jene, die der dünnen Schicht des...


Gombrowicz, Witold
Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines Landadeligen in Maloszyce in Polen geboren. 1915 übersiedelte die Familie nach Warschau, wo Gombrowicz nach Abschluss der Schule Jura studierte. Von 1928 bis 1934 arbeitete er an einem Warschauer Gericht, widmete sich jedoch bald ausschließlich der Literatur. 1933 veröffentlichte er den Erzählungsband Memoiren aus der Epoche des Reifens. 1938 erschien Ferdydurke und löste eine heftige literarische Debatte aus. Im Sommer 1939 wurde Gombrowicz auf einer Reise in Buenos Aires vom Ausbruch des Krieges überrascht. Er blieb 24 Jahre lang in Argentinien, das für ihn zur zweiten Heimat wurde. In dieser Zeit entstanden fast alle seine Werke, die ab 1950 auf Polnisch in Paris und später auch in Warschau veröffentlicht wurden. 1963 kehrte Gombrowicz nach Europa zurück. 1964 ließ er sich, mit Unterbrechung durch einen einjährigen Aufenthalt in Berlin, im französischen Vence nieder, wo er 1969 starb.



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