E-Book, Deutsch, Band 2, 520 Seiten
Reihe: Welch trügerisches Glück
Gong Welch trügerisches Herz
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95762-350-8
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chloe Gongs spannender Agententhriller im Spiel um Krieg, Liebe und Verrat und die Rettung einer ganzen Nation. BookTok-Trend goes Bestseller.
E-Book, Deutsch, Band 2, 520 Seiten
Reihe: Welch trügerisches Glück
ISBN: 978-3-95762-350-8
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chloe Gong ist die Autorin des New York Times-Bestsellers 'These Violent Delights' und des Nachfolgers 'Our Violent Ends'. Sie ist Absolventin der University of Pennsylvania, wo sie ein Doppelstudium in Englisch und Internationalen Beziehungen absolvierte. Geboren in Shanghai und aufgewachsen in Auckland, Neuseeland, lebt Chloe jetzt in New York und gibt vor, erwachsen zu sein. Du findest sie auf Twitter, Instagram und TikTok unter @thechloegong oder auf ihrer Website TheChloeGong.com.
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PROLOG
1931
Die einfachste Art des Verschwindens war, nie vollständig unterzutauchen, sondern stets an der Grenze des Gesehenwerdens zu lauern und sekundenschnell zu reagieren, sollte sich etwas bewegen. Wie sollte man in eine Falle tappen, deren Köder man selbst gelegt hatte. Wie sollte man etwas nicht wissen, wenn man das besagte Spielfeld entworfen hatte.
Alisa Montagowa blickte zur Eingangstür des Restaurants, während sie eine Tasse mit Tee füllte. Die Restaurantbesitzerin hatte die Fensterläden geschlossen, um die Kälte auszusperren. In wärmeren Monaten ließ sie sie offen und die Bambusblätter auf den Simsen warfen sanfte Schatten auf Gäste, die Treffen abhielten oder mit Liebhabern tranken. Sie befanden sich in einem kleinen Ort irgendwo westlich von Shanghai. Groß genug, um ein paar Stadtbewohner zu beherbergen, die hier und da Geschäfte tätigten – wodurch Alisa keine Aufmerksamkeit auf sich zog, wenn sie die Straßen durchstreifte – doch nicht so chaotisch, dass sie um vier Uhr nachmittags kein Restaurant mit einem freien Tisch in der Ecke finden könnte.
Alisa war gut im Verschwinden. Sie hatte es seit ihrer Kindheit geübt. Hatte im Haus herumgelungert und gelauscht oder sich in ganz Shanghai in versteckte Ecken gezwängt. Es wurde zu einer persönlichen Herausforderung, genügend Informationskrumen an vielen verschiedenen Orten zu sammeln, sodass sie sie zusammenfügen und sich durch all ihr Wissen schlau vorkommen konnte. Es war zwecklos, sich erst anzuschleichen, wenn Unterhaltungen bereits begonnen hatten. Sie musste ihnen drei Schritte voraus sein. Bereits im Schrank sitzen, wenn zwei entfernte Cousins in der Küche stritten. Vom Dachsparren hängen, wenn die alte Dame im Bordell vor ihren Mädchen im Hinterzimmer über die Kunden schimpfte. Nur dann fühlte Alisa sich in ihrer eigenen Stadt zu Hause. Zu verschwinden bedeutete, an ihrer Umgebung teilzuhaben, den Rhythmus und die Ursachen zu verstehen, anstatt sich zu verstecken und zu hoffen, dass man sie nicht als unpassenden Eindringling wahrnahm. Es bedeutete, von Ort zu Ort zu ziehen, während eine ganze Einheit Nationalisten hinter ihr her war, und sich doch stets sicher zu sein, dass sie ihr nie zu nahe kämen, weil sie ihre Ankunft immer punktgenau vorhersagen und sich davonmachen konnte. Das hatte sie bereits zweimal getan. Und wenn die Einheit sich beeilte, würde es in der kommenden Stunde ein drittes Mal passieren.
»Möchtest du heute etwas essen, xiao guniáng?«
Alisa pustete in ihren heißen Tee. Der Keramikbecher fühlte sich in ihren bloßen Händen, die auf dem Weg hierher taub geworden waren, wundervoll an. Sie hatte in ihrem Leben noch nicht einmal Handschuhe getragen und würde jetzt nicht damit anfangen. Ihre Hände bewegten sich gern frei und ungehindert.
»Kann ich eine kleine Schüssel Gurken bekommen?«, fragte sie. Sie wedelte mit den Fingern und klopfte gegen den Becher. »Mit den niedlichen klein geschnittenen Stücken? Und Knoblauch?«
Die Restaurantbesitzerin runzelte die Stirn und versuchte zu verstehen, wovon Alisa sprach. Eine Sekunde später hellte sich ihr Gesicht auf und sie machte auf dem Absatz kehrt. »Ah. Ich weiß, welches Gericht du willst. Es kommt gleich.«
»Xiè xiè!«
Alisa setzte sich lässig auf ihren Holzhocker und hakte die Knöchel um die Stuhlbeine. Sobald die Besitzerin in die Küche verschwand, wurde es abgesehen vom Klimpern der Windspiele im Türrahmen wieder still im Restaurant. Letzte Woche war etwas Schnee gefallen und obwohl nichts davon liegen geblieben war, hatte die für die Jahreszeit typische Kälte eingesetzt. Die Bewohner der Gegend zogen die Schultern hoch und senkten die Köpfe, um die Ohren warm zu halten, und schlurften von Ort zu Ort, ohne ihre Umgebung wahrzunehmen. Als der Späher am Morgen ins Ortszentrum gekommen war und einen Buchladen betreten hatte, hatte Alisa ihn sofort erkannt. Genauer gesagt, sie hatte im ersten Stock des Teehauses gesessen und bemerkt, dass er sich ungewöhnlich bewegte, und sobald er den Laden verlassen hatte, war sie aus dem Teehaus gekommen und ebenfalls in den Laden geschlendert, wo man ihr erzählt hatte, dass er nach einem Mädchen gefragt hatte, auf das ihre Beschreibung passte.
Die Nationalisten waren so einfach zu überlisten, wenn sie sich auf diese Weise verhielten. Sie hätten zumindest die Geheimabteilung schicken können. Doch laut den letzten ihr zugetragenen kodierten Radioübertragungen, lag die Geheimabteilung der Nationalisten in Trümmern, nachdem einer ihrer Betreuer zu den verfeindeten Kommunisten übergelaufen war, man einen Spitzenagenten einer Gehirnwäsche unterzogen hatte und eine andere Agentin hinter Schloss und Riegel saß, weil man sie enttarnt hatte. Drüben ging es rau zu. Nicht, dass ihre Seite viel besser dastand. Ihr war unklar, ob man sie bereits als vermisst vermerkt hatte oder ob die Kommunisten so an ihr Verschwinden gewöhnt waren, dass sie darauf vertrauten, dass Alisa an etwas arbeitete.
»So, da wären wir. Pai huánggua. Wenn es nicht scharf genug ist, sagst du Bescheid, hm?«
Die Gurken glänzten vor Sesamöl und hellroten Chilistückchen. Die Besitzerin stellte die Schüssel vor Alisa ab und hielt verwirrt inne, als Alisa ein paar Scheine zusammenknüllte und sie in ihre Schürzentasche stopfte, bevor sie sich zurückziehen konnte.
»Ich wollte nur gleich die Rechnung begleichen«, sagte Alisa beiläufig. Für den Fall, dass sie während des Essens davonlaufen musste.
Sie ging davon aus, dass Celia sie wegen der Ampulle in ihrer Tasche nicht gemeldet hatte. Ansonsten hätte Celias Vorgesetzter Alisa bereits kontaktiert und die Übergabe gefordert. Früher oder später würde zu ihrer eigenen Seite durchdringen, dass sie die letzte Ampulle eines chemischen Gemischs hatte, ungleich irgendetwas anderem auf der Welt. Ein Gemisch, das seine Opfer in unsterbliche Supersoldaten verwandelte, die keinen Schlaf brauchten und deren Verletzungen nicht von Dauer waren, die stark genug waren, um einen Gegner quer durch den Raum zu schleudern, und bei denen eine Kugel in die Brust keine erkennbaren Folgen hatte. Wenn das passierte, würde das Versteckspiel, das sie zu ihrem eigenen Vergnügen spielte, enden müssen. Sie würde beiden Lagern davonlaufen – wirklich davonlaufen, wenn sie die Geheimabteilung hinter ihr her schickten – denn sie würde auf keinen Fall eine Waffe aushändigen, die den Ausgang des Bürgerkriegs bestimmen könnte.
Alisas blickte wieder zum Restauranteingang, während die Besitzerin hinter den Tresen zurückkehrte. Sie kaute auf einem Stück Gurke. Vor der Tür war die Straße ruhig, abgesehen vom gelegentlichen Klingeln einer Fahrradglocke, die Passanten grüßte. Der erste Warnhinweis, nach dem Alisa stets horchte, waren die Schreie der Anwohner. Soldaten schenkten Pflanzen, die sie zertraten, oder Karren, die sie zur Seite stießen, keine Beachtung. Möglicherweise war es unnötig, dass Alisa mit ihrem Verschwinden wartete, bis die Soldaten sich näherten, doch es war lustig und dämpfte ihre Moral, wenn Alisa zum Greifen nah war. Beim ersten Mal hatte sie ihnen zugewinkt, während sie in den Wald gerannt war, beim zweiten Mal mit herausgestreckter Zunge zurückgeblickt, als das Auto anfuhr.
Mampf mampf mampf. Die Gurken waren wirklich gut.
Die Windspiele klimperten in einer Bö. Alisa trank noch einen Schluck Tee.
Dann, ohne Vorwarnung, kam Jiemin durch die Tür – ihr früherer Kollege und Leiter der Einheit, die ihr hinterherjagte. Er sah sich kurz im Restaurant um, bevor sein Blick auf Alisa fiel.
Sie stand nicht auf.
»Miss Montagowa, du hast mir viel Ärger bereitet.«
Jiemin setzte sich an den Tisch, ließ sich auf den Hocker neben ihr fallen, als wäre das Treffen geplant gewesen. Alisa schob ihm die Schüssel Gurken zu und bot ihm ihre Stäbchen an. Er trug keine Uniform und war ohne Verstärkung unterwegs. Er verhielt sich und sah aus wie jeden Morgen, wenn Alisa ihre Abteilung bei Seagreen Press betreten hatte, an einem Fleischbrötchen kauend, während Jiemin in sein Buch vertieft gewesen war und nichts außerhalb seines Rezeptionstisches Beachtung geschenkt hatte. Mit ihrem jetzigen Wissen fragte sie sich, ob das nur Teil seiner Tarnung gewesen war.
»Ihr seid viel zu langsam«, erwiderte Alisa. »Seit über einem Monat laufe ich mit dieser Ampulle herum. Eine gute Einheit hätte mich mindestens einmal pro Woche umzingeln müssen.«
Nach etwas mehr als einem Monat war Alisa ehrlich überrascht, dass nur die Nationalisten hinter ihr her waren. Lady Hong hatte die Waffe für die Japaner erfunden, doch nachdem ihr Sohn Orion sie konfrontiert und Rosalind die einzige erfolgreiche Charge zerstört hatte, hörte man über den nachrichtendienstlichen Flurfunk keine Neuigkeiten darüber, dass sie einen Ersatz herstellte. Kommunisten und...




