E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Lübbe
Goodwin Die Yacht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-6150-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer wird untergehen, wenn die Wahrheit ans Licht kommt?. Thriller
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-6150-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wenn die Luxusyacht zum Gefängnis wird - und deine besten Freunde zu deinen größten Feinden
Eine exklusive Silvesterparty auf einer Luxusyacht im Hafen von Ventimiglia. Als Hannah von der wohlhabenden Libby und deren Ehemann eingeladen wird, sieht sie dem Abend nicht nur mit Vorfreude entgegen. Obwohl die beiden Frauen schon lange befreundet sind, wiegen die sozialen Unterschiede schwer. Bereits kurz nach der Ankunft fühlt Hannah sich wie Libbys persönliches Sozialprojekt und beschließt, an Neujahr frühestmöglich abzureisen. Doch am nächsten Morgen stellt sie mit Entsetzen fest, dass die Yacht auf dem offenen Meer treibt - mit leerem Tank, nur wenigen Vorräten und ohne die Möglichkeit, Hilfe zu rufen. Schon bald wird der erste Passagier vermisst ...
Beste Nervenkitzel-Lektüre - packend, wendungsreich und unheimlich spannend
Sarah Goodwin hat Kreatives Schreiben an der Bath Spa University studiert und bereits mehrere Thriller geschrieben. Neben der Schreiberei liebt sie es, sich mit Büchern kritisch auseinanderzusetzen, und sie betreibt einen Podcast. Sie lebt im ländlichen Hertfordshire.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Am Abend vor Silvester musste ich länger arbeiten, was aber nicht so schlimm war. Aus Sicht der Firma wurde das unter »business as usual« verbucht. Normale Leute waren zwischen dem Zweiten Weihnachtstag und Silvester zu Hause und fielen über die Schachtel mit Celebrations und zunehmend reifendem Brie her. Aber »normale Leute« arbeiten nun mal nicht im Management in Callcentern oder Supermärkten oder an irgendwelchen anderen Orten, die geöffnet bleiben müssen, damit ein oder zwei einsame Mitglieder der Öffentlichkeit jemanden haben, den sie vollmeckern können. Ich konnte zu Hause weder Kinder noch einen Lebenspartner als Ausrede geltend machen, mit denen ich meine Zeit verbringen wollte, deshalb waren meine Feiertage – zumindest was Rin, meinen Manager, betraf – zu vergeben. Aber im Grunde war mir das auch ziemlich egal.
Nein, das ist eigentlich gelogen; es hat mir schon etwas ausgemacht. Ich hatte nur einfach nichts gesagt. Keine der Meinungsverschiedenheiten, die ich mit Rin hatte, hat je meinen Kopf verlassen. Unter der Dusche fielen mir alle möglichen Dinge ein, die ich ihm sagen wollte. Aber in der Realität sah das anders aus: Wenn mein Manager mir sagte, was ich machen sollte, dann machte ich das auch und behielt meine Verärgerung darüber für mich und meine Shampoo-Flaschen.
Da ich die einzige Mitarbeiterin der »Spätschicht« war, geisterte ich drei Stunden lang durch das ansonsten verwaiste Callcenter, nachdem die letzten Kollegen gegangen waren. In Gedanken war ich bei all den Möglichkeiten, die Zeit besser zu nutzen, wenn man bedachte, dass ich eine Autofahrt von zwölf Stunden vor mir hatte. Aber um ehrlich zu sein, darauf war ich auch nicht gerade scharf. Ganz bestimmt nicht. Zwölf Stunden in meinem Auto, Schlaf und Pausen nicht mitgerechnet, klang offen gestanden richtig scheiße. Wenn ich das Geld gehabt hätte, erst den Flieger zu nehmen und mir eine sündhaft teure Taxifahrt vom Flughafen Nizza nach Ventimiglia zu leisten, dann hätte ich das getan. Aber dies war die Saison der total abgefahrenen Preise, deshalb das Auto.
Es würde sich zumindest lohnen – so redete ich es mir jedenfalls ein, als ich mir die kommenden zwölf Stunden ausmalte. Am Ende der Fahrt würde ich zusammen mit meinen besten Freunden ein schillerndes Wochenende an Bord einer privaten Yacht verbringen. Ich durfte nur nicht an die Rückfahrt denken, um rechtzeitig zur Arbeit wieder da zu sein. Zumal ich bestimmt mit einem ziemlichen Kater am Steuer sitzen würde.
Wenn überhaupt, dann war diese Zeit allein im Büro die letzte Chance, mich zu entspannen. Kostenlose Nutzung der Kaffeemaschine und der Heizung waren weitere Boni. Die meiste Zeit über las ich auf meinem Kindle und trank einen Caffè mocha nach dem anderen, mit extra viel Espresso, um wach zu bleiben.
In der ganzen Zeit bekam ich genau zwei Anrufe. Einen von Rin, weil er wissen wollte, ob ich auch wirklich arbeitete, den anderen von Libby, auf meinem Handy.
»Hi, Schätzchen, ich wollte nur noch mal hören, ob du auch wirklich zu meiner Party kommst und dein Auto nicht den Geist aufgegeben hat«, trällerte sie fröhlich. Im Hintergrund waren schabende und hämmernde Geräusche sowie laute Stimmen zu hören, was Libby aber nicht zu stören schien.
»Ich mache mich auf den Weg, sobald meine Schicht endet. Morgen Abend bin ich bei euch, frisch von einem der charmanten Rastplätze Frankreichs.«
Libby musste lachen. »Und, hast du schon ein Kleid für die Party? Du brauchst dir nichts zu leihen. Denn ich kann jemanden losschicken, der –«
»Das Party-Outfit ist längst im Auto.« Ich hatte Monate hin und her überlegt, was ich auf Libbys Silvesterparty tragen würde. Ich glaube, dass ich mir deswegen schon auf der Party im letzten Jahr Gedanken gemacht hatte. Damals hatte ich etwas Konventionelles aus dem Einzelhandel getragen – ein Fehler. Als Libby mich dann fragte, woher ich die Klamotten hätte, sah sie mich bei meiner Antwort fast erschrocken an. »Die verkaufen Koffer, Hannah«, hielt sie mir vor. Als hätte ich ihr gesagt, dass meine Sachen vom Lidl kamen. Louis Vuitton verkauft ja schließlich auch Koffer, hatte ich gedacht, aber für mich behalten.
Für die Feier in diesem Jahr war mein Kleid zumindest aus Seide, außerdem von einem angesagten Designer, auch wenn ich es aus dem Second-Hand-Shop einer Wohltätigkeitsorganisation hatte. Aus meiner Sicht war das stilvoll für den Abend, obwohl es ein bisschen zu eng saß und unter einem Arm ausgebessert worden war. Blieb zu hoffen, dass das niemandem auffiel.
»Was ist das für ein Krach?«, hakte ich nach, weil ich Libby von ihrer Idee abbringen wollte, mir ein Kleid zu besorgen – dazu muss man nämlich wissen, dass ich mich bereits für die Designer Heels entschieden hatte, die sie mir geschenkt hatte. Preislich gesehen, waren ihre Geschenke immer übertrieben, und mir war es peinlich, dass ich mich nicht auf die gleiche Weise revanchieren konnte.
»Krach? Ach so, das sind bloß die Angestellten.« Sie senkte die Stimme ein wenig, ehe sie fortfuhr: »Olly hat diese Caterer angeheuert, um die Yacht rechtzeitig mit allem auszustatten, und jetzt ordnen sie noch ein paar Sachen anders an, Änderungen auf den letzten Drücker. Du weißt nicht zufällig, was ›aufpassen, das ist verdammt teuer‹ auf Italienisch heißt, oder?«
»In so einer Situation war ich noch nie«, sagte ich, während ich überlegte, wie viel Uhr es dort eigentlich war. Außerdem hoffte ich, dass Libby die Leute für ihre Bemühungen auch anständig bezahlte. »Ich kann es kaum abwarten, mir alles anzusehen.«
»Das wird fantastisch! Aber ich schwöre, wenn die noch ein Glas zerbrechen, dann bringe ich hier alle um und dann mich selbst. Bis dann. Küsschen!« Libby beendete das Gespräch, und ich seufzte, denn jetzt hatte ich noch mehr Bedenken wegen der Party als zuvor. Bei so wenigen Gästen gab es so gut wie keinen Rückzugsort, und klar war, dass für Libby alles perfekt sein musste.
Während ich mein Ende-der-Schicht-Formular ausfüllte, schickte ich Harry eine SMS, mit der Frage, was er anziehen würde. Ich hoffte, er würde sich wie immer kleiden, denn dadurch wäre die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf mich gerichtet. Seit unserer Zeit auf der Uni pflegte Harry eine Art Grunge-Look – Bleach Splatter Karomuster, zerrissene Jeans, Leder und T-Shirts mit Slogans, die ich mir während meiner Hobby-Designerkarriere ausgedacht hatte. Darunter verbarg sich ein sarkastischer rothaariger Nerd mit durchtrainierten Oberarmen und einer Stupsnase, die er sich dreimal hatte piercen lassen in dem Versuch, männlicher auszusehen. Einmal hatte ich ihm gesagt, er sähe aus wie ein Klempner, der durch Urban Outfitters gefallen sei, daraufhin hatte er mich mit einem Hähnchenunterschenkel beworfen.
Inzwischen besorgte er sich seine Lederjacken wahrscheinlich bei Bottega und seine »subversiven« Slogan-Shirts bei Moschino und nicht mehr aus meiner Tasche mit der Ausschussware zum halben Preis. Letztes Jahr hätten wir noch im selben Boot gesessen. Dieses Jahr war ihm der große Durchbruch gelungen, und ihm stand das entsprechende Budget zur Verfügung. Seine geschweißten Skulpturen aus Schrott hatten endlich Käufer gefunden, und so hatte er seinen Job als Elektriker an den Nagel gehängt, um dauerhaft zum Liebling der Kunstszene zu werden. Seine Werke verkauften sich für fast abscheuliche Summen, und ich hatte ihn sogar schon im Lokalfernsehen gesehen, als man ihn in den Nachrichten interviewte. Ich habe mich für ihn gefreut, ehrlich. Denn endlich machte er das, was er immer schon machen wollte, und verdiente ein Vermögen, genau wie die anderen auch. Somit blieb nur noch ich in der »Gib-deinen- Job-nicht-auf«-Kategorie übrig.
Während sowohl Maggie als auch Libs mehr Geld hatten, als ich je zu Gesicht bekommen würde – geschweige denn ausgeben könnte –, war Libby superreich. Sie und Olly besaßen ein Anwesen auf dem Land, dazu Stadthäuser in London und Paris, Villen in Italien und Spanien und, offensichtlich, eine Yacht. Ollys Familie hatte eine Art Titel, den ich mir nie merken konnte, aber als die beiden sich kennenlernten, besaß Olly gar nicht so viel Kohle. Nur ein riesiges Anwesen und ein Herrenhaus, das zu heizen sich seine Eltern nicht leisten konnten. Libbys Großvater hatte eine Reihe Nachtclubs und »Etablissements für Herren« gegründet – erst nach Jahren hatte ich kapiert, dass damit Stripclubs gemeint waren. Als ihr Opa starb, erbte sie mal eben eine Viertelmillion, die Olly in Immobilien investierte. Er konnte jede Menge Leute davon überzeugen, gemeinsam mit ihm zu investieren – auf eine Art und Weise, die nie ganz legal klang – und machte einen Profit von mehr als zwei Millionen.
Jedes Jahr schmiss Libby eine Neujahrsparty, und ich bekam stets eine Einladung. Es war eine Reminiszenz an unsere Zeit an der Uni, wenn wir uns nach Weihnachten wiedersahen. Libby hatte dann meist zwei Wochen mit Skifahren verbracht oder sich in einem privaten Resort in den Bergen gesonnt, während sie mit einem Cocktail-Kellner schlief und Jetski lernte. Maggie kam von ihren Weihnachtsfeiern in New York und Paris mit Klatsch und Tratsch zurück (und Taschen voller toller Klamotten). Auf diesen Partys floss der Champagner wie Tränen bei abgehalfterten Designern, und Nacktmodels ritten auf Pferden durch Hotellobbys. Dann gab es da noch Harry und mich. Wir hatten zu dem Zeitpunkt zwei Wochen mit unseren Familien verbracht – Harrys Eltern zofften sich ständig, und meine Mum trauerte zu sehr den Erinnerungen an...




