E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Gorki Drei Menschen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1734-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1734-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pawel, Jakow und Ilja sind drei Freunde die seit Jahren nicht aus dem Bodensatz der russischen Gesellschaft herauf steigen können. Aber während der eine sich dem Schicksal ergibt, sucht der andere sein Heil in politischem Engagement - und der dritte revoltiert ...
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VI
Diese Ereignisse hatten zur Folge, daß im Charakter des Knaben eine starke Wandlung vor sich ging. Früher hatte er sich nur von seinen Mitschülern ferngehalten, denen nachzugeben er nicht geneigt war. Zu Hause war er gegen alle offen und zutraulich gewesen, und schenkte ihm jemand von den Großen auch nur einige Beachtung, so bereitete ihm das eine ganz besondere Freude. Jetzt hielt er sich fern von allen und erschien weit über sein Alter ernst. Sein Gesicht zeigte eine unfreundliche Miene, die Lippen waren fest zusammengekniffen, er beobachtete mit Aufmerksamkeit die Erwachsenen und horchte mit einem forschenden Aufblitzen der Augen auf ihre Reden. Schwer lastete auf ihm die Erinnerung an das, was er am Todestage des alten Jeremjej gesehen, und es schien ihm, daß auch er gleich Petrucha und dem Onkel dem Verstorbenen gegenüber schuldig sei. Vielleicht war der Alte, als er sterbend dalag und sah, wie man sein Besitztum plünderte, der Meinung gewesen, daß er, Ilja, ihnen den Schatz verraten habe. Dieser Gedanke hatte sich Iljas unmerklich bemächtigt, er füllte seine Seele mit Verwirrung und qualvoller Pein und steigerte sein Mißtrauen gegen alle Welt. Sobald er an jemand etwas Schlechtes bemerkte, ward ihm leichter ums Herz, als ob seine eigene Schuld dem Toten gegenüber dadurch vermindert würde.
Und er sah so viel Schlechtes rings um sich! Alle Leute nannten den Büfettier Petrucha einen Hehler und Betrüger. Ins Gesicht jedoch schmeichelten ihm alle, verneigten sich respektvoll vor ihm und bedachten ihn mit der ehrenvollen Anrede Peter Akimytsch. Die große Matiza aus der Dachstube bezeichneten sie mit einem häßlichen Schimpfwort; war sie betrunken, dann stießen und schlugen sie alle, und eines Tages, als sie schwer bezecht unter dem Küchenfenster saß, hatte der Koch ihr gar einen Eimer Spülicht über den Kopf gegossen. Und doch nahmen alle von ihr kleine Gefälligkeiten und Dienste an, ohne ihr je dafür anders als mit Scheltworten und Rippenstößen zu danken. Perfischka rief sie häufig, daß sie ihm seine kranke Frau wasche, Petrucha ließ sie vor den Feiertagen ohne Entgelt die Schenkstube scheuern, und für Terentij nähte sie umsonst die Hemden. Sie ging zu allen, machte alles ohne Murren und sehr geschickt, pflegte mit Hingebung die Kranken und liebte es, mit den Kindern zu spielen ...
Ilja sah, daß der fleißigste Mensch im ganzen Hause, der Schuster Perfischka, von allen als ein lächerlicher Patron angesehen wurde, und daß sie nur dann von ihm Notiz nahmen, wenn er betrunken, mit seiner Harmonika auf dem Schoße, in der Schenke saß oder sich auf dem Hofe herumdrückte und seine lustigen kleinen Lieder auf dem Instrument begleitete. Niemand jedoch mochte es sehen, wie behutsam derselbe Perfischka seine gelähmte Frau auf die Treppe hinaustrug, wie er seine kleine Tochter zu Bett brachte, sie mit Küssen bedeckte und ihr, um sie zu unterhalten, allerhand drollige Grimassen schnitt. Niemand mochte ihm zusehen, wenn er lachend und scherzend Mascha das Mittagessen kochen und das Zimmer aufräumen lehrte, sich dann an die Arbeit setzte und bis spät in die Nacht hinein, über irgendeinen schmutzigen, krummen Stiefel gebeugt, dasaß.
Als der Schmied ins Gefängnis abgeführt worden war, hatte sich kein Mensch außer dem Schuster um seinen Jungen gekümmert. Dieser hatte Paschka sogleich zu sich genommen, und der wilde Bursche pichte ihm den Schusterdraht, fegte das Zimmer, holte Wasser und ging zum Krämer nach Brot, Kwas und Zwiebeln. Alle hatten den Schuster am Feiertage betrunken gesehen, aber niemand hatte es gehört, wie er am nächsten Tage, als er nüchtern geworden, sich vor seiner Frau entschuldigte:
»Verzeih mir, Dunja! Ich bin ja doch schließlich kein Trunkenbold, sondern nahm nur so, zur Erheiterung, ein Schlückchen. Die ganze Woche arbeitet man – zu langweilig ist's! Na, und da trinkt man mal einen! ...«
»Aber beschuldige ich dich denn? Du lieber Gott – ich bedaure dich doch bloß«, versetzte seine Frau mit ihrer heiseren Stimme, die wie ein Schluchzen in der Kehle klang. »Meinst du, ich seh' nicht, wie du dich quälst? Wie einen schweren Stein hat der Herr mich dir an den Hals gehängt. Wenn's doch schon ans Sterben ginge! ... Dann wärst du befreit von mir ...«
»Rede nicht so! Ich hör' solche Worte von dir nicht gern. Ich hab' dich gekränkt, nicht du mich! ... Aber ich tat es nicht aus Schlechtigkeit, sondern weil ich schwach wurde ... Laß es gut sein, wir wollen in 'ne andere Gasse ziehen. Dann soll alles anders werden, die Fenster, die Tür ... alles! Die Fenster werden auf die Straße gehen, einen Stiefel wollen wir aus Papier ausschneiden und ans Fenster kleben. Das ist dann unser Schild! Alle Welt wird zu uns gelaufen kommen. Da wird unser Geschäft erst blühen! ... Immer klopf, immer klopf – schaff Grütze in den Topf!«
Ilja kannte das Leben Perfischkas bis ins kleinste. Er sah, wie er sich quälte gleich einem Fisch, der durchs Eis brechen möchte, und achtete ihn darum, weil er stets mit aller Welt scherzte, allezeit lachte und so prächtig auf der Harmonika spielte.
Inzwischen saß Petrucha hinter seinem Büfett, spielte eine Partie Dame nach der andern, trank vom Morgen bis zum Abend Tee und schimpfte auf die Kellnerburschen. Bald nach dem Tode Jeremjejs hatte er Terentij als Verkäufer hinter das Büfett gestellt, während er selbst sich darin gefiel, pfeifend auf dem Hofe hin und her zu spazieren, das Haus von allen Seiten zu betrachten und seine Wände mit den Fäusten zu beklopfen.
Noch mancherlei anderes bemerkte Ilja, und alles war häßlich und unerfreulich und stieß ihn mehr und mehr von den Menschen zurück. Zuweilen riefen all die Eindrücke und Gedanken, die sich in ihm anhäuften, den lebhaften Wunsch in ihm hervor, sich mit jemand auszusprechen. Mit dem Onkel aber wollte er nicht sprechen: nach dem Tode Jeremjejs war zwischen Ilja und dem Onkel etwas wie eine unsichtbare Wand emporgewachsen, die den Knaben davon abhielt, sich dem Buckligen ebenso offen und zutraulich zu nähern wie früher. Jakow hätte ihm kaum über die Vorgänge in seinem Innern Aufklärung geben können: der lebte gleichfalls abseits von allen, wenn auch auf seine besondere Weise.
Auch ihn hatte der Tod des alten Jeremjej betrübt. Oft hatte er mit trauriger Miene seiner gedacht:
»Langweilig ist's geworden! ... Wenn doch noch Großvater Jerema lebte, der hat uns immer Märchen erzählt! Nichts Schöneres gibt es als Märchen!«
Eines Tages sagte Jakow geheimnisvoll zu Ilja:
»Soll ich dir mal was ganz Besonderes zeigen? Willst du es sehen?«
»Freilich will ich's sehen!«
»Aber schwör' mir erst, daß du es niemandem verraten wirst! Sag': Verflucht soll ich sein ...«
Ilja wiederholte die Schwurformel, worauf ihn Jakow zu der alten Linde im äußersten Winkel des Hofes führte. Dort entfernte er von dem Stamme der Linde ein künstlich daran befestigtes Rindenstück, und Ilja erblickte dahinter eine große Höhlung in dem Baumstamm. Es war ein Astloch, das mit dem Messer künstlich erweitert und mit bunten Läppchen, Papierchen und Stanniolblättchen ausgeschmückt war. In der Tiefe dieser Höhlung stand ein kleines, aus Erz gegossenes Bildnis, vor dem das Ende einer Wachskerze befestigt war.
»Hast du gesehen?« fragte Jakow, während er das Rindenstück wieder vor die Öffnung brachte.
»Ich hab's gesehen ... Was ist denn das?«
»Eine Kapelle!« erklärte Jakow. »Hierher werde ich immer in der Nacht ganz leise kommen und werde hier beten ... Ist das nicht hübsch?«
Ilja gefiel der Einfall seines Freundes, doch stellte er sich sogleich die Gefährlichkeit des Wagnisses vor.
»Und wenn man das Licht sieht? Dann gibt's gehörige Prügel vom Alten! ...«
»Wer soll's in der Nacht sehen? In der Nacht schlafen doch alle; ganz still ist's auf der Erde ... Ich bin doch klein, da hört der liebe Gott am Tage mein Gebet nicht ... In der Nacht wird er es eher hören ... Meinst du nicht?«
»Ich weiß es nicht ... Vielleicht wird er's hören«, meinte Ilja nachdenklich, während er in das großäugige, bleiche Antlitz des Kameraden schaute.
»Wirst du mit mir beten gehen?« fragte Jakow.
»Um was willst du denn beten?« fragte Ilja. »Ich würde Gott bitten, daß er mich recht klug mache ... und dann noch, daß ich immer alles habe, was ich mir wünsche. Und du?«
»Ich? Ich würde um dasselbe bitten ...« antwortete Jakow.
Nach einer Weile jedoch fügte er hinzu:
»Ich wollte es eigentlich nur so, ohne besondere Absicht ... einfach beten wollt' ich, weiter nichts! Und er mag mir geben, was er will ...«
Sie kamen überein, schon in der nächsten Nacht mit ihrem Gebet vor der Linde anzufangen, und legten sich beide mit der festen Absicht zu Bett, in der Nacht aufzuwachen und sich in dem Winkel zu treffen. Sie erwachten jedoch weder in dieser noch in der nächsten Nacht, und noch manche andere Nacht verschliefen sie. Und dann wirkten neue Eindrücke auf Ilja ein und ließen die Kapelle in den Hintergrund treten.
In den Zweigen derselben Linde, in der Jakow seine Kapelle...




