Gotthard | Der Dreißigjährige Krieg | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 350 Seiten

Gotthard Der Dreißigjährige Krieg

Eine Einführung
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8463-4555-9
Verlag: UTB
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Einführung

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

ISBN: 978-3-8463-4555-9
Verlag: UTB
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) war einer der längsten und blutigsten Kriege der Weltgeschichte. Diese neue Einführung arbeitet die zentralen politischen Weichenstellungen und die militärischen Schlüsselereignisse übersichtlich heraus. Sie fragt insbesondere nach den Ursachen des Krieges, diskutiert die Frage nach der Schuld und zeichnet den langen Weg zum Frieden nach. Auch die Frage, wie es den damaligen Menschen gelang, den Zeitumständen Sinn abzutrotzen und ihren mentalen Haushalt im Lot zu halten, wird thematisiert. Kurze prägnante Überblicksdarstellungen zu den wichtigen militärischen Ereignissen wechseln sich mit anschaulichen Vertiefungen ab, die über die damalige Kriegsführung, die Rolle der Söldnerheere und die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung informieren.

Prof. Dr. Axel Gotthard lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Erlangen-Nürnberg.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vorwort 11
1 Der lange Weg in den Krieg 13
1.1 Seit 1555 – der Reichsverband überwölbt zwei Konfessionen 13
1.2 Seit 1580 – die konfessionelle Polarisierung des Reichsverbands 16
1.2.1 Die interkonfessionellen Beziehungen verschlechtern sich wieder 16
1.2.2 Ein Versuch, den mentalen Haushalt des Konfessionellen Zeitalters sinnfällig zu machen 17
1.2.3 Der Interpretationskrieg um den Religionsfrieden 22
1.2.4 Das politische Grundvertrauen schwindet dahin 28
1.3 Seit 1608 – die Vorkriegszeit 30
1.3.1 Krisenjahr 1608 30
1.3.2 Die Blockade des politischen Systems 33
1.3.3 Evangelische Union und katholische Liga 36
1.3.4 Letztlich vergebliche Versuche, die Sprachlosigkeit zu überwinden 43
1.3.5 Kriegsgefahr hier und dort 46
1.4 Schon einmal vorab: etwas Kriegsursachenforschung 53
1.4.1 Warum die Ursachenforschung am Zustand des Reichsverbandes ansetzen muss 53
1.4.2 Kann die moderne Politik aus dem damaligen Desaster lernen? 55
1.5 Die böhmischen Anlässe des Dreißigjährigen Krieges 59
1.5.1 Rückblicke: lange Tradition konfessioneller Heterogenität und ständischer Aufmüpfigkeit 59
1.5.2 Der „Bruderzwist“ im Hause Habsburg 63
1.5.3 Streit um den Majestätsbrief 66
2 Ereignisabfolge 1: der große deutsche Konfessionskrieg (1618 – 1630) 73
2.1 Auftakt zum Böhmisch-Pfälzischen Krieg: der „Fenstersturz“ 73
2.1.1 Der Udenheimer Mauersturz, oder: Was zeitgenössische Akteure und was Historiker für wichtig halten 73
2.1.2 Der Prager Fenstersturz 74
2.2 Warum weitet sich eine regionale Krise zum mitteleuropäischen Krieg aus? 78
2.2.1 Sommer 1618 bis Frühjahr 1619: Beide Seiten müssen ihren Kurs finden 78
2.2.2 Sommer 1619 – Weichenstellungen hin zum großen Krieg 81
2.2.3 Verbündete für Kaiser Ferdinand 83
2.2.4 Verbündete für Friedrich von der Pfalz? 88
2.3 Die Schlacht am Weißen Berg und ihre Folgen 96
2.3.1 Entscheidung vor Prag 96
2.3.2 Die Folgen in Böhmen 103
2.3.3 Die Folgen im Reich 106
2.4 Warum geht der Krieg weiter? 112
2.5 Der Niedersächsisch-Dänische Krieg –Konstellationen zu Kriegsbeginn 117
2.5.1 Norddeutschland rückt ins Blickfeld 117
2.5.2 Doch noch Verbündete für Friedrich von der Pfalz? 118
2.5.3 Christian IV. von Dänemark: der Mann, sein Land, seine Kriegsziele 121
2.6 Der Niedersächsisch-Dänische Krieg – zum Kriegsverlauf 126
2.7 Warum geht der Krieg weiter? 131
2.7.1 Wieder maßlose Sieger 1: politisch motivierte Urteile, Konfiskationen 131
2.7.2 Wieder maßlose Sieger 2: das Restitutionsedikt 133
2.7.3 Europäische Konstellationen ändern sich 139
2.7.4 Deutsche Warnzeichen für die siegreiche Seite 145
2.7.5 Regensburg 1630: ein Kampf um die Reichsverfassung 148
3 Wie hat man im Dreißigjährigen Krieg gelebt, gekämpft und gelitten? 155
3.1 Warum beherrscht der Söldner das Feld? 155
3.1.1 Der Ausgangspunkt: die Ritterheere des Mittelalters 155
3.1.2 Niedergang des Rittertums, Aufstieg der Infanterie 158
3.1.3 Wie bringt man massenhaft Infanterie auf? 163
3.1.4 Sozioökonomische Voraussetzungen des Söldnerwesens 165
3.2 Welche politischen und militärischen Implikationen haben Söldnerheere? 166
3.2.1 Wachsender Geldbedarf als Motor des Ausbaus
vormoderner Staatlichkeit 166
3.2.2 Die dem Söldnertum entsprechende Art der Kriegführung 167
3.3 Die Lebensweise des Söldners (sowie der Seinen) 169
3.3.1 Wer wird warum Söldner? 169
3.3.2 Das Regiment und seine Binnengliederung 171
3.3.3 Der Tross 173
3.3.4 Eine riskante Lebensform: „gartende Knechte“, „Marodeure“ und „ungeschützte Frauen“ 175
3.4 Das Allernötigste aus dem Arsenal der „Militaria“ 177
3.5 Lasten für die Zivilbevölkerung 181
3.5.1 Der Kriegsalltag: Quartiere, Kontributionen 181
3.5.2 Fast alltäglich: Plündern, Brandschatzen 182
3.5.3 „Magdeburgisieren“ 184
3.6 Höhepunkt oder Perversion des kommerziellen Söldnertums? Wallenstein als Kriegsunternehmer 187
3.6.1 Ein Krisen- und Kriegsgewinnler 187
3.6.2 Der Krieg ernährt den Krieg 191
3.6.3 Wallensteins Kriegswirtschaftssystem 196
3.6.4 Und die „Lehren der Geschichte“? 197
3.7 Wie schlimm war der Dreißigjährige Krieg? 201
3.7.1 Die ökonomischen und klimatischen Rahmenbedingungen 201
3.7.2 „Alles gar nicht so schlimm“? Der Forschungsmythos 203
3.7.3 Das Quellenproblem 205
3.7.4 Zeitgenössische Versuche, das unbeschreibliche Leid in Worte zu fassen 206
3.7.5 Zeitgenössische Verlusterfahrungen und Bewältigungsstrategien 208
4 Ereignisabfolge 2: Mitteleuropa wird zur Bühne von Großmachtrivalitäten (1630 – 1648) 215
4.1 Gustav Adolf und der Schwedische Krieg 215
4.1.1 Kleine Anfänge, große Wirkungen 215
4.1.2 Zur Massenresonanz; Flugschriften, Flugblätter 223
4.1.3 Noch einmal, jetzt exemplarisch für Mittelfranken: Wie schlimm war dieser Krieg? 226
4.1.4 Die Schlacht bei Lützen 229
4.1.5 Gustav Adolf: der Mann, sein Land, seine Kriegsziele 230
4.2 Der Schwedische Krieg nach Gustav Adolfs Tod 237
4.2.1 Axel Oxenstierna 237
4.2.2 Wallensteins Ende 241
4.2.3 Die evangelische Seite verliert auch die dritte Kriegsphase 246
4.3 Warum geht der Krieg weiter? 248
4.3.1 Der Prager „Frieden“ – was drinsteht 248
4.3.2 Warum der Prager Vertrag keinen Frieden bringt 255
4.4 Der Französisch-Schwedische Krieg – Konstellationen zu Kriegsbeginn 258
4.4.1 Das darstellerische Problem: „Verwerfungen“ 258
4.4.2 Was wir über Richelieu und über Frankreich wissen müssen 260
4.4.3 Frankreich erklärt Spanien den Krieg 267
4.4.4 Das Reich wird in den Französisch-Spanischen Krieg hineingerissen 269
4.5 Der Französisch-Schwedische Krieg – zum Kriegsverlauf 274
4.5.1 1635 – 1638: erfolgloses Frankreich, frustrierte Schwedische 274
4.5.2 Wachsender Kriegsüberdruss allenthalben 276
4.5.3 Das Ende des Spanischen Zeitalters 279
4.5.4 Stationen des Niedergangs auch der österreichischen Habsburger 281
5 Der lange Weg zum Frieden 291
5.1 Rückblicke 1: Worum wurde da dreißig Jahre lang gekämpft? 291
5.1.1 Deutungsangebote der Zeitgenossen und der Forschungsgeschichte 291
5.1.2 Der Konfessionskrieg 296
5.1.3 Das Ringen um die Reichsverfassung 298
5.1.4 Ein Indikator: die Bündniskonstellationen 303
5.2 Rückblicke 2: Warum musste dieser Krieg dreißig Jahre lang währen? 305
5.3 Die Vorgeschichte der westfälischen Kongresse 310
5.3.1 Zu den Wurzeln 310
5.3.2 Die Idee der „pax universalis“ 313
5.3.3 Der Admissionsstreit 315
5.4 Was wir über die westfälischen Kongresse wissen müssen 320
5.4.1 Das „Wer?“, das „Wie?“, was steht im Lastenheft? 320
5.4.2 Zum Verlauf: einige Schlüsseldaten 325
5.5 Was wir über die westfälischen Friedensschlüsse wissen müssen 327
5.5.1 „Beyond Westphalia“? Der Mythos 1648 327
5.5.2 Die Kompetenzverteilung im Reichsverband wird wieder einmal austariert 333
5.5.3 Der Zweite Religionsfrieden 342
5.5.4 Was noch für Mitteleuropa von Bedeutung war 351
5.6 Das Ende des Achtzigjährigen Krieges 354
5.7 Nachspiel in Nürnberg 360
Karten 363
Zeittafel 367
Kommentiertes Quellen- und Literaturverzeichnis 369
Die wichtigsten Quellensammlungen zur „großen Politik“ 369
Mentalitätsgeschichtlich besonders aufschlussreiche Editionen 369
Besonders lesenswerte Gesamtdarstellungen 370
Besonders wichtige Aufsatzsammlungen 371
Militaria im engeren Sinne 371
Mentalitäts- und ideengeschichtliche Zugriffe 371
Einzelnachweise 372
Abbildungsnachweis 377
Personenregister 379
Orts- und Sachregister 383


1     Der lange Weg in den Krieg


1.1     Seit 1555 – der Reichsverband überwölbt zwei Konfessionen


Was wir als „Dreißigjährigen Krieg“ kennen, nannten die Zeitgenossen seit 1648 manchmal auch so. Vor allem aber sprachen die Miterlebenden vom „Teutschen Krieg“. Das reflektiert, dass dieser Krieg hauptsächlich in Mitteleuropa ausgefochten wurde, unter dem Dach des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (dieses Studienbuch spricht im Folgenden kürzer vom „Alten Reich“ – „alt“ ist es im Vergleich mit dem Kaiserreich seit 1871 und einem weiteren Reich seit 1933, das tausendjährig werden wollte).

Also, zunächst und für längere Zeit handelte es sich um einen „teutschen“ Krieg. Von den Hauptkriegsschauplätzen her betrachtet blieb das (weitgehend) bis zum Schluss so. Nehmen wir die Hauptakteure ins Visier, ändert sich das Bild: Denn nacheinander werden verschiedene auswärtige Herrscher die Bühne des deutschen Kriegstheaters betreten. Natürlich trägt dieses Büchlein der Ausweitung des Kriegsgeschehens Rechnung – aber alles zu seiner Zeit! Was wir über außerdeutsche Kriegsschauplätze (beispielsweise Teile Oberitaliens) und insbesondere außerdeutsche Kriegsteilnehmer (Dänemark, Schweden, Frankreich) wissen müssen, wird ausgebreitet und analysiert, wenn diese Schauplätze und Akteure fürs Kriegsgeschehen wichtig werden. Der sukzessiven Internationalisierung des Krieges korrespondierend, weitet sich also sukzessive der Fokus dieses Büchleins. Es beginnt mit einer Analyse des Zustands des Alten Reiches. Die Kriegsursachen nämlich müssen wir dort suchen.

Die rechtliche Basis: der Erste Religionsfrieden von 1555

Wer verstehen will, warum der Reichsverband im frühen 17. Jahrhundert kaum mehr steuerbar war, muss weit ins 16. Jahrhundert zurückgehen. So, wie dem großen, dem dreißigjährigen deutschen Konfessionskrieg 1648 ein Zweiter Religionsfrieden auf dem Fuße [<<13] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe  folgen wird, antwortete 1555 auf eine unruhige Dekade voller konfessionell aufgeladener Querelen, Scharmützel und kurzlebiger Kriege der Religionsfrieden von Augsburg. Der komplexe Text ist modernen Lesern nur schwer zugänglich; einige seiner tückischen Ausnahme- und Sonderregelungen werden aber noch zur Sprache kommen müssen. Einfach hingegen das regulative Grundprinzip: Wird der Zweite Religionsfrieden von 1648 die konfessionellen Besitzstände an ein Stichdatum binden, stellte der Erste, der von Augsburg, auf die freie Entscheidung des Landesherrn ab. Die regionale Obrigkeit – ob Kurfürst, Fürst oder Graf, in Reichsstädten der Stadtrat – konnte zwischen zwei Konfessionen wählen und diese Glaubenswahl ihrem Territorium verbindlich vorschreiben.

Die zulässigen Optionen: Katholizismus und „augspurgische confession“

Bei den beiden reichsrechtlich zulässigen Konfessionen handelte es sich, modern gesprochen, um Katholizismus und Luthertum. Anders die Terminologie des Augsburger Religionsfriedens: er kennt die „alte religion“ und die „augspurgische confession“. „Konfession“ (lat. confessio = Bekenntnis): das meint ein spezifisches „Glaubensbekenntnis“; aber warum ist dieses „augspurgisch“? Am Augsburger Reichstag von 1530 hatten die Anhänger Luthers dem Kaiser eine schriftliche Zusammenfassung ihrer religiösen Anschauungen, die deshalb sogenannte Confessio Augustana („Augsburger Bekenntnis“) überreicht. „Alte religion“, „augspurgische confession“ – dass bald danach ein drittes Bekenntnis, der Calvinismus, ins Reich einsickern würde, hat man 1555 nicht vorhergesehen; ob auch die Anhänger Calvins vom Religionsfrieden geschützt seien, gehört denn auch zu den vielen Streitfragen, die seit den 1580er-Jahren die Atmosphäre im Reich erneut vergiften werden. Zunächst aber: zwei reichsrechtlich zulässige konfessionelle Optionen; im Norden und Osten optierten fast alle Obrigkeiten für jene Confessio Augustana, die in ihren Territorien längst maßgeblich war, im Westen und im Süden des Reiches gab es hingegen weiterhin viele katholische Territorien.

Ius reformandi der Obrigkeit

Der Wille der Obrigkeit gab also den Ausschlag. Im akademischen Lehrbetrieb machte man das später als „Ius reformandi“ der Landesobrigkeit griffig, und es kam diese Merkformel auf: „cuius regio, eius religio“. Herr Hinz und Frau Kunz pflegten es sich deutsch zusammenzureimen: „Wo ich leb, so ich bet“. Wo die Herrschaftstopografie kleinräumig und verwinkelt war, war es fortan auch die Konfession [<<14] slandkarte. Hier galt häufig genug schon hinter dem nächsten Bergrücken die andere einzig wahre Glaubensformel, das anders formulierte exklusive Heilsversprechen. Im Jahr 1997 berichtete eine fränkische Tageszeitung über das bei Wolframs-Eschenbach liegende 60-Seelen-Dörfchen Adelmannsdorf, das ein Bach durchschneidet: „Die Häuser davor sind ausnahmslos katholisch, die dahinter evangelisch … Ein Kind springt leicht über diesen Bach – für Hochzeiter ist er nach Jahrhunderten noch zu breit.“ Noch nie habe „jemand aus der einen Hälfte des Dorfes in die andere geheiratet“. Das liegt natürlich nicht an magischen Wirkkräften des dahinrinnenden Wassers, wir sehen Spätfolgen der vormodernen Herrschaftstopografie – der einen Dorfhälfte prägte einst der Deutsche Orden den Glauben auf, für die andere war die evangelische Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach maßgeblich.

Ein politisches System – zwei Wege zum Seelenheil

In der Mitte des Kontinents war die Glaubensentscheidung (nach vormodernem Verständnis ein wichtiges Attribut von Staatlichkeit) seit 1555 definitiv gleichsam eine Ebene tiefer angesiedelt als in den werdenden Nationalstaaten der Iberischen Halbinsel, West- und Nordeuropas. Das Alte Reich, der Dachverband über den zahlreichen mitteleuropäischen Territorien, hatte dauerhaft zwei divergierende Wege zum Seelenheil, zwei exklusive, einander erbittert bekämpfende Wahrheitsmonopole zu integrieren, politisch zu überwölben. Ein politisches System, zwei Wege zum Seelenheil – das war im europäischen Maßstab eine avantgardistische Leistung. Der Augsburger Religionsfrieden ist überhaupt in vielen Hinsichten wegweisend, er gehört sogar in eine Archäologie der Grund- und Menschenrechte. Aber wenn man vom Dreißigjährigen Krieg aus auf ihn zurückblickt, muss man die negativen Seiten hervorkehren.

Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 eilte seiner Zeit zu weit voraus. Es kann faszinieren, den Akten abzulesen, wie sich das vom doppelten Wahrheitsmonopol bedrohte Reich 1555 auf den säkularen Boden eines politischen Friedens rettete. Aber nach gut einer Generation pochte das Wahrheitsproblem kraftvoller denn je wieder an die Türe. Eine Generation lang schien der Gedanke, den Wahrheitsdissens rechtlich zu neutralisieren und politisch zu überwölben, das Reich tatsächlich zu befrieden, aber seit den 1580er-Jahren wurde dann ziemlich rasch ziemlich vieles schlechter. [<<15]

1.2     Seit 1580 – die konfessionelle Polarisierung des Reichsverbands


1.2.1     Die interkonfessionellen Beziehungen verschlechtern sich wieder


Warum litt denn das Reich unter Kaiser Rudolf II. (1576–1612) erneut, wie schon vor 1555, unter erheblichen interkonfessionellen Spannungen? Zunächst einmal wegen Rudolf, genauer: seiner mangelnden Präsenz in der Reichspolitik. Rudolf war nicht dumm (wiewohl er uns aus den – künstlerisch durchaus hochstehenden – Porträts ja oft etwas tumb anstarrt). Aber er besaß nicht die Psyche eines Entscheiders.

Rudolf II., ein kaum noch regierungsfähiger Kaiser

Die Mitakteure beklagten Rudolfs „melancholia“. Wir meinen, bei diesem Ausdruck in etwa Bescheid zu wissen, sind versucht, ihn mit depressiver Verstimmung und Antriebsarmut zu übersetzen. Frühneuzeitliche Akten nennen aber unterschiedslos alles, was wir heute als psychische Störung bezeichnen würden, vom harmlosen Tick über die Neurose bis hin zur Psychose, „melancholia“. Wenn man Rudolf ein wenig kennt (genauer: sein Handeln, soweit es sich in den Akten widerspiegelt), wird man, eher als auf melancholische Apathie, auf eine agitiert-depressive Krankheit schließen. Ober gar auf eine Geisteskrankheit, war er schizophren? Seine Tobsuchtsanfälle waren berüchtigt; offenkundig wähnte er sich zeitweise verhext – hat er im Zuge schizophrener Schübe Stimmen gehört? Oder war er einfach nur ein verschrobener, menschenscheuer Sonderling? Wir kommen als Historiker mit unseren Methoden auf diesem Gebiet nicht weit. Jedenfalls neigte Rudolf im Lauf der Jahre zu immer abenteuerlicheren Fluchten aus der Wirklichkeit. Ein Moderator mit Charisma und Autorität ist er dem Reich nicht gewesen.

Ein folgenreicher Generationswechsel

Dieses Manko kam sozusagen verschlimmernd hinzu. Wozu? Wir können angesichts des Forschungsstands (die Reichspolitik der Jahrzehnte um 1600 ist viel weniger untersucht als, beispielsweise, die der Reformationszeit) nur spekulieren. War es nicht auch eine Generationenfrage? Es starben jene...


Gotthard, Axel
Prof. Dr. Axel Gotthard lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Prof. Dr. Axel Gotthard lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Erlangen-Nürnberg.



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