Gottwald | Falkenflug | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Gottwald Falkenflug

Oberbayern-Krimi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-475-54399-9
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Oberbayern-Krimi

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-475-54399-9
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alles fängt ganz harmlos an: Kommissar Melchior, der gerade eine Scheidung hinter sich hat und sein Leben neu ordnen will, wird zu einem Verkehrsunfall gerufen. Der Fahrer, ein Deutscher libanesischer Herkunft ist tot. Die Beifahrerin scheinbar schwer verletzt. Am Unfallort taucht Dr. Goldberg auf, ein Privatdetektiv, der behauptet, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um Mord handelt. Tatsächlich ist die junge Frau Mitglied einer Sondereinheit des israelischen Geheimdienstes, deren Aufgabe die Bekämpfung des Terrors ist. Als herauskommt, dass der Tote an einem geheimen Serum geforscht hat, gerät Melchior in ein Netz aus Lügen, Intrigen und der Gier nach Geld.

Rainer Gottwald wurde 1956 in Oberammergau geboren. Er hat ein Lehramtsstudium absolviert, fühlte aber stets auch seine Berufung zu künstlerischer Betätigung. Seit 1990 widmet er sich verstärkt dem Schreiben und seinen Reisen rund um die Welt.
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3.


Melchior und Schweingruber trafen um 10:53 Uhr an der Unfallstelle ein. Man könnte sagen, dass Melchior dann doch mit einer gewissen Gereiztheit zu Gange war. Denn ein Beamter der Kripo, der eigentlich dienstfrei hatte, geht nur ungern irgendwelchen vagen Hinweisen nach, die irgendein Privatmann irgendwo entdeckt haben will. Aber es bestand ja immerhin die Möglichkeit – na, Melchior würde es erfahren – viel mehr, als ihm lieb war!

Die Unfallstelle war von den Kollegen bereits gesichert. Der spärliche Verkehr wurde an dem Unfallwagen vorbeigeleitet. Der Wagen selbst bot ein ziemlich trauriges Bild: zusammengefaltet und nur noch den Kilopreis wert. Der Notarzt war vor ein paar Minuten mit der Leichtverletzten abgefahren. Er war Melchior und Schweingruber entgegengekommen. Die Leiche des anderen lag unter einem Tuch neben dem Unfallauto. Doktor Gerstner, der normalerweise immer schon vor Melchior am Fundort war, ließ heute mal auf sich warten. Merkwürdig!

Von dem Lastwagen, der in gewisser Weise der Grund für den Unfall gewesen war, fehlte jede Spur. Sehr merkwürdig!

Schweingruber parkte den Wagen auf der rechten Fahrbahnseite. Hier konnte er kaum stören. Die beiden Männer stiegen aus und grüßten kurz die Kollegen. Direkte Zeugen des Geschehens gäbe es außer dem einen nicht, wie die Kollegen bestätigten. Sie wirkten etwas ungehalten wegen des Aufwandes, der hier betrieben wurde. Zwei Kommissare wegen eines Unfalls.

Melchior zuckte nur mit den Achseln und verwies auf die Dienstanweisung Paragraf soundso. Er warf einen kurzen Blick unter das Tuch: Der Mann war offensichtlich tot. Genauer wollte er gar nicht hinschauen.

Etwas abseits vom Geschehen stand ein Mann in Polohemd und Bermudashorts – offensichtlich ein weiterer äußerst modebewusster Mensch – und rauchte eine Zigarette – was Melchior spontan an etwas erinnerte. Er hatte das ganze Jahr noch nicht geraucht! Die Kollegen deuteten bei Melchiors fragendem Blick auf diesen Mann.

Der Kerl hieß also Goldberg. Robert Goldberg.

»Einzigartig. Ohne Variationen«, erklärte er grinsend, um auf Melchiors fragenden Blick hinzuzusetzen: »Die Goldberg-Variationen … Johann Sebastian Bach. Sie verstehen nichts von klassischer Musik, oder?«

Nein, verstand Melchior nicht und den Witz auch nicht.

Goldberg war groß, etwa 1,85, ein wenig älter als Melchior, so um die fünfundvierzig, etwas schwerfällig um die Hüften, aber früher mal muskulös. Die mittellangen blonden Haare zeigten die ersten Spuren von Grau. Aus dem runden, offenen, glatt rasierten und nur wenig gebräunten Gesicht blickten zwei klare, helle, wache Augen, die sich, wenn er zuhörte, immer leicht verengten, als wolle er damit sagen: Na, was erzählst denn du jetzt wieder für einen Quatsch? Prinzipiell war er Melchior auf den ersten Blick nicht unsympathisch, aber eben jemand, der hier, heute und jetzt den Zusammenbau seines Küchenkastens vermutlich für nichts und wieder nichts ruinierte.

Er gab Melchior seine Personalien, seinen Ausweis und seine Zulassung als Privatdetektiv – na ja, jeder muss schließlich wissen, wovon er lebt – und begann ohne Umschweife zu erzählen – in einer seltsamen Mischung aus geschliffener Ausdrucksweise, fast Amtsdeutsch, und ausgiebig schnoddrigen Einfügungen.

»Ich fuhr etwa gegen 10 Uhr von Großkarolinenfeld Richtung Westerndorf. Die Straße war frei. Plötzlich schoss vor mir aus einer Einfahrt – einem Waldweg – ein silberner Opel Omega heraus … äh, dabei handelt es sich natürlich um das Stück Wellblech da … Ich übertreibe nicht. Der Wagen, obwohl er aus einem ungeteerten Weg kam, war so schnell, dass er sogar kurz quer stand, was allerdings auch an dem Kies liegen konnte, der auf der Straßenbegrenzung lag. Geschätzte Geschwindigkeit beim Austritt: 60, vielleicht sogar 70 Stundenkilometer. Gefahr für mich bestand nicht, da ich noch genügend Abstand hatte und meine Geschwindigkeit relativ gering war. Ich musste jedoch abbremsen, um nicht aufzufahren, bis der Omega sein Tempo erhöht hatte. Ich tat das, was ein deutscher Autofahrer in so einer Situation nun mal macht: Nachdem klar war, dass ich mich nicht in unmittelbarer Gefahr befand, drückte ich Hupe und Lichthupe gemeinsam und drohte dem anderen – der anderen, wie ich an den langen schwarzen Haaren erkennen konnte – mit der Faust. Es war ein sinnloses Gebaren, aber es tut nun mal gut! Reaktion der gegnerischen Partei gleich null. Natürlich!

Ich folgte also dem Omega, bis wir zu der Eisenbahnunterführung kamen. Ich reduzierte meine Geschwindigkeit und registrierte die Tatsache, dass erstens ein Lastwagen in Gegenrichtung durch die Unterführung fahren wollte und zweitens an dem Omega keinerlei Bremslichter zu sehen waren. Eine eiligst durchgeführte Hochrechnung ergab eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Crash. Der Omega bremste auch weiterhin nicht, wich aber nach rechts aus. Damit entfiel die Möglichkeit eines Frontalaufpralls auf den Lastwagen, der mittlerweile langsam durch die Unterführung kroch. Der Omega peilte ungebremst, geschätzte Geschwindigkeit annähernd 70, die steinerne Brückenumrandung an. Alternativen gibt es ja sonst keine. Um es kurz zu machen: Der Aufprall war heftig. Ich habe noch nie live und vom Logenplatz aus mit angesehen, wie sehr sich ein Auto in seinem Aussehen innerhalb weniger Zehntelsekunden verformen kann. Ich bremste und hielt an. Mein Mitgefühl für die Fahrerin des Omega hielt sich in Grenzen …«

Melchior unterbrach ihn an dieser Stelle. Er hatte dem anderen bis dahin immer interessierter zugehört, aber jetzt hielt er es doch für nötig, auch mal eine Zwischenfrage zu stellen.

»Keine Bremslichter, sagten Sie? Sicher?«

»Total sicher. – Ich stieg aus. Der LKW hatte ebenfalls gehalten, stand aber noch halb in der Unterführung, die damit blockiert war. Ich sah zum Fahrersitz hinauf. Der Fahrer hatte sein Handy in der Hand und telefonierte. Mit der Polizei, wie ich vermutete. Ich begab mich zu dem Wellblech. Der Fahrerin konnte normal nicht viel passiert sein. Ich hatte den Airbag in der Sekunde des Aufpralls gesehen. Ich bin kein Verkehrsexperte, aber Gurt und Airbag, das müsste eigentlich reichen, um heil aus der Sache raus zu kommen.

Etwas Benzin lief aus. Ich verzichtete daher auf das Anzünden einer Zigarette. Explosionsgefahr bestand ja sowieso nicht, alles nur ein Märchen der Filmproduzenten!

Wie gesagt, ich rechnete nicht mit Blut, heraushängenden Gedärmen oder offenen Knochenbrüchen, als ich mich zur Fahrertüre hinabbeugte. Und der Lenkerin des Omega war auch nichts davon passiert.

Dummerweise gab es da noch den Beifahrer. Ich hatte bis zu diesem Moment – seltsam, wie ich sofort fand – nichts von ihm gesehen oder geahnt. Und dieser Beifahrer hatte weder Gurt noch Airbag gehabt, warum auch immer – das müssten Ihre Techniker klären! Mein erster Eindruck war, dass ihm keiner mehr helfen konnte, es war auch kein sonderlich schöner Anblick, also kümmerte ich mich nach Überwindung einer Schrecksekunde zunächst um die Frau, die – sorry, das ist jetzt unpassend, aber der Vollständigkeit halber – bemerkenswert gut aussah: lange, schwarze Haare, nicht westeuropäisch, eher slawisches Gesicht. Trägerloses Kleid oder Shirt. Ich sah nur die Schultern unter dem Airbag. Sie atmete. Das Fenster war unten. Ich sagte irgendetwas wie: ›Hallo‹ und ›Können Sie mich hören?‹ oder so ähnlich. Sie antwortete nicht. Ich griff hinein und gab ihr einen leichten Klaps auf die Backe. Keine Reaktion. Komplett weggetreten. Aber sie atmete. War wohl besser, auf den Notarzt zu warten, dachte ich mir.

Ich ging um das Wrack herum. Kein schöner Anblick, das Auto wie auch der Beifahrer, eindeutig ein Araber, jedenfalls ein ehemaliger Araber! Der war hinüber, kein Zweifel. Er klebte mit dem Kopf voraus an der Windschutzscheibe. Das Genick war vermutlich gebrochen, so wie der Kopf nach hinten gebogen war. Er hatte eine tiefe Wunde an der Stirn, vermutlich vom Aufprall … oder auch nicht! Und jetzt wird es interessant: Ich verwette meine Zulassung als privater Ermittler, dass da etwas nicht stimmt. Sehen Sie …«

Goldberg deutete auf die Windschutzscheibe.

»Praktisch kein Blut an der Windschutzscheibe. Im Gesicht des Toten genug, mehr als genug übrigens, außerdem reichlich getrocknet! Aber wenn so viel Blut in seinem Gesicht ist, wieso ist dann nichts davon an der Scheibe? Leuchtet ein, nicht wahr? Ich wollte gerade versuchen, die Tür zu öffnen, da sah ich an ihrer Unterkante – außen wohlgemerkt – einen deutlichen Blutfleck. Schauen Sie sich das an – hier. Ich wischte mit dem Finger darüber. Sie können meine Spur sehen. Etwas angetrocknet, relativ frisch, ließ sich noch verschmieren. Wie, zum Henker, kommt bei geschlossener Tür – und auch das Fenster war vor dem Aufprall dicht – Blut an die Außenseite des Wagens? Das frage ich Sie!«

Melchior musste zugeben, dass er sich die Blutflecken an der Tür des Unfallautos...



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