E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Goubran Der gelernte Österreicher
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-99100-096-9
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Idiotikon
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-99100-096-9
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alfred Goubran lebt in Wien. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: Ort, Erzählungen, Wien 2010; AUS., Roman, Wien 2010; Kleine Landeskunde, Essai, Wien 2011.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der neue Österreicher
In Zeiten des Kollektivs kann Identitätslosigkeit dem Einzelnen durchaus zum Vorteil gereichen – die Schlußfolgerung, daß sie den zu einem besonders einfühlsamen Menschen macht, blieb aber dem Einfallsreichtum des österreichischen Autors und Burgtheaterdirektors Anton Wildgans (1881–1932) vorbehalten, der 1929 in seiner 1 schrieb:
Diese Rede ist in mancherlei Hinsicht bemerkenswert. Unheimlich ist der drohende Unterton; beinahe hat man, aus heutiger Sicht, den Eindruck, daß Wildgans um das Kommende zu wissen schien: Es ist in seinen Worten anwesend, Herrenmensch, Führervolk, Führerschaft, die auf brutaler Gewalt gründet, sodaß man sagen kann: Die Gefahr ist benannt, und doch flüchtet er sich in die Überzeugung und in den Glauben „seines“ Jahrhunderts, das ein Jahrhundert der Bürgerlichkeit war, das Humanismus mit Menschlichkeit verwechselte und durch falsche Heilserwartungen und falsche Gegnerschaft der Industrialisierung und Vernutzung der Welt, wie sie heute unser Leben bestimmt, den Weg bereitete. Die Dummheit des Bürgers wird nur noch von seiner Anmaßung übertroffen. So ist es nur konsequent, wenn er wenig später, in geheuchelter Bescheidenheit, zum „kleinen Mann“ mutiert, auszieht, um sich die Welt zu unterwerfen, ein letztes Mal in Uniform, die er eigentlich nicht nötig hat. Darunter verbergen sich dasselbe Denken, dieselbe Dummheit und dieselbe Anmaßung, die auch heute noch an unseren Schulen und Universitäten gelehrt werden: Der Glaube, sich mit den Mitteln der Wissenschaft und der Technik die Welt unterwerfen zu können – unter Ausschluß und Leugnung jedes übergeordneten geistigen Prinzips. Dieser Glaube schließt die Unverwechselbarkeit in jeder möglichen Erscheinungsform aus. Das Ziel – und die letzte Konsequenz – ist die „Nachschöpfung“ der Welt. Sie soll durch Verbesserung und Optimierung des Vorhandenen erreicht werden. Das heißt: Was vorgefunden wird, wird auseinandergenommen, analysiert und unter Weglassung der „unerwünschten Bestandteile“ wieder nachgebaut (kopiert), um dann das Vorgefundene zu ersetzen.
Ersetzt werden soll auch das Schöpferische. Und der schöpferische Mensch. Er ist der eigentliche Antagonist des Bildungsbürgers, der zu jedem schöpferischen Akt unfähig ist. Warum muß er ewig an dem Vorhandenen herumpfuschen und herumexperimentieren? Warum wird ihm alles Lebendige zum Warum kann er nicht selbst etwas in die Welt setzen, etwas Noch-nie-Dagewesenes, das kein Hybrid und keine Chimäre ist? – Eben. Und aus dieser Unfähigkeit heraus muß er zwangsläufig an „die Entwicklung“ glauben. Der schöpferische Akt aber, wie jeder schöpferische Mensch weiß, kennt keine Entwicklung. Nur ein Davor und ein Danach. Das gilt auch für den „eigenen Gedanken“.
Hier in Österreich wie überall.
Nein, Psychologie ist nicht alles, wie Wildgans verzweifelt ausruft – und wo es doch der Fall ist, etwa in der Werbung, wird sie nicht zum Wohl des Menschen eingesetzt. Wildgans setzt die Psychologie an die Stelle des Guten im Menschen, an das er als Menschenfreund und Bildungsbürger glaubt. Hätte er statt dessen von Mehlspeisen oder von Liebe gesprochen und den Österreicher als Österreicher ausgerufen, dessen Liebesfähigkeit sich aus der Verehrung des Kaiserhauses und da insbesondere der Kaiserin Elisabeth herleite, hätte er zumindest Humor bewiesen. Doch die Zeiten waren ernst und das Sendungsbewußtsein ungebrochen. Also fährt er fort:
Einfühlungsgabe kann sich auch als zeigen. Zweierlei habe der Österreicher gelernt, sagt Wildgans: „Psychologie und das Dienen an der Idee!“ Acht Jahre später, bei den Novemberpogromen, bewies der Österreicher, wozu er fähig war. Sein Einfühlungsvermögen, sein „Hineindenken“ in die Ordres der neuen Herren und die Art der Umsetzung übertrafen alle Erwartungen. Die Übergriffe gegen die jüdische Bevölkerung nahmen solche Ausmaße an und waren von einer Unmenschlichkeit geprägt, daß man sich selbst im darüber entsetzte. So mag es beim Österreicher vielleicht nicht zum Tat- und Herrenmenschen gereicht haben, zum willigen Handlanger allemal. Und der Vorzug, kein Tatmensch gewesen zu sein, erinnert sich dem Österreicher spätestens dann, wenn er für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen wird.
Wer dem falschen Herrn dient, soll mit ihm zugrunde gehen.
Der Österreicher, wie er sich damals offenbarte, war kein Diener. Er war ein Knecht.
Wildgans’ Irrtum liegt in seiner Auffassung von Identität begründet: Er setzt mit gleich. Das ist gewissermaßen ein Rechenfehler, und wer auf diese Weise Identität zu erhalten versucht, sich nur verrechnen.
Das Bedrohliche an dieser Rede rührt auch daher, daß der Österreicher, den Anton Wildgans propagiert und dem er alle möglichen Eigenschaften andichtet, . Wildgans’ Österreicher ist eine Behauptung, was verwundert, denn der Zusammenbruch des Vielvölkerstaates lag damals schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Man könnte meinen, der Österreicher hätte Zeit und Gelegenheit genug gehabt, sich , in seiner Eigenheit, in seinen, wenn es denn sein muß, . Offensichtlich gibt es einen Grund, warum Österreicher, , verschwiegen wird. Er ist inexistent in Wildgans’ Rede, obwohl es ihn unzweifelhaft gegeben haben muß. Wo ist Österreicher, der wenige Jahre später an die Macht kommt? – Wo ist Österreicher, wo , wo sind , wo ist , wo sind Was, denkt man, ...




