E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Goubran Durch die Zeit in meinem Zimmer
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99200-105-7
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 196 Seiten
ISBN: 978-3-99200-105-7
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alfred Goubran lebt in Wien. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: Ort, Erzählungen, Wien 2010; AUS., Roman, Wien 2010; Kleine Landeskunde, Essai, Wien 2011; Der gelernte Österreicher, Idiotikon, Wien 2013. Seit 2010 betreibt er das Musikprojekt [goubran]. Im April 2014 erstes Album 'Die Glut'.
Autoren/Hrsg.
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I.
Schnee ist das Blut der Geister.
Februar. Herbst des Winters. Die Tage werden länger, aber er nimmt es kaum wahr.
Er ist an die Dunkelheit gewöhnt, die Nächte, die Schatten, das fahle Licht zwischen den Dämmerungen, den bleifarbenen Himmel am Morgen, wenn er aus der Stadt in sein Zimmer zurückkehrt. Vorstadt. Die innere Stadt endet an den Geleisen. Da entschied es sich jedesmal, ob er die Unterführung nahm oder, wenn noch Geld übrig war, den Schienen zum Bahnhof folgte, um in der Kantine zu frühstücken. Wann immer ich ihm auf diesem Weg folge, sehe ich über den Geleisen die Sonne aufgehen. Mangofarbene Schleier mischen sich in den Dunst der Stadt. Darunter die Waggons. Die überdachten Pontons der Bahnsteige. Die Uhren. Rufe im Nebel. Die Bremser, die Weichensteller, die Streckengeher. Ich kenne sie alle. Ich habe einen Sommer lang dort gelebt. Die Arbeiter haben uns geduldet. Wurde es hell, mußten wir den Bahnhof verlassen. Dann haben wir unsere Schlafsäcke zusammengerollt und sind zum Fluß hinuntergegangen, um bei Miros zu frühstücken. Miros der Zigeuner – zumindest behauptete er von sich, einer zu sein – reparierte alte Autos, Kühlschränke, Radios. Manchmal gab es für ihn auch Arbeit in der Stadt, Malerarbeiten, Umzüge, Gelegenheitsjobs. Wer wenig Geld hatte und sich keinen Handwerker leisten konnte, rief Miros an. Das Haus hatte er von Jacky gepachtet, der auf dem Grundstück in einem ehemaligen Werkzeugschuppen wohnte. Jacky war ein Krüppel, Alkoholiker und Psychopath. Von seinen Beinen waren nur noch zwei etwa zehn Zentimeter lange Stümpfe übrig. Es hieß, er hätte sich vor einen Zug geworfen, aber keiner wußte es genau und niemand wollte ihn fragen. Wer Jacky kannte, gab darauf acht, außerhalb der Reichweite seiner Arme zu bleiben, egal wie harmlos das Gespräch war. Durchaus glaubwürdig war auch die Geschichte, daß er zwei Zeugen Jehovas, die sich auf sein Grundstück verirrt hatten, aus dem Rollstuhl angesprungen, verprügelt und einen von ihnen so lange gewürgt hatte, bis dieser das Bewußtsein verlor. Selbst Miros Kinder hielten sich von ihm fern. Die kleinste Regung von Mitleid ihm gegenüber war lebensgefährlich. Der einzige Mensch, den er an sich heranließ, war Miros Frau. Sie ging zu ihm in den Schuppen, räumte auf, sah nach ihm. „Er hat Schmerzen“, sagte sie. Manchmal fand sie ihn in der Früh vor dem Werkzeugschuppen auf dem Boden liegen. Dann hatte er wieder „getanzt“. War er betrunken genug, wuchtete er sich aus dem Rollstuhl, turnte auf den Händen über den Erdboden, rollte und hüpfte fluchend und schimpfend über das Grundstück und attackierte jeden, der sich ihm näherte. Und wenn es schlimm kam, erklomm er das Flachdach des Schuppens, schrie und brüllte, bis er keine Stimme mehr hatte oder vor Erschöpfung einschlief. Er weigerte sich auch am nächsten Tag, wieder herunterzukommen, und Miros Frau mußte ihn dann auf dem Dach mit dem Notwendigsten versorgen. Das dauerte aber nie länger als zwei Tage.
Jacky war so unberechenbar, daß sie ihn im Krankenhaus nicht mehr behandeln wollten. Auch die Polizei ließ ihn in Ruhe. Soviel ich weiß, leben Miro und seine Familie nicht mehr dort. Keine Ahnung, wer jetzt auf ihn achtgibt. Vielleicht niemand. Aber solche Orte, die es überall gibt, ziehen immer Menschen an, Menschen im Übergang, die an den Rändern und im Ungesicherten leben – ganze Dörfer habe ich so entstehen sehen. Im Süden, während der Sommermonate, treffen sich die Vagabunden, ohne sich vorher abgesprochen zu haben, in irgendeiner namenlosen Bucht, kommen mit ihren Rucksäcken und ausgebauten Lastwagen an. Manche schlafen im Auto, Zelte werden aufgestellt, Toiletten, Koch- und Wasserstellen improvisiert. Ehe man sie vertreiben kann, sind sie schon wieder verschwunden und in alle Windrichtungen verstreut. Zeitzonen sind es, an den Rändern der zivilisierten Welt, die so entstehen. Sie beherbergen jene, die noch nicht ganz aus der Welt gefallen sind. – Den Kaputten, Enttäuschten, Abgeräumten aber sind andere Orte vorbehalten. Wir sind ihnen immer aus dem Weg gegangen. Auch den Volksküchen und Armensuppen, den Obdachlosenheimen und Kleider ausgabestellen, den Arbeits- und Sozialämtern. Schon möglich, daß wir sie einmal in Anspruch nehmen werden müssen. „Zu Grunde gehen“ kann man aus jeder Lebenssituation heraus.
Das andere nicht.
Damals dachte ich, ich könnte ihn gehen lassen. Den Schulabbrecher und Taugenichts. Oder ihn irgendwo hinführen, von wo er nicht mehr alleine zurückfand. Es mußte ja kein schlimmer Ort sein, vielleicht ein Ort, wo es ihm besser ging. Irgendwo im Süden. Marokko schlug ich vor. Und es schien ihm zu gefallen. Er hatte noch nichts gesehen von der Welt. War aus dieser Kleinstadt nie hinausgekommen. Eine Kindheit in einem Vorstadthaus mit Garten. Die Eltern immerzu beschäftigt, war er meist sich selbst überlassen. Die Schule langweilte ihn. Er nahm die Lehrer kaum wahr. Die Erwachsenen, die Eltern und Großeltern, der Priester, die Kindergärtnerin – sie waren nicht mehr als Statisten in seinem Kinderleben. Er las gern, erkundete die Umgebung mit dem Rad, liebte die Filme, die während der Ferien im Nachmittagsprogramm gezeigt wurden. Dann zog er die Vorhänge zu, saß allein in dem dunklen, kühlen Zimmer. Mit zwölf begann er an den Wochenenden ins Kino zu gehen, ohne daß seine Eltern davon wußten. Geld fand sich immer irgendwo im Haus. Die Freunde, mit denen er die Zeit verbrachte, blieben so unwirklich wie die Erwachsenen, kleine Kollegen, Schicksalsgenossen, neben denen er in der Schule saß, zum Schwimmen ging oder zum Fußballspielen. Er nahm sie nie mit ins Kino. Oder zu seinen Ausflügen. Was verboten war, unternahm er allein. Das änderte sich erst später, als er auf Gleichgesinnte traf. Der erste Erwachsene, der ihn wirklich erreichte, war sein Mathematiklehrer und Klassenvorstand, der ihn am Gang wegen irgendwelcher Schwierigkeiten zur Rede stellte. Genaugenommen war es nur ein Satz, eine Frage, die zu ihm durchdrang, und seine Antwort war, daß er von einem Tag zum nächsten mit der Schule aufhörte. Er lebte damals schon seit einem halben Jahr in einem kleinen Zimmer, das sein Vater irgendwann „als Investition“ gekauft hatte. Im übrigen kümmerte es seine Eltern nicht, daß er die Schule abgebrochen hatte. Sie hörten sich seine Erklärungen ruhig an, die nicht mehr als Ausreden waren, nickten zu seinen Plänen, die er vor ihnen ausbreitete, und fanden es „im großen und ganzen“ sehr vernünftig, daß er sich selbständig machen wollte.
„Ich kann in der Schule nichts mehr lernen“, hatte er gesagt. Der Satz blieb an ihm haften und erinnerte sich ihm von Zeit zu Zeit. Es war einer dieser Erwachsenensätze, die besser klangen, wenn man sie vor anderen aussprach. Er hatte keine Vorstellungen davon, wie sein Leben weitergehen sollte. Sprach ihn jemand darauf an, ließ er sich reden. Fabulierte drauf los. Wie bei den Prüfungen in der Schule, für die er sich nicht vorbereitet hatte. Nur, daß es jetzt egal war. Was er sagte, blieb folgenlos. Es hatte keine Bedeutung, solange er nichts von den anderen wollte. Und die anderen nichts von ihm. Keiner, dachte er sich, will im Grunde etwas vom anderen wissen. Das ist natürlich. Jeder wächst für sich …
Soweit es ihn betraf, wuchs er in ein Leben ohne Verpflichtungen hinaus, regellos, ohne feste Bindungen; ein Leben, das sich in den Begegnungen erschöpfte, die zufällig blieben, ein Leben, das ihn den Tagmenschen entfremdete, ihrer Routine und den Geschäften, für die er kein Verständnis aufbrachte. Denn was waren ihre Leben anderes als ein Geschäft. Und die Währung, in der es bezahlt wurde, das bißchen Lebenszeit, das ihnen zur Verfügung stand. Eine andere Währung gab es nicht. Eine Erbsünde mag es nicht geben, eine Erbschuld schon. Das Leben, das man sich schuldig geblieben ist, das ungelebte, das nicht gelebte Leben, das man sich aus diesen oder jenen Gründen aufgespart hat, in jedem Fall aber, um im Bequemen zu bleiben und das der andere dann einlösen soll, der Nachkommende. Oder einer, der dumm genug ist, die Schuld auf sich zu nehmen und mit seiner eigenen Lebenszeit zu tilgen. Lebenszeit: Zu Münzen geronnenes Schicksal, jede Banknote ein Wechsel. Jeder hat seinen Preis, jeder trägt die Schulden des anderen mit. Ungefragt. Das ist sozial. Die fremde Last. Was aber war seine Last? Was sein Wechsel? – Er wußte es nicht. Sein Lebenswandel führte ihn jeden Tag tiefer in die Nacht, in Diskotheken und Frühbars, Bordelle, Trinkhallen und obskure Lokale, er freundete sich mit den Besitzern an, den Türstehern und Kellnerinnen, er machte Bekanntschaft mit den Huren und ihren Zuhältern, den Schlägern, den Dealern und Spielern, den Schlaflosen, den Säufern und verkrachten Existenzen. Auch die Welt der Arbeiter reichte dort hinein. Saison- und Bauarbeiter, die sich unter der Woche auf irgendwelchen Baustellen kaputtmachten und am Wochenende an ihren Einfamilienhäusern weiterarbeiteten. Die Solidarität unter ihnen war...




