E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Gozdek Inspired
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99595-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magie der Muse
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-492-99595-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In Buxtehude, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen, nahm Nicole Gozdeks Leidenschaft für phantastische Geschichten ihren Anfang. Nach dem Germanistik- und Romanistikstudium mit Schwerpunkt auf Literatur und einem Abstecher in die Buchbranche arbeitet sie heute als Online Marketing Managerin. Mit ihrem All-Age-Fantasyroman »Die Magie der Namen« gewann sie 2015 den ersten #erzählesuns-Award des Piper Verlags und 2017 den Deutschen Phantastik Preis für das beste Romandebüt.
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1
Als ein Krampf im Unterschenkel seine Position unbequem machte, erhob sich Jay von den niedrigen Stufen vor dem Springbrunnen in der Mitte des berühmten Place de la Créativité. Er streckte sich wie eine Raubkatze nach langem Dösen in der warmen Sommersonne. Seine Muskeln zitterten. Etwas strich wie ein kühler Hauch über seine bloßen Unterarme und seinen Nacken, den das Basecap nicht bedeckte. Beinahe wäre er zusammengezuckt. Dann erkannte er, dass er nicht die sanfte Berührung des Tastzaubers eines menschlichen Magiers der Musenpolizei oder eines Elfen spürte, sondern lediglich ein paar kühle Tropfen aus dem Götterbrunnen direkt hinter ihm. Er musste sich zusammenreißen. Das Warten zerrte an seinen Nerven, auch wenn es nicht zu vermeiden war. Jay musterte die bunte Menge um sich herum.
Der übliche Mittagsansturm auf das Musenviertel von Tressina City war bereits vorbei und der Marktplatz leerte sich allmählich, sodass er jetzt erstmals Lücken in den Besucherströmen erkennen konnte. Trotzdem hielten sich immer noch zahlreiche Touristen im Zentrum auf. Zu viele.
Drei Elfenkinder jagten an ihm vorbei. Er hörte sie lachen und rufen, während ihre Mutter ihnen nachsetzte, aber die Kleinen bewegten sich flink wie wendige Tiere. Ein zartes Elfenmädchen kletterte innerhalb von zwei Atemzügen auf den Brunnenrand und von dort auf den gebeugten Rücken des bronzenen Satyrs, hielt sich strahlend am ausgestreckten Arm der Musengöttin fest und nutzte ihre magischen Kräfte, um das Wasser, das aus den Handflächen und Hörnern der Götterstatuen sprudelte, in einem wackligen weiten Bogen auf ihre Geschwister zu lenken. Die kleinen Elfen quietschten und ein paar unbeteiligte Zuschauer protestierten erschrocken, als sie ebenfalls von dem Strahl getroffen wurden.
Jay wandte sich ab. Keinesfalls durfte er in die Situation kommen, dass man ihn ansprach oder gar um Hilfe bat, also tat er so, als hätte er nichts gesehen. Er schlenderte ein Stück weiter, scheinbar uninteressiert, den Blick zu Boden gerichtet. Trotzdem entging ihm nichts, was um ihn herum geschah.
Er sah auf, als eine Gruppe Trolle sich unmittelbar vor ihm durch die Besuchermassen schob. Sie bildeten eine lebende Mauer von etwa acht oder neun Fuß Höhe um die Musen in ihrer Mitte und schirmten sie wirkungsvoll von den Touristen ab. Jay stand da und beobachtete den Trupp aufmerksam. Die eleganten Bewegungen der Musen waren hinter den grobschlächtigen Leibern ihrer Bewacher kaum auszumachen, trotzdem versuchte er, wie jeder hier, zwischen den Trollen hindurchzuspähen. Wie beiläufig rückte er näher heran. Ein Blick aus goldfarbenen Augen streifte Jay, dann schloss sich die Lücke wieder und er kassierte einen Stoß, der ihn kurz taumeln ließ, und der verantwortliche Troll sah ihn an und schnüffelte misstrauisch. Jay erstarrte und versuchte ruhig zu atmen. Kleine, schwarze Augen in einem riesigen Gesicht. Ein drohendes Grollen löste sich aus der Kehle des Wesens und Jay fragte sich, was das hochsensible Riechorgan des Trolls an ihm wahrnahm. Aufregung? Angst?
Jay wich scheinbar respektvoll zwei Schritte zurück und der Troll schien sich damit zufriedenzugeben, zumal seine Kameraden weiterzogen und er den Anschluss nicht verlieren durfte. Die Gruppe verschwand in der Touristenmenge und Jay schaute ihnen nach. Den Musen, die sich wie in einem lebenden Bunker über den Platz bewegten. Unerreichbar.
Ich muss vorsichtiger sein, dachte er und schlängelte sich weiter durch das Gewusel in Richtung Hauptstraße. Er kam sich vor wie bei einem Hindernisparcours im Sportunterricht, dabei mied er bereits die schmalen Gänge und das größere Gedränge zwischen den Marktständen auf der nördlichen Seite des Platzes, wo die Händler jetzt lautstark ihre Rabatte zu Feierabend verkündeten.
Endlich näherte er sich dem Rand des Place de la Créativité. Sein Blick huschte achtlos über die schicken 5-Sterne-Restaurants zu seiner Linken, die er nur von Promi-Hochzeiten aus den Hochglanzmagazinen seiner Mutter und aus den Realityshows im Fernsehen kannte. Die Angestellten begannen bereits die Tische im Außenbereich abzuräumen und die Möbel zusammenzuschieben und Jay warf einen Blick auf seine Uhr, aber er hatte noch etwa fünfundzwanzig Minuten, bis die offizielle Besuchszeit für Touristen endete und die Ausreisezeit begann. Jay streckte die Beine und schritt ein wenig schneller aus.
Er schob sich den Schirm seiner Mütze weiter ins Gesicht, während er an den Glasfronten der Restaurants und Cafés vorbeiging und seinen Blick im Schutz seines Basecaps über das Treiben auf dem Wochenendmarkt wandern ließ und versuchte, dabei nicht zu lange auf den hellblauen Uniformen der allgegenwärtigen Beamten der Musenpolizei zu verweilen. Für einen Moment streifte er den Blick eines Trolls, der mit einem drei Fuß langen Schlagstock bewaffnet war und mit großen Schritten auf seine Straßenseite zueilte. Jays Herz pochte schneller.
Kontrolliert atmete er ein und aus, bevor er stehenblieb und betont ruhig den Rucksack von seinem Rücken nahm, um ihn zu seinen Füßen abzustellen, ohne jedoch die potenzielle Gefahr aus den Augen zu lassen. Während er seine Wasserflasche herausholte und aufschraubte, verfolgte er erleichtert, wie der Troll in einigen Fuß Abstand an ihm vorbei und mit Sieben-Meilen-Schritten auf das Juweliergeschäft zwei Läden weiter an der Straßenecke zulief. Erst jetzt bemerkte er die Gruppe aus menschlichen High-Society-Ladys und selbstbewusst auftretenden Geschäftsmännern in maßgeschneiderten Anzügen und edlen Lederschuhen, die sich vor dem Eingang zusammengerottet hatten. Zwei Elfen in grünen Uniformen standen mit ausgebreiteten Armen unmittelbar vor den Glastüren und versperrten ihnen den Weg.
»Unerhört!«, empörte sich eine Frau von vielleicht Mitte oder Ende dreißig in einem mit Edelsteinen besetzten Designerkleid und ausladenden Hut mit Pfauenfedern daran, während die anderen Menschen um sie herum durcheinandersprachen und der Troll von der Musenpolizei sich zwischen die Elfen und die aufgebrachten Luxus-Touristen schob.
»Was ist hier los?« Die massige Gestalt überragte die Gruppe und bildete einen scharfen Kontrast zu den vergleichsweise zierlichen Menschen, die sich jetzt etwas eingeschüchtert ein Stück zurückzogen.
Jay nahm einen gierigen Schluck aus seiner Wasserflasche – er hatte nicht bemerkt, wie durstig ihn die Hitze der vergangenen Stunden gemacht hatte. Sein Mund fühlte sich bereits wieder wie ausgedörrt an, kaum dass die Flüssigkeit seine Kehle hinabgeronnen war.
Eine männliche Muse in einem weißen Sommeranzug trat in einer geschmeidigen Bewegung an dem Troll vorbei vor die Touristen. Der Mann trug feinen Goldschmuck an den Handgelenken, sogar an den Ohren und um den Hals. Die Nachmittagssonne ließ das Gold aufleuchten, wenn er sich bewegte.
»Herrschaften, Sie haben das Schild über unserem Eingang gesehen. Bitte halten Sie sich an die Regeln und ersparen Sie uns weitere Auseinandersetzungen.« Der Mann nickte seinen elfischen Türhütern kurz zu und verschwand wieder in seinem Laden.
Das Schild mit dem goldenen Auge hing tatsächlich gut sichtbar über der Tür, aber die Gruppe schien das immer noch nicht akzeptieren zu wollen.
»Sie wissen nicht, mit wem Sie hier reden!«, rief einer der Männer dem Ladeninhaber nach. »Sie wissen nicht, wer ich bin! Ich habe eine Sondergenehmigung, ich …«
»Keine Ausnahmen. Gehen Sie weiter«, sagte der Troll und schob sich zwei Schritte auf den Mann zu. Die Frauen wichen weiter zurück.
»Komm, wir gehen«, sagte eine von ihnen und berührte den Mann am Arm.
»Das ist lachhaft. Ich werde mich über diesen Laden beschweren!«
»Tun Sie das. Und jetzt gehen Sie. Das ist die letzte Verwarnung.«
Die beiden Elfen stellten sich rechts und links neben den Troll.
Jay unterdrückte ein Kopfschütteln, steckte seine Wasserflasche zurück in den Rucksack, schwang ihn sich auf den Rücken und ging weiter. Solche und ähnliche Szenen hatte er heute mehrfach beobachtet, wenn Menschen versuchten, die den Musen vorbehaltenen Geschäfte zu betreten. Er wusste, dass die begehrten Waren aus diesen Läden gern mal in den Seitengassen zu horrenden Preisen vertickt wurden. Natürlich war über die Hälfte von dem Zeug gefälscht.
Jay musste auf die Straße ausweichen, um an der Gruppe vorbeizukommen.
»Andere Juweliere würden sich darum reißen, wenn ich ihre Schmuckstücke auf einem Ball oder Empfang präsentieren würde!« Der Mann hatte immer noch nicht aufgegeben. Jay vermutete, dass er den Damen versprochen hatte, sie in ein Musengeschäft einzuschleusen und jetzt mit seiner Aufschneiderei dumm dastand.
Der Troll richtete nun seinen Schlagstock steil nach oben, drückte einen Knopf am unteren Ende und ließ magische rote Funken weit sichtbar in die Höhe schießen, um Verstärkung von seinen Kollegen auf dem Platz anzufordern. Höchste Zeit für Jay zu verschwinden.
»Das Quartier des Muses schließt in fünfzehn Minuten für Besucher. Es wird Zeit für Sie alle, zu gehen«, erinnerte unterdessen einer der Elfen die Touristen.
Arrogantes Musenpack und ihre elitären Freunde! Jay schnaubte unwillkürlich, dann konzentrierte er sich wieder bewusst auf seine Mission. Auch ihm blieb nur noch wenig Zeit, um zu seinem Auto zurückzugelangen und die Aufbruchstimmung der halbstündigen Ausreisezeit nach Geschäftsschluss für sich zu nutzen. Vermutlich hätte er nicht so früh im Musenviertel sein müssen, aber er hatte die Vorbereitungszeit eingeplant, um sich gründlich umzusehen, die allgemeinen Abläufe und das Verhalten der Musen und anderen Bewohner des Quartier des Muses zu studieren und sein Vorhaben an die...




