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E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Gozzer Sich und anderen gerecht werden

Ethische Selbstentwürfe ehrenamtlicher Patinnen und Paten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-593-45161-9
Verlag: Campus Verlag Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ethische Selbstentwürfe ehrenamtlicher Patinnen und Paten

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-593-45161-9
Verlag: Campus Verlag Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Für wen setzen wir uns als Gesellschaft ein und wie? Mit diesen Fragen beschäftigen sich ehrenamtliche Pat:innen im Rahmen ihrer praktischen Beziehungsarbeit. Sie versuchen, das Leben von geflüchteten Menschen oder Kindern psychisch erkrankter Eltern durch alltägliche Kontakte zu verbessern. Laura Gozzer porträtiert das Engagement einer urbanen Mittelklasse und analysiert aus ethikanthropologischer Perspektive die Motive und Ansprüche, aber auch Zweifel und Unsicherheiten der Ehrenamtlichen. Die ethnografische Studie eröffnet intime Einblicke in Pat:innenschaften und leuchtet aus, was eine Gesellschaft zusammenhält, welche Subjektivitäten soziales Engagement hervorbringt und wo die Grenzen des Für-Andere-Da-Seins liegen. Die Dissertation wurde ausgezeichnet mit dem Hochschulpreis der Landeshautstadt München und dem Preis der Münchener Universitätsgesellschaft 2022.

Laura Gozzer, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU München.
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Einleitung


Im Zentrum dieser Studie steht die Frage, wie sich Menschen im Rahmen ihres sozialen Engagements als ethische Subjekte entwerfen. Diesen Prozessen gehe ich im Folgenden auf der Basis von Narrativen und Praxen ehrenamtlicher Pat:innen1 in der deutschen Großstadt München nach. Zwischen April 2018 und Februar 2020 forschte ich dazu mit ethnografischen Methoden in zwei Pat:innenschaftsprogrammen, eines für geflüchtete Menschen und eines für Kinder psychisch erkrankter Eltern.2 Die vorliegende Kulturanalyse handelt von den Motiven der sozial Engagierten, den Anforderungen, die seitens der Initiativen an sie gestellt werden, vom Ringen der ehrenamtlichen Pat:innen mit ihren Rollen und Selbstverständnissen sowie von den Widersprüchen in der Fürsorgepraxis. Als analytisches Kernkonzept dient mir ein praxisorientiertes und relationales Verständnis von ethischer Subjektivierung.

Die Forschung wurde als Dissertation im Fach der Empirischen Kulturwissenschaft und Europäischen Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München vorgelegt und entstand im Kontext der DFG-geförderten Forschungsgruppe (DFG FOR 2101). Dem interdisziplinären Team ging es darum, zu verstehen, wie Debatten und Konfliktfelder in Städten ethisch ausgehandelt werden, also mit Bezug auf das »Gute« (vgl. Ege 2018; Dürr et al. 2020; Ege/Moser 2020). Wer argumentiert auf Basis welcher Problematisierungen ethisch und welche Implikationen hat dies für die jeweiligen Auseinandersetzungen sowie die Genese politischer Konflikte allgemein? Was verstehen Menschen überhaupt unter diesem »guten« städtischen Leben und wie versuchen sie, dieses umzusetzen oder ihm näher zu kommen?

Das soziale Engagement der Pat:innenschaft bietet sich als Gegenstand für eine Analyse dieser Fragen besonders an. Warum engagieren sich Menschen freiwillig für andere? Welche ethischen Ansprüche und Anforderungen sind mit ehrenamtlichen Pat:innenschaften verbunden und welche Widersprüche treten auf? Anhand des Engagements von Pat:innen wird sichtbar, dass das, was als »gute« Hilfe verstanden wird, immer wieder neu justiert und an der Praxis ausgerichtet wird. Wie geht das vonstatten? Was macht das Pat:innen-Sein mit den Selbst- und Gesellschaftsverständnissen der Freiwilligen? Oder wie es die Anthropologin Liisa Malkki formuliert: »[…] what happens to the relation of self, and self to the world, where helping occurs […]?« (Malkki 2015: 4)

Die Figur der:s sozial Engagierten ist gegenwärtig durch Diskurse um gesellschaftliche Verantwortung und Solidarität gegenüber Menschen, die als »bedürftig« klassifiziert werden, geformt.3 Ehrenamt bzw. freiwilliges Engagement ist mit der Entwicklung hin zum aktivierenden Sozialstaat spätestens seit den 1990er Jahren Teil eines Subjektmodells geworden, durch das sich Akteur:innen als demokratische Bürger:innen, als Teil der Zivilgesellschaft sowie als Sorgende und Leistungsträger:innen erleben können. Parallel zu dieser Attraktivität der Figur des:r Ehrenamtlichen werden auch kritische Stimmen laut: Einerseits wird karitatives Engagement im Sinne einer Ideologiekritik infrage gestellt: Im Rahmen wohltätiger Hilfe würden Menschen als Bedürftige abgewertet und ihner Entscheidungsmacht beraubt. In rassismuskritischen Debatten wird dementsprechend »Solidarity statt Charity!« gefordert.4 Statt zu helfen gelte es vielmehr, mit anderen Menschen für Gerechtigkeit zu kämpfen. Andererseits wird soziales Engagement auch im Rahmen rechtspopulistischer Diskurse angegriffen. Prägend sind dabei Fragen danach, wem Hilfe überhaupt gebührt, und damit direkt verknüpft, wer zur nationalen Solidargemeinschaft gehören soll.5

in einer Gesellschaft geholfen werden soll, und , ist eine zentrale Frage moralisch-politischer Auseinandersetzungen. Vorstellungen »guter« Hilfe und »richtiger« Bedürftigkeit sind historisch gewachsen und zeigen sich in bestimmten gesellschaftlichen Phasen auf je spezifische Weise. Gegenwärtig ist soziales Engagement als Thema gerahmt durch Debatten um Solidarität mit Prekarisierten, die sogenannte -Krise sowie die Sorge um soziale Spaltung. Die Mittelklasse wird sich dabei der eigenen Privilegiertheit bewusst und sorgt sich um die soziale Kohäsion angesichts wachsender sozialer Ungleichheit.

Die Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie ist prädestiniert für die Untersuchung von freiwilliger Hilfe, da sie eben jene historischen, kulturellen und sozialen Bedeutungen miteinzubeziehen weiß. Eine Kulturanalyse sozialen Engagements fokussiert die Alltagsrealitäten von freiwilliger Hilfe und setzt diese in Relation zu politischen Prozessen, sozio-ökonomischen Kräftefeldern und deren kulturellen Verarbeitungen. Selbstbilder, Praxen und Deutungen engagierter Akteur:innen werden so in Bezug zu strukturellen Bedingungen gesetzt. Meine Analyse schlägt vor, das Modell der freiwilligen Pat:innenschaft in seiner gegenwärtigen Ausprägung als eine Form urbaner Sozialität zu verstehen, die sich zwischen institutioneller Rahmung durch zivilgesellschaftliche Organisationen und der Informalität und Unbestimmtheit alltäglicher, städtischer Sozialbeziehungen zwischen (zunächst) Fremden bewegt.

Eine Vielzahl von empirischen sowie theoretischen Analysen hat sich damit beschäftigt, welche Prozesse und Beweggründe hinter – scheinbar eher vordergründig ethisch motivierten - Hilfepraxen liegen. Stabilisieren sozial Engagierte ihre eigene Klassenposition (vgl. Wietschorke 2013)? Müssen sie zum Zweck der Selbstaufwertung neoliberalen Aktivierungslogiken folgen (vgl. Muehlebach 2011)? Stillen sie durch das Engagement eigene Bedürfnisse nach Beziehungen (vgl. Malkki 2015)? Diese Arbeiten geben überraschende und erhellende Einblicke in die Deutungen und sozialen Lagen von Akteur:innen verschiedenster Engagementfelder. Sie betonen dabei, dass die Akteur:innen es neben den herausgearbeiteten Interessen und Beweggründen auch »gut« meinen und tatsächlich das Leben anderer Menschen, die Stadt oder die Welt verbessern (wollen).

Die vorliegende Studie widmet sich genau diesem in der Forschung zwar benannten, aber selten fokussierten Aspekt des »Gut«-Meinens. Mich interessiert vor dem Hintergrund der genannten Ambivalenzen der -Arbeit, was die Pat:innen meinen, wenn sie vom »Guten« sprechen und wie sie versuchen, die mit ihrem Engagement verbundenen Ambitionen in die Tat umzusetzen. Dementsprechend bilden die Motive von Engagierten im gesellschaftspolitischen Kontext nur einen Teil der Analyse. Ebenso stehen die Prozesse der Umsetzung sowie die mit der Engagementpraxis verbundenen Erwartungen, Widersprüche und Reparaturen im Mittelpunkt.

Diese analytische Blickrichtung stellt keine idealistische Verteidigung der Praxen und Diskurse ehrenamtlicher Pat:innen dar. Es geht im Folgenden nicht darum, aus einer ethischen Position zu begründen, dass die Pat:innen »Gutes« tun (wollen). Ziel ist es vielmehr, zu verstehen, was die Akteur:innen für sich und für die Gesellschaft als das »Gute« entwerfen und wie sie versuchen, dieses in Beziehungen zu konkreten Anderen zu etablieren. Ich folge damit den Selbstdarstellungen von Helfer:innen, um ihre Ambitionen, zu helfen und damit ein Leben, eine Stadt, ein Land oder gar die Welt zu verbessern, nachzuvollziehen. Ihre Praxen und Narrative interpretiere ich im Zuge dessen vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Kontexte der Gegenwart.

Die zentrale Forschungsfrage ist, wie die engagierten Akteur:innen im Rahmen der Pat:innenschaften ein ethisches Selbst entwerfen. Darunter fallen folgende Teilfragen nach den Selbstverständnissen der Akteur:innen und deren praktischer Umsetzung: Welche Art von Pat:in wollen die Akteur:innen sein und wie hängen diese Ansprüche an das Selbst mit gesellschaftlichen Debatten, politischen Positionen, biografischen Erfahrungen und den Wissensbeständen in den Initiativen zusammen? Ich frage insbesondere danach, welche Konzepte »gelingender« Hilfe und »guter« Gesellschaft dabei tragend sind.

Die Akteur:innen entwerfen sich als Pat:innen unter Rückbezug auf ethische Prämissen und Ambitionen, zugleich sind sie davon abhängig, was in den zwischenmenschlichen Pat:innen-Beziehungen geschieht und welche Erwartungen ihre Gegenüber – Kinder psychisch erkrankter Eltern oder...



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