Graack / Goetzmann | Im Angesicht der Katastrophe | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Graack / Goetzmann Im Angesicht der Katastrophe

Theorie und Aktion in Zeiten des Klimakollaps
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-949634-04-8
Verlag: IPPK-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Theorie und Aktion in Zeiten des Klimakollaps

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-949634-04-8
Verlag: IPPK-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wir befinden uns in einer Katastrophe planetaren Ausmaßes. Die Klimakatastrophe betrifft die Lebensgrundlagen der ganzen Menschheit - und ist in diesem Sinne eine absolute Katastrophe. Statt diese Tatsache zu verdrängen, ist es an der Zeit, ihr gemeinschaftlich ins Auge zu blicken und uns der Frage zu stellen: Was können wir tun, um ihr zu begegnen? Dieser Band versammelt Beiträge, die zu einer Tagung des Instituts für Philosophie, Psychoanalyse, Kulturwissenschaften (IPPK) im Sommer 2024 geführt haben und in deren Umfeld entstanden sind. Ziel dieses Bandes ist es, psychoanalytische Gedanken mit aktivistischen Überlegungen zum Klimakollaps in ein Gespräch zu bringen.

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MIT TIEFER TRAURIGKEIT


EINE ANTWORT AUF NICO GRAACKS BEITRAG „DAS SCHWEIGEN DER JUGEND”


Vor einigen Wochen besuchte ich ein Symposium in Frankfurt; Tagungsort und Hotel lagen am Frankfurter Osthafen, einem hippen Industrieviertel, das an das Ufer des Mains grenzt. Ich spazierte aus der Innenstadt am Mainufer entlang. Diese Route ist wirklich zu empfehlen, falls man an einem späten Märztag den Frankfurter Frühling genießen möchte. Der elegante Tower der Europäischen Zentralbank scheint keinerlei Schatten auf die Promenade zu werfen, er ruht in sich, er ist ein blitzendes Drittes zwischen Fluss und Himmel. Und alles ist rundum sehr blau. Auf ihrem Gelände, also auf dem Gelände dieses äußerst wichtigen Bankengebäudes liegt der Deportationskeller der Frankfurter Großmarkthalle, das lerne ich von Google Maps, als ich auf einer der wirklich chic und modern arrangierten Bänke Platz nehme. Junge Menschen sitzen am Mainufer, eine junge Frau lehnt an die Schaufel eines ausrangierten Baggers, während andere, junge Männer, ihre Muskulatur trainieren. Oder sie stehen herum, mit irgendwelchen Energydrinks, diese gleichfalls blitzenden Dosen in den Händen. Es ist heiss, und die Sonne brennt im Gesicht. Es ist viel zu heiss für Ende März. Aber das ist nicht diese grandiose Hitze, die Camus beschreibt, an algerischen Stränden, in den Städten Nordafrikas. An diesem Märztag betaste ich meine Haut, sie ist noch ganz kühl, natürlich, es ist März – aber sie brennt, vielleicht wäre eine Sonnencreme gut – gleichwohl ich Nivea eher mit Ägäis und August verbinde, mit diesem olfaktorischen Stich ins Sommerlich-Primitive: Sonne und gelber oder weißer Sand oder Strand ...

Ich versuche, mich auf der Bank vor dem Tower bequem einzurichten – und fühle mich, darum geht es, total traurig, ja es ist eine tiefe, seltsam beklommene Traurigkeit, kein schönes Gefühl. Was ist los? Ich bin jetzt fast sechzig Jahre alt. Das ist ein Anlass für solche Gefühle. Aber eigentlich ist es die Hitze, die mich so trifft, dieser unverschämt nackte, blaue Frankfurter Äther. Mit dem Main, der durch diese Industrie- und Stadtlandschaft fließt. Am Süd- oder Nordpol soll die Temperatur heute um 30 Grad über die üblichen Werte gestiegen sein. So heiss ist es in Frankfurt nicht, aber ich bin trotzdem von dieser Traurigkeit erfasst. Sie ist überall. In diesen Jahren lässt sich das Leben allmählich überblicken, die Zeit läuft tatsächlich immer schneller ab, und ich werde wohl die wahren Katastrophen, die auf uns zukommen, die ich mir kaum vorstellen kann, oder nur dank einer apokalyptischen Phantasie, ich werde diese Katastrophen wohl nicht mehr erleben.

Ich stecke in diesem Affekt, weil ich diese Welt in einem denkbar schlecht bestellten Zustand verlassen werde. Wir investieren in Raketen und Panzer, weil ein Wahnsinniger und seine Leute einen Krieg vom Zaun brechen, der so unsinnig ist wie alle Kriege. Im letzten Moment unseres Weltdaseins schlagen wir uns die Köpfe ein. So sind wir, unsere Haupteigenschaft scheint eine „primäre Feindseligkeit“ zu sein (Freud 1930, S. 471). Der Kahn über den Styx wird zum Rettungsboot, und niemand blickt gerne zurück. Hinter mir erhebt sich der Tower einer Weltbank. Überall stehen neue chice Häuser. Dieser viele Beton soll auch die Luft kaputt machen. Wir: meine Generation hat das im Großen und Ganzen alles kaputt gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob wir mit Nachsicht rechnen können. Es ist heiss, so unangenehm, dass ich lieber aufstehe und weitergehe. Das acherontische Boot wird zum Rettungskahn, denke ich, und schaue auf den trägen, in seiner Masse irgendwie indifferenten Main. Flugzeuge landen und starten, klar, Frankfurt.

1989 stellte Felix Guattari, der wenige Jahre später verstarb, auf einem Divan seiner Klinik liegend, nicht nur eine schlimme Zeitdiagnose; das Schlimmere ist, dass auch seine Prognose voll zutrifft:

„Der Planet erfährt eine Zeit intensiver technischwissenschaftlicher Veränderungen, als deren Kehrseite bedrohliche ökologische Ungleichgewichte erzeugt werden, die, wenn keine Abhilfe geschaffen wird, die Verwurzelung des Lebens auf seiner Oberfläche gefährden. Parallel zu diesen Umwälzungen entwickeln sich die individuellen und kollektiven Lebensweisen des Menschen in Richtung einer fortschreitenden Verschlechterung.“ (Guattari 2019, S. 11).

Das war 1989. Und wo stehen wir heute? Die Wüste dringt vor und die Wälder werden gerodet. Immerhin ist in Deutschland eine ökologische Partei in der Regierung, ein Philosoph und Jugendbuchautor ist Vizekanzler, aber womit beschäftigt er sich? Mit der Beschaffung von Gas. Keine blühenden Wüsten, keine atmenden Wälder. Die Beziehung zwischen der Subjektivität und „ihrer sozialen, tierischen, pflanzlichen oder kosmischen Äußerlichkeit“ sei in einer Art Implosion und regressiven Infantilisierung gerutscht (Guattari 2019, S. 11). Die „harte und reine Subjektivität der Arbeiterklasse“ ist zerfallen. Die Sitzstreikenden, so lese ich bei Ihnen, lieber Herr Graack, werden von Arbeitern beschimpft. Alle subjektiven Positionen werden von „derselben imaginären Deckschicht“ überzogen (Guattari 2019, S. 15). In diesen Tagen werden von allen Seiten Panzer und Waffen in die Ukraine geschafft, man spricht von atomaren Minibomben, China kreuzt vor Taiwan, und Pjöngjang sendet Flugkörper in Richtung Tokyo, Los Angeles oder San Francisco. In diesen Tagen schlägt sich die Menschheit, bei steigender Hitze, die Köpfe ein. Und derweil sterben die Arten, und das Hyperobjekt der Wärme erhitzt sich, mit dem Effekt auf meiner Haut, die ihre Winterbleiche mit der Röte einer drohenden Groß-Katastrophe camoufliert.

Hyperobjekte sind übrigens riesig, sie sind so dauerhaft, dass sie unsere Vorstellungen von Zeit und Raum sprengen (Morton, 2011). Die globale Erwärmung ist ein Hyperobjekt oder die atomare Strahlung. Hyperobjekte lassen uns nie in Ruhe. Hyperobjekte sind nicht-lokal. Es gibt kein Escape, da Hyperobjekte überall sind, sie sind wie die Hitze, die an mir klebt. Wir müssen uns daran gewöhnen, sagt Timothy Morton (2011), dass wir in einem Objekt leben, ich, der Osthafen, die Flaneure und Sportler leben in diesem Hitze-Objekt. Hyperobjekte sind zähflüssig, man wird sie nicht los, sie sind wie das Reale. Hyperobjekte sind per se unheimlich. Dadurch, dass die Erderwärmung nicht-lokal ist, ist sie überall. Das wahre Hyperobjekt ist das Reale, das Reale der Hitze, die an allem klebt, und die reale Strahlung der Kernkraftwerke und überhaupt der Müll. Lacans Objekt a lässt sich als extimes Hyperobjekt denken, ohne Grenze, ohne Riss. Dies ist das Ende der Welt, d.h. das Ende der ästhetischen Idee von „Welt“ als einem umfangenden und Abstand haltenden Horizont. Müll ist ein Hyperobjekt. Plastik ist ein Hyperobjekt. Zeit ist ein Hyperobjekt. Sie bewegt sich wellenförmig und zieht ihre Kreise. Irgendwann fallen wir aus der Zeit. Der Tod ist ein Hyperobjekt, aber die Zeit und der Tod teilen sich, als Hyperobjekte, das auf, was wir das Ganze nennen.

Lieber Herr Graack, Sie sind, so schätze ich, wesentlich jünger. Badiou (2016) sagt, die Ganz-Alten, die knapp nach dem Weltkrieg jung waren, sollten sich mit der Jugend von heute verbünden, gegen die, die diesen ganzen Mist (wenn ich das so sagen darf) verbockt haben, diesen wütenden Kapitalismus und seine zersetzende Logik. Meinetwegen – macht, was ihr wollt. Brecht schrieb ein Gedicht, das er an die Nachgeborenen richtete. Er bat um Nachsicht (Brecht, 1939). Sie sagen, Sie fixieren sich auf den Straßen fest und lassen sich von Leuten, die in Eile sind, beschimpfen. Vernünftige Vorschläge sind sinnlos, weil sie das System erhalten, also: kein Agreement, kein Appeasement – kein Appeasement mit dem Lufthunger emporstürzender Wolkenkratzer, keine Wärmepumpen usw. – vielmehr ein resolutes Nein. Soweit ich Sie verstehe, braucht es das Sich-Verweigern-der-Worte, diesen Diskursabbruch, und das geschieht draußen, vor Ort, auf den Brücken und den Autobahnen, als ob sich aus dem Eklat des Realen etwas Neues bilden würde, etwas, was noch nicht gedacht wurde, etwas, nämlich, so denke ich, ein Zusammensein auf dieser Erde – ohne diese blitzende Gier und deren alles vernichtende Toxizität.

An diesem Nachmittag war ich ins Hotel gegangen, ich wurde abgelenkt, hielt einen Vortrag. Das Leben ging weiter, trotz Corona, Putinpanzer und Packeisschwund. Die Traurigkeit blieb irgendwie in mir. Hier dieser seltsame Affekt, wohl auch, so dachte ich, die der Endlichkeit geschuldete Larmoyanz derer, die älter werden – dort Ihr Schweigen auf der Autobahn. Aber in der seelischen Tiefe ist es trotzdem mehr: Ist das Gefühl, dass eine ganze Generation versagt hat, rund um den Erdball, jedenfalls in den Industrieländern, und dass man am Ende geht und das alles, die ganze Misere, anderen überlässt. Scham, Trauer, Ohnmacht, Schuld. Ich erzähle diese persönliche Misere jemandem aus meiner Familie, aus der folgenden Generation, und die Antwort, die ich erhalte, ist: „Immerhin bist du traurig, dann hat dieser Sitz-Streik, dieser...



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