E-Book, Deutsch, Band 324, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
Graf Der Notarzt 324
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6771-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hausbesuch bei Milli
E-Book, Deutsch, Band 324, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
ISBN: 978-3-7325-6771-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hausbesuch bei Milli - Dem engagierten Arzt vertraut das Mädchen ein großes Geheimnis an
Als Stella Falkenberg mit ihrer kleinen Tochter Milli in die Notaufnahme der Frankfurter Sauerbruch-Klinik stürmt, kann jeder der anwesenden Ärzte sehen, wie besorgt die junge Mutter ist. Mit zitternden Händen beobachtet sie, wie ihr Kind untersucht wird. Doch nicht nur Stella ist angespannt, auch die Mienen der Mediziner werden immer ernster, während sie sich verstohlene Blicke zuwerfen. Obwohl sie erst noch die Blutanalyse abwarten müssen, ist ihnen klar, dass Milli vermutlich sehr schwer krank ist. Auf jeden Fall muss das Mädchen stationär aufgenommen werden.
Doch als die Mutter hört, dass ihre Tochter die Nacht im Krankenhaus verbringen soll, lehnt sie dies kategorisch ab. Die Ärzte reden mit Engelszungen auf sie ein, aber Stella ist nicht bereit, auch nur darüber nachzudenken. Schweren Herzens muss das Klinikpersonal die Frau mit ihrem Kind daher auf eigene Verantwortung ziehen lassen.
Am nächsten Tag liegen die Blutergebnisse vor. Dr. Tristan Haas läuft ein Schauer über den Rücken, als er die Werte sieht. Er weiß: Ohne sofortige Behandlung hat die Kleine keine Chance, ihre Erkrankung zu überstehen. Und wenn ihre Mutter sie nicht in die Klinik bringt, dann muss er Milli eben zu Hause betreuen ...
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Emil Rohrmoser, der Verwaltungsdirektor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, kümmerte sich eigentlich nie um die personellen Angelegenheiten seines Krankenhauses. Dafür war der medizinische Leiter der Klinik zuständig.
Prof. Lutz Weidner nahm jeden einzelnen Arzt und jede einzelne Pflegerin vor deren Einstellung genau unter die Lupe. Er hatte eine Art sechsten Sinn für gute Mitarbeiter, und wen er in die über zweitausend Mitglieder zählende Großfamilie aufnahm, um den kümmerte er sich auch beinahe wie ein Vater.
Für das nichtmedizinische Personal war Margarete Jellinek, die Personalchefin, zuständig.
Direktor Rohrmoser hatte genug damit zu tun, die Großklinik durch die recht instabile Wirtschaftslage zu steuern, und das gelang ihm so gut wie kaum einem anderen Klinikchef.
Als er allerdings an diesem wunderschönen Hochsommermittag satt und zufrieden aus der Cafeteria kam und die große Einganghalle durchquerte, um in sein Büro in der obersten Etage des Krankenhauses zurückzukehren, machte er eine Ausnahme.
Er drückte gerade auf den Rufknopf des Fahrstuhls und schälte den Schokoriegel ab, den er sich als Wegzehrung mitgenommen hatte. Dabei fiel sein Blick zufällig auf die gläserne Drehtür, durch die unaufhörlich Besucher und Patienten strömten, und er entdeckte ein bekanntes Gesicht, das aus der Menge herausstach.
„Heiliger Dingsbums! Noch ein paar Zentimeter, und seine Kinnlade schleift auf dem Boden“, grummelte Emil Rohrmoser.
Er setzte dazu an, sich auf die Zehenspitzen zu erheben, um die Menschenmenge zu überragen, ließ es aber dann doch lieber sein. Bei seinem Übergewicht war das eine zu riskante Angelegenheit. Stattdessen reckte er seinen Arm hoch über den Kopf und winkte mit dem angebissenen Schokoriegel.
„Herr Dr. Haas? Hallo! Huhu! Hierher!“
„Ich?“ Tristan Haas, der zweiundvierzigjährige Mitarbeiter der Notaufnahme, schaute sich suchend um. „Wer …? Ah, Herr Direktor!“ Er eilte auf Herrn Rohrmoser zu, und sein Gesicht wurde noch eine Spur länger, als dieser ihn mit den Worten „Sie sind übrigens gefeuert“ empfing. „Oh! Ja? Na ja. Okay.“
Der füllige Verwaltungsdirektor schüttelte, verdrossen durch die Nase schnaubend, den Kopf.
„Oh, ja, na ja, okay“, äffte er Tristan nach. „Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?“
Tristan zuckte mit den Schultern.
„Na ja, was gibt es dazu denn sonst noch zu sagen?“
„Sie könnten protestieren!“, empörte sich Emil. „Mir mit dem Arbeitsgericht drohen. Oder wenigstens nach dem Grund fragen. Herrgott noch mal!“
„Wozu denn? Ich kann mir ja ohnehin denken, warum Sie mich loswerden wollen.“
Tristan hatte nicht mehr die Kraft dazu, sich gegen was auch immer aufzulehnen. Er steckte gerade in der schlimmsten Krise seines Lebens. Die Kündigung war nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Demoralisiert, wie er ohnehin schon war, war es ihm, offen gestanden, ziemlich egal, wenn sich zu der Fülle von Problemen, die er hatte, nun noch ein weiteres gesellte.
„Ah ja? Sie kennen den Grund? Und der wäre?“ Emil steckte sich das letzte Stück Schokolade in den Mund und warf das Papier in einen Mülleimer.
„Na ja, es ist heute nicht das erste Mal, dass ich um Stunden zu spät zum Dienst komme. Ich hatte am Morgen schon wieder eine Scheidungsverhandlung. Und wie es aussieht, war es noch lange nicht die letzte.“
Tristan klemmte sich seine Tasche zwischen die Knie und zog sein Smartphone aus der Tasche seines Jacketts.
„Ich informiere nur rasch Herrn Dr. Kersten und sage ihm, dass ich nicht mehr komme. Dann bin ich schon weg. Oder soll ich noch bis zum Monatsende …?“
„Heiliges Sparschwein!“ Emil Rohrmoser wedelte den Fahrstuhl, der jetzt einladend die Türen öffnete, mit einer ungeduldigen Handbewegung weg. „Nehmen Sie immer alles ohne Gegenwehr hin?“, wollte er empört wissen. „Als Arzt, habe ich mir sagen lassen, kämpfen Sie um jedes einzelne Leben. Wieso kämpfen Sie nicht auch mal für sich selbst?“
„Wozu? Ist doch egal“, murmelte Tristan gottergeben.
„Egal! Egal! Egal!“, echote Emil spöttisch und drosch wütend mit der Faust gegen die Wand. Da er versehentlich den Liftknopf getroffen hatte, glitten die Türen, die sich eben geschlossen hatten, mit einem Klingeln wieder auseinander. „Hab ich dich gerufen? Nein! Zieh Leine!“, murrte er verärgert. Dann atmete er ein paarmal tief durch, um sich zu beruhigen. „Ihre reizende Gattin hat mich gestern Abend aufgesucht.“
Tristans Augen weiteten sich.
„Alice war bei Ihnen?“
„War nur ein Scherz!“, winkte Emil feixend ab.
„Oh!“ Tristan stieß erleichtert die Luft aus. „Ich dachte schon …! Dann war sie also nicht bei Ihnen!“
„Doch!“, widersprach der Direktor energisch. „Nicht ihr Besuch, sondern der Begriff reizend war ein Scherz. Was ich wirklich von ihr halte, das darf ich ja nicht sagen. Ich habe schließlich eine gute Erziehung genossen. Meine Mutter würde sich sonst aus dem Grab erheben, um mir den Mund mit Seife auszuwaschen. Verstehen Sie?“
Tristan nickte. „Und was wollte Sie von Ihnen?“
„Eine Bestätigung über Ihre genauen Einkünfte. Sie hegt nämlich den Verdacht, dass Sie womöglich mehr verdienen, als Sie vor Gericht zugegeben haben. Ich habe ihr versprochen, ihr eine exakte Aufstellung all Ihrer Einkünfte – inklusive Überstundenabgeltung und diverser Zulagen – im Laufe des heutigen Tages zukommen zu lassen.“
„Aha. Deshalb hat sie bei der heutigen Verhandlung ständig diese Anspielungen gemacht und wie eine Sphinx gelächelt. Aber ich habe ihr keinen Cent verschwiegen. Ehrlich nicht.“
„Natürlich nicht, Sie barmherziger Samariter!“, brummte der Direktor verdrossen.
Er hob eine Hand und zählte an seinen dicken Wurstfingern auf.
„Ihr Haus haben Sie ihr überlassen. Ihr Auto haben Sie ihr geschenkt. Von Ihrem Monatsgehalt behalten Sie nur das absolute Existenzminimum für sich selbst zurück. Ich wette, wenn sie Anspruch auf Ihre inneren Organe erheben würde, um diese meistbietend zu verscherbeln, dann würden Sie ihr diese auch noch vermachen.“
Emil redete sich gewaltig in Rage. Dass jemand sich so gnadenlos ausbeuten ließ, das konnte er kaum ertragen.
„Und das alles nach nur einem halben Jahr Ehe, verdammt noch mal!“, donnerte er wütend. „Diese Frau hat doch überhaupt keinen Anspruch auf Unterhalt. Nicht ein einziger Cent steht ihr zu. Was sind Sie denn, in drei Teufels Namen? Ein Mann oder eine Maus?“
„Sie hat halt einen guten Anwalt“, lautete Tristans Ausrede.
„Und Ihrer?“
„Ich habe gar keinen. Zu teuer.“ Tristan wollte ergeben mit den Schultern zucken, doch Emils Hand schnellte mit erstaunlicher Geschwindigkeit nach vorne und fiel schwer auf Tristans rechte Schulter nieder.
„Wagen Sie es ja nicht!“, donnerte der Verwaltungsdirektor aufgebracht. „Ab sofort wird nicht mehr gezuckt, geseufzt, ‚egal’ gesagt und geschüttelt! Ist das klar?“
„Klar!“, seufzte Tristan und zuckte mit den Schultern.
„Herrgott! Normalerweise habe ich ja etwas gegen Machos, die ihre Exfrauen – von denen sie jahrelang bemuttert und bedient wurden – im Regen stehen lassen. Aber Ihre nicht reizende Vampirlady saugt Ihnen auch noch den letzten Blutstropfen aus dem Leib. Und Sie benehmen sich wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird!“
„Tja …“ Tristan hätte jetzt wirklich gerne mit den Schultern gezuckt, aber er traute sich nicht mehr. Stattdessen starrte er verlegen auf seine Schuhspitzen. „Was kann man da schon machen?“
„Das werde ich Ihnen sagen! In diesem Augenblick bekommt dieses raffgierige Weibsstück Ihre Gehaltsbestätigung zugestellt. Der Betrag beläuft sich auf genau null Komma null Euro. Sie arbeiten selbstverständlich wie gehabt weiter. Ehrenamtlich! Sie bekommen nur ein kleines Taschengeld ausbezahlt. Viel brauchen Sie ja nicht, denn wohnen tun Sie ja eh schon gratis in unserem Schwesternwohnheim. Der Rest wird fürs Erste eingefroren.“
„Oh! Aber … ist das denn nicht irgendwie ziemlich illegal?“
„Ich habe diese Vorgehensweise natürlich mit unserem Juristen besprochen“, entgegnete Herr Rohrmoser. „Dr. Altenberg hat es so gedreht, dass es gerade noch im Rahmen der Legalität ist.“ Der Direktor bohrte Tristan den Zeigefinger in die Brust. „Er wollte übrigens wissen, warum Sie nicht gleich zu ihm gekommen sind?“
„Oh! Ich wollte die Klinik nicht mit meinen privaten Problemen belasten.“
„Wie edelmütig!“, spottete der Verwaltungsdirektor. „Natürlich kann er Sie jetzt nicht mehr selbst vertreten, weil wir Sie ja entlassen haben. Deshalb hat er für Sie einen Termin bei der – seiner Meinung nach – besten Scheidungsanwältin der Stadt vereinbart. Moment!“
Emil durchwühlte sämtliche Taschen an seinem riesigen Jackett. Eine leere Bonbontüte kam zum Vorschein. Ihr folgten ein Schokoladenpapier, ein klein zusammengefalteter Pappteller, eine zerknüllte Papierserviette mit Ketchupflecken und eine leere Dose, die gesalzenen Erdnüsse enthalten hatte.
Er warf alles in den Mülleimer und zog schließlich einen Zettel aus der Brusttasche.
„Da! Heute um sechs! Kersten weiß schon Bescheid, dass Sie früher wegmüssen.“
„Danke!“ Tristan faltete den Zettel auseinander. „Dr. Stella Falkenberg. Von der habe ich schon gehört. Die zählt zu...




