Graf | Der Notarzt 344 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 344, 64 Seiten

Reihe: Der Notarzt

Graf Der Notarzt 344

Du lebst nur einmal
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-8029-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Du lebst nur einmal

E-Book, Deutsch, Band 344, 64 Seiten

Reihe: Der Notarzt

ISBN: 978-3-7325-8029-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Du lebst nur einmal - Doch Anne riskierte in ihrem Freiheitsdrang zu viel

Karin Graf

Anne Gerber ist in der Notaufnahme der Frankfurter Sauerbruch-Klinik bekannt wie ein bunter Hund. Die Extremsportlerin scheut bei ihren Freizeitaktivitäten keine Risiken; der Spaß steht für sie immer an erster Stelle. Da bleibt es nicht aus, dass sie öfter mal Platzwunden, Schürfungen oder sonstige Verletzungen davonträgt, die behandelt werden müssen.
Der Leiter der Notaufnahme, Dr. Peter Kersten, freut sich immer, die sympathische junge Frau zu sehen, die so voll guter Laune steckt und vor positiver Energie förmlich übersprudelt.
Doch dann kommt ein Tag, an dem Anne zu viel riskiert. Und diesmal sind es keine harmlosen Schrammen oder Brüche, die sie sich zuzieht. Diesmal ist sie so schwer verletzt, dass sie vermutlich nie wieder die Alte sein wird. Und Dr. Kersten weiß: Es ist sogar mehr als fraglich, ob sie überhaupt jemals wieder die Augen aufschlagen wird ...

Graf Der Notarzt 344 jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Du lebst nur einmal

Doch Anne riskierte in ihrem Freiheitsdrang zu viel

Karin Graf

Anne Gerber ist in der Notaufnahme der Frankfurter Sauerbruch-Klinik bekannt wie ein bunter Hund. Die Extremsportlerin scheut bei ihren Freizeitaktivitäten keine Risiken; der Spaß steht für sie immer an erster Stelle. Da bleibt es nicht aus, dass sie öfter mal Platzwunden, Schürfungen oder sonstige Verletzungen davonträgt, die behandelt werden müssen.

Der Leiter der Notaufnahme, Dr. Peter Kersten, freut sich immer, die sympathische junge Frau zu sehen, die so voll guter Laune steckt und vor positiver Energie förmlich übersprudelt.

Doch dann kommt ein Tag, an dem Anne zu viel riskiert. Und diesmal sind es keine harmlosen Schrammen oder Brüche, die sie sich zuzieht. Diesmal ist sie so schwer verletzt, dass sie vermutlich nie wieder die Alte sein wird. Und Dr. Kersten weiß: Es ist sogar mehr als fraglich, ob sie überhaupt jemals wieder die Augen aufschlagen wird …

Es war genau fünf Uhr dreißig, als die Sonne an diesem wolkenlosen Frühsommermorgen über der Frankfurter Skyline auftauchte. Die hohen Bankentürme spiegelten sich rot-golden im noch schwarzen Wasser des Mains, und der Europaturm, der von den Einheimischen salopp, aber durchaus liebevoll als „Ginnheimer Spargel“ bezeichnet wurde, schien zu glühen.

Um fünf Uhr sechsunddreißig fielen die ersten Sonnenstrahlen durch ein weit offenes Fenster im dritten Stock eines ehemaligen Fabrikgebäudes, das zu einem Wohnhaus umgebaut worden war.

Die feinen Staubkörnchen, die in der Luft lagen, flirrten wie Glühwürmchen in den gleißenden Lichtstreifen. Eine Fliege, welche die Nacht auf dem Fensterbrett verbracht hatte, strich sich mit den dünnen Beinchen die Flügel glatt und schwirrte hinaus in den neuen Morgen.

Es war fünf Uhr siebenunddreißig, als der erste Sonnenstrahl die Nasenspitze der bildhübschen jungen Frau berührte, die ruhig und gleichmäßig atmend im Tiefschlaf lag. Ihr langes kastanienbraunes Haar, das wie aufgefächert auf dem weißen Kopfkissen lag, begann in verschiedenen Rottönen zu leuchten.

Mehr brauchte Anne Gerber nicht, um wach zu werden. Einen Wecker? Nein, so etwas hatte sie noch nie besessen. Sie liebte das Leben. Und wenn sie abends zu Bett ging, dann freute sie sich immer schon auf den nächsten Tag, den sie wie ein Geschenk willkommen hieß.

Und so, wie man ein Kind niemals dazu ermahnen musste, sein Geburtstagsgeschenk endlich auszupacken, brauchte auch Anne kein Weckerklingeln, um ihren neuen Tag auszupacken und so schnell wie möglich herauszufinden, was Schönes, Neues oder Aufregendes in ihm steckte.

Du lebst nur einmal, das war ihr Motto, und dieses eine Mal wollte sie voll auskosten.

Sie schlug die Augen auf, sprang eine Sekunde später aus dem Bett und legte auch direkt los.

Fünfzig Kniebeugen am offenen Fenster, um die Gelenke zu ölen. Dann zwanzig Liegestütze, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Und abschließend noch ein paar Yogaübungen, um ihre fünf Sinne zu wecken, die sie brauchte, um das Maximum aus diesem neuen Tag herauszuholen.

Zehn Minuten später ging sie ins Bad, drehte das Wasser in der Duschkabine auf und stellte sich ohne zu zögern unter den eiskalten Regenguss.

Um Punkt sechs war sie mit allem fertig. Sie hatte ihre Haare zu einem strammen Pferdeschwanz gebunden und ihre Laufsachen angezogen. Knallgelbe Shorts und dazu ein neongrünes, bauchfreies Top. Knallige Farben, damit sie weithin sichtbar war und nicht unter irgendwelche Räder geriet.

Fünf Kilometer lief sie jeden Morgen. Auch wenn es regnete, schneite oder gerade die Welt unterging. Kaffee und Frühstück gab es erst hinterher. Als Belohnung. Ohne Fleiß – oder, besser gesagt, Schweiß – kein Preis.

Nicht, dass Anne etwa masochistisch veranlagt gewesen wäre. Nein, all das kostete sie kein bisschen Überwindung. Sie liebte es, sich zu bewegen. Sie brauchte es sogar, denn sie war so randvoll mit Lebensenergie, dass sich vermutlich ein gewaltiger Überdruck angestaut hätte und sie explodiert wäre, wenn sie ihre ungeheuren Energien nicht ständig in schweißtreibende Aktivitäten umgesetzt hätte.

Zum Glück hatte sie sich auch für den passenden Beruf entschieden. In einem Büro oder in einem Laden wäre sie verrückt geworden. Sie hatte sich vor drei Jahren, mit neunzehn, als Personal Trainer selbstständig gemacht. Die dafür nötige Ausbildung hatte sie bereits während der letzten Jahre am Gymnasium absolviert.

Hauptsächlich scheuchte sie die Damen der feinen Gesellschaft durchs Grüne. Das war gar nicht so einfach, denn viele von denen glaubten, es genüge, ihr das geforderte Honorar zu bezahlen, und Anne brächte dann die schön definierten Muskeln, den flachen Bauch und den dellenlosen Po in der Papiertüte mit.

Sie waren nicht daran gewöhnt, dass man sich für etwas, für das man sowieso schon bezahlt hatte, auch noch anstrengen musste.

Manche der zimperlichen Ladies schienen einer Ohnmacht nahe, wenn sie hörten, dass sie durch den Wald laufen oder mitten auf irgendwelchen ungepflegten Wiesen irgendwelche Übungen machen sollten.

Schlangen, Giftpilze, Zecken, Spinnen, das schreckliche Baumsterben, das womöglich ansteckend sein könne – sie kamen mit den verrücktesten Ausreden daher.

Eine Teilnehmerin hatte Anne neulich einen Zeitungsausschnitt unter die Nase gehalten, in dem behauptet wurde, dass ein Wolf im Frankfurter Stadtwald gesehen worden wäre. Anne hatte der Frau erklärt, dass das Tier, so es denn nicht bloß ein entlaufener struppiger Hund gewesen war, ihr aufdringliches Parfum schon aus zehn Kilometern Entfernung wittern und sich schleunigst verkrümeln würde.

Anne verließ ihre geräumige Zweizimmerwohnung, schloss die Tür ab und versteckte den Schlüssel im Kelch einer blutroten Tulpe an dem scheußlichen Kunstblumenkränzchen, das sie eigens dafür an die Tür gehängt hatte.

Vor ein paar Wochen war ihr der Schlüsselbund beim Laufen aus der Hosentasche gefallen, sie hatte ihn nicht wiedergefunden, und der Schlüsseldienst hatte ihr für einen Arbeitsaufwand von drei Minuten mehr als fünfhundert Euro abgeknöpft.

Dazu waren natürlich noch die Kosten für ein neues Schloss und neue Schlüssel gekommen. Sie wollte schließlich keinen Überraschungsbesuch von demjenigen, der ihren Schlüsselbund gefunden hatte, riskieren.

So etwas wollte sie nicht noch einmal erleben. Deshalb der Kranz mit der peinlichen Aufschrift „Tritt ein, bring Glück herein“. Der war so potthässlich, dass selbst der gierigste Einbrecher sich nicht daran vergreifen würde.

Sie rannte die Treppe nach unten und sah, als sie auf dem letzten Treppenabsatz angekommen war, dass die Haustür sperrangelweit offen stand. Darüber freute sie sich, denn sie hasste Verzögerungen aller Art, und so konnte sie, ohne das Tempo zu verringern, gleich in einem Schuss durchlaufen.

Zu spät sah sie den jungen Mann, der, einen großen, in eine Decke gehüllten Gegenstand in beiden Armen schleppend, genau in dem Augenblick um die Ecke kam, in dem sie durch die Tür sauste.

Bevor sie hart mit ihm zusammenprallte, schoss ihr noch durch den Kopf, dass das Ding unter der Decke in Größe und Form wie eine Leiche aussah. Ein menschlicher Körper, der sich gerade im Stadium der Totenstarre befand.

Das Ding fiel ihm aus den Armen, irgendetwas traf Anne so heftig an der Stirn, dass sie Sternchen sah, dann schepperte es, und als sie zu Boden blickte, lag da eine Frau vor ihr. Allerdings nicht im Ganzen. Ihr Kopf, der Anne im Fallen an der Stirn getroffen hatte, kullerte gerade in Richtung Straße davon. Eines ihrer Beine war im Oleanderbusch gelandet, das andere hing noch an dem Rumpf, der vor Annes Füßen lag.

„Shit! Ich meine natürlich, es tut mir wahnsinnig leid! Wer ist … wer war das denn?“

„Das war die Jungfrau von Orleans“, erwiderte der Mann und klang dabei ziemlich bekümmert.

„Ich bezahle sie natürlich. War die teuer?“

„Zum Glück noch nicht, denn das war erst das Gipsmodell. Aber ich habe einen ganzen Monat gebraucht, bis sie perfekt war.“

Anne sprang die drei Stufen, die zur Straße führten, in einem Satz hinab und schnappte sich den Kopf, ehe er unter die Räder eines Autos geraten konnte.

„Kann man die vielleicht wieder kleben?“, fragte sie hoffnungsvoll und hielt ihm den Frauenkopf wie eine Opfergabe entgegen.

„Ich denke schon.“

„Ich komme natürlich für den Klebstoff auf. Wie viele Tuben soll ich besorgen?“

Er schüttelte lachend den Kopf, während er die einzelnen Körperteile wieder in die Decke packte.

„Das mache ich mit nassem Gips. Wenn man ihn gut verschmiert, sieht man die Bruchstellen vermutlich gar nicht mehr.“

„Sind Sie Bildhauer?“

„Ja.“

„Dann haben Sie also das riesige Loft im Erdgeschoss gemietet? Fast dreihundert Quadratmeter und große Fenster. Ich habe es mir angesehen.“...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.