E-Book, Deutsch, Band 504, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
Graf Der Notarzt 504
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8727-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der wahre Kampf ums Leben
E-Book, Deutsch, Band 504, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
ISBN: 978-3-7517-8727-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emil Rohrmoser, der Verwaltungsdirektor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, bekommt einen riesigen Schreck, als seine langjährige Sekretärin Irene Busswald plötzlich mitten im Diktat ohnmächtig zusammenbricht. Was fehlt der sonst immer so munteren, zuverlässigen Frau? Dr. Peter Kersten, der Leiter der Notaufnahme, findet es bald heraus: Irene und ihr Mann sind völlig erschöpft von der Sorge um ihre neunzehnjährige Nichte Daria, die seit dem Tod ihrer Eltern bei ihnen wohnt. Dem Mädchen fehlt jeder Lebensmut, dreimal hat es schon versucht, sich das Leben zu nehmen, und Onkel und Tante wissen nicht mehr aus noch ein. Peter Kersten entschließt sich zu einem außergewöhnlichen Schritt: Kurzentschlossen beordert er Daria ins Krankenhaus, wo sie als Hilfsschwester Irene Busswald pflegen soll. Doch bald bereut er seinen Entschluss, denn er hat nicht nur die Verantwortung für die lebensmüde junge Frau, sondern muss sich auch noch um den jungen Assistenzarzt Bastian Wilson kümmern, der zwar ein begabter Mediziner, aber so unselbstständig und unsicher ist, dass er den ganzen Betrieb aufhält. Als in der Klinik der Strom ausfällt und sich auf der Straße ein schreckliches Verbrechen ereignet, bekommen die beiden jungen Leute Gelegenheit zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Doch werden sie ihre Chane auch nutzen?
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der wahre Kampf ums Überleben
Dr. Kersten und eine außergewöhnliche Therapie der Hoffnung
Karin Graf
Emil Rohrmoser, der Verwaltungsdirektor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, bekommt einen riesigen Schreck, als seine langjährige Sekretärin Irene Busswald mitten im Diktat ohnmächtig zusammenbricht. Was fehlt der sonst immer so munteren, zuverlässigen Frau?
Dr. Peter Kersten, der Leiter der Notaufnahme, findet es bald heraus: Irene und ihr Mann sind völlig erschöpft von der Sorge um ihre neunzehnjährige Nichte Daria, die seit dem Tod ihrer Eltern bei ihnen wohnt. Dem Mädchen fehlt jeder Lebensmut, dreimal hat es schon versucht, sich das Leben zu nehmen, und Onkel und Tante wissen nicht mehr aus noch ein.
Peter Kersten entschließt sich zu einem außergewöhnlichen Schritt: Kurzentschlossen beordert er Daria ins Krankenhaus, wo sie als Hilfsschwester Irene Busswald pflegen soll. Doch bald bereut er seinen Entschluss, denn er hat nicht nur die Verantwortung für die lebensmüde junge Frau, sondern muss sich auch noch um den jungen Assistenzarzt Bastian Wilson kümmern, der zwar ein begabter Mediziner, aber so unselbstständig und unsicher ist, dass er den ganzen Betrieb aufhält.
Als in der Klinik der Strom ausfällt und sich auf der Straße ein schreckliches Verbrechen ereignet, bekommen die beiden jungen Leute Gelegenheit zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Doch werden sie ihre Chance auch nutzen?
»... erlaube ich mir, Komma, Sie in aller Höflichkeit darauf hinzuweisen, Komma, dass Sie sich bei der Abrechnung nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr, Komma, diesmal um ganze drei Cent, Komma, zu Ihren Gunsten verrechnet haben. Punkt. Oder noch besser ein Ausrufezeichen. Haben Sie es?«
Emil Rohrmoser, der Verwaltungsdirektor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, schaute seine Sekretärin herausfordernd an.
»... um ganze drei Cent zu Ihren Gunsten ...«, murmelte Irene Busswald, während ihre Hand, die den Kugelschreiber hielt, nur so übers Papier flog.
»Weiter sind Sie noch nicht?«, stellte Direktor Rohrmoser sie schroff zur Rede. »Haben Sie nach jedem einzelnen Wort Urlaub am Wannsee gemacht, oder was?«
»... verrechnet haben. Sie diktieren heute ein bisschen zu schnell, Herr Direktor«, rechtfertigte sich die adrette Fünfzigjährige. »Außerdem habe ich Kopfschmerzen und kann mich nicht so gut konzentrieren.«
»Kopfschmerzen? Ha!« Emil lachte trocken auf. »Das kenne ich. Das ist eine ganz faule Ausrede. Meine Gattin hat auch immer Kopfschmerzen, wenn ich sie am Sonntagmorgen – dem einzigen freien Tag in der Woche, den ich mir gönne und an dem ich mal ein bisschen länger schlafen könnte – bitte, mit Santa Gassi zu gehen.«
»Nun ...« Irene schaute ihren Chef über den Rand ihrer Lesebrille hinweg an. »Ich würde jetzt liebend gerne mit Santa Gassi gehen. An der frischen Luft bekäme ich vermutlich rasch einen klaren Kopf, und ich mag Ihren kleinen Hund sehr. Nur das Konzentrieren bereitet mir heute ein bisschen Probleme.«
»Warum stenografieren Sie nicht einfach?«, fragte Emil Rohrmoser ein bisschen milder gestimmt. Wer seinen kleinen Hund mochte, der Santa wie Santa Claus hieß, weil er ihm neulich kurz vor Weihnachten zugelaufen war, der konnte schließlich kein schlechter Mensch sein.
»Stenografieren geht schneller!«, fügte er noch hinzu.
»Ich kann nicht stenografieren«, gestand Irene Busswald. »Das wird schon lange nicht mehr unterrichtet, weil es heutzutage kein Mensch mehr braucht. Es gibt doch Diktiergeräte. Warum haben Sie den Brief nicht einfach auf ein Diktiergerät gesprochen, Herr Direktor? Sie haben doch eines. Dann hätte ich ihn in aller Ruhe abtippen ...«
»Nicht frech werden, Busswald!«, fiel ihr der Verwaltungsdirektor schroff ins Wort. »Ruhe können Sie sich in Ihrer Freizeit gönnen. Für Ruhe werden Sie nicht bezahlt. Und wie komme ich dazu, meine Briefe in einen unansehnlichen Blechkasten sprechen zu ...«
Emil brach ab und zuckte grinsend mit den Schultern.
»Na ja, das wäre eigentlich Jacke wie Hose, denn besonders ansehnlich sind Sie ja auch nicht gerade. Aber einen Blechkasten anzuschreien, das macht mir keinen Spaß. Dem ist das nämlich wurst. Sie hingegen, Sie gucken immer so wundervoll bedröppelt, wenn man Sie mal nicht mit Samthandschuhen anfasst.«
Irene Busswald musste sich ein amüsiertes Auflachen verkneifen. Als ob Direktor Rohrmoser sie oder sonst irgendjemanden jemals mit Samthandschuhen angefasst hätte. Vermutlich besaß er gar keine Samthandschuhe.
Ihr bedröppelter Gesichtsausdruck, wie er es nannte, war jedoch immer nur gespielt, weil sie wusste, dass es ihm große Freude bereitete, andere Leute vor den Kopf zu stoßen. Sie ließ sich von seinem ruppigen Umgangston schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen.
Anfangs, vor fast dreißig Jahren, hatte sie beinahe täglich überlegt, auf der Stelle zu kündigen, wenn er gezetert, gepöbelt, sie angeschnauzt, ihr gedroht, gemeckert, gemosert und gemotzt hatte. Damals hatte seine unberechenbare Art sie zutiefst erschreckt.
Doch recht bald war sie dahintergekommen, dass Herr Rohrmoser ein Schaf im Wolfspelz war. Er fletschte gerne die Zähne, er knurrte bedrohlich, schmiss mit Beleidigungen nur so um sich und mimte den skrupellosen Diktator.
Vermutlich hatte er bei seinen zahlreichen Ausbildungen zum Spitzenmanager gelernt, dass man als solcher eiskalt, beinhart und gnadenlos vorgehen müsse und keinesfalls Gefühle oder gar Mitleid zeigen dürfe, weil einem sonst alle auf der Nase herumtanzten. Daran hielt er sich und fand sogar Spaß daran. Es funktionierte auch recht gut.
Keine der Krankenversicherungen oder der Firmen, mit denen er stets zu tun hatte, wagte jemals den Versuch, ihn zu übervorteilen oder sich mit ihm über zweifelhafte Beträge zu streiten, denn er schlug selbst bei einem einzelnen Cent, der ihm zu viel berechnet wurde oder den er von einer der Krankenversicherungen zu wenig vergütet bekam, einen solchen Krach, als ob es sich um einen Millionenbetrag handelte.
Was er bei Außenstehenden bitterernst meinte, war bei den Angehörigen der Sauerbruch-Klinik jedoch nur ein Spiel, das ihm Vergnügen bereitete. Ernst meinte er es bei den eigenen Leuten so gut wie nie, und Irene hatte recht bald begriffen, dass man sich im Fall der Fälle blind auf ihn verlassen konnte.
Eine solche Verhaltensweise war ihr weitaus lieber als die jener Leute, die einem zuckersüß kamen und einem dann ein Messer in den Rücken rammten, wenn man sich umdrehte. Deshalb gönnte sie ihrem Chef das Vergnügen und spielte mit.
»Es tut mir sehr leid, Herr Direktor«, entschuldigte sie sich deshalb jetzt gespielt unterwürfig. »Bitte diktieren Sie weiter, ich werde mir jetzt mehr Mühe geben.«
»Hoffentlich!« Emil Rohrmoser verdrehte seufzend die Augen. »Andernfalls müsste ich annehmen, dass Sie langsam alt und senil werden. In diesem Fall wäre ich dazu gezwungen, Sie durch eine jüngere Sekretärin zu ersetzen.«
»Wie Sie ...« Irene biss sich auf die Unterlippe. Wie Sie meinen, hatte sie gelassen erwidern wollen, denn erstens handelte es sich dabei ja ohnehin nur um eine leere Drohung, die sie regelmäßig zu hören bekam, und zweitens wäre es ihr egal gewesen. Ihr Mann verdiente als Dirigent des Opernorchesters sehr gut, und sie könnte es sich durchaus leisten, mit fünfzig in Frühpension zu gehen.
»Oh, bitte nicht!«, flehte sie stattdessen, um ihm eine Freude zu machen. »Ich brauche das Geld!«
»Dann tun Sie gefälligst auch was dafür!«, knurrte der Verwaltungsdirektor. »Umsonst ist nur der Tod. Sagt man, stimmt aber nicht.« Er stieß ein verächtliches Grunzen aus.
»Deshalb habe ich bereits testamentarisch festgelegt, dass ich nach meinem Hinscheiden in eine gebrauchte Umzugskiste verpackt werde. Statt eines Grabsteins verlange ich ein handgefertigtes Pappschild, auf dem mein Name steht, und meine letzte Ruhestätte soll statt Blumen nur Goldie, mein Sparschwein zieren, in das die Besucher Münzen werfen sollen. Ich möchte das himmlische Klimpern auch als tote Leiche nicht missen müssen.«
»Das ... hört sich sehr originell an«, behauptete Irene. »Ich werde Sie dann bestimmt öfter mal aufsuchen und Münzen in Goldie werfen.«
»Ihr Schwein pfeift wohl!«, brauste Emil auf. »Wer sagt denn, dass Sie mich überleben? Sie sehen doch jetzt schon ziemlich verblüht und welk aus, während ich gerade erst einmal in voller Blüte stehe. Also hüten Sie Ihre vorlaute Zunge, sonst muss ich Sie doch noch entlassen.«
»Nur das nicht! Es tut mir leid«, entschuldigte sich Irene Busswald abermals und senkte den Kopf.
Emil Rohrmoser war nicht dumm. Ganz im Gegenteil. Er wusste genau, dass seine Sekretärin nur so tat, als ob sie übermäßig viel Respekt oder gar Angst vor ihm und seinen Drohungen hätte. In Wahrheit musste sie sich fest auf die Unterlippe beißen, wie er wohl bemerkte, um nicht laut aufzulachen.
Was er ebenfalls wusste, war,...




