E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Graf Tanz an der Limmat
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7152-7575-8
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Marco Biondi
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7152-7575-8
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sandra war drei Jahre alt, als ihre Mutter Helen von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Zwanzig Jahre später – die Tochter ist nun so alt wie die Mutter damals, als sie ging – werden Sandra von einem Notar die Hinterlassenschaften ihrer Mutter übergeben: Notizhefte, Tagebücher und ein Brief. Sandra, die immer den Verdacht hatte, dass Helen sie nicht freiwillig im Stich gelassen hat, sieht in den Dokumenten Beweise für die Ermordung ihrer Mutter. Marco Biondi ist eigentlich Drehbuchautor fürs Fernsehen. Aber er ist auch sehr neugierig und bietet als Privatdetektiv Nachforschungen aller Art an. Sandra beauftragt ihn, der Sache nachzugehen, und nennt ihm einen Namen: Moritz Kobel. Wenige Tage später ist Kobel tot – und Sandra verschwunden. Eine Spur führt Biondi zurück in die siebziger Jahre, als an der Zürcher Riviera der Tanz um die harten Drogen begann. Doch die Gründe für Helens Verschwinden liegen ganz woanders …
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1
Der Kies knirschte unangenehm laut, als ich den Friedhof Manegg betrat. Es war ein viel zu heißer Tag im Spätsommer, die Sonne hing drohend über meinem Kopf und brannte sich in meinen Nacken. Schweißperlen bildeten sich unter meinem Hemd, flossen wie ein kleiner Bach. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich zu spät dran war, noch später als ich es gewollt hatte. Ich war nicht oft in Wollishofen unterwegs. Ging ich früher noch ab und zu an Konzerte in der Roten Fabrik, so beschränkten sich meine Besuche im Quartier seit einiger Zeit hauptsächlich auf jene Tage, an denen ich im Pflegeheim an der Paradiesstraße einen Mann besuchte, der leise vor sich hin sabbernd dem Tod entgegendämmerte. Dieser Mann war einst ein bekannter Fußballer gewesen, der es aber später im Leben zu nichts gebracht hatte. Ein Tyrann, der seinen Kindern das Leben zur Hölle machte, so sehr, dass sie sich von ihm abwandten, ihn alleine ließen, bis er eines Tages in seiner Wohnung gefunden wurde, unfähig, sich zu bewegen, im eigenen Kot liegend, halbseitig gelähmt nach einem Schlaganfall. Marianne, die Tochter, war eine Zeit lang meine Freundin gewesen. Sie war es, die mich dazu überredet hatte, ihren alten Vater, vor dem sie sich ekelte, ab und zu einen Besuch abzustatten. Da eine Kommunikation mit dem alten Mann nicht mehr möglich war, oder er sich weigerte, meine Versuche, mit ihm Kontakt aufzunehmen, zu beachten, waren die Besuche nicht unangenehm. Ich erzählte ihm die Resultate der aktuellen Fußballmeisterschaft, redete manchmal auch über Dinge, die er nicht verstanden hätte, selbst wenn er noch hätte verstehen können. Marianne war längst verheiratet, meine Besuche wurden unregelmäßiger, doch ich brachte es nicht übers Herz, ganz damit aufzuhören, auch wenn ich mir oft genug einredete, dass das nur sentimentaler Blödsinn war. Marianne hatte seit drei Jahren nicht mehr nach ihrem Vater gefragt.
Während ich ein wenig orientierungslos auf den Kieswegen des Friedhofs herumschlurfte, dachte ich daran, dass Mariannes Vater auch eines Tages an diesem Ort beerdigt sein würde, und dass dann vielleicht Besuche am Grab für Marianne wieder denkbar würden, da der Tod immer auch der Beginn des großen Vergessens ist, und Vergebung oft nur durch Vergessen möglich ist.
Ich ging an Gräberreihen vorbei, las zwischendurch Namen, die mir nichts bedeuteten und zuckte jedes Mal ein wenig zusammen, wenn einer der Grabsteine enthüllte, dass darunter das Skelett eines Menschen lag, der weniger alt geworden war als ich, der Betrachter, der schwitzend die oft gleichlautenden Inschriften las.
Meine Begeisterung für Friedhöfe hielt sich in Grenzen. Ich benötigte keine Grabsteine, um mich an Menschen zu erinnern, die ich mochte und die nicht mehr waren. Als Jugendlicher machte ich mir einen kleinen Sport daraus, stundenlang Gräber abzugehen und mir Geschichten auszudenken über die Toten, wie sie gelebt hatten, wie sie gestorben waren. Absurde Geschichten oft, aber auch traurige, entsetzlich romantische, wie sie nur Jugendliche und Greise träumen können. Die Nüchternheit zürcherischer Friedhöfe lädt allerdings kaum zum Träumen ein. Deshalb bevorzugte ich in meiner Jugend Spaziergänge auf südländischen Friedhöfen, auf denen die Grabsteine mit Fotos der Toten geschmückt waren.
Weiter vorne hörte ich Geräusche, ich atmete tief durch, zog mein Jackett zurecht und ging durch eine Reihe von Gräbern, die links neben dem Kiesweg lagen, weil ich mir erhoffte, von da aus einen besseren Überblick zu haben. Eine Parkbank war leer, ich setzte mich. Drei Grabreihen vor mir standen zwei ältere Frauen, beide mit dem Rücken zu mir. Anhand der leichten Zuckungen, welche den Körper der einen Frau unruhig wirken ließen, nahm ich an, dass sie weinte. Die andere Frau stützte ihr einen Arm, vermied es aber nach unten auf den Grabstein zu schauen. Sie reckte ihren Kopf nach oben, als wolle sie die Wetterlage erkunden.
Ich kramte in meiner Jackettasche nach der Todesanzeige, die keine war. Die Beerdigung wurde nur in der kleinen Spalte links außen angekündigt. Da es schon eine Weile her war, seit ich zuletzt einer Beerdigung beigewohnt hatte, rätselte ich darüber, wie lange die Prozedur dauern würde, die Begegnung mit dem Pfarrer und all den Trauernden wollte ich vermeiden, da ich selbst keine Trauer verspürte und nur Trauer das Ritual einer Beerdigung erträglich macht, denn wie jedes Ritual, neigen auch Beerdigungen dazu, für Außenstehende entsetzlich komisch zu sein.
Nachdem eine weitere Viertelstunde verstrichen war, stand ich auf und suchte nach dem Schild, auf dem die Richtung zu den Erdbestattungen angezeigt wurde. Ich näherte mich langsam den frisch aufgeschütteten Gräbern mit den schlichten, provisorischen Holzkreuzen und stellte mir die Steinmetze vor, die gerade dabei waren, Namen und Jahreszahlen in den Stein zu hämmern. Weiter vorne sah ich ein älteres Paar, einen Pfarrer und einen Sarg, der neben dem Erdloch aufgebahrt war. Als ich mich näherte, schauten mich sechs Augen erwartungsvoll an. Es war zu spät, um umzukehren, der Pfarrer lächelte, als ich mich neben das Paar stellte, die Frau beäugte mich misstrauisch, der Mann gähnte.
»Fangen Sie endlich an!« Die Stimme der Frau war viel zu hoch, sie piepste beinahe wie ein Singvogel. Der Mann neben ihr erschrak ob der Heftigkeit der Worte, während der Pfarrer betreten dreinschaute und nach einer kurzen Atempause seinen Text aufsagte. Er wusste offenbar nicht viel über den Toten, begnügte sich mit Allgemeinplätzen und versuchte krampfhaft, würdevoll zu wirken, was absurd war angesichts der Hitze und der Lächerlichkeit der Situation, wenn er beispielsweise von der Trauergemeinde sprach und gleichzeitig der alte Mann laut in sein Taschentuch schnäuzte, und selbst ich befürchtete, meine Atemzüge könnten unangenehm auffallen.
»Reden Sie nicht so viel, sorgen Sie dafür, dass er begraben wird und seine Ruhe hat.« Sie trat einen Schritt vor, was der Pfarrer wohl als Bedrohung empfand. Er winkte die Friedhofangestellten herbei, die sich sogleich daran machten, den Sarg in das Erdloch abzuseilen.
»Haben Sie ihn gut gekannt?« Sie sprach leiser, doch noch immer piepste ihre Stimme, ein unangenehmer Klang, den ich nicht sehr lange ertragen hätte. Ich überlegte mir, ob eine Stimme ein plausibler Scheidungsgrund sein könnte, der Mann neben ihr schien sich allerdings daran gewöhnt zu haben, er zuckte nur zusammen, wenn die Worte der Frau Befehlscharakter hatten.
Ich sagte ihr, dass ich den Toten nicht gekannt hätte, was auch der Wahrheit entsprach.
»Sehr gut. Freunde hatte er nämlich genug. Falsche Freunde. Sie sehen ja, wo sie geblieben sind. Jetzt hat er nur noch mich.« Ich wunderte mich darüber, dass die Frau nicht wissen wollte, weshalb ich der Beerdigung beiwohnte, doch sie war so erregt, dass sie mich kaum zu beachten schien.
Sie zeigte auf den Mann neben ihr. »Das ist Eugen. Wir sind zusammen im Heim. Ich habe ihm gesagt, dass er mitkommen soll, ich wollte nicht allein auf dem Friedhof herumstehen. Moritz war ein armer Kerl, aber er war auch selbst schuld. Mich hat er auch nicht mehr besucht, hat nur noch gesoffen und gejammert.«
Ich nickte. Eugen war das alles sichtlich peinlich, er schaute abwechselnd auf seine viel zu große Armbanduhr und auf den Horizont, der noch immer wolkenfrei war. Er schwitzte stärker als ich, nur die alte Frau schien nicht zu schwitzen, obwohl sie dickere Kleider trug, als ich im Januar zu tragen pflege.
»Dass es so enden musste. Dabei hatte er alle Möglichkeiten. Mein Mann und ich haben gerackert für ihn. Mein Mann starb während der Arbeit, zwei Jahre vor der Pension, der hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen, das war ein guter Mann.«
Als sie dies sagte, zuckte Eugen zusammen, berührte ihren Arm, versuchte ihren Ellbogen festzuhalten, doch die Frau machte einen Schritt in meine Richtung, beachtete den Pfarrer nicht mehr, ein sehr junger Pfarrer, wie mir erst jetzt auffiel, der hilflos herumstand.
»Da hat man einen Buben großgezogen, bärenstark war er, ich habe dafür gesorgt, dass er jeden Tag Fleisch auf dem Teller hatte als Kind, das ist wichtig, Fleisch und Fisch, und jetzt? Ist er vor mir tot und war doch noch so jung. Er hätte doch noch Chancen gehabt im Leben.«
Sie drehte sich zu Eugen um, dieser nickte, wagte aber noch immer nicht, etwas zu sagen. Vermutlich dachte er an das wohlige Prickeln eines kalten Biers auf der Zunge, etwas, dem auch ich nicht hätte widerstehen können. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der junge Pfarrer wegging, kopfschüttelnd, während das Grab zugeschaufelt wurde. Die Mutter des Toten blieb neben dem Grab stehen, schaute aber in eine andere Richtung. Ich drehte mich in ihre Blickrichtung und sah, wie ein Mann, auffällig gekleidet, viel zu elegant, viel zu hell, mit einer modischen Sonnenbrille auf der Nase, sich abwandte und durch das Labyrinth der Kieswege umständlich davoneilte. Die Mutter des Toten tat etwas, was Eugens Augen vor Entsetzen weit öffnete und wohl dem jungen Pfarrer eine Glaubenskrise beschert hätte, wäre er Augenzeuge der Tat geworden. Sie spuckte auf eines der noch frischen Gräber und zeigte mit gestrecktem Zeigefinger in die Richtung, in die der Mann mit der Sonnenbrille verschwunden war.
»Das war sicher einer der falschen Freunde. Genau so sehen sie aus. Elegant angezogen und darunter ein Haufen Scheißdreck.«
»Luisa, das ist die Beerdigung deines Sohnes«, stammelte Eugen. Sie wischte den Satz mit einer energischen Handbewegung weg.
»Der Moritz hat es nicht verdient, dass wir uns hier wie Idioten benehmen. Er hatte immer eine Vorliebe für das Deftige, weshalb also soll ich mich zurückhalten? Was haben Sie hier überhaupt verloren,...




