E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Graf Ticket für die Ewigkeit
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7152-7525-3
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7152-7525-3
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roger Graf, 1958 in Zürich geboren, schrieb bereits während seiner Ausbildung zum Sportartikelverkäufer erste Gedichte und Kurzgeschichten. Er verfasste Filmkritiken und ersann fürs Radio Satiren, Sketche, Spiele und Nonsens. 1989 konzipierte Graf die Hörspielreihe Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney. Er schrieb und produzierte während 30 Jahren über 400 Folgen und ist Autor von zehn Kriminalromanen. Graf lebt als Hörspielautor und Schriftsteller in Zürich.
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1
Die dritte Leiche hatten sie aus dem Hudson-River gezogen. Sie stank nach Fisch und sah aus wie eine Makrele, die zu lange in der Sonne gelegen hatte. Spätestens da begriff ich, dass ich dieses Buch schon einmal gelesen hatte. Ich schmiss es in den Papierkorb und machte mir einen Kaffee. Seit einer Woche hatte niemand außer mir mein Büro betreten. Ich hatte noch Reserven für zwei Monate, aber was waren schon zwei Monate? Ich wünschte mir einen dicken fetten Klienten mit einer dicken fetten Brieftasche. Doch seit die Rezession die Teller der Leute leer gefegt hatte, gab es immer weniger dicke fette Klienten, und die paar wenigen, die es noch gab, beschäftigten ein Heer von Anwälten und waren nicht auf die Dienste eines Privatdetektivs angewiesen. Ich stellte mich ans Fenster und schaute den Leuten zu, die auf dem Trottoir gingen und so taten, als sei alles in Ordnung. Vermutlich war es das auch für die meisten. Die ältere Frau von der anderen Straßenseite starrte aus dem halb geöffneten Fenster zu mir herüber. Vor zwei Monaten war ihr Mann gestorben. Einen Tag lang war sie nicht zu sehen. Doch schon am nächsten Tag war sie wieder da und starrte aus dem Fenster. Was auch immer sie da sah, es musste gerade gut genug sein, noch eine Weile am Leben zu bleiben. Während ich mir so meine Gedanken machte, klopfte es an der Tür. Ich drehte mich um, atmete tief durch, dachte an den dicken fetten Mann und setzte jenes Lächeln auf, das in meiner Kindheit meine nächsten Angehörigen davon überzeugen konnte, mich doch nicht an die Nachbarn zu verschenken.
Der dicke fette Mann war weder dick noch fett noch war er ein Mann. Ich schätzte sie um die Dreißig. Sie hatte die Haare zurückgebunden und ihr helles T-Shirt war voll grauer Flecken. Sie war klein, trug Turnschuhe und auf ihrem Gesicht glänzte ein Film aus Schweiß. In ihrer rechten Hand trug sie ein Mobiltelefon. Ich überlegte mir, ob ich in den letzten Tagen Handwerker bestellt hatte. Ich hatte nicht.
»Ich heiße Jasmin Weber. Ich bin hier neu eingezogen …«
»Tatsächlich? Da wird sich der Vermieter aber freuen. Ich habe mit ihm eine Wette abgeschlossen, dass er niemanden finden wird, der neu in diese Bruchbude einzieht, ehe er nicht einige Reparaturen gemacht hat.«
»Meinen Sie die defekten Stromleitungen im Treppenhaus?«
»Unter anderem. Wissen Sie, es treiben sich ab und zu Lebensmüde in der Gegend herum. Die haben vermutlich herausgefunden, dass man in diesem Haus leicht befördert werden kann.«
»Ohne Lift?«
»Ganz nach oben. Das geht auch ohne Lift.«
»Ich habe die Stromleitungen repariert. Sie können also ruhig wieder nachts durch die Gänge torkeln.«
»Wer sagt, dass ich nachts torkle?«
»Na ja, man hört so einiges.«
»Sind Sie Handwerkerin?«
»Nein. Kollegin.«
»Kollegin? Kann man davon leben?«
»Berufskollegin. Zumindest beinahe.«
»Was denn? Hier im Haus? Eine zweite Detektivin?«
»Ich habe mich auf vermisste Personen spezialisiert.«
Ich schluckte einmal leer und schaute ratlos auf die kleine drahtige Frau vor mir. Dieser Schweinehund von einem Hausverwalter hatte mir eine zweite Detektei untergejubelt und das in einer wirtschaftlich mehr als schwierigen Zeit. Ich überlegte mir, ob ich dem Kerl eine runterhauen sollte, wenn ich ihn das nächste Mal zu Gesicht bekommen würde, ließ aber von dem Gedanken ab, da ich mir keine Klage wegen Körperverletzung leisten konnte. Stattdessen ließ ich Jasmin Weber zu mir ins Büro kommen und bot ihr jenen Stuhl an, den ich gekauft hatte, um all die dicken fetten Hintern dicker fetter Männer mit dicken fetten Brieftaschen zu stützen. Ich bot ihr einen Kaffee an und sie lächelte, als ich die zweite Tasse aus dem Schrank holte und spülte.
»Mein Freund hat eine Schwester, die vor ein paar Jahren verschwunden ist. Er hat schon alles Mögliche unternommen, um sie wiederzufinden. Er hat mittlerweile geerbt und ihr gehört die Hälfte davon.«
»Und dann haben Sie sie gesucht und auch prompt gefunden?«
»Nicht ganz. Es dauerte über drei Monate. Ich fand sie schließlich in Spanien. Sie ist mit einem Piloten verheiratet, hat drei Kinder und ist ganz glücklich.«
»Und seither suchen Sie berufsmäßig nach vermissten Leuten?«
»Ja. Zuerst habe ich Germanistik studiert. Danach ein Informatikstudium begonnen und wieder abgebrochen. Später arbeitete ich eine Weile alles Mögliche. Das ging vor ein paar Jahren noch.«
»Ich hoffe nur, dass nicht alle arbeitslosen Akademiker auf die Idee kommen, Privatdetektiv zu werden.«
»Keine Angst. Dazu sind die meisten zu dämlich.«
»Danke.«
»Sie sind ja kein Unbekannter auf Ihrem Gebiet, Maloney. Ich staune, dass Sie noch immer in dieser Absteige hausen.«
»An die Mäuse und Ratten gewöhnt man sich.«
»Ratten? Ich kann die Viecher nicht ausstehen.«
»Keine echten.«
»Ach so.«
»Laufen Sie immer mit so einem Ding herum?«
»Das Funktelefon? Kommen Sie ohne aus? Du meine Güte … Ist das jetzt alte Schule oder Altersstarrsinn?«
»Ich fühle mich jung genug, Ihnen eine runterzuhauen, wenn es sein muss.«
»Ich bin in mehreren asiatischen Kampfsportarten ausgebildet.«
»Toll. Vermutlich besitzen Sie auch ein Skateboard für Verfolgungsjagden?«
Sie stand auf, machte einen Schritt in Richtung Fenster und blieb stehen. Ich mag keinen Small talk. Dafür muss man entweder ausgebildet oder geboren sein. Es gibt Leute, die werden als Apéro-Snack geboren. Ich gehöre nicht dazu. Ich tat so, als würde ich angestrengt über etwas nachdenken, doch Jasmin Weber beachtete mich nicht. Wir schwiegen uns eine Weile an, bis sie sich langsam umdrehte und mit ihrer Zungenspitze über die Unterlippe strich.
»An was für einem Fall arbeiten Sie gerade, Maloney?«
»Noch nie was von Berufsethos gehört, junge Frau?«
»Doch. Aber das beantwortet meine Frage nicht.«
»Du meine Güte. Wenn Sie jetzt auch noch penetrant werden, öffne ich das Fenster und schreie laut nach meiner Mutter.«
»In den vergangenen Tagen ist nie jemand zu Ihnen hochgekommen.«
»Tatsächlich? Ist mir gar nicht aufgefallen.«
»Ich hätte vielleicht etwas für Sie.«
»Glauben Sie ernsthaft, dass ich darauf angewiesen bin, Fälle einer Kollegin zu übernehmen? Wenn es so weitergeht, bieten Sie mir noch an, Ihr Assistent zu werden.«
»Wäre das so schlimm?«
»Ich bin nicht für Teamarbeit geboren. Wenn es so wäre, würde ich heute Fußball spielen oder der Ortsgruppe der anonymen Alkoholiker vorstehen.«
»Sind Sie trocken, Maloney?«
»Nur vor dem Duschen. Langsam ödet mich diese Konversation an.«
»Sie sind also an keinem Fall interessiert?«
»Na, rücken Sie schon raus damit. Was möchten Sie mir andrehen?«
»Ich habe zurzeit auch nur zwei Klienten. Aber der ganze Umzug war stressig und ich hätte nichts dagegen, etwas entlastet zu werden.«
Es war kaum zu glauben. Die Frau hatte tatsächlich zwei Klienten mehr als ich. Musste wohl an der besseren Werbung liegen, oder an ihrem Bekanntenkreis. Ich hatte mir schon überlegt, ein riesiges Inserat in einer der großen Tageszeitungen zu schalten, ließ es aber bleiben, als mir eine nette Dame am Telefon die Tarife durchgab. Alles hatte mit der Teuerung Schritt gehalten, nur nicht mein Bankkonto. Ich beschloss, noch eine Weile nett zu meiner neuen Nachbarin zu sein.
Sie erzählte mir von ihren Klienten. Fall eins war eine junge, etwas verstörte Frau, die seltsame Postkarten erhielt und vermutete, dass diese von ihrem Vater, den sie nie gekannt hat, stammten. Mir krausten sich die Nackenhaare bei dem Gedanken an einen solch abstrusen Fall. Fall zwei klang wesentlich interessanter. Ein Journalist war seit einem Monat spurlos verschwunden.
Jasmin Weber setzte sich auf die Kante meines Schreibtisches und legte ihr Funktelefon einen Moment lang aus der Hand.
»Die Sache mit dem Journalisten klingt doch interessant, nicht wahr, Maloney?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht hatte er persönliche Probleme. Wollte nochmals von vorn anfangen oder er hat sich in eine reiche Unternehmerin verknallt und die mag es nicht, dass er kritische Artikel schreibt. Und jetzt wandelt er, als liberaler Knutschfleck verkleidet, von einer Vorstandssitzung zur nächsten.«
»Es deutet aber nichts darauf hin, dass er wegen persönlichen Problemen abgetaucht ist.«
»Wer kann schon in das Gehirn eines Journalisten schauen? Muss noch übler aussehen als all die Zeitungen, die diese Leute vollklecksen.«
»Wie ist Ihr Tarif?«
»500 am Tag. Plus Spesen.«
»Ich schlage vor, Sie kümmern sich bis morgen um den Journalisten. Dann sehen wir weiter.«
»Vermisste zu suchen kann Monate dauern. Das haben Sie selbst gesagt.«
»Sie können mich jederzeit anrufen, wenn Sie was herausgefunden haben.«
»Moment mal. Ein bisschen dürftig die Informationen, die Sie mir da vorsetzen. Ich weiß noch nicht mal, wie der Kerl heißt.«
Sie glitt vom Schreibtisch und verschwand aus meinem Büro. Zwanzig Minuten später war sie wieder da. Frisch geduscht in einem engen blauen Kleid. Ich lächelte anerkennend und bot ihr an, wieder auf meinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Sie grinste und knallte ein dünnes Dossier auf den Tisch.
»Das ist alles, was ich habe.«
»Nun untertreiben Sie nicht. Eine Frau, die sich in so kurzer Zeit frisch machen kann, muss doch noch mehr zu bieten haben.«
»Lassen Sie das Gesülze. Das hier ist die Adresse der Freundin des Vermissten.«
»Ist...




