Graf | Üble Sache, Maloney! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Graf Üble Sache, Maloney!


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7152-7524-6
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7524-6
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sein bester Freund ist Whisky, er schläft am liebsten auf dem Boden unter dem Schreibtisch in seinem schäbigen Büro. Der kauzige Privatdetektiv begeistert seit über dreißig Jahren zahllose Krimifans, und das nicht nur in der Schweiz. Auch in Deutschland ist Philip Maloney längst Kult, und seine haarsträubenden Fälle machen süchtig. Der vorlaute Schnüffler mit zweifelhaftem Charakter und ständigen Geldsorgen hat immer einen frechen Spruch auf den Lippen und hangelt sich geschickt von Fall zu Fall und von Leiche zu Leiche. Nur die Frauen hemmen mitunter seine Zielstrebigkeit - und die Ermittlungen. Und noch einen Störfaktor gibt es: Hugentobler, seines Zeichens Kripobeamter, der sehr viele Makel hat, was Maloney so auf den Punkt bringt: »Dümmer als Topflappen.«

Roger Graf, 1958 in Zürich geboren, schrieb bereits während seiner Ausbildung zum Sportartikelverkäufer erste Gedichte und Kurzgeschichten. Er verfasste Filmkritiken und ersann fürs Radio Satiren, Sketche, Spiele und Nonsens. 1989 konzipierte Graf die Hörspielreihe Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney. Er schrieb und produzierte während 30 Jahren über 400 Folgen und ist Autor von zehn Kriminalromanen. Graf lebt als Hörspielautor und Schriftsteller in Zürich.
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Der große Schlaf


Es war eine dieser putzigen Villen, in denen ein Ehepaar problemlos zusammenleben kann, weil es sich oft wochenlang nicht begegnet. Ich ging durch das alte schmiedeeiserne Tor und klingelte. Ein Gong dröhnte durch das Haus. Ich zündete mir eine Zigarette an und wartete. Es dauerte eine Ewigkeit und drei Zigaretten, bis endlich jemand öffnete. Sie sah aus wie die Mädchen in den Heften, die wir uns als Jungs unter der Schulbank weiterreichten. Ich beschloss, vorsichtig zu sein.

»Ich bin Philip Maloney. Frau Winter erwartet mich.«

»Ich bin Frau Winter.«

»Hab ich mir beinahe gedacht.«

»Wie meinen Sie das?«

Ich ging nicht weiter darauf ein. Frau Winter führte mich in den Salon. Ein kleines, hübsches Zimmer, in dem man alle Obdachlosen der Stadt problemlos hätte unterbringen können. In einer Ecke stand ein Stuhl. Frau Winter schenkte sich einen Martini ein. Ich lehnte dankend ab. Morgens trinke ich nur Whisky. Dann kam sie zur Sache.

»Sie wissen, wer mein Mann ist?«

»Vermutlich Herr Winter.«

»Genau. Max Winter, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Milchschokolade. Es ist ihm gelungen, eine schmelzsichere Schokolade zu entwickeln. Die Araber würden Millionen für die Formel springen lassen. Stellen sie sich einmal vor: Sie spazieren durch die Sahara und sind im Besitz von schmelzsicherer Schokolade!«

»Phänomenal. Darauf hat die Menschheit Jahrtausende gewartet. Und was soll ich jetzt tun?«

»Die Formel finden.«

»Tut mir leid. Ich mache mir nichts aus Zahlen, außer sie stehen auf einem gedeckten Check.«

»Sie werden auf Ihre Rechnung kommen. Gestern Abend wurde bei uns eingebrochen. Die Diebe wussten genau, was sie suchten. Stellen Sie sich einmal vor, die Formel gerät in die falschen Hände – nicht auszudenken.«

Sie blickte entsetzt auf den Kronleuchter, der über uns hing. Dann trank sie noch einen Martini. Ich blieb trocken. Martini schlägt bei mir auf die Blase, und ich hatte Angst, mich auf dem Weg zur Toilette zu verirren und Wochen später in irgendeiner Abstellkammer durch üblen Verwesungsgeruch unangenehm aufzufallen. Ich fragte Frau Winter noch nach einigen Einzelheiten.

»Lieben Sie es auch, nackt vor dem Fernseher zu sitzen?«

»Bitte?«

»War nur so eine Idee. Vielleicht wäre es gut, wenn ich noch mit Ihrem Mann sprechen würde. Möglicherweise hat er irgendeinen Verdacht.«

»Tut mir leid. Mein Mann schläft.«

Ich schlug vor, ihn zu wecken. Frau Winter schüttelte nur den Kopf und begann zu weinen. Ihr Mann war nach dem Einbruch so außer Fassung geraten, dass er in einen Tiefschlaf versank, aus dem er nicht mehr erwachte.

»Haben Sie es schon mit Wasser versucht?«

»Wasser, Martini, Milch, Kaffee – es hilft alles nichts.«

Ich verabschiedete mich und ging in mein Büro. Ich blätterte ein wenig in der neuesten Ausgabe des Telefonbuches. Es ist ganz erstaunlich, was sich die Autoren Jahr für Jahr neu ausdenken. Dann klopfte es an meiner Tür. Die gesamte Kosmetikabteilung eines Warenhauses schob sich elegant in mein Büro. Sie war einfach umwerfend.

»Sie dürfen ruhig wieder aufstehen, Maloney.«

»Aus welchem Strumpfhosen-Werbespot sind Sie denn entstiegen?«

»Ich bin die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt, Maloney.«

»Ich stehe mehr auf Salzgebäck.«

»Vielleicht möchten Sie einige Details über Frau Winter erfahren, Maloney?«

»Details?«

»Nicht was Sie meinen, Maloney. Ist es nicht verblüffend, dass Frau Winter noch erstaunlich jung aussieht für ihre 79 Jahre?«

»Donnerwetter. Ich habe sie höchstens für 75 gehalten. Kennen Sie etwa ihr Geheimnis für ewig junge Haut? Dann raus mit der Sprache!«

»Was würden Sie sagen, wenn Frau Winter gar nicht Frau Winter ist?«

»Was sind schon Namen? Ich zum Beispiel hieß früher mal Hippokrates Aristoteles Mahagony.«

»Die Frau, die sich als Frau Winter ausgibt, heißt in Wirklichkeit Vontoblerone und ist eine Agentin des Schweizer Geheimdienstes. Sie soll das Rezept für schmelzsichere Schokolade auf ein Schweizer Nummernkonto transferieren und es dort einfrieren.«

»Ist ja toll. Wissen Sie zufällig auch noch die Hauptstadt von Ruanda?«

»Kigali – warum?«

Es war höchste Zeit, mich mit den Fakten meines Falles zu befassen. Ich ging in ein Spezialitätengeschäft. Die Verkäuferin war gerade damit beschäftigt, aus Streichhölzern einen Turm zu bauen. Ich verlangte nach Schokolade.

»Das ist eine dunkle mit Pfefferminz gefüllte Schokoladenspezialität.«

»Ich dachte, die esse man erst nach acht. Schmeckt ja grauenhaft. Kein Wunder, dass sich außer den Engländern niemand für dieses Rezept interessiert.«

»Und hier ein besonderer Leckerbissen: Schokoladehasen, gefüllt mit Grand Marnier …«

»Pfui Deibel. Zergeht einem ja schon in den Händen. Haben Sie nicht was Haltbareres? Schmelzsicher und so?«

»Sie sind heute schon der Zweite, der danach fragt. Ist es denn seit neuestem Mode, Schokolade in die Sauna mitzunehmen?«

»Ich bitte Sie, ich gehe nie in eine Sauna. Dafür wasche ich täglich meine Socken. Könnten Sie mir den Mann beschreiben, der nach schmelzsicherer Schokolade fragte?«

»Blond, blauäugig, 1,74, 65 Kilo schwer, Tätowierung auf der Brust.«

»Donnerwetter. Werden Sie mich auch so gut in Erinnerung behalten?«

»Wer weiß?«

Es war nicht die Zeit für einen Flirt. Ich ging in eine Bar und trank einen Kaffee. Dabei wurde mir hundeelend. Ich begann zu jaulen und zu apportieren. Schließlich ging der Barkeeper mit mir Gassi. Danach fühlte ich mich wieder stark genug, um einen Baum auszureißen. Es gibt Leute, die mich dafür verantwortlich machen wollen, dass der Wald stirbt. Blödsinn, ich schieße nie auf Bäume. Plötzlich kam mir eine Idee. Ich ging noch einmal ins Spezialitätengeschäft. Und tatsächlich, die Verkäuferin legte gerade den Hörer auf. Als sie mich sah, bekam sie einen roten Kopf. Der Streichholzturm war etwas größer geworden. Ich zückte drohend mein Taschentuch.

»Bitte, bitte, nicht niesen! Das ist ein Geschenk für meinen drei Jahre alten Sohn.«

»Mit wem haben Sie gerade telefoniert?«

»Das war eine Kundin. Sie wollte …«

Ich rümpfte die Nase und setzte zum Niesen an.

»Nein! Ich … Ich habe mit meinem Mann telefoniert … Aber es war wirklich nur ein ganz, ganz kurzer Anruf!«

»Das ewige Telefonieren ist schon ganz anderen Frauen zum Verhängnis geworden. Der Blonde mit tätowierter Brust ist Ihr Mann?«

»Noch nicht, aber vielleicht bald. Wir möchten zusammen in Rimini eine Eisdiele eröffnen.«

»Geniale Idee. Wo finde ich den Kerl?«

»Bitte lassen Sie ihn in Ruhe, er ist ja so nett.«

Ich flatterte noch einige Male drohend mit meinen Nasenwänden, dann gab sie auf. Ich notierte mir die Adresse des Mannes. Dann ging ich in mein Büro und rief meine Klientin an. Ein alter Bekannter war am Draht.

»Ja, hallo, wer spricht da?«

Hugentoblers Stimme war leicht säuerlich, so, wie sie es immer ist, wenn er gerade vor einem unlösbaren Problem steht.

»Hier ist Hippokrates Aristoteles Mahagony.«

»Sieh an, Maloney! An Ihnen kommt wohl keine Leiche lebend vorbei.«

»Sagen Sie bloß, dass der große Schläfer von dannen sei.«

»Nein, nein, der schnarcht noch immer. Die Leiche ist eine junge Frau, die hat jemand einfach eingefroren.«

»Auf einem Nummernkonto?«

»Nein, nein, eine ganz gewöhnliche Tiefkühltruhe. Kannten Sie die Frau?«

Polizisten wären ideale Quizmaster für niveaulose Unterhaltungssendungen. Niemand sonst kann so professionell dumm fragen.

Tja, was macht ein Privatdetektiv, wenn ihm seine Klientin wegfriert? Erraten, er besucht die Leiche. Es war ein kühles Rendez-vous.

»Sieht ein bisschen unterkühlt aus, die Dame.«

»Nach unseren Ermittlungen kann sie noch nicht lange da drin liegen.«

»Sonst noch was gefunden?«

»Nur eine Unmenge von Eis am Stiel.«

»Und der Mann mit dem großen Schlaf?«

»Hilft alles nichts. Habe ihn eine Stunde lang an den Füßen gekitzelt.«

»Und?«

»Mein Finger ist eingeschlafen.«

Ich verließ die Leiche und den Siebenschläfer. In meinem Büro suchte ich mein Taschentuch. Und tatsächlich, es war ein Knoten darin. Doch was wollte mir dieser Knoten sagen? Ich griff zum Telefonhörer. Eine freundliche Stimme empfing meinen Anruf.

»Auskunft, Sie wünschen?«

»Was hat ein Knoten in einem Taschentuch zu bedeuten?«

Die Frau konnte mir auch nicht weiterhelfen. Und so was nennt sich Auskunft. Ich kratzte mich am linken Fuß, da fiel es mir wieder ein. Tatsächlich fand ich in der rechten Socke die Adresse des Mannes, der sich im Spezialitätenladen nach schmelzsicherer Schokolade erkundigt hatte. Ich legte mich zuerst ein paar Stunden hin und trieb dann noch etwas Sport, um fit zu bleiben. Ich stemmte meine Zigaretten dreimal in die Höhe, ehe ich mir eine anzündete. Als das erledigt war, ging ich zu dem blonden Mann mit der tätowierten Brust. Er wohnte in einer Bruchbude direkt neben der Schnellbahn. Ich gehöre nicht zu der Sorte, die alles in vollen Zügen genießen. Im Gegenteil: Ich hasse diese ratternden Ungetüme.

»Nett haben Sie es hier.«

»Was wollen Sie von mir?«

»Sie haben mit Ihrer haarigen Brust einer Verkäuferin den Kopf verdreht. Das läuft unter schwerer Körperverletzung.«

»Sie können ihr den Kopf ja wieder gerade drehen, wenn Sie Lust dazu haben.«

»Dazu fehlt mir das...


Graf, Roger
Roger Graf, 1958 in Zürich geboren, schrieb bereits während seiner Ausbildung zum Sportartikelverkäufer erste Gedichte und Kurzgeschichten. Er verfasste Filmkritiken und ersann fürs Radio Satiren, Sketche, Spiele und Nonsens. 1989 konzipierte Graf die Hörspielreihe Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney. Er schrieb und produzierte während 30 Jahren über 400 Folgen und ist Autor von zehn Kriminalromanen. Graf lebt als Hörspielautor und Schriftsteller in Zürich.



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