Graf | Zürich bei Nacht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Graf Zürich bei Nacht


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7152-7013-5
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7013-5
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Marco Biondi hat einige Jahre als Journalist gearbeitet. Was ihn am Journalismus gereizt hat: »Sich in etwas vertiefen zu können, im Dreck zu wühlen.« Warum er sich vom Journalismus abgewendet hat: »Leider erwarten die meisten Zeitungen und Zeitschriften, dass man nicht im Dreck wühlt, sondern welchen absondert.« Heute schreibt Biondi stattdessen schlechte Drehbücher für noch schlechtere Serien - und versucht sich als Privatdetektiv. Regelmäßig bietet er seine Dienste in Zeitungsinseraten an und wundert sich doch, dass es tatsächlich noch Leute gibt, die das Kleingedruckte lesen. Referenzen hat er keine. Umso erstaunlicher, dass eine gewisse Katharina Boxler ihn tatsächlich engagiert: Biondi soll ihren verschwundenen Bruder ausfindig machen, der, dem Alkohol verfallen, auf der Straße lebt. Bei seinen Recherchen wird Biondi mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, den bewegten Jahren in der autonomen Szene Zürichs. Und er begegnet alten Freunden aus einer Zeit, in der alles möglich schien. Auch Mord?

Roger Graf, 1958 in Zürich geboren, schrieb bereits während seiner Ausbildung zum Sportartikelverkäufer erste Gedichte und Kurzgeschichten. Er verfasste Filmkritiken und ersann fürs Radio Satiren, Sketche, Spiele und Nonsens. 1989 konzipierte Graf die Hörspielreihe Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney. Er schrieb und produzierte während 30 Jahren über 400 Folgen und ist Autor von zehn Kriminalromanen. Graf lebt als Hörspielautor und Schriftsteller in Zürich.
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3


Das Foto und die Zeichnungen zeigten zwei Ausgaben ein und desselben Mannes. Auf dem Foto lachte er mir fröhlich mit breiten Wangenknochen, nach hinten gekämmten Haaren und makellosen Zähnen entgegen. Auf der Zeichnung sah ich einen geknickten Mann, der mindestens zehn Jahre älter aussah, eine wirre Mähne trug, unrasiert war und wie ein verängstigtes Tier dreinschaute. Außer den markanten Wangenknochen hatten die beiden Männer nicht viele Gemeinsamkeiten. Er kam mir vor wie die Zürcher Ausgabe von Jekyll and Mister Hyde. Ich konnte wohl davon ausgehen, dass Martin Boxler zurzeit eher Mister Hyde verkörperte, deshalb schaute ich mir die Zeichnung genauer an als das Foto. Es war eine gute Zeichnung, die Frau hatte Talent, das Bild des Mannes war präzise und strahlte so etwas wie Leben aus, wenn auch ein kaputtes Leben. Unter der Zeichnung stand der Name der Illustratorin. Melanie Mahrer. Klang auch nicht übel. Katharina hatte auf einem Blatt zusammengefasst, was ich ihrer Meinung nach über ihren Bruder wissen sollte. Es war nicht viel, aber es genügte, um mir zusammen mit der Zeichnung ein präziseres Bild von ihm zu machen.

Ich kaufte mir ein Sixpack Bier und machte mich auf zur Bäckeranlage. Vor zwei Wochen war das Areal geräumt worden. Das geschah alle paar Monate, wenn sich Nachbarn über die Penner beschwerten oder es zu Schlägereien kam. Wenn sich alles beruhigt hatte, tauchten die Penner wieder auf, mit neuen Matratzen und Zeitungen, und richteten sich häuslich ein. Einige Mütter gingen dennoch mit ihren Kindern in den Park, es war weit und breit die einzige Spielmöglichkeit und die Penner galten als friedlich. Einige davon waren schon in der Zeitung oder auf einem der lokalen Fernsehsender porträtiert worden. Immer nach dem Motto: leben und leben lassen. Einen der Penner kannte ich vom Sehen. Er nannte sich Charly und hatte die Angewohnheit, Passanten anzubrüllen und Frauen zu beleidigen. Er stank meist fürchterlich nach Pisse und Kotze. Eine Journalistin, die ich gut kannte, hatte Charly einmal porträtiert. Sie schilderte mir danach voller Abscheu, wie Charly versucht hatte, ihre Brüste zu berühren, und wie er sich ständig zwischen den Beinen kratzte. In ihrem Artikel las ich kein Wort davon, da stand nur, er verberge seine Verletzlichkeit unter einer rauen Schale.

Als ich die Anlage betrat, war ich froh, Charly nirgends zu sehen. Vor dem kleinen Rondell saßen zwei Penner, die ich nicht kannte. Als ich mich zu ihnen gesellte, trat eine Frau hinzu. Sie war aufgedunsen und bewegte sich so andächtig wie ein Rhinozeros. Sie begrüßte die beiden Männer lautstark und fluchte über einen anderen Mann, der sie versetzt hatte. Die beiden Männer nickten nur und rauchten. Einer trank Wein aus einer Flasche. Ich setzte mich auf die Steinstufen und stellte das Sixpack neben mich. Einer der Penner schaute mich an, zog es dann aber vor, seinen Kopf sofort wieder wegzudrehen. Die Frau stellte sich vor mich hin und stemmte ihre Arme in die Hüften.

»Das ist mein Platz.«

»Schon gut«, sagte ich. »Ich habe deine Markierung nicht gerochen.«

»Was ist?«

Der Mann neben mir lachte und schaute mich an. Die beiden oberen Schneidezähne fehlten ihm und über der linken Augenbraue hatte er eine verkrustete Wunde. Ich stand auf und machte der Frau Platz. Sie nickte nur, setzte sich aber nicht.

»Dich habe ich hier noch nie gesehen.« Der Mann ohne Schneidezähne bot mir eine Zigarette an, ich schüttelte den Kopf.

»Ist auch gesünder«, sagte er.

»Ich heiße Marco«, sagte ich. »Ich suche jemanden.«

»Godi.« Der Mann ohne Schneidezähne streckte mir seine Hand hin. Die Frau neben mir grunzte und suchte in ihrer Hosentasche nach etwas. Der andere Mann schwieg noch immer und starrte auf seine gelben Finger, die den Stummel einer filterlosen Zigarette hielten. Ich zeigte auf das Bier. Godi nickte und nahm sich eine Dose. Der andere schaute gar nicht hin. Die Frau setzte sich neben Godi und begann mit ihren Fingern in ihren Zähnen zu kratzen. Was an ihren Fingern kleben blieb, strich sie unter der Achsel an ihrem Pullover ab. Der Zwetschgenkuchen in meinem Magen machte sich bemerkbar. Ich versuchte, die Frau nicht mehr zu beachten, was mir aber nicht gelang. Sie kratzte erneut in ihren Zähnen. Godi leerte eine der Dosen, ohne abzusetzen.

»Nicht schlecht«, sagte er. »Trinke gerne Bier. Die anderen mögen lieber Wein. Muss man weniger pissen.«

Ich hielt Godi eine Kopie der Zeichnung hin. Er blinzelte. Dann nickte er.

»Das ist Martin. Lieber Kerl. Hat was im Kopf. Trinkt nur, weil er Schmerzen hat. Ist noch ziemlich jung.«

»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«

»Wann? Schwierig. Wann war Martin zuletzt hier?«

Er schaute zuerst die Frau an, dann den anderen Mann, schließlich wieder die Frau. Der Mann reagierte nicht, zündete sich eine neue Zigarette an. Die Frau hatte in der Zwischenzeit den Zeigefinger gewechselt. Sie schaute sich neugierig an, was auf der Fingerspitze zu sehen war, und strich es unter die andere Achsel. Ich atmete tief durch. Godi zuckte die Schultern.

»Weiß auch nicht mehr, wann das genau war. Eine Woche, vielleicht zwei. Martin ist manchmal monatelang nicht aufgetaucht. Er wohnt bei seiner Schwester.«

»Vor zwei Wochen habe ich ihn gesehen«, sagte die Frau plötzlich. Sie bohrte mit ihrem Zeigefinger nun im Ohr herum. Vermutlich gehörte das alles zu ihrer täglichen Körperhygiene.

»Bist du da ganz sicher?«, fragte ich sie.

»Klar. Was willst du von ihm?«

»Seine Schwester sucht ihn.«

»Bist du ein Detektiv oder so was?«

»So was. Ich möchte herausfinden, wo sich Martin zurzeit aufhält.«

»Vor zwei Wochen traf ich ihn hier. Am Abend. Er war mit Anna zusammen.«

»Wer ist Anna?«

»Du stellst vielleicht Fragen.«

Sie leckte sich den Finger ab und öffnete eine Dose. Sie war noch etwas schneller leer als jene, die Godi ausgetrunken hatte.

»Ich weiß nicht, wer sie ist. So wie sie aussieht, nimmt sie Drogen. Ganz dünn ist sie, und Narben hat sie an den Armen. Die haben doch alle Narben, oder?«

»Nimmt Martin auch Drogen?«

»Nein, das glaube ich nicht. Nein. Martin nicht. Der trinkt nur.«

»Hast du eine Ahnung, wo Martin pennt?«

»Nein. Keine Ahnung. Mir auch egal. Bin froh, dass er wieder ging mit dieser Anna. Möchte nicht, dass all die Junkies hier auftauchen. Das Dealerpack steht ja überall herum. Weißt du, um die Junkies machen sie ein Riesentheater, denen geben sie jetzt sogar die Drogen gratis ab. Eine Frechheit ist das. Wir müssen uns unseren Stoff selber kaufen. Mir schenkt keiner was.«

Sie nahm eine zweite Dose und kippte das Bier hinunter. Am anderen Ende des Parks stritten zwei Kinder um einen Ball. Die Mutter versuchte zu schlichten. Sie nahm den Ball und hielt ihn in die Höhe. Wie sie so dastand, sah sie aus wie eine Statue, die die Weltkugel vor den bösen Mächten der Finsternis schützt. Die Kinder verbündeten sich gegen ihre Mutter und versuchten, sie gemeinsam aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine andere Frau erschien mit einem Kinderwagen. Sie setzte sich auf eine Parkbank und zündete sich eine Zigarette an. Ich stand nur da und schaute mich um. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Godi stieß mich sanft vom Rondell weg, Richtung Rasen. Ich wich einem langen, dicken Hundekot aus und drehte mich zu Godi um. Er sprach leise, wollte offenbar nicht, dass die anderen ihn hörten.

»Martin ist ein guter Kerl. Weshalb können die Ärzte ihm nicht helfen? Es summt in seinem Kopf. Da muss man doch verrückt werden, oder?«

»Weißt du, wer diese Anna ist?«

»Seine Freundin. Er hat mir von ihr erzählt. Ich habe sie aber nie gesehen. Auch ein armes Ding. Ist schwer süchtig. Hat vielleicht AIDS. Die Drogensüchtigen haben doch alle AIDS, oder?«

»Wo wohnt Anna?«

»Wo soll sie schon wohnen? Auf der Straße. Vielleicht im Asyl. Martin sagte, dass sie auf dem Letten gelebt hat. Was für ein Scheißleben. Ich war nie da. Finde das schon richtig so, dass sie da aufgeräumt haben. Hier räumen sie ja auch manchmal alles weg. Weißt du, das hat auch seine guten Seiten. Martin hat gesagt, man dürfe sich nicht an das Getto gewöhnen. Da hat er recht. Ich habe mich daran gewöhnt. Und auch wieder nicht.«

»Möchtest du raus aus der Scheiße?«, fragte ich.

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Was erwartet mich? Einen Job krieg ich nicht mehr. Irgendein Loch in einer Hütte, wo alles geregelt ist. Keine Haustiere und so. Hatte mal einen Hund, möchte wieder einen.«

Er zündete sich eine Zigarette an. Er sah jetzt jünger aus, als es zuerst den Anschein hatte. Mitte vierzig vielleicht. Seine Finger waren gelb, die Fingerkuppen schwarz, am rechten Daumen fehlte ihm der halbe Nagel. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen wachsam. Die Falten um seinen Mund verrieten, dass er gerne lachte oder zumindest Grimassen schnitt.

»Gehen wir was trinken?«, fragte ich ihn.

»Essen wäre besser.« Er lachte. Bis auf die fehlenden Schneidezähne sah sein Gebiss noch ganz ordentlich aus.

Wir verließen die Anlage und gingen einige Querstraßen Richtung Langstrasse. Das Milieu hatte sich in den vergangenen Jahren breitgemacht wie nie zuvor in Zürich. Überall stieß man auf Erotikstudios und Prostituierte, die aus dem Fenster schauten oder einkaufen gingen. Es war kurz vor fünf, der Feierabend nahte und mit ihm die Feierabendbumser. Godi blieb ab und zu stehen, schaute sich einige der Nutten genauer an, gab Kommentare ab und lachte.

»Manchmal hätte ich schon Lust auf einen Fick. Aber dann denke ich, was ist, wenn ich...


Graf, Roger
Roger Graf, 1958 in Zürich geboren, schrieb bereits während seiner Ausbildung zum Sportartikelverkäufer erste Gedichte und Kurzgeschichten. Er verfasste Filmkritiken und ersann fürs Radio Satiren, Sketche, Spiele und Nonsens. 1989 konzipierte Graf die Hörspielreihe Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney. Er schrieb und produzierte während 30 Jahren über 400 Folgen und ist Autor von zehn Kriminalromanen. Graf lebt als Hörspielautor und Schriftsteller in Zürich.



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