Grafit | Mit Genuss ins Jenseits | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

Grafit Mit Genuss ins Jenseits

Delikatessen für Krimigourmets
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89425-193-2
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Delikatessen für Krimigourmets

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

ISBN: 978-3-89425-193-2
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von kulinarischen Köstlichkeiten und makabren Geschmacklosigkeiten

Essen und Trinken sind zentrale Themen unserer Zeit: Restaurants für Vegetarier, Veganer und Frutarier sprießen wie Pilze aus dem Boden, genauso wie Burgerläden und Wurstbuden. Fernsehköche genießen Rockstar-Status und Lesungen mit kulinarischem Rahmenprogramm ziehen die Massen an. Aber was eigentlich ein Genuss sein soll, das kann auch tödlich enden.
Mit mörderischer Lust haben dieser delikaten Krimikurzgeschichtensammlung namhafte Autorinnen und Autoren die nötige Würze gegeben: Jean Bagnol, Wilfried Eggers, Angela Eßer, Goest & Patsch, Andreas Gruber, Stephan Hähnel, Martin Krist, Tatjana Kruse, Susanne Mischke, Katharina Peters, Regina Schleheck, Klaus Stickelbroeck, Ilka Stitz sowie Gabriella Wollenhaupt & Friedemann Grenz.

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Autoren/Hrsg.


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Ilka Stitz

Mutterglück

Für seine Kinder nur das Beste, wie man so schön sagt. Aber am Ende ist das Beste doch nie gut genug. Ist doch so.

Meine Tochter Nadine und ich, wir haben nicht viel gemeinsam. Nur die Mahlzeiten, die waren uns schon immer wichtig.

Als sie noch bei mir wohnte, machten wir aus dem Zusammensitzen beim Abendessen ein Ritual. Seit ihrem Auszug gibt es das allerdings nur noch an meinem Geburtstag und zu Weihnachten. Und wenn sie Liebeskummer hat. Dann weint sie sich bei mir aus. Das Tiramisu zu diesem Anlass ist ebenfalls eine lieb gewordene Tradition.

Für meine Tochter habe ich stets ein offenes Ohr, schon von klein auf. Alles konnte sie mir erzählen, immer war ich für sie da. Sogar zu mir ins Restaurant durfte sie jederzeit kommen, egal, wie viel ich auch zu tun haben mochte, da war meine Chefin kulant. Seit ein paar Jahren sehe ich Nadine allerdings noch seltener.

Aber immer zu Weihnachten! An den Feiertagen machen wir es uns immer besonders schön. Da habe ich frei und koche nur für uns beide. Nadines Vater … reden wir nicht von dem, ein ganz unerquickliches Thema.

Zum Fest gibt es bei uns immer ein Ragout vom Hirsch, mit Spätzle. Selbst gemacht natürlich.

Da war der erste Freund von Nadine, dieser Thorsten. Zehn Jahre ist das jetzt her. Du meine Güte! Dessen Mutter war Schwäbin, aber Spätzle schaben konnte sie nicht. Das hat er mir erzählt, der Thorsten, als er einmal Weihnachten mit uns feierte. Verrückte Welt – eine Schwäbin, die keine Spätzle machen kann.

Sonst war Thorsten ja eher unauffällig, ein Wunder, dass ich mich überhaupt an seinen Namen erinnere. Spindeldürr war er, aber ein guter Esser, doch, das muss ich sagen. Den Teller hat er immer blank geputzt.

Anders als dieser Dunkle mit den schrecklichen Tätowierungen … Nadine hatte schon immer ein Händchen für besonders kaputte Typen. Mal abgesehen von Thorsten, der war ja eher durchschnittlich. Dieser andere dagegen, an dessen Namen kann ich mich gerade überhaupt nicht mehr erinnern …

Aber an seinen Dreitagebart! Nadine fand ihn schick. Ich finde so etwas ungepflegt. Aber erst diese Tätowierungen, ich will gar nicht wissen, wo er überall welche hatte … ekelhaft. Wenn diese Bildchen wenigstens irgendeine Bedeutung hätten. Ach ja, Carlo hieß dieser Kerl, jetzt fällt es mir wieder ein. Wie dieser dicke Kater.

Von Kopf bis Fuß tätowiert war auch Marcel, den sie nach Carlo hatte. Ganz und gar mit chinesischen Zeichen beschriftet, den linken Arm runter, den rechten wieder rauf. Oder umgekehrt. Ich habe ihn gefragt, was da steht. Irgendwas von Konfuzius, behauptete er. Bestimmt so was wie: Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Irgend so ein kluger Kalenderspruch sicherlich.

Na ja, genauso gut könnte da auch Schweinefleisch süß-sauer, zwölf fünfzig stehen, wer kann das schon nachprüfen. Ich bin heute noch stolz, dass ich seinerzeit verhindern konnte, dass Nadine sich eins von diesen Geweihen auf das Hinterteil hat sticheln lassen. Später hätte sie das bereut, das hat sie letztens selbst zugegeben.

Aber ein traumhaftes Gulasch konnte der Marcel kochen. Das hätte ich nicht gedacht. Selten hatten wir an Weihnachten ein derart leckeres Essen. Und ich koche wirklich gut.

Dann kam Klaus. Klaus war Vegetarier! Hanfhose, Wollsocken und Sandalen sommers wie winters, selbst gestrickte Pullover – aber ein Feind des bunten Körperschmucks. Er roch etwas streng. Die Beziehung dauerte lange genug, um mir seinen Namen zu merken und die Vielfalt an Sojawürstchen, Veggie-Aufstrichen und Räuchertofu kennenzulernen. Das kann man essen, sicher. Aber doch nicht zu Weihnachten.

Die fleischlosen Erfahrungen konnten sich noch eine Zeit lang bewähren, denn auch der nächste Freund war Vegetarier. Wenn das so weitergegangen wäre … So viele Rezepte kannte ich gar nicht, trotz der Übung mit Klaus. Ich arbeite in einem argentinischen Grillrestaurant, und das mit Überzeugung.

Der Nächste aß ja dann auch wieder Fleisch. Sebastian, ein seltsamer Junge – bei Nadine war das zu erwarten. Aber als Mutter gibt man die Hoffnung nie auf, doch noch irgendwann einen anständigen jungen Mann präsentiert zu bekommen.

Der ›bunte Sebi‹, hat sie ihn liebevoll genannt, denn er trug eine geringelte Wollmütze auf dem Kopf und die Hose in den Kniekehlen hängend. Was hat Nadine noch gesagt, war der? Ein Nerd? Ach nein, ich glaube, das war der mit der dicken schwarzen Brille und den glasigen Augen; der war irgendwann davor. Zwischen Carlo und … Wer soll da auch den Überblick behalten?

Sebastian hatte immer diese Stöpsel in den Ohren. Auffallen um jeden Preis, so war mein Eindruck. Hipster nennt sich das wohl. Ja, der hat meinem Mädchen gefallen. Sie selbst litt ja immer unter ihrem Äußeren. Fand sich hässlich, dick, pickelig, unscheinbar. Als wäre das nicht schon in sich ein Widerspruch.

Was sie immer mit ihrem Aussehen hat … An Nadines Äußerem ist überhaupt nichts auszusetzen. Hübsche blonde Haare – ursprünglich. Aber ich kann ja sagen, was ich will, in dieser Hinsicht ist sie taub.

Davon abgesehen, ist sie viel zu leicht zu beeinflussen. Aus Liebe zu Bob – einem Schwarzen, den sie anschleppte – aß sie eine Weile nur noch Fisch. Gegrillten Fisch, nichts weiter. Ich denke nur ungern an das Weihnachtsfest vor zwei Jahren, oder sind es schon drei? Meine Güte, wie die Zeit vergeht. Seit ihrem Auszug lerne ich ihre neuen Freunde meist erst zu Weihnachten kennen. Damals jedenfalls gab es Fisch. Schwertfisch aus der Markthalle, irrsinnig teuer.

Aber Bob war sehr gerührt gewesen. Er hatte die Beilage mitgebracht, irgendwas mit Mango, glaube ich. Ein hübscher Kerl war er, dieser Bob, etwas dürr für meinen Geschmack. Aus der Karibik. Dort macht man Urlaub, aber da muss man doch nicht gleich seinen Freund herholen. Seinetwegen, oder vielleicht auch aus Protest – der Himmel weiß, gegen was – züchtete Nadine sich Rastazöpfe. Grauenvoll. Rückblickend aber immer noch besser als die Glatze. Gedankt dem schlechten Einfluss von Olaf, diesem Nazi. Haufenweise Steaks konnte der verdrücken! Da waren mir sogar alle vegetarischen Sebastians, Carlos, Bobs und Klaus’ tausendmal lieber.

Was man als Mutter nicht alles mitmachen muss!

Aber auch die Sache mit Bob nahm ein Ende. Und dann – Nadine zeigte sich an meinem Geburtstag wieder mit Haaren, einem modernen Kurzhaarschnitt und nur noch einem winzigen Nasenring – schwärmte sie mir von Holger vor.

Und heute werde ich ihn endlich kennenlernen. Heiligabend, es soll Hirschragout geben, natürlich. Nadine und Holger bringen das Fleisch mit.

Der Christbaum – auch eine Familientradition – ist gerade fertig geschmückt, die Wachskerzen verströmen weihnachtlichen Duft, da klingelt es auch schon. Pünktlich, fast ein wenig zu früh, stehen sie vor der Tür. Holger entpuppt sich als adretter junger Mann mit kariertem Pullunder über dem weißen Hemd. Der Bart etwas schütter. Insgesamt aber sauber und wohlriechend. Ich muss zugeben, ich bin angenehm überrascht.

Erfreulicherweise hat er Manieren, sein Händedruck ist trocken, fest und zupackend. Nicht unsympathisch. Seine Schuhe sind schlammig, aber er hat den Anstand, sie im Flur auszuziehen. Die Socke am rechten Fuß hat ein Loch, eine Mutter sieht so etwas. Aber gut, nicht jeder hat so einen Blick fürs Detail. Er hat andere Qualitäten, hoffe ich. Nadine jedenfalls strahlt, wenn Holgers Blick ihren kreuzt. Was will man mehr, als sein Kind glücklich zu sehen?

Das Fleisch überreicht Holger in einer Tupperdose, wahrscheinlich von seiner Mutter. Schön, wenn er noch Fürsorge aus der Familie erfährt, das spricht für ihn. Beide helfen bei der Zubereitung, schneiden Zwiebeln, Knoblauch, Möhren. Das Fleisch ist von guter Qualität, wie es scheint, vielleicht ein wenig sehr klein geschnitten für Hirschragout, aber ich will nicht gleich anfangen zu mäkeln.

Was dieser Bursche wohl beruflich macht? Er hat doch hoffentlich einen Beruf? Ihn direkt zu fragen, wäre Nadine bestimmt peinlich, also verkneife ich es mir.

Ich überlasse den beiden Turteltäubchen das Würzen des vor sich hin schmorenden Ragouts und widme mich der Bayerischen Creme, die Nadine so liebt. Die Sünde pur! Eine Sekunde am Gaumen, zehn Jahre auf den Hüften, sagt meine Chefin immer und hat damit natürlich recht. Aber was soll’s, es ist schließlich nur einmal im Jahr Weihnachten und Nadine ist bei mir, hat sogar versprochen, über die Feiertage zu bleiben.

Rotwein wird geöffnet, Nadines Weihnachtsgeschenk für ihre Mutter. Ein guter Tropfen, deutliche Sauerkirscharomen und eine Ahnung von Sandelholz und Zitrusfrüchten. So verheißt es das Etikett auf der Flaschenrückseite. Prosit.

Das Hirschragout köchelt auf dem Herd. Nadine plaudert ungezwungen über ihr Studium. Ich staune. Sie studiert Biologie. War es nicht neulich noch Kunstgeschichte gewesen? Na, ich freue mich ja, dass sie sich überhaupt für etwas interessiert. Seit sie nicht mehr zu Hause wohnt, bekomme ich nicht mehr viel mit. Heutzutage läuft man zwar ständig Gefahr, seine Kinder zu sehr zu behüten, aber ein wenig mehr Einblick in das Leben meiner Tochter fände ich schon wünschenswert … Schluss damit. Jetzt ist sie ja hier.

Ich betrachte mein Kind, mustere Holger, der als Schwiegersohn durchaus geeignet scheint, und Glücksgefühle steigen in mir auf. War die Mühe also doch nicht gänzlich vergebens gewesen.

Das Essen ist ausgezeichnet, das Fleisch zart, die Spätzle fluffig. Holger spart nicht mit Lob, Nadine isst sogar eine zweite Portion.

Nur mit halbem Ohr höre ich zu. Holger sagt was von...



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