E-Book, Deutsch, Band 5, 273 Seiten
Reihe: Ein Fall für Kinsey Millhone
Grafton E is for Evidence: Kleine Geschenke
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-977-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman - Ein Fall für Kinsey Millhone 5 | »Rocky Beach« kann einpacken - hier kommt »Santa Teresa«!
E-Book, Deutsch, Band 5, 273 Seiten
Reihe: Ein Fall für Kinsey Millhone
ISBN: 978-3-98952-977-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sue Grafton (1940-2017) war eine der erfolgreichsten Spannungsautorinnen Amerikas. Sie wurde in Kentucky geboren und verfasste Drehbücher, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichte. Ihre Bücher über die abgebrühte und einzelgängerische Privatdetektivin Kinsey Millhone wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und begeistern ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt. Die Website der Autorin: suegrafton.com/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/SueGrafton/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre »Alphabet«-Krimireihe um die eigenwillige Privatermittlerin Kinsey Millhone. Die ersten zwei Bände, »A is for Alibi: Nichts zu verlieren« und »B is for Burglar: In aller Stille« sind auch als Hörbücher bei Saga Egmont erhältlich.
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Kapitel 1
Es war Montag, der 27. Dezember. Ich saß in meinem Büro und versuchte, meine Stimmung loszuwerden, die schlecht war, ausgesprochen schlecht. Sie bestand zu gleichen Teilen aus Ärger und Unbehagen. Den Ärger hatte ein Brief von meiner Bank hervorgerufen. Sie wissen schon, einer von diesen Fensterumschlägen, durch die man das gelbe Papier sehen kann. Zuerst dachte ich, ich hätte mal wieder überzogen, aber was dann zum Vorschein kam, war ein Auszug von Freitag, dem 24. Dezember, über eine Einzahlung von 5000 Dollar auf mein Konto.
»Was zum Teufel ist das denn?«
Die Kontonummer stimmte, aber ich hatte kein Geld eingezahlt. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Banken die am wenigsten hilfreichen Institutionen der Welt sind, und die Erkenntnis, daß ich unterbrechen mußte, was ich gerade tat, nur um deren Fehler auszubügeln, war fast mehr, als ich ertragen konnte. Ich schob den Brief beiseite und versuchte, mich wieder zu konzentrieren. Ich schickte mich an, den vorläufigen Bericht über einen Versicherungsfall zu schreiben, den ich hatte überprüfen sollen. Darcy, die Sekretärin der California Fidelity, hatte mir gerade am Telefon erklärt, Mac wolle die Akte umgehend vorgelegt haben. Im Geiste hatte ich schon einen bösen Vorschlag auf der Zunge, was sie meiner Meinung nach tun könnte, aber ich hielt den Mund und legte eine (wie ich fand) bewunderungswürdige Zurückhaltung an den Tag.
Ich wandte mich also wieder meiner tragbaren Smith-Corona zu, spannte das richtige Formular ein. Meine flinken Finger schwebten über den Tasten, während ich meine Notizen überflog. Und genau da blieb ich hängen. Irgendetwas stimmte nicht, aber ich kam nicht dahinter, was es war. Ich warf noch einen Blick auf den Kontoauszug.
Dann rief ich in der Bank an, hoffte, daß die Ablenkung mir helfen würde zu erkennen, was mich an der Situation bei Wood/Warren störte, einer Gesellschaft, die Hydrieröfen zur industriellen Verwendung herstellte. Da draußen hatte es am 19. Dezember gebrannt. Ein Lagerhaus war zerstört worden.
»Mrs. Brunswick, Kundenbetreuung. Kann ich Ihnen helfen?«
»Äh, ja, ich hoffe«, antwortete ich. »Ich habe gerade eine Nachricht Ihrer Bank erhalten. Danach habe ich letzten Freitag fünftausend Dollar auf mein Girokonto eingezahlt. Aber das habe ich nicht. Können Sie das klären?«
»Darf ich bitte Ihren Namen und Ihre Kontonummer haben?«
»Kinsey Millhone«, sagte ich und nannte ihr dann langsam und deutlich meine Kontonummer.
Sie bat mich zu warten, während sie ihre Daten im Computer abfragte. In der Zwischenzeit lauschte ich der Musik von »Good King Wenceslaus«. Ich persönlich habe das nie verstanden. Um welches Fest geht es dabei?
Mrs. Brunswick schaltete sich wieder ein. »Miss Millhone, ich begreife nicht ganz, wo das Problem ist, aber unsere Unterlagen weisen eine Bareinzahlung auf dieses Konto auf. Wie es scheint, wurde das Geld im Nachttresor eingeworfen.«
»Sie haben immer noch so etwas?« staunte ich.
»In unserer Filiale in der Innenstadt, ja.«
»Aber da muß ein Fehler vorliegen. Ich habe diesen Nachttresor nie auch nur gesehen. Ich benutze immer meine Scheckkarte, wenn ich nach Bankenschluß noch etwas brauche. Was machen wir jetzt?«
»Ich kann eine Kopie des Einzahlungsbeleges suchen«, schlug sie zögernd vor.
»Würden Sie das bitte tun? Weil ich nämlich letzten Freitag überhaupt nichts eingezahlt habe, und schon gar nicht fünftausend Dollar. Vielleicht hat jemand ein paar Ziffern auf dem Einzahlungsschein vertauscht, aber das Geld gehört bestimmt nicht mir.«
Sie notierte meine Telefonnummer und versprach, sich wieder mit mir in Verbindung zu setzen. Ich ahnte schon, daß mir noch unzählige Telefonate bevorstanden, ehe die Korrektur vorgenommen werden würde. Wenn nun jemand frisch-fröhlich Schecks auf diese fünftausend Dollar ausstellte?
Ich wandte mich wieder meiner Aufgabe zu und wünschte, mir wäre die Erleuchtung gekommen. Meine Gedanken sprangen herum. Die Akte betreffend den Brand bei Wood/Warren war vier Tage zuvor, am Donnerstag, dem 23., in meine Hände gelangt. Ich war mit meinem Vermieter, Henry Pitts, um vier Uhr verabredet, zu einem Abschiedsdrink. Danach sollte ich ihn zum Flughafen bringen. Er flog nach Michigan, um die Feiertage mit seiner Familie zu verbringen. Einige von denen nähern sich schon den Neunzig, sind aber immer noch frisch und munter und gut gelaunt. Henry ist zweiundachtzig, noch ein Kind, und er war wahnsinnig aufgeregt bei der Aussicht auf diese Reise.
Ich war an jenem Nachmittag also noch im Büro, hatte meinen Papierkram aufgearbeitet und mußte noch einige Zeit totschlagen. Ich ging auf meinen Balkon im ersten Stock hinaus und schaute nach rechts, auf das V des Pazifischen Ozeans, der am Fuß der State Street zu sehen war, zehn Blocks weiter abwärts. Wir sind hier in Santa Teresa, Kalifornien, fünfundneunzig Meilen nördlich von Los Angeles. Der Winter hier ist wunderschön, voller Sonnenschein und mit milden Temperaturen, leuchtenden Bougainvilleen, sanften Winden und Palmen, die mit ihren Wedeln den Möwen zuwinken, die über ihnen dahinsegeln.
Das Einzige, was auf Weihnachten hindeutete, das nur noch zwei Tage entfernt war, waren die Girlanden entlang den Hauptstraßen. Und natürlich waren die Geschäfte gestopft voll mit Käufern, und ein Trio der Heilsarmee tutete auf Trompeten »Deck the Halls«. Um fröhlicher zu werden, beschloß ich, meine Strategie für die beiden nächsten Tage auszuarbeiten.
Jeder, der mich kennt, wird Ihnen erklären, daß ich froh bin, nicht verheiratet zu sein. Ich bin weiblich, zweimal geschieden, keine Kinder und keine engen Familienbande. Von Beruf bin ich Privatdetektiv. Normalerweise bin ich vollkommen zufrieden mit dem, was ich tue. Es gibt Zeiten, da mache ich ewig Überstunden wegen eines Falles, dann wieder bin ich unterwegs, und dann wieder igele ich mich in meinem winzigen Apartment ein und lese tagelang. Wenn jedoch Feiertage vor der Tür stehen, habe ich festgestellt, daß ich mich selbst überlisten muß, damit das Fehlen von geliebten Personen keine Depression erzeugt. Thanksgiving war toll gewesen. Ich hatte den Tag mit Henry und ein paar von seinen Kumpeln verbracht. Sie hatten gekocht und Champagner getrunken und gelacht und Geschichten aus lang vergangenen Tagen erzählt, bis ich mir wünschte, ich wäre so alt wie sie und nicht so jung, wie ich bin, nämlich zweiunddreißig.
Jetzt verließ Henry die Stadt, und sogar Rosie, die die schmuddelige kleine Kneipe hat, in der ich oft esse, hatte bis zum 2. Januar geschlossen und weigerte sich, irgendjemandem zu verraten, was sie vorhatte. Rosie ist sechsundsechzig, Ungarin, klein, vollbusig und manchmal grob. Es war also nicht so, daß ich befürchtete, liebevollen Klatsch und Tratsch zu verpassen. Die Tatsache, daß sie ihre Kneipe schloß, war bloß eine weitere Erinnerung daran, daß ich ganz allein auf dieser Welt war und mich besser darum kümmerte, was ich nun tun wollte.
Auf jeden Fall beschloß ich nach einem Blick auf meine Armbanduhr, daß ich ebensogut heimfahren konnte. Ich schaltete den Anrufbeantworter ein, schnappte mir meine Jacke und meine Handtasche und sperrte gerade ab, als Darcy Pascoe, die Empfangsdame der Versicherungsgesellschaft nebenan, ihren Kopf durch die Tür steckte. Ich hatte früher ausschließlich für die California Fidelity gearbeitet, ganztags, hatte Brände untersucht und Betrugsfälle bei Lebensversicherungen. Jetzt haben wir ein inoffizielles Abkommen. Ich bin mehr oder weniger abrufbereit, erledige eine Anzahl von Untersuchungen für sie, und dafür habe ich meine Büroräume in der Innenstadt, die ich mir sonst nie leisten könnte.
»Mann, bin ich froh, daß ich dich noch erwischt hab’«, meinte Darcy. »Mac hat mir aufgetragen, dir das hier zu geben.«
Sie reichte mir eine Akte, auf die ich automatisch einen Blick warf. Das Blankoformular darin deutete darauf hin, daß ich einen Brand untersuchen sollte, den ersten seit Monaten.
»Mac hat das getan?« Mac ist der Vizepräsident von California Fidelity. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß er sich persönlich mit Routineunterlagen befaßte.
»Nun ja, eigentlich hat Mac sie Andy gegeben, und Andy hat mir gesagt, ich sollte sie dir geben.«
Am Deckel der Akte hing ein Notizzettel mit dem Datum von vor drei Tagen und dem Vermerk EILT. Darcy fing meinen Blick auf, und ihre Wangen röteten sich leicht.
»Die war unter einen Haufen Zeug auf meinem Schreibtisch gerutscht, sonst hätte ich sie dir schon früher gebracht«, entschuldigte sie sich. Darcy ist Ende Zwanzig und nimmt alles ein bißchen locker. Ich ging zu meinem Schreibtisch hinüber, warf die Akte auf ein paar andere, an denen ich arbeitete. Ich würde mich gleich am nächsten Morgen daranmachen. Darcy blieb an der Tür stehen. Sie erriet meine Absicht.
»Kannst du nicht heute schon damit anfangen? Ich weiß, daß er es eilig hat, daß jemand da rausfährt. Jewel sollte sich eigentlich darum kümmern, aber sie hat zwei Wochen Urlaub. Deshalb hat Mac gemeint, du könntest es übernehmen.«
»Worum geht es?«
»Ein großer Lagerbrand draußen in Colgate. Wahrscheinlich hast du in den Nachrichten davon gehört.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich war in L. A.«
»Na ja, die Zeitungsausschnitte sind auch da drin. Schätze, die...




