E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Gralle Das goldene Zeichen: Historischer Krimi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95764-107-6
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-95764-107-6
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Liebe, die eigentlich nicht sein darf: Fiona liebt Friedrich, den Erzbischof von Köln. Aber was soll sie dagegen tun? Viel Zeit zum Überlegen bleibt ihr nicht, den Fionas neu gegründeter Orden steht unter Mordverdacht. Unter dem „goldenen Zeichen“ werden in Köln unter mysteriösen Umständen gleich mehrere Bürger umgebracht. Eine Öllampe neben einer Leiche, ein paar Zweige und seltsame Halbkreise begleiten die Morde. Und was machen die drei Waliser in Köln?
Egwin, der angelsächsische Mönch, ermittelt und versucht, die Fäden von Liebe und Mord zu entwirren...
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Als es Anfang November schneite, tanzten die Kinder barfuß auf der Gasse herum und fingen die dicken Flocken mit ihren rosa Zungen auf.
Am nächsten Tag banden sie sich alte Lumpen um die Füße und trugen Holzbündel auf dem Rücken.
Halb Coln war auf den Beinen, um jedes verfügbare Brennholz aufzusammeln. Denn allen war klar: Die üblichen Holzvorräte würden dieses Jahr nicht reichen, wenn man schon im November heizen musste. Wer nicht frieren wollte, musste sich sputen, solange noch etwas Brennbares zu finden war. Jedes Stück Holz war gut, auch das Treibholz auf den Flussauen.
Es hatte Winter gegeben, die so mild waren, dass die Kochfeuer ausreichten, um die Kälte zu überstehen, aber dieses Jahr schien anders zu werden. Nur die reichen Bürger würden in ihren Häusern sitzen und gutes colnisches Kupfer für einen Sack Holzkohle bezahlen.
Eben trat Fiona aus einem Haus, zusammen mit zwei anderen Frauen. In der rechten Hand hielt sie ein paar Lederriemen, um Holzbündel zu schnüren. Es hatte aufgehört zu schneien, und der Schnee war in den schattigen Gassen zu einem festen Teppich getrampelt worden. Nur auf den Dächern, die nach Süden zeigten, bildeten sich Risse in der weißen Decke. Über Nacht waren Eiszapfen gewachsen.
Fiona blieb stehen und atmete die kühle Luft ein. Über ihr spannte sich ein weißer Himmel, der ein paar blaue Löcher erkennen ließ. Sie zog ihren Mantel enger um die Schultern, bückte sich und band ihre Holztrippen um die Schuhe. Da sah sie aus den Augenwinkeln, wie jemand auf sie zukam, der ein Pferd hinter sich herführte. Sie erblickte unter einem wollenen Mantel Lederstiefel, die an der Spitze weiße Schneeränder zeigten. Langsam richtete sie sich auf.
Vor ihr stand ein Mann, ungefähr einen Kopf größer als sie selbst, der sie offen und direkt anschaute, sodass sie ihre Augen niederschlug.
„Seid gegrüßt, edle Frau“, hörte sie eine angenehme Männerstimme. „Ihr müsst Fiona sein, die Frau des Herrn Audoin nach der Beschreibung, die ich habe. Und mein Name ist Berward von Trossingen.“
Fiona riskierte einen kurzen Blick, sah ein glatt rasiertes Gesicht, eine schwarze Haarsträhne unter der Mütze. Sie ärgerte sich, dass sie so schnell ihren Kopf gesenkt hatte, obwohl es durchaus üblich war, dass Frauen als Erste die Augen niederschlugen, wenn ein Mann sie betrachtete.
„Ich grüße Euch ebenfalls. Bin ich schon so berühmt, dass man mich an meinem Aussehen erkennt, trotz der engen Haube, die meine Haare verdeckt?“ Der leichte Spott in ihrem Tonfall war nicht zu überhören.
„Ich weiß nicht. Ich kenne Euch nur durch die Erzählung, die mir Audoin gab. Und als ich Euch nicht in seinem Haus antraf, wurde ich hier her gewiesen. Ich habe Nachrichten von ihm und wäre dankbar, wenn ich ein paar Worte in Ruhe mit Euch wechseln könnte.“
Fiona wandte sich um und sah, dass ihre beiden Begleiterinnen neugierig stehen geblieben waren.
„Nun, eigentlich wollte ich gerade das Haus verlassen, aber – das ist wohl ein Grund die Trippen wieder auszuziehen.“
Sie warf einer der Frauen die Lederriemen zu und sagte bestimmend: „Ihr müsst ohne mich gehen!“
Die beiden nickten, riskierten noch einen schnellen, neugierigen Blick auf den Fremden und sein Pferd und setzten sich langsam in Bewegung.
Ohne ein Wort zu sagen, bückte sich Fiona und band ihre Holztrippen wieder ab.
„Folgt mir!“, sagte sie zu dem Mann. „Ich zeige Euch zuerst den Weg zum Stall.“
Der Fremde nickte und wurde zu einer Holztür geführt, die nach dreimaligem Klopfen von einem Jungen geöffnet wurde.
„Dieser Mann“, sagte Fiona zu ihm, „ist heute unser Gast. Versorge sein Tier!“
Nachdem das Pferd über einen Innenhof zum Stall gebracht wurde und Berward einen größeren Lederbeutel vom Sattel genommen hatte, ging Fiona weiter und führte ihren Gast zu einem Raum, der nur mäßig geheizt war. Ein paar Bänke und Tische standen darin.
„Habt Ihr keine Magd, die Euch die Trippen auszieht und Euch bedient, wie es der Frau eines Herrn Audoin zusteht?“, fragte der Fremde erstaunt.
„Ich hatte früher eine Magd. Aber jetzt regeln wir alles unter uns Frauen. Ich bitte Euch, nehmt in der Nähe des Feuers Platz. Es ist zwar schon heruntergebrannt, aber ich hoffe, es macht Euch nichts aus, mit Euren eigenen Händen ein paar neue Holzscheite aufzulegen. Eure Stiefelspitzen brauchen dringend Schweinefett. Beides kann ich Euch nicht bieten. Aber einen Becher Bier, den werde ich für Euch holen.“
„Ist das hier … eine Art Nonnenkloster?“, fragte er.
„Nein.“ Fiona blieb stehen und blickte ihn kurz an. „Wir sind nur eine Gemeinschaft von Frauen, die sich selbst Regeln gegeben haben: Gebetszeiten, gemeinsame Arbeit. Wir sind …“, sie schien zu überlegen, „… genau in der Mitte zwischen Nonnen und Ehefrauen. Jede von uns bleibt in der Gemeinschaft, solange sie will. Ich bin gleich zurück.“
Als Fiona kurz darauf mit einem Brett zurückkam, auf dem je ein Krug mit Bier und Wasser stand sowie eine Schale mit Brot und geräuchertem Fisch, da sah sie, dass ihr Gast gerade dabei war, das Feuer neu zu entfachen. Seinen Umhang und seine Mütze hatte er ohne Diener selbst ausziehen müssen und über eine Bank gelegt. Wahrscheinlich eine Zumutung für so einen vornehmen Herrn, aber er hatte es immerhin getan.
Sie stutzte. Ein süßlicher Geruch lag in der Luft. Ob das mit diesem Mann zusammenhing?
Fiona nickte anerkennend, als sie sah, dass der Gast einen kleinen Tisch schon vorsorglich neben das Feuer platziert hatte. Sie stellte das Brett dort ab.
„Ich sehe, Herr, Ihr macht Euch nützlich.“
Berward richtete sich auf und ließ sich auf der Bank neben dem Feuer nieder. „Nun, es gab zwei Möglichkeiten: entweder auf einen Diener zu warten, den es anscheinend hier nicht gibt, und im Mantel hier sitzen zu bleiben und irgendwann zu frieren, oder den Mantel auszuziehen und das Feuer selbst zu entfachen.“
Fiona lächelte. Der Mann gefiel ihr.
Sie sprach einen lateinischen Tischsegen und lud Berward mit einer Geste ein, es sich schmecken zu lassen.
„Gott segne Eure Ankunft in Coln, und er möge Euch durch das bescheidene Mahl stärken“, sagte sie.
„Habt Dank.“
Zunächst war außer dem Knistern des Feuers und den Essgeräuschen nichts zu hören. Fiona hütete sich, die Unterhaltung als Erste zu beginnen. Sie lockerte das Gebinde am Kinn etwas, weil es allzu stramm saß und das Reden erschwerte. Schließlich wischte sich Berward mit einem Stück Brot die Fischkrümel von den Händen, warf es auf den Boden und fuhr sich mit dem linken Handrücken über den Mund.
„Audoin erzählte mir auch“, sagte er, noch kauend, „dass Ihr einmal mit dem jetzigen Erzbischof verlobt gewesen seid.“
Fiona schüttelte den Kopf. „Nein, so kann man es nicht sagen. Unser Erzbischof Friedrich und ich … Nun, wir kannten uns schon als Kinder, und es war beschlossene Sache, dass wir eines Tages heiraten sollten. Erst nach der Verlobung entschloss er sich, ein geistliches Amt zu wählen und wir … entlobten uns.“
„Audoin sagte mir aber, Ihr wart noch verlobt, als er zum Diakon geweiht wurde.“
Auf Fionas Stirn entstand ein Unmutsfalte.
„Es gab gewisse Überschneidungen“, sagte sie mit betont ruhiger Stimme. „Alle hielten mich damals für tot, und es schien nicht nötig zu sein, sich von einer Toten zu entloben.“
„Also seid ihr keine Bischofsbraut“, sagte Berward halb im Scherz.
Fiona zögerte, weil sie daran dachte, dass sie sich auch nach der Entlobung durchaus als Braut Friedrichs gefühlt hatte. Aber das ging niemanden etwas an.
„Nein. Ich bin keine Bischofsbraut, sondern eine verheiratete Frau. Audoin ist mein Mann, auch wenn er es vorgezogen hat, in Basileia zu wohnen.“
Sie schwieg und nippte an ihrem Becher mit Wasser.
„Eure neue Gemeinschaft hier hat dann wahrscheinlich die Unterstützung des Erzbischofs, nehme ich an?“
„Ja, das hat sie allerdings, sonst könnten wir uns nicht so frei bewegen. Obwohl …“ Sie zögerte.
„Obwohl?“, half Berward nach, weil er neugierig geworden war.
„Obwohl es einigen Bürgern Colns nicht passt, dass sich Frauen zu einem neuen Orden zusammenfinden, ohne richtige Nonnen zu sein. Es macht sie … unruhig.“
Berward sagte nichts darauf, schien sich aber seinen Teil zu denken. Er trank noch einen kräftigen Schluck, rülpste und kam nun mit seinem eigentlichen Anliegen.
„Nun“, begann er und fuhr sich durch seine dunklen Haare. „Wie gesagt, ich bin gekommen, um Nachrichten über Euren Mann weiterzugeben, die...




