E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Gralle Die Weissagerin: Historischer Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95764-211-0
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-95764-211-0
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Mädchen zwischen zwei Welten:
Aitulf, der Diakon des Bischofs von Trier, hat die junge Agnes, die Tochter verstorbener Freunde, an Kindes statt angenommen. Mit einer Gruppe von Händlern reisen die beiden von Trier nach Andernach, wo die 15jährige Agnes in ein Kloster eintreten will.
Doch in der Nacht wird Agnes von heidnischen Sachsen entführt. Da Aitulf zunächst nicht weiß, wo er nach den Mädchen suchen soll, befragt er heimlich eine Nonne, die die Gabe der Weissagung hat. Doch der Spruch der eigenwilligen Frau bleibt ihm unverständlich: "Suche das Tier mit den Rädern...".
Während Aitulf noch rätselt, was es damit auf sich hat, wird die verletzte und fiebernde Agnes im Sachsenlager von dem Mädchen gesund gepflegt. Doch dann erfährt Agnes, dass ihr eine große Ehre zuteil werden soll: Sie ist als Opfer für den Gott Wodan vorgesehen...
Ein großer historischer Roman aus dem Rheinland des 6. Jahrhunderts.
Autoren/Hrsg.
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Das Buch
Der Diakon Aitulf hat die junge Agnes, die Tochter verstorbener Freunde, an Kindes statt angenommen. Mit einer Gruppe von Händlern reisen die beiden von Treveris (Trier) nach Antonaco (Andernach), wo die 15-jährige Agnes in ein Kloster eintreten will. Doch in der Nacht wird die Reisegesellschaft überfallen, Agnes verschwindet spurlos und mit ihr ein junger Mann, der ihr zu Hilfe kommen wollte. Aitulf vermutet, dass die beiden von den Sachsen entführt wurden. Da er zunächst nicht weiß, wo er nach den Mädchen suchen soll, befragt er heimlich eine Nonne, die die Gabe der Weissagung hat. Doch der Spruch der eigenwilligen Frau bleibt ihm unverständlich.
Während Aitulf noch rätselt, was es damit auf sich hat, wird die verletzte und fiebernde Agnes im Sachsenlager von dem Mädchen Gna gesund gepflegt. Doch dann erfährt Agnes, dass ihr eine große Ehre zuteil werden soll:
Sie ist als Opfer für den Gott Wodan vorgesehen.
Trier in der Spätantike bzw. im frühen Mittelalter
Kapitel 1
Im 10. Regierungsjahr Sigiberts, König der Franken, Sohn König Chlothachars, aus dem Geschlecht der Merowinger (570 n.Chr.)
Aitulf hielt inne und bückte sich. Dann band er die locker gewordenen Lederbänder um die Waden wieder fest und blieb regungslos stehen, ohne sich aufzurichten.
Da war doch eben ein Geräusch gewesen? Das Knacken eines Zweiges... und ein kurzer dumpfer Ton, etwa ein unterdrückter Schrei? Ein Tier vielleicht? Aber das würde wohl eher aus dem Dickicht hervorpreschen und weglaufen oder zum Angriff übergehen. Aitulf wartete und wagte kaum zu atmen. Nichts.
Oder war es ein junger Drache, der gleich seine hässlichen, lederartigen Hautflügel ausbreiten würde, um knatternd über sie hinwegzubrausen und seinen Rauch- und Feueratem in ihre Richtung zu schleudern? Roch es nicht sogar nach Rauch?
Aitulf schnupperte. Es roch nach modrigem Laub, und wenn er die Augen schloss, dann meinte er, dass eine Spur von etwas Verbranntem in der Luft lag. Aber das konnte auch von einem Holzkohlenmeiler kommen.
Vorsichtig tastete er nach der Franziska, seiner scharf geschliffenen Wurfaxt, die an seiner linken Seite am Gürtel hing. Er hatte zwar noch nie einen Drachen gesehen, aber die Geschichten um gefährliche Kämpfe mit diesen seltsamen Geschöpfen waren weit verbreitet.
Natürlich könnten auch Menschen im Wald sein. Schließlich lagen in dem Ochsenkarren fein gegerbtes Leder, Amphoren und Fässer mit Wein und Salz. Zwar waren nur noch wenige Waren übrig, weil der Rest schon verkauft war, aber trotzdem könnten Diebe davon angelockt werden, wie Fliegen von einem Tropfen Honig.
Vielleicht... ja vielleicht waren sogar Sachsen im Wald, die durch das Unterholz schlichen. Immerhin begann das Gebiet der Heiden keine dreißig Meilen entfernt von hier.
Aitulf wartete.
Da! Schon wieder dieses Knacken.
Er musste die anderen unbedingt warnen. Langsam und vorsichtig richtete er sich wieder auf und blickte sich suchend am Waldrand um, ohne den Kopf allzu rasch zu wenden. Aber er konnte nichts Auffälliges erkennen. Die einzige Bewegung, die er sah, war seine eigene Reisegesellschaft, einen Steinwurf von ihm entfernt, die unbekümmert weiterzog. Das milde Herbstlicht dieses Spätnachmittags, das eine Lücke in den Wolken gefunden hatte, brachte die hellgelben Buchenblätter, die noch in den Bäumen hingen, hinter der Gruppe zum Leuchten. Und die Menschen mit dem Ochsen und dem vierrädrigen Wagen sahen aus, als bewegten sie sich vor einer Wand aus flimmerndem Gold.
Aber die Schönheit dieses Augenblicks drang nicht in Aitulfs Seele, sondern prallte an ihr ab wie Pfeile auf einem Buckelschild. Bei Gefahr gab es keinen Platz für Schönheit.
Was sollte er tun? Am besten so schnell wie möglich zu seiner Gruppe stoßen und die anderen warnen.
Mit raschen Schritten holte Aitulf den Ochsenkarren wieder ein und gesellte sich zu den beiden Händlern, die rechts neben dem Karren gingen. Sie waren oft in dieser Gegend unterwegs, um die Dörfer mit Waren zu versorgen.
»Ih gihorta eddewaz ... eddeswelih fihü« - ich habe etwas gehört ... wahrscheinlich ein wildes Tier«, sagte Aitulf auf Fränkisch zu den beiden Männern.
»Dort im Wald?«, fragte Jaakov, dem der Ochsenkarren gehörte und der einen grauen Vollbart nach jüdischer Sitte trug. Er war in einen abgewetzten Ledermantel gehüllt, dessen Pelzkragen allmählich die Haare verlor. Er hielt die Zügel des Ochsen in der Hand, während er neben dem Wagen herging.
Aitulf nickte. »Gerade, als ich mich bückte, um meine Lederriemen neu zu schnüren, habe ich es gehört.«
Jaakov kniff die Augen zusammen, bemaß die Entfernung der Sonne zum Horizont und meinte: »Wir sind bald in Antonaco ... Ich schätze, wenn die Schatten zwei Hand breit gewandert sind, werden wir dort angekommen sein.« (Die heute üblichen geographischen Namen befinden sich in einem Glossar im Anhang. Anm.d. Aut.)
»Es wäre gut, unsere Schwerter oder Äxte zu lockern«, sagte Aitulf. »Für alle Fälle.«
»Du scheinst ein streitbarer Diakon zu sein«, sagte der andere, der Florentius hieß, lachend. Noch immer sprach er mit starkem romanischem Akzent, obwohl er schon lange in Treveris wohnte. Er war glatt rasiert und hatte das Haar praktisch kurz geschnitten, während Jaakov, sein jüdischer Kollege, die Haare etwas länger trug; nicht schulterlang, das durften nur die merowingischen Könige, aber unter seiner Ledermütze ringelten sich ein paar Locken hervor.
Aitulf nickte und fügte mit seiner tiefen Bassstimme hinzu: »Ja, ich bin ein streitbarer Diakon der Kirche. Auch Diakone sollten ihren Kopf und ihre Hände gebrauchen, um Gott seine Arbeit zu erleichtern. Außerdem werde ich Avremar Bescheid sagen, dass auch er bereit ist, wenn etwas passiert. Schließlich ist er unser Schutz.«
Aitulf ging auf die andere Seite des Wagens und sprach leise mit einem Mann, den Jaakov als zusätzlichen Begleitschutz und Hilfskraft angeheuert hatte. Über sein Leinenzeug hatte er ein rostiges Kettenhemd gestreift, dessen Ringe beim Gehen leise klirrten. Er war blond und trug den typischen fränkischen Hängeschnurrbart, seine buschigen Augenbrauen gaben ihm ein grimmiges Aussehen, das noch betont wurde durch ein kurzes, einseitig geschliffenes Hauschwert, der Sax, und eine Wurfaxt, die in seinem Gürtel steckten. Über dem Rücken trug er einen ledernen Köcher, in dem sich einige Pfeile befanden, die im Rhythmus der Schritte hin und her hüpften.
Avremar griff im Gehen in den mit Holz überdachten Wagen, holte einen kleinen, handlichen Bogen heraus und legte einen Pfeil auf die Darmsehne. Drinnen, im Wageninneren, saßen zwei Frauen: Agnes, Aitulfs Pflegetochter, und Frolaica, eine Köchin, die Florentius mitgebracht hatte.
Als Aitulf sich vergewissert hatte, dass alle Vorbereitungen gegenüber einem möglichen Überfall getroffen waren, ging er wieder zu den Kaufleuten hinüber. Es sieht aus, als wäre ich der Wächter hier, dachte er und begleitete schweigend die beiden Männern. Eigentlich wäre ihm eine Fahrt auf der Moseila lieber gewesen, die Reise wäre schneller und überdies gefahrloser vonstatten gegangen. Aber Agnes, seine Pflegetochter, mochte die schwanken den Fahrten auf dem Fluss nicht. Und so hatten sie sich dieser Gruppe angeschlossen, die der alten römischen Heerstraße von Treveris nach Antonaco folgte.
Wie Aitulf zwischen den beiden Händlern ging, fiel er schon allein durch seine Körpergröße auf. Er war klein und gedrungen, schwarzhaarig und mit einem tiefen Bass ausgestattet. Früher hatte er seine Haare kurz getragen, aber seitdem er im Land der Franken wohnte, trug er sie etwas länger. Die S-Laute seiner Aussprache hörten sich weich an und nicht so scharf wie die der Franken üblicherweise. Vermutlich lag das an der gotischen Sprache, die er fließend beherrschte. Denn er stammte aus dem Norden Italias, in dem der östliche Zweig der Goten lebte. Seit zwei Jahren herrschten dort die Langobarden.
Fünfzehn Jahre zuvor war er nach Treveris gekommen, hatte unter dem inzwischen verstorbenen Bischof Nicetius seinen arianischen Glauben abgelegt, war katholisch geworden und diente seitdem der Kirche als Subdiakon.
Zwar hätte er heiraten können, denn Subdiakone gehörten nicht zu den höheren Weihegraden, die den Zölibat beachten mussten. Aber nach dem tragischen Tod seiner Verlobten Ansegud hatte ihn keine Frau mehr begeistern können. Und doch musste er für eine Frau sorgen, denn seine beiden Freunde, Kilian und Susanna, die von der letzten Seuche dahingerafft worden waren, hatten ihn auf dem Sterbebett gebeten, sich um ihre damals neunjährige Tochter Agnes zu kümmern.
Glücklicherweise hatte er eine passenden Familie für das Mädchen gefunden. Er verlor sie jedoch nicht aus den Augen, sondern hielt weiterhin Kontakt zu ihr und beobachtete ihre Entwicklung.
Und nun war er mit der inzwischen fünfzehnjährigen Agnes unterwegs, weil sie dem neu gegründeten Frauenkloster bei Antonaco beitreten wollte. Eine Cousine von ihr war ebenfalls dort und freute sich schon auf ihre Gesellschaft.
Die Unterhaltung der drei Männer bewegte sich schon bald wieder in gewohnten Bahnen. Das Geräusch im Wald schien vergessen zu sein. Man sprach über die Weinlieferungen, über den Geschmack des neuen Jahrgangs und darüber, dass man seit neustem die Weine nicht mehr mit Honig süßte und Gewürze beimischte, wie es die Romanen gerne taten, sondern dass man sich daran gewöhnte, den Wein ohne Zusätze zu trinken, um seinen eigenen Geschmack zu spüren. Schließlich gerieten sie darüber in eine heftige Auseinandersetzung. Florentius schüttelte immer wieder...




