E-Book, Deutsch, 466 Seiten
Grampp Politische Medienikonografie
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8463-5916-7
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Einführung zur Illustration
E-Book, Deutsch, 466 Seiten
ISBN: 978-3-8463-5916-7
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Sven Grampp ist akademischer Oberrat am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg.
Autoren/Hrsg.
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2.2 Medien
Was wiederum Medien jenseits alltagssprachlicher Vorstellungen sind, dafür soll an dieser Stelle zunächst einmal nur eine recht allgemeine Bestimmung gegeben werden, die dann in Kap. 4 weiter spezifiziert und ausdifferenziert wird.
Medien
‚Medien‘ ist ein Sammelbegriff, der alles Mögliche bedeuten und umfassen kann – und häufig sehr unterschiedlich, ja widersprüchlich bestimmt wird. Das lässt sich bereits an den beiden wortgeschichtlichen Hauptbedeutungen vom lateinischen ablesen. Zum einen kann Medium sowohl Mitte bzw. Mittler bedeuten. Hier geht es darum, dass ein Medium das ist, was etwas von a nach b vermittelt und dort zur Erscheinung gebracht wird. Ein Fotoapparat kann so als funktionales Mittel betrachtet werden, Situationen zu einem Zeitpunkt x am Ort a an einem anderen Ort b, zu einem anderen Zeitpunkt y sichtbar zu machen. Zum anderen kann Medium aber auch Milieu bedeuten. Hier geht es um ein Verständnis des Medialen, das davon ausgeht, dass Medien eine Umwelt oder eben ein Milieu schaffen, durch das die Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt präformiert wird. In einer Welt, die voller Fotoapparaten ist, in der man immer schon davon ausgehen muss, dass man fotografiert werden kann und so die Welt im Modus möglicher Fotografierbarkeit erfasst, ist das Verhältnis zur Welt und zu sich selbst, ein anderes als ohne Fotoapparate. Die Fotografie ermöglicht so verstanden nicht nur die Reproduktion von Ereignissen, deren Aufbewahrung und Transport von a nach b; sie ist also nicht nur ein Mittler, sondern etabliert insofern ein Milieu, als sie die Wahrnehmung der Welt, ja sogar das Selbstverständnis der Menschen, die von Fotoapparaten umgeben sind, neu ausrichtet.
Zudem muss auf dieser Ebene bedacht werden: Fotos kommen selten allein. Sie sind mit Fotoapparaten verbunden oder auch mit Smartphones, die zusätzlich ganz andere Funktionen erfüllen können. Damit verknüpft ist ein bestimmtes Distributionswesen, etwa die Telegrafie oder digitale Plattformen, auf denen die Bilder geteilt werden können, usw. Entscheidend daran ist, dass Medien meist im Plural auftreten und im Plural Milieus ausbilden.
2.2.1 Code I Kanal
Durch die Unterscheidung von Mittler und Milieu und dem Verweis auf die Pluralität von Medien ist vielleicht aufgezeigt, wie facettenreich der Medienbegriff ist und auch warum, es sinnvoll ist, eher von Medien als von einem Medium zu sprechen. Operationalisierbar und analytisch fruchtbar zu machen, sind diese Bestimmungen aber eher weniger. Dementsprechend ist es in einem Kontext, in dem es um die Analysemöglichkeit politischer Bilder geht, sinnvoll, den hier zu Grund gelegten Medienbegriff enger und so zielführend zu definieren. Für dieses Vorhaben scheint es mir naheliegend, und als zwei zentrale mediale Operationen zu unterscheiden und weiter auszudifferenzieren (vgl. Abb. 2.3). Diese Unterscheidung, das sei eigens betont, ist eine, die mediale Aspekte besser zu identifizieren hilft; aber letztlich geht es dabei nicht um die Bestimmung unterschiedlicher Medien oder gar um alle Facetten des Medialen, sondern nur um bestimmte Aspekte und Ebenen medialer Operationen. So verstanden gibt es eigentlich genau besehen Medien nicht nur im Plural, sondern genauer noch nur als Teil eines übergreifenden Medialitätsprozesses, bei dem die heterogenen medialen Facetten und Ebenen ineinandergreifen, deren einzelne Aspekte wiederum je nach analytischem Erkenntnisinteresse selektiv herausgegriffen werden.
Medien als Zeichensysteme und Kanäle
2.2.2 Code
Ein Code ist „eine Anweisung zum Ver- und Entschlüsseln einer Nachricht […].“ Der Code ist insofern als ein Medium zu begreifen, als er ermöglicht, die das Verhältnis zweier Einheiten organisieren (etwa die Zeichenfolge „SOS“ – erste Einheit ist eine sprachliche Verschlüsselung, die als kommunikativer Akt mit der Bedeutung „Hilfe!“ entschlüsselt werden kann). Aufgrund der Codierungsmöglichkeit wurden unterschiedliche Codierungsformen historisch etabliert, die selbst wieder als Medien fungieren können, genauer als . Diese Medien stellen sprachliche, visuelle, auditive oder auch olfaktorische Möglichkeiten bereit zur Kommunikation und Wahrnehmung für je spezifische Verarbeitungen und Speicherungen prämedialer Bezugsobjekte. Da es sich dabei um unterschiedliche Codierungsinstrumente handelt, lässt sich auch formulieren: Diese Medien nicht nur durch Verarbeitung und Speicherung Kommunikation und machen Phänomene wahrnehmbar; sie diese auch in spezifischer Weise und dementsprechend. Mündlich kann anders und anderes kommuniziert werden als mittels einer Fotografie. Genauso gilt umgekehrt: Mündlich lassen sich Dinge eben nicht zeigen, in einer Fotografie wiederum nicht direkt sagen etc. Dementsprechend präformieren Codes durch Verarbeitung und Speicherung Kommunikation und Wahrnehmung aufgrund ihrer jeweiligen semiotischen Spezifik.
Selbstverständlich können die hier differenzierten Unterkategorien ineinandergreifen, ja, solche Verschränkungen dürften wohl der Normalfall sein. Man denke nur an Bild-Text-Kombinationen auf Wahlplakaten oder Memes, an die televisuelle Berichterstattung, bei der Ton und Bild ineinandergreifen oder auch an Denkmäler, die angefasst werden können, also nicht nur visuell, sondern taktil ‚kommunizieren‘ usw.
Wie noch näher diskutiert werden wird [vgl. Kap. 4, Was ein Bild ist, was nicht?], ist es durchaus umstritten, ob Medien generell und speziell visuelle Kommunikations- und Wahrnehmungsmittel überhaupt als codierte Zeichensysteme zu verstehen sind und wenn ja, was genau ihre Spezifik ausmacht. Nichtsdestotrotz sollen hier Bilder und unterschiedliche Bildtypen, etwa Fotografien, Gemälde, Filme oder Statuen, in einem ersten Zugriff als visuelle Kommunikations- und Wahrnehmungsmittel gefasst und unter die Kategorie medialer Codierung subsumiert werden. Später soll davon ausgehend diskutiert werden, was die Spezifik dieser Bilder im Kontext politisch-strategischer Kommunikation und Wahrnehmung sein könnte.
2.2.3 Medium I Form I Medium I Form …
Auf Ebene des Codes lässt sich wiederum entweder die visuelle Codierung als Medium für unterschiedliche visuelle Formen verstehen, so wäre beispielsweise die Fotografie eine Form des visuellen Mediums, oder aber die Fotografie wird selbst als Medium gefasst, das unterschiedliche Formen ausbildet, etwa Atelierfotografie, Schnappschuss oder Makrofotografie (vgl. Abb. 2.4). Hier ist das, was ein Medium ist, erstens dasjenige, was Spielraum möglicher Formbildungen bereitstellt. Die Form ist demgegenüber die Realisierung bestimmter medial ermöglichter Formbildungen. Zweitens ist so verstanden, das, was jeweils Medium, was Form ist, relativ. Je nachdem, was bei der Analyse in den Blick genommen werden soll, lässt sich etwas als Medium oder als Form bestimmen. Frage ich nach möglichen Realisierungen visueller Codierung, fasse ich den visuellen Code als Medium, das sich etwa in der Form von Fotografien materialisiert. Interessiert mich hingegen eine spezifische Form der Fotografie, etwa der Schnappschuss, so ist die Fotografie das Medium für die Form Schnappschuss. Bin ich wiederum an bestimmten ästhetischen Erscheinungsformen interessiert, die den Schnappschuss auszeichnen, etwa Unschärfen im Bild, so ist der Schnappschuss das Medium, die Unschärfe eine seiner Formen. Die Reihe der Medium/Form-Relationen ließe sich in beide Richtungen prinzipiell unendlich fortsetzen (vgl. Abb. 2.4).
Medium/Form-Relationen
Auch wenn es verwirrend, ja widersprüchlich oder zumindest wenig zielführend erscheinen mag, neben der Bestimmung von Medien im heterogenen Plural quer dazu auch noch eine relativierende Medium/Form-Unterscheidung einzuführen, so ist mir diese zweite Bestimmung dennoch wichtig und steht, wie ich glaube, auch nicht im Widerspruch zur ersten Bestimmung von Medien. Die Medium/Form-Unterscheidung ist vor allem für die Diskussion dessen, was ein Bild ist, sowie für die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Bildtypen relevant. Denn dabei wird zunächst das Bild als Medium verstanden und diverse Bildtypen als Formen. Daran anschließend sollen einzelne Bildtypen als Medien bestimmt und ihre jeweiligen Möglichkeiten anhand diverser Formbeispiele veranschaulicht werden. In einem letzten Schritt wird dann das Bild als Form in übergreifenden medialen Kontexten, etwa Infrastrukturen, Bildagenturen, untersucht [? Kap. 4, Code].
Bilder und Bildtypen sind somit einerseits als zentrale bestandteile eines übergreifenden Prozesses zu verstehen. Anderseits scheint es mir zielführend, bei der konkreten Analyse von Bildern und Bildtypen kleinteiliger die Frage...




