E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Grand / Gruber Compendium Obscuritatis
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-4335-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von Musen und Monstern
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7557-4335-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was knistert da zwischen den Seiten dieses Buches? Du fühlst es doch auch, oder? Dieses Ziehen in andere Phantasien. Es kratzt, es holt, es lockt Dich. Obwohl Du alles schon gelesen hast, was die Phantastik zu bieten hat. Oder obwohl Du normalerweise keine Fantasy liest. Du entkommst nicht. Neue Phantasiegestalten warten auf Dich, ob gut oder böse oder irgendwas dazwischen. Muse, Monster, Kuriosität. Komm, trau Dich, ihrem Ruf zu folgen. Das Kollektiv Nikas Erben setzt sich aus Autor*innen verschiedenster Genres zusammen. Für diese Anthologie haben sie völlig neue phantastische Kreaturen erfunden, wie Du sie bisher noch nicht gelesen hast. Mit Illustrationen von Esther Wagner. Autor*innen: Vanessa Glau, M. D. Grand, S. M. Gruber, Andreas Hagemann, June Is, Jessica Iser, Kia Kahawa, Magret Kindermann, Wolfgang Lamar, Lily Magdalen, Liv Modes, Nicole Neubauer, Eva-Maria Obermann, Denny Sachs, Babsi Schwarz, Katharina Stein, Matthias Thurau, Julia von Rein-Hrubesch
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Heiße Schokolade
Als sie blinzelte, ballten sich die Wolken über ihr zusammen. Schlagartig wurde es dunkler.
dachte Maria in den Donner hinein. Natürlich war sie es nicht. Sie konnte nicht das Wetter kontrollieren, auch wenn sie das geliebt hätte. Der erste Regentropfen traf ihr Kinn, der zweite landete auf der Mütze ihres Babys, das sie in einem Tragetuch hatte. Sie spreizte die Finger über sein Köpfchen, doch das würde es kaum vor dem Regen schützen. Bis nach Hause waren es bestimmt noch fünf Minuten. Vor ihr aber lag das bei jedem beliebte ÖkoCafé Isolde, direkt am Fenster war noch ein Platz frei, das sah sie durch die Scheibe, und es wirkte gemütlich. Maria steuerte schon darauf zu, als sie sich umentschied. Sie würde es bestimmt noch vor dem Regen nach Hause schaffen.
Beim Überqueren der nächsten Straße bereute sie den Entschluss, denn der Regen prasselte plötzlich so heftig auf die Erde, dass sie kaum einen Meter weit sehen konnte. Maria beugte sich über das Bündel vor ihrem Bauch und fluchte, sie eilte unter ein Vordach.
Da entdeckte sie ein Licht. Eine tanzende Flamme hinter einer dreckigen Glasscheibe. Dahinter sah sie weitere flackernde Lichtquellen, es waren Kerzen auf runden Tischen. Noch nie hatte sie wahrgenommen, dass hier noch ein Café war. Ohne lange zu überlegen, öffnete sie die Tür - es klingelte - und schlüpfte hinein.
Sie schaute hinunter, ihr Baby hatte die Aufregung verschlafen. Maria strich über den blonden Flaum auf dem Köpfchen und steuerte den hintersten Tisch am Fenster an. Beim Setzen wurde ihr Kind wach. Ihre Brustwarze kribbelte, ein sicheres Zeichen, dass es Hunger hatte.
Der Kellner kam und fragte nach ihrer Bestellung.
»Eine heiße Schokolade ohne Sahne, bitte.« Sie schaute nicht auf, weil sie damit beschäftigt war, ihr Baby aus dem Tragetuch zu heben.
Erst als es zufrieden und noch im Halbschlaf an der Brust lag, sah sie sich um. Das Café hatte eine seltsame Atmosphäre. Die Kerzen waren am Tag an, an der Wand hing ein Bild von Pasta neben einem von der Akropolis in Athen und daneben klebte ein Poster eines Reisebüros: In hohen Regalen wurden Waren von Olivenöl bis Gummibärchen angeboten. Ein neongelbes Schild daneben warb: Die nackte Glühbirne flackerte, es gab keine Toiletten und es spielte keine Musik. Dafür stand in der Ecke ein Kinderkarussell mit quietschbunten Plastikpferden, dessen Spitze sich in die Decke bohrte. Der Putz war an dieser Stelle abgebröckelt. Das Café wirkte, als würde es nur so tun, als wäre es ein Café. Maria war der einzige Gast.
»Hier, bittä«, sagte der Kellner und Maria schreckte auf. Vor ihr stand ein Glas mit schaumiger, heißer Schokolade. Auf dem Unterteller lagen ein kleiner Löffel und ein Butterkeks. Wenigstens das Getränk schien in Ordnung zu sein.
»Danke«, sagte sie und blickte hoch. Der Kellner hatte einen schiefen, geschwungenen Schnurrbart und ein Augenbrauenpiercing. Es fiel Maria schwer, ihn anzuschauen, denn er schien zu flackern wie das Licht. Er lächelte und lief zurück zum Tresen, an dem eine verstaubte Happy-Birthday-Girlande hing. Dabei wackelte er seitwärts wie Charlie Chaplin und hob seine Beine wie ein Pelikan. dachte Maria.
Das Baby war inzwischen wieder eingeschlafen und träumte, was sie an den flatternden Lidern erkannte.
»Na, Marcel, träumst du von der Geburt?«, flüsterte Maria ihm ins Ohr.
Das Baby gluckste.
Der Regen erreichte durch das lange Vordach nicht die Fensterscheiben, doch er war so stark, dass die restliche Welt nicht mehr zu erkennen war. Mit dem Ende des Vordachs begann der nasse, prasselnde Vorhang.
dachte Maria. Das Café war ein seltsamer Ort und sie hatte ein unangenehmes Gefühl. Doch sie wollte auf keinen Fall so horizontlos wie ihre Mutter sein, die Marias Meinung nach viel zu schnell Menschen verurteilte und Neues ablehnte. Sie beschloss, den Ort schätzen zu lernen.
Sie klappte den Still-BH zu und Marcel wimmerte leise im Schlaf. Irgendwie kriegte er jedes Mal mit, wenn die Brust nicht mehr so leicht zugänglich war. Doch gleich darauf lächelte er, ohne aufzuwachen.
Maria bemerkte ihre verspannten Schultern und streckte den freien Arm. Sie hatte schon lange immer mal wieder Rückenschmerzen, doch seit Marcel auf die Welt gekommen war und sie ihn so viel trug, war es schlimmer geworden. Vor allem, weil sie schon seit einer Weile kein Yoga machte und nicht mehr meditierte.
Sie schloss die Augen. dachte sie. Maria spürte, wie sich ihre Lungenflügel mit Luft füllten. Für einen Moment hielt sie diese und ließ sie dann herausströmen. Jetzt war er vorbei, der bewusste Atemzug. Als sie die Augen öffnete, schien sich die Zeit verlangsamt zu haben. Das Flackern der Glühbirne störte nicht mehr und dafür fiel ihr das warme Licht der Kerzen auf.
Maria rührte ihr Getränk um und hob es an den Mund. Es roch nach aromatischem, dunklem Kakao. Sie war beeindruckt, so eine hochwertige heiße Schokolade gab es in der Isolde nicht. Der erste Schluck bestätigte ihren Eindruck. Der Schokoladengeschmack war so stark, dass sie lächeln musste. Und warte mal, spielte nicht doch Musik? Sie summte mit. Ja, es war ein Walzer. Vorsichtig trank sie wieder, sie wollte nichts auf Marcel verschütten. Zwar landete öfter mal etwas von ihrem Essen auf ihm, aber ein Heißgetränk hätte ihn verbrüht.
Als sie die Tasse zurückstellte, entdeckte sie neben dem Unterteller ein blaues Haar. Ihre Eltern hatten erwartet, dass sie sich die Haare wieder braun färben würde. Immerhin war sie ja nun Mutter. Doch Maria dachte nicht daran. Die beste Mutter war sie, wenn sie sie selbst war. Und sie hatte blaue Haare. Meerjungfrauenblau, wie der Frisör es nannte. Sie pustete das Haar vom Tisch.
Da fiel ihr die verunstaltete Tischplatte auf. Jemand hatte mit einem Messer oder Ähnlichem etwas ins Holz geritzt. Ein bisschen Berlin-chic, aber warum nicht? Immerhin war der Laden ja auch italienisch griechisch. Es war eine Zeichnung von etwas, das wie ein Insekt wirkte. Zwei große, dünne Beine, die an den Knien abgeknickt waren, eine offene Wirbelsäule und ein Buckel aus etwas, das wie Krebsschale aussah. Auf dem unförmigen Kopf zählte sie zweimal vier Augen, jeweils an der Seite als eine gebogene Linie, und in der Mitte zog sich bis zum Kinn ein gigantisches Maul mit vielen spitzen, langen Zähnen, die fast wie dicke Borsten aussahen. Statt eines Bartes standen mehrere tentakelähnliche Greifarme vom Kinn ab. Arme schien die Kreatur keine zu besitzen.
fragte sich Maria und aß den Keks. Auch er war großartig, er war teilweise aus hellem, teilweise aus dunklem Teig gebacken.
Über dem Bild hatten verschiedene Leute gekritzelt, als wäre die Tischplatte die Wand einer Klokabine in einem Club.
stand dort mit Edding.
mit Kugelschreiber.
Kuchen war durchgestrichen, darüber stand in einer anderen Schrift:
Maria schob den Kerzenständer und die Menükarte zur Seite, um das gesamte Werk betrachten zu können, und führte das Glas zum Mund. Es war der letzte Schluck. Bald würde sie diesen verrückten Laden verlassen. Sie wollte heim und gucken. Der Kellner spähte schon neugierig über den Tresen. Wahrscheinlich wollte er schnell abkassieren. Um Kundschaft war man hier offensichtlich nicht bemüht. Vielleicht wollte man, dass sie schnell wieder ging.
Das Karussell drehte sich, es machte sie müde. Hatte es sich vorhin schon gedreht?
Maria richtete den Blick wieder auf das Holz. Über dem Kopf der eingeritzten Kreatur sagte eine Sprechblase in Großbuchstaben:
Sie spuckte über den Tisch, doch die heiße Schokolade hatte sie schon hinuntergeschluckt.
»Was habt ihr ...?«, rief sie, plötzlich doch panisch, denn das war alles nicht normal, sie war so, so müde ... Sie sah noch, wie der Kellner im flackernden Licht heraneilte - hatte er etwa viele kleine Greifärmchen unter seinem Kopf? - da kippte sie nach hinten, zog ihr Baby mit sich und schlief ein.
Als sie erwachte, schien die Sonne durch das Fenster auf sie. Der Regen warvorüber. Kein Walzer spielte, das Karussell stand still. Maria zog sich hoch und sah sich um. Der Kellner - ganz Mensch - wischte den Tresen ab. Wahrscheinlich hatte sie der Tag erschöpft. Sie legte drei Euro auf den Tisch und stand auf. Tatsächlich fühlte sie sich etwas wackelig auf den Beinen. Eine Erkältung. An der Tür...




