Grandes Inés und die Freude
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-446-24681-2
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 672 Seiten
ISBN: 978-3-446-24681-2
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Almudena Grandes, 1960 in Madrid geboren und 2021 ebenda gestorben, gehört zu den wichtigsten und erfolgreichsten spanischen Autorinnen der Gegenwart. Ihre Bücher sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Für ihr bisheriges Gesamtwerk erhielt sie u.a. den Premio Julián Besteiro. 2011 wurde ihr Roman Inés und die Freude mit dem Premio Sor Juana Inés de la Cruz ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen die Romane Der Feind meines Vaters (2013), Inés und die Freude (2014), Kleine Helden (2018) und zuletzt Die drei Hochzeiten von Manolita (2022).
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Toulouse, an einem Tag im August, vielleicht noch im Juli, vielleicht aber auch schon Anfang September 1939.
Eine junge Frau geht die Straße entlang, die Lippen zusammengepresst, in sich gekehrt, wie jemand, der es eilig hat oder eine lange Liste mit Besorgungen erledigen muss. Sie heißt Carmen. Möglicherweise ist sie an diesem Tag, dessen genaues Datum im Dunkeln bleibt, noch keine einundzwanzig. Trotzdem hat sie schon viel erlebt.
»Bonjour, monsieur.«
»Bonjour, madame!«
Der Bäcker, Fleischer oder Obsthändler, der am Türrahmen des Ladens lehnt, als Carmen vorbeikommt, grüßt zufrieden eine Kundin, die er in letzter Zeit nicht oft gesehen hat, vielleicht weil sie verreist war. 1939 fuhren die Franzosen noch in die Sommerfrische, lebten noch in einer Welt, in der es Arbeit, Urlaub und Strände mit kleinen Strandhäusern gab, in den Sand gebohrte Sonnenschirme, die sanften Wellen des Mittelmeers oder die majestätischen Fluten des Atlantiks.
Daran dachte Carmen möglicherweise, an einen Archipel voller Dachterrassen, auf denen Laken zum Trocknen hängen, oder an Weinranken, die sich unter dem Gewicht der grünen Trauben biegen, an die Sonne, die in der trägen Stille der Siesta auf die Kalkwände brennt, an eine Fliege, der vom stundenlangen Kreisen über der geheimnisvollen runden Öffnung eines Krugs schwindelig ist, oder an halb nackte Kinder. Ihr Lächeln trägt die Spuren von Feigen oder Wassermelonen, deren zuckriger Saft fröhliche Rinnsale auf ihrem Kinn hinterlässt. Das war in einer anderen Zeit, in Sommern, die noch nicht lange zurückliegen, ihr aber nun wie ewig vergangen erscheinen, in einem Land, das existiert und wieder nicht existiert. Es ist verschwunden, und doch bleiben seine Fenster weiter geschlossen und seine Rollläden heruntergelassen wie Schutzschilde gegen die Hitze. Die Straßencafés wimmeln noch immer von singenden Nachtschwärmern und Betrunkenen, die unbekümmert den neuen Tag heraufdämmern sehen. An der Küste wird es noch die Dörfer mit schwindelerregenden, steilen Straßen geben, wie Rutschbahnen aus staubigem gelbem Stein, ohne Gehsteige, an deren Ende man Flecken eines unvergleichlichen Meeres sieht, so rein, so schön, so blau, wie ein fremdes Meer niemals sein kann. Besser, nicht darum zu wissen, besser, keine Erinnerung daran zu haben. Während sie die Stimme einer unbekannten Kundin hört, die den Händler nach dem Preis für dieses oder jenes fragt, denkt Carmen an Spanien, beschleunigt ihre Schritte noch mehr und presst die Lippen noch stärker aufeinander zu einem wütenden Ausdruck von Entschlossenheit, dem einzigen Vermächtnis, das den Verzweifelten bleibt.
»Écoute, Marcel! Où vas-tu tellement …?« Der Rest der Frage geht im Quietschen der Pedale und im metallischen Kreischen der Fahrradkette unter, die sich mit voller Kraft dreht.
Aber die Antwort hört sie. »Salut!« Ein neutraler Ausdruck, den der freche, boshafte Akzent des Fahrradfahrers in einen Code verwandelt, den sie nicht zu entschlüsseln vermag.
Als sich ihre Wege kreuzen, lacht der Junge auf dem Bürgersteig immer noch, obwohl das Fahrrad seines Freundes längst in einer Seitengasse verschwunden ist. Er kann nicht wissen, dass die junge Frau, die ihm entgegenkommt, bis heute jeden Tag, meistens mit leiser Stimme, ein fast identisches Wort vor sich hin murmelt, salud!, über das allerdings niemand lacht. Doch selbst wenn er es wüsste, würde es ihn nicht interessieren, also möchte auch Carmen nicht daran denken, während sie hastig weitergeht und versucht, ihre Umgebung im Auge zu behalten, ohne den Passanten aufzufallen. Das zumindest ist dieser untersetzten Frau mit den breiten Hüften, dem sympathischen Gesicht, den kleinen lebendigen Augen und dem zarten Lächeln nie schwergefallen. Sie ist nicht hässlich, ja sogar ansehnlich, wenn man Zeit oder Lust hat, zwei Mal hinzusehen, aber vor allem ist sie innerlich wie äußerlich eine ganz normale Frau, fast gewöhnlich, eine wie unzählige andere. Das war Carmen de Pedro immer, bis man ausgerechnet ihr eine Aufgabe übertrug, die über ihren Ehrgeiz hinausging und ihre Fähigkeiten bei weitem überstieg.
Seitdem findet sie keinen Schlaf mehr. Seit diesem Tag fürchtet sie sich vor allem, am meisten vor sich selbst und dem absehbaren Scheitern einer Mission, die ihr über den Kopf gewachsen ist. Als sie in die Partei eintrat – sie war noch ein Mädchen, fast ein Kind –, hatte sie keine Ahnung von der ungeheuren Last, die eines Tages auf ihren Schultern ruhen, ihre Vorstellungskraft übersteigen und ihr Bewusstsein erschüttern würde. Diese Verantwortung spürt sie wie einen großen, scharfkantigen Stein, der sich bei jedem Schritt in ihr Fleisch bohrt und macht, dass sich jeder wache Augenblick und auch der letzte Winkel ihrer düsteren Träume mit gefährlichen Ungeheuern bevölkert.
Das also sieht sie, während sie in Toulouse durch die Rue des Jacobins, die rue Mirepoix oder die Rue Léon Gambetta geht, schmale Gassen mit Steinhäusern, ohne einen Flecken Strand am Ende. Dieses brave Ding, das nie vorgab, etwas anderes zu sein als brav, eine ehemalige Schreibkraft des Madrider Zentralkomitees, die fast sämtliche Führer der PCE, der Kommunistischen Partei Spaniens, persönlich kannte, allerdings nur, weil sie ihre Reden abtippte und ihre Briefe ins Reine schrieb, die sie anschließend unterzeichneten. Sie öffnete ihnen die Tür, wenn sie kamen, und schloss sie wieder, wenn sie gingen, mit immer demselben Lächeln auf den Lippen. Das kann sie, das war stets ihre Aufgabe, nach einer anderen hatte sie nie verlangt. Während Toulouse einen angenehm warmen Tag im langweiligen Leben eines Frankreichs genießt, das von nichts etwas wissen will, weder, wo es steht, noch in welcher Zeit es existiert, weder, wer seine Nachbarn sind, noch was sie treiben oder planen, geht Carmen de Pedro durch seine Straßen, mit einer Hölle auf den Schultern, einer beweglichen Qual, einem weiteren verfluchten spanischen Segen.
»À tout à l’heure, madame!«
»Au revoir, Marie, à dimanche!«
Die Glocke über der Tür schrillt wie eine wild gewordene, exotische Klapperschlange, ein akustisches Wunderding, passend zur Gestalt der elegant gekleideten, tadellos frisierten und mit Schmuck behängten alten Dame, die so aussieht, als wäre sie ihr ganzes Leben lang reich gewesen, und nun mit einer Schachtel Gebäck durch die Tür tritt, die ihr ein etwa zehnjähriges, hochgewachsenes Mädchen aufhält.
»Au revoir, Nicole!« Die Kleine lächelt mit zuckerverschmiertem Mund. In der rechten Hand hält sie das angebissene Gebäck, das sie sich von der Schule kommend aus der Auslage genommen hat.
»Au revoir, madame!«
Ihre Mutter, die eine makellose weiße Schürze trägt, auf der in Blau schnörkelig der Name des Ladens, Pâtisserie du Capitole, eingestickt ist, wartet hinter dem Tresen, bis die Kundin gegangen ist, und weist dann ihre Tochter an, augenblicklich nach oben zu gehen und ihre Hausaufgaben zu machen. Die Rue Gambetta verbreitert sich unmerklich auf den letzten Metern, bevor sie in die Place du Capitole mündet, die so weit und einladend daliegt wie das Meer, das Toulouse nie erreicht. Dort wartet er unter den Kolonnaden, halb in einem Ladeneingang versteckt, und tut so, als studiere er die Schaufenster mit der reichen Auswahl an Regenschirmen, Käsesorten oder Büchern, obwohl er sich nicht im Geringsten dafür interessiert.
Seit Tagen folgt er ihr heimlich in sicherem Abstand. Er weiß, wo sie wohnt, mit wem sie befreundet ist, wann sie gewöhnlich das Haus verlässt, welchen Weg sie nimmt, wo sie isst, mit wem sie isst, wann sie zurückkehrt und dass sie allein zurückkehrt. Er hätte sie am Tag zuvor oder an dem danach ansprechen können, mit derselben Selbstsicherheit und derselben erstaunlichen Unbefangenheit, mit der er es heute tut. Er wirft einen Blick auf sein Spiegelbild im Schaufenster und drückt sich den Hut etwas schräger in die Stirn. Dann steckt er die Hände in die Taschen, dreht sich hastig um und überquert den Platz. Mit gesenktem Blick und gespielter Eile steuert er geradewegs auf die Frau zu, bis er fast mit ihr zusammenstößt.
»Excusez-moi.« Erst als er unmittelbar vor ihr steht, hebt er den Kopf und starrt sie mit offenem Mund an, als wäre er überrascht. »Carmen!«
Sie braucht einen Moment, bis sie ihn erkennt. »Jesús …« Sie blickt nach links und rechts und hinter ihn, bis sie sich vergewissert hat, dass er allein ist. Erst dann sieht sie ihm in die Augen und erwidert sein Lächeln.
»Was für eine Überraschung, Carmen!« Er streckt die Hände aus, ergreift die ihren und küsst sie womöglich auf die Wange. »Wie geht es dir?«
Es ist nicht leicht, diesen Mann zu beschreiben oder ihn mit seinen Landsleuten oder Zeitgenossen zu vergleichen. Leicht zu lieben und schwer zu vergessen, innerlich wie äußerlich. Er ist groß, kräftig, mit breiten Schultern und großen Händen, möglicherweise Vorzeichen einer späteren Fettleibigkeit, die uns aber im Augenblick nicht interessieren muss, weil sie nicht zum Status eines politischen Flüchtlings in Frankreich passt, in diesem August, vielleicht Juli oder Anfang September des Jahres 1939. In diesem Augenblick ist Jesús Monzón Reparaz vor allem ein liebenswürdiger und sehr stattlicher Mann. Nicht unbedingt attraktiv, denn sein Kopf scheint direkt auf dem Rumpf zu sitzen, und man ahnt bereits seine späteren Geheimratsecken. Trotzdem, manchmal, wenn er verhalten lächelt, tragen seine Augen denselben schrägen Zug wie sein Mund. Dann erhebt ihn seine überragende Intelligenz, gepaart mit ebensolcher Niedertracht, auf eine viel...




