Gratz Amy und die geheime Bibliothek
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-446-26322-2
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-446-26322-2
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alan Gratz ist Autor vieler von der Kritik gefeierter Bücher für Kinder und Jugendliche. Er wurde 1972 in Knoxville, Tennessee geboren und lebt mit seiner Frau und Tochter im westlichen North Carolina. Nach seinem erfolgreichen Kinderbuch Amy und die geheime Bibliothek (2019) erschien 2020 mit Vor uns das Meer sein erstes Buch für jugendliche Leserinnen und Leser bei Hanser, für das Alan Gratz mit dem Buxtehuder Bullen 2021 ausgezeichnet wurde und das für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 nominiert war.
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Ponys und rosa Tutus
Unsere beiden riesigen Rottweiler, Mogli und Balu, begrüßten uns an der Tür und leckten mir über das Gesicht. Sie waren so groß, dass sie mir bis zu den Schultern reichten, wenn sie sich auf die Hinterbeine stellten.
»Aus! Aus!«, rief ich und versuchte, sie zu streicheln — auf diese Weise sagte ich ihnen Hallo. Sie bellten, wedelten mit dem Schwanz und liefen vor unseren Füßen hin und her, sodass ich mich nicht von der Stelle bewegen konnte. Als sich meine Mutter schließlich wie ein Eisbrecher einen Weg an den Hunden vorbei in die Küche bahnte, folgte ich ihr.
Mein Dad war am Herd damit beschäftigt, in zwei Töpfen zu rühren, etwas im Ofen zu backen und einen Salat vorzubereiten. Er war groß und dünn, seine Haut war so dunkel wie meine und seine Arme muskulös, weil er den ganzen Tag Steine verlegte. Er hatte seine Opernmusik wieder einmal laut aufgedreht, und eine italienische Dame sang, als hätte sie jemand an den Schultern gepackt und würde sie ordentlich durchschütteln.
»In fünfzehn Minuten gibt’s Spaghetti«, kündigte er an. Dann rief er: »Alexis! Komm und deck den Tisch!« An uns gewandt, fügte er hinzu: »Ich hab sie schon dreimal gebeten.«
»Ich kann nicht!«, ertönte Alexis’ Antwort aus unserem Zimmer am Ende des Flurs. »Ich zieh mich fürs Ballett um!«
»Kannst du es dann übernehmen, Amy?«, bat Dad mich.
Nein. Alexis hat immer irgendeine Entschuldigung, um nicht zu tun, was sie tun soll. Lass sie es machen, wollte ich sagen. Doch aus Erfahrung wusste ich, dass es nichts nützte zu diskutieren. Es hatte noch nie etwas genützt. Für alle Beteiligten war es einfacher, wenn ich ohne Widerworte tat, was man mir sagte.
Also ließ ich meinen Rucksack auf den Boden fallen und ging zum Küchenschrank, um die Teller zu holen. Mom verschwand am Ende des Flurs, um sich umzuziehen.
»Wie war dein Schachklub?«, wollte Dad wissen.
Ich zuckte leicht zusammen. Ich nahm jeden Tag den späten Schulbus nach Hause, weil ich meinen Eltern erzählt hatte, ich würde wegen verschiedener Klubs länger in der Schule bleiben. Doch in Wirklichkeit war ich weder im Schachklub noch im Anime- oder Roboterklub. Ich war in gar keinem Klub. Stattdessen saß ich in meiner Lieblingsecke in der Bibliothek und las Bücher. Das war meine einzige Chance auf ein bisschen Ruhe und Zeit für mich.
»Ganz gut«, schwindelte ich.
Angelina, meine jüngste Schwester, kam auf allen vieren in die Küche galoppiert. Sie war eine pummelige Fünfjährige mit Moms Grübchen und Dads dunklerer Haut. Ihre Haare waren am Hinterkopf zu einem krausen Pferdeschwanz zusammengebunden. Angelina hatte sich entschlossen, eines Tages ein Pony zu werden, weshalb sie seit Wochen jeden Tag dafür übte. Sie machte mit der Zunge das Geräusch von Hufgetrappel nach und stupste mich mit dem Kopf an.
»Hallo, Angelina«, begrüßte ich sie.
»Regenbogenfunke!«, korrigierte sie mich.
Regenbogenfunke war ihr Ponyname. Und ich würde sie ganz bestimmt nicht Regenbogenfunke nennen.
Weil die Hunde dachten, Angelina wollte mit ihnen spielen, fingen sie an zu bellen und ausgerechnet dort herumzuhüpfen, wo ich gerade langgehen wollte. Ich musste die Teller hochhalten, um sie nicht fallen zu lassen, während ich an den beiden vorbeibalancierte.
Angelina und die Hunde gerieten zwischen Dads Füße, weshalb er mit verärgertem Blick einen Schritt vom Ofen wegging. »So, alle Ponys und Hunde gehen jetzt raus aus der Küche, solange ich Essen mache«, sagte er. »Amy, kannst du dich darum kümmern?«
Warum soll ich mich darum kümmern? Ich bin nicht diejenige, die auf dem Küchenboden rumkrabbelt und die Hunde verrückt macht!
Das wollte ich sagen, aber natürlich sagte ich es nicht, sondern holte das Buch Hanni und Nanni sind immer dagegen aus meinem Rucksack, führte Angelina an ihrer unsichtbaren Leine in den Flur und rief Mogli und Balu zu mir in das Zimmer, das ich mir mit Alexis teilte.
Alexis’ Kleider lagen über den ganzen Boden verteilt — sogar auf meiner Seite des Zimmers —, während sie sich an meinem Bettpfosten festhielt und in ihrem rosa Tutu Ballettübungen machte. Alexis war die mittlere von uns drei Schwestern. Ihre Hautfarbe war eine hübsche Mischung aus Moms hellem und Dads dunklem Braun. Ihre Haare waren kurz und geglättet und mit rosafarbenen Strähnen durchzogen. Aus ihrem CD-Player dröhnte irgendein Popsong.
Ich trat ihre Kleider mit dem Fuß über die unsichtbare Linie, die unsere beiden Zimmerseiten voneinander trennte. »Benutz dein eigenes Bett!«, sagte ich ihr zum tausendsten Mal.
»Geht nicht!«, erwiderte sie ebenfalls zum tausendsten Mal. »Dein Bettpfosten hat genau die gleiche Höhe wie die Ballettstange!«
»Pech für dich«, gab ich zurück, doch sie ließ nicht los. Ich schlug auf die Auswurftaste ihres CD-Players, schnappte mir die CD und sprang auf mein Bett.
Alexis kletterte hinter mir her und reckte sich nach der CD. »Mom! Mom! Amy hat mir schon wieder meine Musik weggenommen!«, schrie sie.
»Das hier ist auch mein Zimmer, und ich will lesen!«, stellte ich klar.
»Amy Anne!«, rief Mom. »Gib deiner Schwester ihre CD wieder!«
Warum? Das Zimmer gehört auch zur Hälfte mir, wollte ich sagen. Ich will nicht Taylor Swift hören, während ich lese! Doch ich wusste, das würde nichts nützen. Alexis durfte Ballett üben, wann immer sie wollte. Ich warf die CD wie eine Frisbeescheibe auf ihr Bett, und Alexis sprang hinterher.
Ich rief die Hunde, und sie tappten hinter mir her, als ich wütend in den Flur hinausstapfte.
Mom hatte sich umgezogen und war gerade auf dem Weg in die Küche, da klingelte ihr Handy.
»Geh nicht dran!«, rief Dad.
Mom nahm das Telefon aus der Tasche und schaute auf das Display. »Es ist das Büro.«
»Dann geh auf gar keinen Fall dran!«, sagte Dad.
Mom ging dran. »Hallo? Ja? Das ist doch nicht Ihr Ernst! Die ganze Präsentation neu machen? Wirklich? Bis morgen Abend? Aber sie ist erst fällig am —. Nein, ich bin schon zu Hause. Meine Familie und ich wollen gleich zu Abend essen und —«, sie hielt ihre Hand über das Mikrofon und rief meinem Dad zu: »Jamal, kannst du bitte die Musik leiser drehen?«
»Ich hab dir gesagt, du sollst nicht drangehen!«, antwortete Dad und drehte die verrückte Opernsängerin nicht leiser.
Mogli und Balu versuchten, in die Küche zu laufen, um sich dort etwas zu essen zu stibitzen. Also zerrte ich sie hinter mir her ins Wohnzimmer. Doch auch hier konnte ich mich nicht verkriechen. Angelina hatte sich aus den Sofakissen einen Stall gebaut und mithilfe von Moms Reißwolf Papier in Streifen geschnitten, das sie als Heu benutzte. Diesmal hatte sie sogar etwas gefunden, womit sie sich einen Zaun bauen konnte.
»Meine Bücher!«, schrie ich auf. Die wenigen Bücher, die ich besaß, standen alle aneinandergelehnt in einem Halbkreis um ihren Stall herum, sodass sich die Buchrücken verbogen. Als ich anfing, sie wieder einzusammeln, begann Angelina zu quengeln.
»Nein! Nein! Die brauch ich! Ich brauch die!« Sie versuchte, mir die Bücher aus der Hand zu reißen. »Du benutzt sie doch gar nicht!«
»Tja, und du benutzt dein Zimmer nicht«, gab ich zurück. »Wie wäre es, wenn ich einfach in dein Zimmer gehe, um zu lesen?«
Alexis und ich teilten uns ein Zimmer, weil Mom und Dad vor fünf Jahren beschlossen hatten, dass es bei uns noch nicht verrückt genug zuging und sie noch ein weiteres Kind brauchten. Da Angelina das Baby war und andere Schlafenszeiten hatte, bekam sie ein eigenes Zimmer. Ich würde mich freuen, jeden Tag um acht ins Bett zu gehen und zu lesen, wenn ich dafür mein eigenes Zimmer hätte. Doch mir war klar, dass sich Alexis und Angelina auf keinen Fall ein Zimmer teilen würden.
Mit meinen Händen voller Bücher marschierte ich zu Angelinas Zimmer.
»Nein! Nein! Das ist mein Zimmer! Du darfst da nicht rein!«, protestierte sie.
Mom steckte ihren Kopf durch die Tür. »Mädchen, bitte! Ich telefoniere mit dem Büro.«
Angelina umklammerte mein Bein. »Amy hat mir meinen Zaun weggenommen, und jetzt geht sie in mein Zimmer!«
»Amy Anne, benimm dich bitte deinem Alter entsprechend«, schimpfte Mom.
»Aber —«
Mom warf mir einen warnenden Blick zu. »Bring das hier in Ordnung!«, befahl sie und konzentrierte sich dann wieder auf ihr...




